4.48 Psychose

Als die Dramatikerin Sarah Kane sich erhängte, stand Jule Böwe in ihrem Stück "Blasted" auf der Bühne und sprach Sätze wie "Man darf sich nicht umbringen". Ein Satz, der weniger überzeugt als vielmehr besorgt klingt. Am Ende hat wohl auch alle Autosuggestion der jungen, erfolgreichen Autorin keine Kraft mehr geben können.

Geschrieben hatte der schnell verglühte Shootingstar der neuen englischen Dramatik das Stück bereits einige Jahre vor seinem Selbstmord. "Aber natürlich bekommen solche Sätze in einer solchen Situation eine neue wahre Bedeutung", sagt Jule Böwe. Sie sitzt im Café der Schaubühne, trinkt grünen Tee und ist nicht schlecht gelaunt, aber in sich gekehrt. Die Gründe: Das Herbstwetter, die intensive Probenarbeit und auch das neue Stück. Denn die Schauspielerin spielt in Sarah Kanes "4.48 Psychose" in der Schaubühne. Im Februar 1999, fünf Tage vor ihrem Selbstmord im Alter von nur 28 Jahren, hat sie das Stück bei ihrer Agentin abgeliefert. Im selben Jahr wurde das Stück am Royal Court Theater uraufgeführt.

Im Text findet man Sätze wie "Um 4 Uhr 48, wenn die Verzweiflung über mich kommt, werde ich mich aufhängen". Ohne Punkt und Komma sprechen und spucken Menschen am äußersten Rand über und auf ihr Leben. "4.48 Psychose" ist eine rhythmische Sinfonie über die Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, der man ausgesetzt ist, wenn man sich dem Alltag entzieht. Vier Menschen gestehen ihre Schwächen, Ängste und Fehler, ohne sich dabei wirklich miteinander auseinander zu setzen. Nur selten kommt es zum Dialog. Das Ergebnis: ein Mosaik tief verletzter Seelen aus Gesprächsfetzen, Zahlenreihen und Wiederholungen. Das Stück beschreibt sehr klar den Verlauf einer zyklischen Depression, die über psychotische Zustände und Wahnvorstellungen bis hin zum Vollzug des Selbstmordes von der Autorin aufgezeichnet wurde. Es ist eine Art poetisches Protokoll einer Krankheit zum Tode aus der Sicht eines Patienten. "Es stellt insofern eine Rarität dar, denn hier hat ein sehr intelligenter, sehr sprachgewandter Mensch über Emotionen und Gedanken geschrieben, die ihn in großer Klarheit den Entschluss fassen lassen, sich umzubringen", erläutert Regisseur Falk Richter seine Faszination für das Stück.

Es gibt keine festen Rollen, Richter hat sich entschieden, die Koproduktion vom Schauspielhaus Zürich und der Schaubühne Berlin mit vier Schauspielern zu besetzen: Sylvana Krappatsch und Bibiana Beglau aus der Schweiz und Jule Böwe sowie Kay Bartholomäus Schulze aus Deutschland. Die vier teilen sich den Text auf, wie der Regisseur es sich denkt, denn feste Rollen gibt es nicht. Und so wenig wie das Stück den Theaterkonventionen entspricht, so wenig es festgelegt ist, so frei ist die Inszenierung. Ein stetig fortschreitender Prozess, über den Jule Böwe viel sagen kann, es aber zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht möchte. Das Stück spiele in einem "assoziativen Raum", das Bühnenbild ist abstrakt, gibt keinen Ort, sondern die düstere Atmosphäre des Textes wieder.

Kanes Sprache ist kraftvoll - das ist auch bitter nötig. "Als Schauspieler kann man sich nicht an szenischen Anweisungen festhalten wie sonst, der einzige Halt ist die Sprache", sagt Jule Böwe. Doch die Sprache ist es auch, die fesselt. Regisseur Richter las das Stück und fragte sofort beim Verlag an, ob er es inszenieren könne. Schnell gewann er die Schaubühne und das Schauspielhaus für das Projekt.

"Es ist nicht möglich, dabei nicht an ihren Tod zu denken", gesteht Richter ein. Er hat die Autorin vor einigen Jahren getroffen. "Ich bin ihr nur einmal kurz begegnet in Hamburg, ihr deutscher Lektor stellte uns vor. Ich fand sie unglaublich nett und charmant. Überhaupt nicht das kaputte Monster." Umso erschütternder traf ihn die Feststellung nach der Lektüre des Stücks: "Es ist fast nicht vorstellbar, wie ein Mensch, der diesen Text geschrieben hat, wenn er ihn wirklich empfunden hat, hätte weiterleben können."
 

- Das Bühnenstück "Nacht, Mutter" von Masha Norman
- Igor Bauersimas "norway.today"
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