Die Geschichte des Freien
Radios
Teil 1
DIE SITUATION IM WESTEN DEUTSCHLANDS
Teil 2
„FREIE RADIOS“ IN WESTEUROPA
Teil 3
SENDEANLAGEN SICHERGESTELLT
Teil 4
„FREIE RADIOS“ – BÜRGER-RADIO?
Teil 5
GENOSSENSCHAFTS-RADIOS?
Teil 6
GEGEN ÄTHERPIRATEN
NACHBETRACHTUNG
Teil 1
DIE SITUATION IM WESTEN DEUTSCHLANDS
Bevor überhaupt von privatem Rundfunk gerade in
Deutschland die Rede war, tummelten sich viele
Ätherpiraten in den verschiedenen Radiobändern.
Was wollten diese eigentlich ursprünglich?
Zum ersten wollten die ersten Radiosender den
Standpunkt von Minderheitsgruppen verdeutlichen.
Zum zweiten wollte man Kritik an den bestehenden
politischen und sozialen Verhältnissen und an den
dafür verantwortlichen Personen üben.
Zum dritten gab es bestehende Initiativgruppen,
wie Frauen- oder Jugendgruppen, die über das
Radio ihre Ziele schneller erreichen wollten, so
etwa für die Schaffung von Frauenhäusern und
Jugendzentren waren.
Zum vierten verstand man sich als Forum für soziale
und politische Gruppierungen, die in anderen Medien,
die sich bisher etabliert hatten, nur wenig Chancen
zur Veröffentlichung ihrer Standpunkte sahen.
Zu den alternativen Programmmachern gehörten meist
politisch alternative Jugendliche, die ganz allgemein
mit den bestehenden politischen Verhältnissen, mit der
Art und Weise, wie in Bund, Ländern und Kommunen
Politik gemacht wurde, unzufrieden waren.
Oft treffen wir bei all diesen Konflikten in der Konsequenz
auf "Radios von unten", die in diesen Fällen Hochkonjunktur
hatten. Bestehen diese Konflikte aber nicht mehr, dann reißt
die Verbindung zwischen Programmproduzenten und den Hörern
vielfach wieder ab. So dient das ausgestrahlte Hörfunkprogramm
vorrangig einer relativ kleinen Gruppe, zumeist jugendlicher
Zuhörer, zur Information über all das, was sich "in der Szene"
so tut.
Beispiele für deutsche Radiopiraten:
- Radio Zebra, von Bremer "Informationspartisanen" gegründet,
- Radio Fledermaus, von Münsteraner Rundfunkpiraten betrieben.
Teil 2
FREIE RADIOS IN WESTEUROPA
In anderen westeuropäischen Ländern gewannen "Freie Radios"
an Bedeutung. Diese wurden für einen größeren Zuhörerkreis
gemacht und verfügten über mehr unterhaltende Programman-
teile. Die Sender wollten ihre Hörer mit dem alltäglichen
kommunalen und lokalpolitischen Geschehen vertraut
machen. Die politische Intention, ein Sprachrohr für alle
benachteiligten Gruppen zu sein, blieb zwar erhalten, aber
das Programmangebot und die Sendeformen sollten das
Interesse verschiedener Bevölkerungsgruppen finden.
Wurden in Belgien bis 1979 noch die "Freien Radios" massiv
verfolgt und hohe Geldbussen verhängt, so ließen in den
folgenden Jahren die Aktivitäten der Strafverfolgungs-
behörden nach. So existierten Anfang der Achtziger Jahre
rund 130 Sender allein in Belgien. Davon strahlten rund
ein Viertel der Sender ihre Programme nur in Brüssel und
näherer Umgebung aus. Neben eigenen Lokalprogrammen
boten viele Sender ein ihrer Zielgruppe entsprechendes
Musikprogramm, vor allem Pop-Musik, an.
In Frankreich war die Entwicklung ähnlich. Trotz Verfolgung
und Sanktionen strahlten rund 100 Sender, zum Teil mit einer
recht beachtlichen Mitarbeiterzahl, täglich oder mehrmals
in der Woche Programme aus.
Die Wahl Mitterands zum Staatspräsidenten blieb für das
französische Mediensystem nicht ohne Folgen. Denn die
Sozialisten hatten sich bereits schon seit Jahren für
die Einrichtung lokaler Sender eingesetzt.
In Belgien und Frankreich, aber auch in Österreich und
in der Schweiz ("Radio 24" als Opo-Sender), wurden immer
wieder mehr Bedenken gegen eine mögliche Legalisierung
der bestehenden "Freien Radios" vorgebracht. Man fürchtete
hier "italienische Zustände", die eine totale Kommerzialisierung
im Hörfunkbereich begünstigten. Denn die Zulassung privater
Hörfunksender in Italien hatte zur Folge, dass die Zahl der sich
aus Werbeeinnahmen finanzierenden Sender ständig anstieg,
und mittlerweile hatten sich, sehr zum Nachteil der kleinen
Lokalstationen, große Senderketten und -kartelle heraus-
gebildet.
