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Diese Laute: trotz der Benommenheit.
Aber manchmal wurden die Laute schwächer
- wie die Schmer-
zen -, zurück blieb nur die Benommenheit.
Er erinnerte sich an
Dunkelheit: Undurchdringliche Dunkelheit war
vor der Benom-
menheit gewesen. Bedeutete das, daß er
Fortschritte machte? Es
werde Licht (und sei es nur nebulös), und
das Licht war gut,
und so weiter, und so weiter? Hatten diese Laute
in der Dunkel-
heit existiert? Er kannte auf keine dieser Fragen
eine Antwort.
War es überhaupt sinnvoll, sie zu stellen?
Auch darauf wußte er
die Antwort nicht.
Die Schmerzen waren irgendwo unter den Lauten.
Die
Schmerzen waren östlich der Sonne und südlich
von seinen Oh-
ren. Mehr wußte er nicht.
Eine gewisse Zeitspanne, die sehr lang zu sein
schien (und es
daher auch war, da die Schmerzen und die stürmische
Benom-
menheit alles waren, das existierte), waren diese
Laute die einzi-
ge externe Realität. Er hatte keine Ahnung,
wer er war und wo
er war, und es kümmerte ihn auch nicht.
Er wünschte sich, er
wäre tot, aber aufgrund der schmerzgetränkten
Benommenheit,
die seinen Verstand wie eine sommerliche Sturmwolke
erfüllte,
wußte er nicht, daß er es wünschte.
Im Laufe der Zeit stellte er fest, daß es
Zeitspannen des
Nichtschmerzes gab und daß diese zyklischer
Natur waren.
Und zum ersten Mal, seit er aus der völligen
Schwärze auf-
tauchte, welche der Benommenheit vorangegangen
war, hatte
er einen Gedanken, der unabhängig von seiner
wie auch immer
beschaffenen momentanen Situation existierte.
Dieser Gedanke
galt einem abgebrochenen Zaunpfahl, welcher am
Revere Beach
aus dem Sand herausragte. Seine Mutter und sein
Vater hatten
ihn, als er noch ein Kind war, häufig zum
Revere Beach mitge-
nommen, und er hatte stets darauf bestanden,
daß sie ihre
Decke an einer Stelle ausbreiteten, von wo er
diesen Pfahl im
Auge behalten konnte, der für ihn immer
wie ein einzelner her-
ausragender Fangzahn eines begrabenen Monsters
ausgesehen
hatte. Er saß gerne da und sah zu, wie
die Flut kam und den
Pfahl bedeckte. Stunden später dann, wenn
Sandwiches und
Kartoffelsalat gegessen waren und die letzten
Tropfen Flüssig-
keit aus Vaters großer Thermosflasche herausgekippt
worden
waren, kurz bevor Mutter sagte, es wäre
an der Zeit, zusam-
menzupacken und wieder heimzufahren, da zeigte
sich der ver-
rottete Pfahl erneut - anfangs nur eine winzige
Spitze zwischen
den Wellen, dann immer mehr. Wenn sie ihre Abfälle
in die
große Tonne mit der Aufschrift HALTET DEN
STRAND SAU-
BER geworfen hatten und Paulies Spielsachen zusammenge-
sucht waren
(das ist mein Name Paulie ich bin Paulie und heute
abend wird
Mama Johnson's Baby-Öl auf meinen Sonnenbrand
reiben, dachte
er im Innern des Brummschädels, in dem er
jetzt hauste)
und sie die Decke zusammengelegt hatten, war der
Pfahl fast
vollständig wieder aufgetaucht, seine schwärzlichen,
schlamm-
glatten Seiten waren von schaumigen Gischtwölkchen
umge-
ben. Das liegt an den Gezeiten, hatte sein Vater
ihm zu erklären
versucht, aber er hatte immer gewußt, daß
es an dem Pfahl lag.
Die Gezeiten kamen und gingen, der Pfahl blieb.
Nur konnte
man ihn manchmal nicht sehen. Ohne den Pfahl
gab es keine
Gezeiten.
Seine Erinnerung kreiste, kreiste schwindelerregend
wie eine
schwerfällige Fliege. Er versuchte, nach
der Bedeutung zu grei-
fen, aber lange Zeit unterbrachen ihn die Laute.
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Manchmal hörten die Laute auf. Manchmal hörte
er auf.
Seine erste wirklich klare Erinnerung an dieses
Jetzt, an die-
ses Jetzt außerhalb der stürmischen
Benommenheit, war die an
das Aufhören, an die plötzliche Erkenntnis,
daß er keinen Atem
mehr schöpfen konnte, und das war recht
so, das war gut, das
war eigentlich wunderbar; er konnte eine bestimmte
Menge
Schmerzen ertragen, aber genug war genug, und
er war froh
darüber, aus dem Rennen zu sein.
