A I MDie Mitglieder des AIM reinigen sich von innen. Viele sind zu den
alten Religionen ihrer Stämme
zurückgekehrt, fort von den wirren Ideen einer Gesellschaft,
die sie zu Sklaven ihrer eigenen
richtungslosen Existenz machte. AIM ist in erster Linie eine geistige
Bewegung, eine religiöse
Wiedergeburt und eine Wiedergeburt indianischer Würde. AIM
ist erfolgreich, weil sich seine
Aktionen auf Glaubensüberzeugungen aufbaut. AIM versucht, die
Realität der Vergangenheit
mit den Versprechen der Zukunft zu verbinden
Eine der wichtigsten Zielsetzungen des AIM war von Anfang an, das
Bureau of Indian Affairs (BIA) im Interesse der Mehrheit der Indianer zu
verändern oder abzuschaffen. AIM weist immer wieder darauf hin, daß
diese Unterabteilung des Innenministeriums mit 16.000 Angestellten und
einem Jahresetat von 240 Millionen Dollar sich in der Hand bestimmter Interessengruppen
befindet, außerordentlich korrupt ist und dem indianischen Volk in
keiner Weise dient. Die Verschleuderung von Mitteln, krasse Fehlplanungen
und die Zusammenarbeit mit bestimmten Vertretern der Großindustrie
und weißen Gewerbetreibenden auf den Reservationen ist nach Meinung
vieler Indianer wesentlich an den Lebensbedingungen und der Armut der Mehrheit
der Indianer mitschuldig.
1972 organisierte AIM einen großen Protestzug aus verschiedenen
Teilen der USA nach Washington D.C., den Trail of Broken Treaties (Pfad
der gebrochenen Verträge). Dieser Protestzug, bei dem AIMFührer
der Regierung der Vereinigten Staaten in zwanzig Punkten ihre Forderung
unterbreiteten, in dem u.a. gefordert wurde, daß die Indianer wieder
das Recht erhielten, selbst Verträge abzuschließen (was ihnen
seit 1871 verboten worden war) sowie die unter Zwang geschlossenen Verträge
neu auszuhandeln, führte zu der bisher größten Konfrontation
zwischen Indianern und der USRegierung in diesem Jahrhundert. Der
Protestzug gipfelte in einer sieben Tage langen Besetzung der Washingtoner
Zentrale des BIA. Die amerikanische Regierung antwortete wie üblich
mit einem unverhältnismäßigen Polizei und Militäraufgebot,
während sie sich in den Verhandlungen keine konkreten Zusagen abringen
ließ.
Dennoch werteten die Indianer die Aktion als Erfolg. Sie zeigte
ihre Entschlossenheit, als Volk weiter um ihre Rechte zu käpfen, und
ermutigte viele vereinzelte oder resignierende Indianer, sich der Bewegung
anzuschließen. Im Laufe der Besetzung wurde das Gebäude des
Büros für indianische Angelegenheiten stark beschädigt.
Als die Beamten nach der Vertreibung der Indianer zurückkehrten, stand
an den Wänden u.a. folgende Botschaft:
Ich entschuldige mich nicht für die Trümmer noch für
die sogenannte Zerstörung dieses
Mausoleums, denn um Neues aufzubauen, muß erst das Alte zerstört
werden.
Wenn die Geschichte sich unserer Anstrengungen an diesem Ort erinnert,
werden unsere
Nachfahren mit Stolz erfüllt sein, wissend, daß ihr Volk
verantwortlich für den Widerstand
gegen die Tyrannei, die Ungerechtigkeit und die schreiende Schlamperei
dieses Teils einer
dekadenten Regierung war. Die Reaktion des Stammesräte auf
die gewalttätigen Maßnahmen des AIM war scharf ablehnend. Sie
forderten sogar eine Bestrafung der Schuldigen. Was sie aber weit mehr
in Gegensatz zu vielen ihrer Stammesgenossen brachte, war die unbegreifliche
Ablehnung des 20PunkteProgrammes, mit dem sich inzwischen die
Mehrzahl aller Indianer identifiziert hatte.
Der Höhepunkt der Konfrontation zwischen dem AIM und dem BIA
führte im März 1973 zu der Besetzung der kleinen Ortschaft Wounded
Knee in South Dakota, die in der Geschichte der TetonDakota durch
das 1890 von amerikanischen Truppen angerichtete Massaker eine schreckliche
Berühmtheit erlangt hatte.