Teil 3
SENDERANLAGEN SICHERGESTELLT
Die Zahl der Piratensender im Westen Deutschlands
lässt sich für das Jahr 1981 nur schätzen. Einen
Anhaltspunkt bietet die postamtliche Statistik.
1980 wurden immerhin 536 Sender ermittelt und
schließlich wurden 627 Sendeanlagen von Post-
Fahndern und der Polizei sichergestellt. Gab
es zunächst eine Konzentration von Radiopiraten
in Großstädten und Ballungsgebieten, so nimmt
nun die Anzahl der Sendeanlagen, die vorwiegend
in ländlichen Gebieten betrieben werden, langsam
zu.
Die Aktivitäten einiger dieser Sender führten zu
heftigen öffentlichen Reaktionen. So sendete 1980
der Hamburger Piratensender "Radio Klabauterman"
unter anderem aufgezeichnete Funksprüche des Ver-
fassungsschutzes und der Polizei aus. Und "Radio
Regenbogen" in Hannover griff durch gezielte
Funkaktionen in ein Bundeswehrmanöver ein.
Am bekanntesten sind zweifellos die Aktivitäten
von "Radio Freies Wendland", das bei der Räumung
des schon legendär gewordenen Tiefbohrplatzes
1004 in Gorleben über den Polizeieinsatz bis zum
Ende der Aktion berichtete.
Doch sind nicht alle "Freien Radios" so eng mit
direkten Aktionen einzelner Gruppen verzahnt
und nicht alle Programmmacher verstehen sich
als "Motoren politischer Auseinandersetzungen".
"Radio Wahnsinn" (Köln) zum Beispiel bemüht
sich darum, ein jugendliches Programm durch
engagierte Wort- und Musikprogramme zu gewinnen.
Als "Premierenprogramm" übertrug der Sender im
April 1981 live ein Solidaritätskonzert zugunsten
des vom WDR entlassenen "Radiothek"-Redakteurs
Lux.
Trotz aller lokalen Unterschiede und voneinander
abweichenden Zielsetzungen haben die "Freien
Radios" auch Gemeinsamkeiten. So unterstellte
man sich den Vorschriften des Strafgesetzbuches.
So wären Aufrufe zu Demonstrationen in Brokdorf
oder zum Hungerstreik von Gefangenen undenkbar
gewesen. Außerdem gewinnt das Einwegradio immer
mehr Raum, d. h. das Programm wird nicht nur den
Hörern zur Verfügung gestellt, sondern der Hörer
selbst kann einige Sendungen selbst machen.
Denn über das Radio soll eine Kommunikation
möglich sein. Dabei kommen die Betroffenen
selbst zu Wort Es gibt keine Zensur, keine
Schere im Kopf ("taz" vom 18. 03. 1981).
Die Verstöße gegen geltendes Recht, zum Beispiel
durch den Aufruf zur Teilnahme an verbotenen
Demonstrationen oder zur Gewaltanwendung,
kommen zwar vor, sind aber nicht typisch für
die im Westen Deutschlands arbeitenden
Hörfunkpiraten. Im Gegenteil trug "Radio
Freies Wendland" anlässlich der Räumung
der Bohrstelle 1004 in Gorleben durch die
Polizei infolge dauernder Bitten um Be-
sonnenheit dazu bei, dass Emotionen
abgebaut wurden.
Teil 4
„FREIE RADIOS“ – BÜRGER-RADIO?
Einige Initiatoren und Betreiber der „Freien Radios“
fordern, dass das Radio zum offenen, jedem zur
Verfügung stehenden Kommunikationsapparat
wird. Zugleich verweisen die Gruppen jedoch
darauf, dass etablierte Organisationen all jene,
die man zu den „Herrschenden“ zählt, sich nicht
diesen Mitteln bedienen dürfen. Dabei sind die
Grenzen sehr eng gezogen. Der Hauptgrund
für diesen Standpunkt liegt in dem Bestreben,
sich aus der Grauzone der Illegalität zu befreien.
Die Forderung nach einem freien Zugang zum
Sender für jeden, der etwas senden will, wurde
zum Beispiel in Münster von den Leuten um
„Radio Fledermaus“ vertreten, da sie auf den
Radiowellen schwingen wollten.
Ein Problem war auch die Motivation von Hörern
zur Mitarbeit. So wollte „Radio Dreyeckland“ am
Anfang ein Radio für und mit den Leuten machen.
