Seine Debussy- und Mozart-Gesamteinspielungen sind auch heute noch ein „Muß" für jeden Klavierfreund. Sein interessantes und an Widersprüchen reiches Leben ist nicht so schnell erzählt, wie dies Plattentexte scheinen lassen. Schon die Geburt stand unter einem besonderen Stern. Sie folgte einer pränatal miterlebten Lohengrin-Aufführung, und dies in Lyon. Zwar waren seine Eltern Deutsche, doch Walter war nicht nur als Franzose geboren worden, sondern wuchs auch in Südfrankreich und Italien auf. Die Umstände seiner Geburt und die Jugendzeit in „Feindesland" machten sich später, als er im ersten Weltkrieg für Deutschland ins Feld ziehen sollte, durchaus positiv bemerkbar. Er wurde nicht an die Westfront, sondern nach Borkum geschickt; dort erwarteten ihn nicht Schützengräben sondern der musikalische Dienst bei Tanztees im Militärkasino. So ganz ohne Folgen schien diese erzwungene Enthaltsamkeit von der Musik der Klassiker und Romantiker nicht geblieben sein, später -als weltberühmter Pianist- veröffentlichte er immerhin noch ein paar Foxtrotts, unter Pseudonym natürlich.
Die bei Lebensläufen als unverzichtbarer Generalbaß mit schöner Regelmäßigkeit auftretenden Eintragungen über Schulbildung fehlen bei Gieseking. Er besuchte nie eine Schule, weder in Frankreich noch in Deutschland. Solchermaßen autodidaktisch vorbereitet hielt es ihn allerdings nicht davon ab, später eine Professur anzunehmen. Zuvor mußte er allerdings unter die Fittiche eines anderen Professors genommen werden - Gieseking wurde mit sechzehn Jahren in die Klasse des gestrengen Karl Leimer an der Musikhochschule Hannover aufgenommen. Weder Gieseking noch der Herr Professor Leimer störten sich daran, daß der neue Schüler sich nicht mit der üblichen Ochsentour des lehrerbehüteten Czernyetüdenspiels auf sein Musikstudium vorbereitet hatte. Giesekings autodidaktisch perfektionierte Technik gestattete ihm sogleich, unter den Augen des wohlwollenden Lehrers Konservatoriumskonzerte mit virtuosem Zuschnitt zu bestreiten, übrigens einschließlich aller Beethoven-Sonaten.
Man sollte nicht denken, Karl Leimer hätte da wohl beide Augen zugedrückt! Im Gegenteil, Leimer war als Pedant bekannt, sogar als unromantisch, nur auf genaue Artikulation bedacht. Gieseking wurde die Symbolfigur für das damals aufkeimende „Moderne Klavierspiel" - übrigens auch der Titel eines auch heute noch vielgelesenen Buches von Leimer und Gieseking - , er spielte unbeeinflußt von jeder Klaviertradition den musikalischen Urtext, und dies so schön und elegant, daß Kritiker ihn bald mit Rubinstein - gemeint ist Anton Rubinstein, der Klaviergott einer anderen Epoche - verglichen.
So ließ der Weltruhm nicht lange auf sich warten. Alle großen Konzertsäle öffneten sich ihm, die Carnegie Hall in New York sah ihn als Dauergast, große Tourneen folgten durch mehrere Kontinente. Er konzertierte mit Furtwängler, Karajan, Cantelli und den meisten anderen großen Dirigenten seiner Zeit.
Für kurze Zeit unterbrochen wurde dieser kometenhafte Aufstieg durch politische Gründe: Gieseking geriet unter Naziverdacht! Er war auch nach 1933 noch in Deutschland geblieben und deswegen in den Augen einiger Verblendeter deswegen ein Nazi. Daß daran kein einziges wahres Wort war , Gieseking sogar - anders als so mancher prominente deutsche Musiker - keine Kontakte zu Nazigrößen unterhalten hatte, das hinderte einflußreiche Kräfte in den USA nicht, sein erstes Nachkriegskonzert in der Carnegie Hall unmöglich zu machen. Gieseking mußte enttäuscht wieder nach Europa fahren.
Näher betrachtet könnte man Gieseking sogar als besonders mutig bezeichnen, denn er unterhielt bis zuletzt an seinem jüdischen Konzertagenten fest, unterstützte ihn finanziell, obwohl er durch die politischen Umstände im Dritten Reich bedingt gar nicht mehr für ihn arbeiten konnte.
Sein erstes Nachkriegskonzert in der Carnegie Hall kam einige Jahre später - unter Polizeischutz. Gieseking wurde mit stehenden Ovationen begrüßt - das Eis war gebrochen.
Bei Giesekings immens großem Repertoire -von Bach über Mozart, Beethoven bis zu Debussy, Ravel und vielen anderen Zeitgenossen spielte er fast alles- möchte man meinen, er habe Tag und Nacht damit zugebracht, am Klavier zu sitzen. Dies war aber nicht der Fall. Gieseking übte kaum, denn am liebsten beschäftigte er sich mit seinem Hobby, der Entomologie. Eine gewisse Unsterblichkeit gewann er auch damit: zwei Schmetterlingssubspezies sind nach ihm benannt. Als Pionier des mentalen Trainings studierte er neues Repertoire ausschließlich durch Lesen und Memorieren des Notentextes. Bahn- und Flugreisen konnte er so zur Repertoireerweiterung nutzen. Einmal gelernte Stücke vergaß er nie. Böse Zungen behaupteten zwar, er hätte mehr an seinem Instrument üben sollen, so wäre auch seine Trefferquote höher gewesen. Dieser Vorwurf verfliegt aber beim Anhören der Tondokumente. Kleinere Ungenauigkeiten lassen sich bei einigen Konzertmitschnitten und Gelegenheitsaufnahmen sicherlich feststellen. Grobe Schlagfehler, wie sie bei Berühmtheiten wie Alfred Cortot und Edwin Fischer vorkommen, hört man sehr selten, auch keine außernotentextlichen Zutaten. Wenn Gieseking sich nach einer anstrengenden Meisterklasse in Saarbrücken abends im Kreise seiner Schüler noch an den Flügel setzte um live für den Rundfunk Aufnahmen zu machen - wer würde ihm ein paar kleine Ungenauigkeiten verübeln, zumal Gieseking bei immenser Frische des Ausdrucks doch recht risikoreich spielte?
