Neue Bücher über die Depression
In den hoch industrialisierten Ländern
erleidet fast ein Viertel der Menschen mindestens einmal im Leben eine
depressive Episode. Frauen trifft es fast doppelt so häufig wie Männer,
deren Depression nicht selten verleugnet, aber auch vom Arzt nicht immer
richtig diagnostiziert wird. Alkoholmissbrauch ist eine häufige Kaschierung
des depressiven Syndroms, daneben gibt es "larvierte" Formen, etwa
unerträgliche Rückenschmerzen.
Depression tritt in jedem Lebensalter auf. So beschrieb René Spitz
Depressionen im Kleinkindalter bei seelisch vernachlässigten Säuglingen. Die
Altersdepression wird oft auf Abbauprozesse beim älteren Menschen
zurückgeführt, wobei unberücksichtigt bleibt, wie Gesellschaften mit Alten
umgehen und zu welchen Erschütterungen der Wegzug der Kinder, die neu
auftretenden Beziehungskonflikte oder das beruflichen Nachrücken der
Jüngeren führen.
Fast eine halbe Milliarde Mark geben die Deutschen pro Jahr für
Antidepressiva aus - deren Wirkung nur wenig über der von Placebos zu liegen
scheint. Dennoch sind sie oft der einzige Ausweg, nicht nur wegen des
Mangels an qualifizierten Psychotherapeuten, sondern auch wegen der Scham
vieler Menschen, sich in psychotherapeutische Obhut zu begeben. Stattdessen
greifen viele zu seichten Lebensratgebern.
Prüft man dagegen neuere seriöse Bücher zum Thema, so hat man zunächst zu
fragen, ob sie erklären können, warum die Depression eine Zeitkrankheit ist.
Oder sollte man lieber nicht von Krankheit sprechen (abgesehen von den etwa
ein bis eineinhalb Prozent sehr schweren Fällen, bei denen eine genetische
Komponente eine Rolle spielen kann)? Sollte man eher vom Sinn der Depression
sprechen? Verweist ihr Auftreten vielleicht darauf, dass der Betroffene sich
nicht genügend mit der Hygiene seiner Seele befasst hat? Das wäre etwa dann
zu vermuten, wenn jemand meint, er könne viele Jahre lang über seine Kräfte
leben, nur weil etwas in ihm danach verlangt, immer besser in seinem Beruf
zu werden - so dass, wenn die Kräfte nachlassen und der Abstand zum
Idealzustand immer größer wird, häufig eine depressive Reaktion auftritt,
die auf viele ungelöste Enttäuschungen zurückgreift, die sich zu einem
schwarzen Knäuel zusammenballen. Kann Depression nicht auch eine
Aufforderung dazu sein, sich mit der Maßlosigkeit der Wachstumsideologie,
mit der Begrenztheit des Lebens auseinander zu setzen?
Alfred Alvarez' Studie über den Selbstmord ist bereits vor 25 Jahren
erschienen und wurde vor einiger Zeit als Paperback neu aufgelegt. Gerahmt
wird der Text von zwei Berichten: zum einen über die Begegnung mit Silvia
Plath, die Alvarez bis zu ihrem Freitod aufmerksam begleitete, zum andern
über seinen eigenen Selbstmordversuch. Der Hauptteil bietet eine Fülle
historischer, philosophischer und psychologischer Aspekte. Die Liste der
Künstler, die sich im 20. Jahrhundert das Leben nahmen, ist lang: Virginia
Woolf, Dylan Thomas, Brendan Behan, Cesare Pavese, Paul Celan, Ernest
Hemingway. Es scheint, als hätten die Sensibelsten am meisten unter den
Ereignissen des Jahrhunderts gelitten, aber auch unter sich selbst. Alvarez
verklärt den Freitod nicht, sondern sieht ihn auch als psychologisches
Problem.