Doch waren die Leute es nicht gewohnt, ihre Meinung
so einfach darzulegen. So dachte man daran, Verbände
und Vereine an den Sendungen zu beteiligen. Doch hat
dies eine viel zu lange „Einarbeitungszeit“ benötigt, als
man ursprünglich gedacht hatte (Stuttgarter Zeitung
vom 25. 04. 1981).
Auch gab es eine zweite, wohl wesentlichere Ursache,
warum die Arbeit mit dem und für den Bürger bisher
nicht verwirklicht werden konnte. Denn „Freie Radios“
sind selbst innerhalb engagierter politischer Gruppen
wie Bürgerinitiativen auf wenig Verständnis gestoßen.
Dies äußerte sich im deutlich hervortretenden Zynismus
in vielen Beiträgen, in den wortreichen Kraftmeiereien
und in dem propagandistischem Sprachstil, der vielfach
abschreckte. Diese Situation trug keineswegs zu einem
besseren Verständnis und zum Austausch selbst inner-
halb der politisch aktiven Gruppen bei.
Der Einsatz von „Volkskorrespondenten“ und anderen
örtlichen Mitarbeitern ist von den meisten Radios zwar
angestrebt, aber bislang nur selten gelungen. So ist der
Eindruck entstanden, dass sie „im eigenen Saft schmorten“
und ihre Sender zur extrinsischen Selbstdarstellung nutzten,
immer verbunden in der Hoffnung, dadurch könne man den
einen oder anderen Interessenten dennoch für eine Mitarbeit
gewinnen.
So war dieses Problem der Mitarbeit bei dem Hintergrund
der Illegalität nicht zu lösen. Allein die Trennung zwischen
denen, die für die Produktion von Beiträgen zuständiger
„Freundeskreise“ verantwortlich waren, und der kleineren
Gruppe, die „konspirativ“ arbeitete, die sich auch um den
Sendebetrieb kümmerte, ist verantwortlich für die vielfach
mangelnde Kommunikation in vielen Gruppen selbst.
Die Produktion von Beiträgen und die Pressehinweise
auf die Ausstrahlungstermine sind nicht strafbar, aber
die illegale Inbetriebnahme eines Senders ist es aller-
dings. Aus Angst davor, als „Rundfunkpirat“ erkannt
und angezeigt zu werden, wird man dazu übergehen,
eine strikte Trennung zwischen den Bereichen der
Produktion und Ausstrahlung von Programmen vor-
zunehmen.
Heraus aus der Illegalität - das war das ganz große Ziel vieler
„Freier Radios“ im Westen Deutschlands. Zur Unterstützung
dieser Forderung argumentierten sie oft mit der technischen
und finanziellen Machbarkeit.
So wurden in der Praxis angestrebt:
- Kleine Sendeanlagen, die man leicht in Eigenbau erstellen
konnte und preiswert zu haben waren (4-Watt-Sender).
- Ungenutzte Frequenzen. Diese seien oberhalb 100 MHz im
UKW-Band vorhanden.
- Der Einsatz von Kassettenrecordern für die Programmproduktion.
Diese reichten aus und seien in den meisten Haushalten auch
vorhanden. Sie könnten dort von jedem bedient werden. So
gäbe es keine hohen Kosten für die Produktion.
Teil 5
GENOSSENSCHAFTS-RADIOS?
Zu den wohl frühen Propagandisten eines „Alternativrundfunks“
gehört Anton Bubenik, der schon früh bereits sehr detaillierte
Pläne für die Organisation kleiner, lokalorientierter Hörfunk-
stationen vorgelegt hat. Dieser plädierte ausschließlich für
genossenschaftlich organisierte Privatsender, die im besten
Sinne pluralistische Lokalsender sein sollten. Die Anzahl sei
nach den technischen Gegebenheiten zu begrenzen. Dies
ergebe sich aus deren Reichweite. Sie sollten mit „armer“
Technik arbeiten, die zwar billig aber dennoch gut sei. So
sei vorab eine bestimmte Anzahl von selbstverwalteten
Pilotprojekten nötig.
Für Anton Bubenik kam es vor allem darauf an, bestehende
technische Möglichkeiten für möglichst viele Interessenten
nutzbar zu machen. Er stellte daher Überlegungen zur
Programmgestaltung im Gegensatz zu einer Vielzahl
von Hörfunkpiraten an:
So sollte das tägliche Sendeangebot zu einem Viertel aus
festen Sparten (Informationen über kommunale Planungen,
lokale und regionale Nachrichten, Beiträge von Bürger-
initiativen u. a. m.) bestehen. Die restliche Sendezeit
sollte sich zu je einem Viertel verteilen auf:
- „gemeinnützige Informationen“ (z. B. Verbraucherberatung,
Selbsthilfe),
- „freie Produktionen“ (u. a. Zielgruppensendungen, Diskussionen,
Formen von speakers corner),
- die redaktionelle Darstellung von politischen und ökonomischen
Zusammenhängen (z. B. Erläuterungen der Auswirkungen bundes-
politischer Maßnahmen auf die Gemeinde oder Stadt).
