
BERLIN, 2. Januar2002
Laura Elena Harring
war zwölf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie ins Kino wollte. Unterwegs
gerieten die Harrings in eine Straßenschießerei, ein 45er Geschoss
traf Lauras Kopf. "Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort",
erzählt die Schauspielerin heute. "Ich hörte einen Schuss, fühlte
einen kleinen Schmerz und lag plötzlich am Boden, alles war voller
Blut. Glücklicherweise drang die Kugel nicht tief ein. Ich kam ins
Krankenhaus, mein Kopf wurde geschoren und die Kugel herausoperiert. Danach
kam mir das Leben immer wie ein Bonus vor. Wenn du dem Tod so nahe bist
und überlebst, beklagst du dich nicht mehr über Kleinigkeiten."
Privat hat Laura Harring seitdem glücklicherweise keine Erfahrungen
mehr mit Schießereien gemacht - beruflich schon.
In David Lynchs faszinierendem neuen Verwirrspiel "Mulholland Drive" spielt Harring eine Frau, die sich an nichts mehr erinnern kann; die Frau nennt sich später Rita. Zu Beginn des Films wird sie von ihrem Chauffeur mit einem Gewehr bedroht. Doch bevor er sie umbringen kann, kracht ein anderer Wagen in ihre Limousine. Sie flieht. Verwirrt und blutend schleppt sie sich auf Stöckelschuhen zu einem nahe gelegenen Apartment-Komplex. Eine verrückte Szene, so verrückt wie die Biografie der Laura Harring.
Der Scherz mit der Miss-Wahl
Die heute 35-jährige Schauspielerin, die sich mit ihren schulterlangen, haselnussbraunen Haaren, den herausfordernden dunklen Augen und vor allem mit ihrer etwas volleren Figur wohltuend von den meist streichholzdünnen Insekten Hollywoods abhebt, wurde als zweite von drei Schwestern in der mexikanischen Küstenstadt Los Mochis geboren. Sie besuchte ein Schweizer Internat, machte Sozialarbeit in Indien, zog als Rucksacktouristin durch die Welt - und einmal wurde sie acht Monate lang von einem verliebten Restaurantbesitzer auf den Philippinen festgehalten. Sie heiratete in den europäischen Adel ein und wurde Gräfin, zog nach Hamburg, ließ sich scheiden und tauchte bald in US-Fernsehserien auf.
Laura Harring heißt eigentlich Herring. Als sie ihre Karriere begann und sich bei der Schauspielergewerkschaft anmeldete, musste sie ihren Namen ändern, denn es gab bereits eine Laura Herring unter den Gewerkschaftsmitgliedern.
Harring kam zufällig zur Schauspielerei. Als sie nach einer Zeit des Herumreisens nach Texas zurückkehrte, musste sie feststellen, dass der Großteil des Familienvermögens, angelegt in mexikanischen Rinderfarmen, auf Grund einer radikalen Bodenreform weg war. Sie nahm einen Job in einer Boutique in El Paso an, bekam aber bald wieder Fernweh und wollte Freunde in Europa besuchen. Doch das Geld reichte nicht. Da erzählte man ihr, dass die Gewinnerin der "Miss El Paso"-Wahl eine Reise nach Europa gewinnen würde. Harring nahm an dem Wettbewerb teil. "Es war eigentlich ein Scherz", sagt sie heute, "jemand erzählte mir, dass ich zwei Tickets gewinnen könne. Meine Eltern hatten mir gerade mitgeteilt, dass sie mich nicht länger finanziell unterstützen könnten und ich sagte mir: Ich werde diese Wahl gewinnen. Aber es stellte sich heraus, dass es gar nicht stimmte. So gewann ich die ,Miss El Paso‘-Wahl für ein Ticket, das ich nie bekommen habe."
Mehr brachte ihr da schon der Titel "Miss USA" ein. "Er öffnete mir eine Menge Türen", gibt Harring zu. Ein Hollywood-Produzent sah die Schöne und engagierte sie für eine Hauptrolle als Partnerin von Raul Julia in dem Fernsehfilm "The Alamo - 13 Days of Glory". "Ich wollte nicht Schauspielerin werden", behauptet Harring, "ich wollte studieren." Trotzdem nahm sie die Schauspiel-Tipps von Raul Julia gern an. Nicht aber seine Einladung auf einen Drink. "Ich hatte einen Verlobten." Der hieß Graf Karl Edward von Bismarck und war ein Nachkomme von Otto von Bismarck. Das Paar heiratete, aber zwei Jahre später war die Ehe vorbei. "Er wollte, dass ich meine Karriere aufgebe, das konnte ich nicht tun. Er machte aus mir eine Gräfin, und: einmal Gräfin immer Gräfin. Trotzdem, ich benutze den Titel nicht." Ist beim Fernsehen auch nicht nötig, denn da blieb sie hängen.
Ihre bisher größte Rolle hatte Harring in der Nachmittags-Soap "Sunset Beach". Auch "Mulholland Drive", David Lynch düsteres Los-Angeles-Porträt, war zunächst als Pilotfilm für eine Fernsehserie konzipiert. "Jetzt kann alles passieren", sagt Laura Harring, "es wird ein neuer Anfang für mich sein." Und davon hatte sie ja schon viele. "Mein Leben", sagt sie, "war sehr wechselhaft." Keine Frage.