Dann wurde ein Mund über seinen gestülpt,
ein Mund, der
ohne jeden Zweifel einer Frau gehörte, trotz
der harten, spei-
chellosen Lippen, und der Wind aus dem Mund dieser
Frau
blies in seinen eigenen Mund und blähte
die
Lungen auf, und
als die Lippen zurückgezogen wurden, da
roch er seine Wärte-
rin zum ersten Mal, roch sie mit dem Ausströmen
des Atems,
den sie in ihn gezwängt hatte wie ein Mann
ein Teil von sich in
eine unwillige Frau zwängen mochte, ein
scheußlicher Ge-
schmack, eine Mischung aus Vanilleplätzchen
und Schokola-
deneis und Hühnerklein und Erdnußbutterbrötchen.
Er hörte eine Stimme schreien: »Atmen
Sie, gottverdammt!
Atmen Sie, Paul!«
Die Lippen senkten sich wieder herab. Der Atem
blies wieder
seinen Hals hinunter. Blies hinunter wie der
Sogwind, der einer
schnellen Untergrundbahn folgt und Zeitungsblätter
und Süßig-
keitenpapier mit sich wirbelt, und die Lippen
wurden zurück-
gezogen, und er dachte:
Um Himmels willen, laß nichts davon durch
die Nase entwei-
' chen, aber er konnte nicht
anders, und oh, dieser Gestank, dieser
Gestank, dieser verdammte GESTANK.
»Atmen Sie, gottverdammt!« kreischte
die unsichtbare Stim-
me, und er dachte: Das werde ich, alles, aber
bitte mach das nicht
mehr, infiziere mich nicht mehr, aber bevor er
damit anfangen
konnte, drückte sie erneut die Lippen auf
seine, Lippen, die so
trocken waren wie Streifen gesalzenen Leders,
und sie verge-
waltigte ihn wieder mit ihrem Atem.
Als sie die Lippen diesesmal wegnahm, ließ
er den Atem
nicht entweichen, sondern stieß ihn hinaus
und schlang gierig
von sich aus Luft hinein. Stieß ihn aus.
Wartete darauf, daß sich
seine unsichtbare Brust wieder von sich aus hob,
wie sie es sein
ganzes Leben lang getan hatte, ohne sein Zutun.
Als sie es nicht
tat, reagierte er mit einem weiteren keuchenden
Einsaugen, und
dann schließlich atmete er wieder aus eigenem
Antrieb, und
zwar so schnell er konnte, um ihren Geruch und
Geschmack aus
sich herauszubekommen.
Normale Luft hatte noch niemals so köstlich
geschmeckt.
Er begann wieder in die Benommenheit zurückzusinken,
aber
bevor die trüber werdende Welt völlig
verschwunden war, hör-
te er die Stimme der Frau murmeln: »Puh!
Das war nahe dran!«
Nicht nahe genug, dachte er und schlief wieder
ein.
Er träumte von dem Pfahl, und zwar so wirklichkeitsgetreu,
daß er fast glaubte, er könnte die
Hand ausstrecken und mit der
Handfläche über die grünschwarze
rissige Oberfläche streichen.
Als er zu seinem vorherigen Zustand des Halbbewußtseins
zurückkehrte, gelang es ihm, die Verbindung
zwischen dem
Pfahl und seiner momentanen Situation herzustellen
- er schien
in seine Hand hinein zu schweben. Die Schmerzen
waren nicht
wie die Gezeiten. Das war die Lektion des Traumes,
der in
Wirklichkeit eine Erinnerung war. Die Schmerzen
schienen nur
zu kommen und zu gehen. Die Schmerzen waren wie
dieser
Pfahl, manchmal überspült und manchmal
sichtbar, aber stets
da. Wenn die Schmerzen ihn durch die dichte steingraue
Wolke
hindurch nicht peinigten, dann war er dafür
sehr dankbar, aber
er ließ sich nicht mehr zum Narren halten
- sie waren immer
noch da und warteten nur darauf zurückzukehren.
Und es war
nicht nur ein Pfahl, es waren deren zwei; die
Schmerzen waren
die Pfähle, und ein Teil von ihm wußte,
lange bevor dieses Wis-
sen seinem Verstand völlig zugänglich
war, daß es sich bei den
Pfählen um seine eigenen gebrochenen Beine
handelte.
Aber dennoch dauerte es noch eine lange Zeit,
bis es ihm
möglich war, die getrocknete Schicht Speichel
aufzubrechen, die
seine Lippen zusammenhielt, und zu krächzen:
»Wo bin ich?«
Eine Frage, die an die Frau gerichtet war, welche
mit einem
Buch in der Hand neben dem Bett saß. Der
Name des Mannes,
der das Buch geschrieben hatte, war Paul Sheldon.
Er identifi-
zierte ihn ohne Überraschung als seinen
eigenen.
»Sidewinder, Colorado«, sagte sie,
als es ihm schließlich mög-
lich war, die Frage zu artikulieren. »Mein
Name ist Annie Wil-
kes. Und ich bin ...«
»Ich weiß«, sagte er. »Sie
sind mein Fan Nummer eins.«
»Jawohl«, sagte sie lächelnd.
»Ganz genau das bin ich.« |