Im Buch des Jungianers Wolfgang Kleespies über den "Sinn der Depression"
finden sich packende Passagen über die grundlegenden archetypischen Themen
der Depression, etwa Trennung, Autonomie, Selbstachtung, Schuld, ideale
Erwartungen an sich selbst und Schamerleben. In der Tiefenpsychologie wird
diesen Erfahrungen, die mit immer größerer Genauigkeit untersucht worden
sind, ein grundlegendes Gewicht für die Entstehung depressiver Reaktionen
zugesprochen. Kleespies schildert mit klinischer Klarheit (was für
jungianische Abhandlungen nicht selbstverständlich ist) anschaulich
Vignetten und verbindet sie mit Bildern und Vorstellungen aus Religion,
Mythologie und Märchen - ein metaphorisierendes Denken, das in der
akademischen klinischen Psychologie verpönt ist, aber in der
Tiefenpsychologie eine lange Tradition hat und neuerdings von kognitiven
Linguisten als Grundlage allen Lebens betrachtet wird. Eine "Nachtmeerfahrt"
etwa kann den Patienten mit dem Archetypus der großen Mutter und des
Uroboros sowie anderen Gefahren des Unbewussten konfrontieren und - so die
"Fahrt" gelingt - ihn gewandelt auftauchen lassen.
Die Texte in dem von Lutz Walther herausgegebenen Studienbuch über die
Melancholie zeigen, wie lange diese schon Anlass zum philosophischen und
psychologischen Diskurs gegeben hat: von den Überlegungen Theophrasts, dass
nur die Besten von ihr heimgesucht würden, über Hildegard von Bingen, die
melancholische Männer als verbittert und im Verkehr mit Frauen maßlos
betrachtete, bis zum Weltschmerz-Chic des Dandytums und den trauerumwehten
Gedichten eines Rilke, Trakl oder Benn. Die Beiträge des Sammelbands
ermöglichen eine transkulturelle und historische Betrachtung. Dadurch kann
die Enge mancher klinischen und biologischen Arbeit gemildert werden.
Gefragt wird auch, warum die Depression stets nur in einem auf das
Individuum bezogenen Krankheitsmodell verortet wurde. Diesen Rahmen, den die
biochemische Forschung erneut stark favorisiert, durchbrechen Beiträge über
zur Depression disponierende kindliche Beziehungserfahrungen und über den
Absolutheitsanspruch einer biologischen Psychiatrie.
Das Buch über "Psychodynamik und Therapie" der Depression schließlich
besticht durch seine akademische Akribie und seine klinische
Anschaulichkeit. Sehr konkret wird die mitunter strapaziöse
Beziehungsdynamik zwischen Analytiker und Patienten geschildert. Der
Praktiker erhält so Handlungsanweisungen, die er mit seinem eigenen Vorgehen
vergleichen kann.
In der psychologischen Depressionsforschung wird gegenwärtig von einem
"depressiven Realismus" gesprochen: Menschen, die sich selbst, ihre
Handlungen und das Weltgeschehen eher depressiv einschätzen - ohne dabei an
einer schweren Depression zu leiden -, verfügen über ein höheres Maß an
Realitätsgenauigkeit. Häufig geht mit Depressivität ein geringeres Maß an
Selbsttäuschung einher. Schwermütige Menschen bringen vielen Geschehnissen
ein tieferes Empfinden entgegen.
Alfred Alvarez: Der grausame Gott. Eine Studie über den Selbstmord. Hoffmann
& Campe, Hamburg 1999.349 S., 36 Mark.
Wolfgang Kleespies: Vom Sinn der Depression. Selbstwertstörungen im
Blickwinkel der Analytischen Psychologie. Ernst Reinhardt Verlag,
München/Basel 1999. 232 S., 42 Mark.
Lutz Walther (Hg.): Melancholie. Reclam, Leipzig 1999. 264S., 24 Mark.
Herbert Will / Yvonne Grabenstedt / Günter Völkl / Gurdrun Banck:
Depression. Psychodynamik und Therapie. Kohlhammer, Stuttgart 2000.228 S.,
44 Mark.
Im Internet:
Interview mit Andrew Solomon über die Depression
Diskussionen
über Selbstmord, Todessehnsucht und Lebenssinn
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