Dabei betont Bubenik die positiven Erfahrungen in einigen europäischen
Ländern mit lokalen Hörfunkangeboten, die sofort auf großes Interesse
der Bürger stoßen würden. Sein Modell für einen „alternativen Lokal-
hörfunk“ war zwischen den beiden der in der Medienpolitik gängigen
Polen öffentlich-rechtlicher und privatwirtschaftlicher Organisations-
form angesiedelt. Andererseits lehnte er den aus der Spontaneität
geborenen Privatfunk, wie er von vielen „Freien Radios“ im Westen
Deutschlands betrieben wurde, ab.
Teil 6
GEGEN ÄTHERPIRATEN
„Ätherpiraten“, die in ihrer Illegalität verharren wollen, um
sich immer wieder lautstark und radikal zu Wort zu melden
und daher kein Interesse an einer kontinuierlichen Bericht-
erstattung zeigen, können wohl den Wünschen nach mehr
lokalen Informationen, nach vermehrten Hinweisen und
Tipps zur alltäglichen Lebensbewältigung kaum gerecht
werden. So muss vielmehr das Schließen der vorhandenen
Informations- und Kommunikationslücken, insbesondere
überall dort, wo nur noch eine lokale Tageszeitung zur
Verfügung steht, in den Mittelpunkt medienpolitischer
Überlegungen gerückt werden.
Die „Rundfunkpiraten“ sollten sich immer der Gefahr bewusst
sein, dass ihre Existenz der Ausgangspunkt von Forderungen
nach der Einführung lokaler und kommerziell ausgerichteter
Sendeanstalten sein kann. Das italienische Beispiel zeigte,
wie durch die Aktivitäten der „Freien Radios“ einer Entwicklung
in Richtung Kommerzialisierung des Rundfunks auch Vorschub
geleistet wurde, was von ihnen natürlich nicht angestrebt war.
Diese Warnung ist somit nicht unbegründet. Denn die politische
Naivität in eben nicht wenigen Köpfen der „sendungsbewussten
Äther-Piraten“ („medium“) lässt sich an vielen Aussagen fest-
machen und schimmert durch manche Absichtserklärungen
durch.
Die öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunkanstalten im
Westen Deutschlands sollten in diesem Sinne ihrerseits die
Entwicklung der „Freien Radios“ hierzulande wie auch in
Westeuropa sehr aufmerksam verfolgen. So liefern die
kommunikationswissenschaftlichen Studien eine Reihe
von wichtigen Hinweisen auf die relativ ausgeprägten
lokalen Informations- und Kommunikationswünsche
sowie die zunehmende Bereitschaft der Bürger, auch
aktiv an der Gestaltung des eigenen Lebensraumes
mitzuwirken. Die schon damaligen Bemühungen zur
Dezentralisierung der Landesrundfunkanstalten sind
jedoch zu sehr an der Region und zu wenig an der
kleinräumigen „Nahwelt“ orientiert. Der Einstieg in
den lokalen Raum steht noch aus.
Quelle: „JOURNALIST“ Das Deutsche Medienmagazin
(Nr. 11/1981)
Autor: Otfried Jarren
NACHBETRACHTUNG
Obwohl obige Ausführungen schon über 25 Jahre
alt sind, haben sie heute dennoch keineswegs an
Aktualität verloren. Nachdem mit der Zeit viele
öffentlich-rechtliche Anstalten von der privaten
Konkurrenz einiges kopierten, ist das Niveau im
Laufe der Zeit nicht gerade besser geworden. Da
viele private Anbieter heute vielfach den früheren
Stand nicht mehr erreichen, werden diese in ihrer
Beliebtheit zunehmend von der früher oft mit
Worten angefeindeten öffentlich-rechtlichen
Konkurrenz überholt. Einige geäußerte Ansätze
sind wieder von der Bildfläche verschwunden.
„Freies Radio“ wird immer mehr als Wirtschafts-
betrieb verstanden, mit dem schließlich Gewinne
zu erwirtschaften sind, wo es um die Minimierung
der Kosten und um die Steigerung der Gewinne
letztendlich geht. Die Begeisterung beim Radio-
machen selbst und die damit verbundenen neuen
Ideen für eine Umsetzung in den ausgestrahlten
Programmen werden im wachsenden Maße leider
vermisst.
Josef Theobald