Heute können wir uns glücklich schätzen, so viele Gieseking-Tondokumente greifbar zu haben. Bach spielte er frei von romantisierenden Zutaten, Oktavverdoppelungen und Pedal. Seine Bevorzugung des Klaviers vor dem Cembalo erfolgte bewußt und mit dem Wissen, daß Bach viele seiner Werke nicht ausschließlich einem bestimmten Instrument gewidmet hatte. Glenn Gould wurde später mit seinen Bachinterpretationen auf dem Flügel berühmt, anders als Gieseking kam er aber nicht ohne Exzentrizitäten aus.
Giesekings Mozartspiel -das Solowerk liegt komplett auf Tonträgern vor- zeichnet sich durch pedalnebellose klassische Klarheit aus; eine zeitlos moderne Interpretation ohne Schnörkel und falsch verstandene Mozartseligkeit.
Beethoven nahm er beim Wort. Vielleicht kann man so Giesekings Zugang zum Klavierwerk des Bonner Meisters bezeichnen. Beethoven klingt bei Gieseking nie gipsbüstenhaft deutsch-pompös, nie motorisch gerasselt, nie intellektuell analysiert und anschließend wieder synthetisiert. Gieseking spielt notengetreu -altgewohnte Spielpraxis weicht der Diktatur des Notentextes - , er spielt schön, er spielt klar. Ein moderner Beethoven für Kenner, aber nicht für jeden Geschmack.
Die sogenannten Impressionisten Debussy und Ravel verdanken Gieseking die internationale Verbreitung. Die Tondokumente der Gesamtaufnahmen der beiden Klavierwerke zeichnen sich durch eine unerreichte Klangfarbenpalette aus. Weder der verschleiernde Pedalklangnebel, noch das ebenso unpassende perlierende Spiel so manch anderer Pianisten begegnet uns hier; Debussys Musik atmet, wird klar artikuliert und wird mit unendlich feiner Palette gemalt.
Gieseking, sowohl musikalisch wie körperlich
ein
Riese, starb auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und im Vollbesitz
seiner
technischen und gestalterischen Fähigkeiten sozusagen „bei der
Arbeit".
Bei der Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sonaten brach er zusammen und
starb
am 26. Oktober 1956 in London.
Besonders empfohlene Aufnahmen:
| Claude Debussy Gesamtwerk für Klavier (zweihändig) |
EMI 7243 5 65855 2 2 4 CD |
Absolute
Referenzaufnahme! Perfekte Klangmagie |
| Mendelssohn/Grieg Lieder ohne Worte/Lyrische Stücke |
EMI 7243 5 66775 2 4 2 CD |
Gieseking macht aus diesen einfachen Stücken durch sein farbiges Spiel kleine Kabinettstückchen von unverwechselbarer Feinheit |
| W.A.Mozart Gesamtwerk für Klavier (Solo) |
EMI CHS 7 63688 2 8 CD |
Ein Glücksfall für Mozartfreunde!Gieseking gelingt ein schlackenloser Mozart ohne Pedal - zeitlos modern. |
| W.A.Mozart Klavierkonzerte KV 466, 488, 491, 503, Quintett KV 452 Dir.: H.Rosbaud/H.v.Karajan |
EMI CHS 7 63709 2 2 CD |
Sprechendes Mozartspiel zwischen Witz und Ernst |
| Sergei Rachmaninow Klavierkonzerte Nr. 2 & 3 Dir.: Willem Mengelberg |
Music & Arts CD-250 1 CD |
Rachmaninow einmal anders! Bestens aufgelegter Gieseking fegt mit aberwitziger Geschwindigkeit und ungewohnter Phrasierung über die Tasten. Die (lange) Kadenz im ersten Satz des 3. Klavierkonzerts gerät zur ekstatischen Prestissimo-Orgie |
| Maurice Ravel Gesamtwerk für Klavier (Solo) |
EMI 5 74793 2 2 CD |
Nobler bis stürmischer Ravel. Endlich hat EMI nach Jahrzehnten des Schweigens diese wunderbare und einzigartige Gesamtaufnahme des Klavierwerks wieder herausgebracht. Wie bei Debussy besticht Gieseking durch seine impressionistische Farbkunst. Leider ist die Aufnahme trotz neuester Remaster-Technik wenig präsent. Das schmälert nicht den Wert der Aufnahme, die zu den besten Gesamtaufnahmen aller Zeiten gehört. |
Literatur:
Gieseking, Walter: So wurde ich Pianist, Wiesbaden 1963
Hauert / Gavoty: Walter Gieseking, Genf 1954
Leimer / Gieseking: Modernes Klavierspiel, Mainz 1931
Leimer / Gieseking: Rhythmik,
Dynamik, Pedal, Mainz 1938
Braumandl, Ricarda: Karl Leimer und Walter
Gieseking als Klavierpädagogen, Frankfurt 2006
Kontakt: Reinhard
W.Krause
gieseking-seite@goldmail.de
Letzte Änderung: 27.7.2006
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