Rezension
Die im Europäischen Verlag im Jahr 2006 erschienene Arbeit von Ricarda Braumandl ist eine der wenigen Publikationen, die zum 50. Todesjahr Walter Giesekings erschienen sind. Umso erfreulicher ist es, in Frau Braumandls Arbeit eine breiter angelegte Untersuchung des Phänomens Leimer-Gieseking zu finden, als es der Titel erahnen ließe. Im gut recherchierten biographischen Teil geht die Autorin auf Giesekings Vergangenheit im Dritten Reich ein. Gieseking, obwohl nie Parteimitglied oder sonst wie befleckt von brauner Ideologie - deswegen auch bald nach dem Krieg rehabilitiert – haftet leider immer noch, durch böswillige oder unwissende Autoren kolportiert und durch in CD-Texten und Büchern immer wieder aufblitzenden Zitaten zombieartig am Leben gehalten, der Ruch des braunen Mitläufers an. Das die historischen Daten eine vollkommen andere Sprache sprechen, dass es Gieseking gar möglich war trotz aller Probleme in seiner Heimat zu bleiben, ohne sich jemals dem Nazi-Regime zu beugen, das ist in der vorliegenden Arbeit erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Schon allen deswegen ist Ricarda Braumandls Arbeit wärmstens zu empfehlen.
Im
Hauptteil wird das Phänomen Leimer-Gieseking in den
klavierpädagogisch-historischen
Kontext gestellt. Die Autorin beschäftigt sich eingehend mit der
in der
Leimer´schen Originalliteratur verwendeten Terminologie. Die
„Methode Leimer –
Gieseking“ - fragmentarisch und
inkohärent
– ist eigentlich keine Methode des Klavierspiels, sondern ein
Steinbruch aus
themenbezogenen Anweisungen und Techniken, für Pianisten
nützlich bis
augenöffnend, für Anfänger ungeeignet – und von
Klavierpädagogen kontrovers
diskutiert.
Die
Autorin führt den Leser – wesentlich umfangreicher und dichter,
als es der
Titel der Arbeit erahnen lässt – an das Phänomen Leimer –
Gieseking heran, an
eine Lehrer – Schüler – Beziehung, die im besten Sinne symbiotisch
war: Ein in
den Augen seiner Kollegen zweitrangiger Klavierpädagoge mit
Ambitionen und
einer in der Theorie revolutionären Methode -
und ein genialer Schüler, der vorwegnehmend sich als
perfektes
Endprodukt dieses Systems darstellt, ohne jedoch nachweislich in den
entscheidenden Bereichen aus Leimers Lehren den Lernerfolg erhalten
gehabt zu
haben, denn Gieseking war im Wesentlichen Autodidakt, begabt mit ganz
außergewöhnlichen Fähigkeiten und einem eidetischen
Gedächtnis. Somit stehe es,
so die Autorin sehr treffend, immer noch aus, die Methode Leimer –
Gieseking
als empirisch richtig beurteilen zu können.
Das
Kapitel über mentales Training schließt eine Lücke.
Reflexion bei Leimer und
Gieseking wurde des öfteren mehr oder minder vorwissenschaftlich
als mentales
Training bezeichnet. Die Autorin klärt unter Berücksichtigung
der kargen Fachliteratur
über dieses Thema den Sachverhalt.
Eine
breite Darstellung des meist stiefmütterlich behandelten Themas
Fingersatzgestaltung ist ein Höhepunkt in der vorliegenden Arbeit:
die
vergleichende Darstellung der Fingersätze zweier Ausgaben des
Moment musical
op. 94, 1 von Franz Schubert. Giesekings Ausgabe wird hier sehr
geschickt mit
der Ausgabe Paul Badura–Skodas verglichen, der ja wie Gieseking auch
zugleich
Pianist von Weltruf und Lehrer ist. Der vergleichende Blick in
Giesekings
Fingersatzgestaltung - ganz im Dienste
der Agogik und Klangmagie – ist faszinierend und sollte Ausgangspunkt
für
weitere Untersuchungen werden.
Insgesamt
ein profundes, auch in Einzelheiten überzeugendes Werk, das man
getrost als
Meilenstein in der Gieseking–Literatur bezeichnen kann.
Reinhard
W.Krause
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