Der Vorsitzende des Stammesrates der Oglala, eines Unterstammes
der TetonDakota, Richard Wilson, verkündete öffentlich,
daß er alle Anhänger des AIM von der Reservation ausweisen wolle.
Als Russel Means, Führer der Opposition gegen Wilson und einer der
führenden Persönlichkeiten der AIMBewegung, von Wilsons
Schlägertrupps angegriffen und zusammengeschlagen wurde, besetzte
das AIM die Ortschaft Wounded Knee. Sie forderte die Absetzung von Wilson
und die Erfüllung des 20PunkteProgramms. Ihre drei Hauptforderungen
waren:
1. Die Ernennung einer Präsidialkommission durch das Weiße
Haus, die in das Reservat kommen
und direkt mit den traditionellen Häuptlingen und Führern
des Stammes verhandeln sollte.
2. Einhaltung des Vertrages von 1868 und die Abberufung der von der
Regierung eingesetzten
Marionettenführung der Pine Ridge und anderer Reservationen,
die seit 1934 als ein Instrument
zur systematischen Unterdrückung der Indianer benutzt wurde.
3. Eine Prüfung der Geschäftsbücher des Stammes, um
die gegen den von der Regierung
eingesetzten Stammesvorsitzenden in Pine Ridge, Richard Wilson,
erhobenen Anschuldigungen
der Korruption und einer mit seiner treuhänderischen Pflichten
unvereinbaren Geschäftsführung
zu enthüllen.
Während der beiden Monate März und April 1973 war die
Situation ziemlich verworren:
Wilson, als legal gewählter Stammesratsvorsitzender und Means
als bekanntester und talentiertester Sprecher AIMs zählten beide eine
große Zahl von Anhängern im Pine RidgeReservat und außerhalb
desselben. Da eine der Forderungen des AIM auf die Einhaltung des Vertrages
von 1868 (Vertrag von Laramie), der von den Amerikanern gebrochen worden
war, zielte, fand das AIM zwar viele Mitstreiter, denen aber andererseits
von einer fast ebenso starken Gruppe Widerstand entgegengesetzt wurde,
die eine Stärkung des Stammesratsystems forderten und Wilson als ihren
legitimen Führer ansahen, wobei es fragwürdig ist, ob das Demokratieverständnis
der USAmerikaner für die Indianer angemessen ist.
Die Bundesregierung, die von den konservativen Angehörigen
des Stammesrates zum Sturm auf Wounded Knee aufgefordert wurde, entschloß
sich nach einigen halbherzigen Versuchen, bei denen zwei Indianer getötet
und ein Dutzend verwundet wurden, zu verhandeln. Sie stimmte schließlich
auch der Ernennung einer Präsidialkommission zu, die direkt mit den
traditionellen Häuptlingen über den Vertrag von 1868 verhandeln
sollten. Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung durch Vertreter des Weißen
Hauss beendeten das AIM die Besetzung von Wounded Knee. Diese nachgebende
Haltung brachte der Bundesregierung die Sympathien aller jener Indianer
ein, die ein Blutvergießen scheuten. Als die Blagerung jedoch aufgehoben
wurde, verhaftete man die AIManführer und stellte sie vor Gericht,
mit der Erklärung, "man habe entdeckt, daß das Weiße Haus
nicht berechtigt sei, direkt mit den traditionellen Häuptlingen über
den Vertrag von 1868 zu verhandeln. Es sei Sache des Kongresses, sich mit
diesen Problemen zu befassen". Im September 1974 wurden sie in erster Instanz
freigesprochen. Die weltweite Publizität, die die Ereignisse von Washington
und Wounded Knee erlangten, wird hoffentlich die Bundesregierung zwingen,
alle Verträge, die mit den Indianern abgeschlossen waren, zu überprüfen,
zu revidieren oder Ersatzlösungen anzubieten. Andererseits hat sich
für die Indianer gezeigt, daß sie sich eine gutorganisierte,
stabile und moderne Selbstverwaltung schaffen müssen, um ihre Rechte
auf juristischem Wege durchzusetzen, denn konkrete Entscheidungen können
nur vom amerikanischen Kongreß, nicht vom Präsidenten gefällt
werden.