| Ein jeder kennt es, aber keiner will
es gerne haben - das Gefühl der Einsamkeit. Woran denken wir, wenn von
Einsamkeit die Rede ist? An alte Menschen, die allein in ihrer Wohnung
sind und nur ihren Fernseher als flimmerndes Gegenüber haben? Aber auch
andere Bilder mögen in uns auftauchen, etwa Trauernde oder Vertriebene,
Blinde oder Taube, Schwerverletzte oder Sterbende. Wieviel Einsamkeit mag
sich hinter der Maske des erfolgreichen Aktienhändlers oder hinter dem
riskanten Auto- oder Motorrad fahren Jugendlicher verbergen? Auch hinter
den Aggressionen, die in der Kumpanei einer Clique gegen Fremde oder
Sündenböcke ausgelebt werden, hinter Graffiti-Schmierereien oder hinter
der großen Zahl von Ehescheidungen wirkt oft genug das Gift der
Einsamkeit, und ganz gewiss bei Kindern, die von zu Hause weglaufen und
nicht selten der Sucht nach Alkohol oder Drogen verfallen. Wissenschaftliche Befragungen zeigen, dass jeder dritte Deutsche - vor allem im Alter - Angst vor Einsamkeit hat. Auch ein fester Partner ist keine Garantie gegen Einsamkeit: 16 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer fühlen sich trotz Partnerschaft manchmal einsam. Jeder Zweite der Befragten glaubt, dass die heutige Informationsgesellschaft mit dazu beiträgt, dass die Menschen immer einsamer werden. Ungefähr jeder Dritte ist aber auch der Meinung, dass selbst Schuld hat, wer unter Einsamkeit in der sogenannten Spaß-Gesellschaft leidet. Die versprengten Inseln, auf denen die Einsamen leben, sind nicht räumlicher Art, sondern sozialer Natur. Wir wissen vom Witwer, der am stilgerecht gedeckten Tisch alleiniger Gast ist, wir wissen vom alternden Menschen, der mit sich selbst spricht, oder kennen die alleinstehende Frau, die ihre brachliegende Liebe einem Hund oder einer Katze schenkt. Die Einsamen leben mitten unter uns, oft allein und reduziert auf eine Beziehung zu sich selbst. Allein sein indes ist nicht gleichzusetzen mit einsam sein. Nicht jeder, der allein ist, fühlt sich auch einsam, während umgekehrt das Gefühl der Einsamkeit gerade dann besonders intensiv erlebt werden kann, wenn man unter Menschen ist. Das Bedürfnis, für sich zu sein, steht für den positiven Aspekt des Alleinseins, während einsam zu sein den negativen Aspekt des Alleinseins meint. Alleinsein einerseits und Zusammensein in Gemeinsamkeit oder Gesellschaft andererseits sind grundsätzlich gleichwertige existenzielle Bedürfnisse, so dass jeder sein Glück auf seine Weise finden mag. Nach Arthur Schopenhauer, dem Philosophen des Pessimismus und der Willensverneinung, gibt es Glück nicht durch die Gesellschaft, sondern nur trotz der Gesellschaft. Man kann, so Schopenhauer, die Gesellschaft mit „einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber hineingreift wie der Tor, der dann, nachdem er sich verbrannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, dass das Feuer brennt." Was heißt nun Einsamkeit in unserer Zeit, was ist charakteristisch für unsere Zeit? Unsere Zeit, das ist seit dem Ende der traditionellen Gesellschaft und damit der Großfamilie als Hort der Kontaktdichte der Wandel zur Kleinfamilie in der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Hatte in Deutschland um 1900 die Mehrzahl der Haushalte fünf oder mehr Personen, so bestehen - vor allem in Großstädten - heute über 50 Prozent der Haushalte aus nur einer Person. Da die Kleinfamilie gar Gefahr läuft, zu einem Auslaufmodell zu werden, ist der Einzelne mit zunehmender gesellschaftlicher Isolierung und Einsamkeit konfrontiert. Unsere Zeit, das ist aber auch die Zeit nach der Moderne, die sogenannte Postmoderne. Als Epoche gesehen, handelt es sich bei der Postmoderne um die Gegenwart der westlichen Welt seit den 60-er-Jahren. Mit diesem Periodisierungsbegriff wird versucht, die anhaltenden und vielfältigen Veränderungen in der Gegenwart zu erfassen. Die Postmoderne hat mit dem aufklärerischen Anspruch, alle Wirklichkeitsbereiche mit einer einzigen Methode erfassen zu können, gebrochen und distanziert sich vor allem von der Dominanz einer dem Wesen nach technischen Rationalität. Statt theoretischer Großerzählungen und Einheitsideale wird diskursiver Vielfalt das Wort geredet. Der Bruch zwischen Moderne und Postmoderne ist entscheidend eine begriffliche und faktische Differenz zwischen Einheit und Vielfalt. Moderne Grundannahmen etwa von Subjekt und Identität, von Mann und Frau, von Natur und Kultur werden in der Postmoderne in Frage gestellt und historisierend in eine neue Perspektive gerückt. Wir haben es also in der Postmoderne mit der Auflösung von Einheit und ihrer Freisetzung in allen Bereichen durch Vielfalt und Buntheit zu tun. Das heißt für die Menschen, dass sie aus ihren herkömmlichen Sozialformen, sei es aus Klasse oder Schicht, Familie oder Gemeinschaften, Berufs- oder Rollenidentitäten, freigesetzt und in starkem Maße individualisierter Existenzweise unterworfen werden. Das zunehmende Single-Dasein - etwa bei 10 Prozent der 30 - 40-Jährigen oder bei 50 Prozent der über 60-Jährigen - unterstreicht diesen gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung, auch und gerade mit Folgen für das Alleinsein bzw. Einsamwerden. Die Postmoderne plädiert also, im Gegensatz zur Moderne mit ihrem eintönigen Hang zur Variation einer einzigen Melodie, für eine Vielfalt von Grundwirklichkeiten. Mit ihrem Drang zur Entwicklung von Informationstechnologien und zum Aufbau einer kybernetischen Netzwerkstruktur der Realität gibt die Postmoderne der Grundverfassung unserer Zeit ein qualitativ neues Gepräge. Diese offenbart sich nicht zuletzt auch in Gestalt der Medien- und Spaß-Gesellschaft. In der Mediengesellschaft vermittelt elektronische Technik, also etwa der Fernseher oder Computer, Internet oder Handy, zwischen Mensch und Umwelt; elektronische Medien bestimmen damit die Struktur und Funktionsweise der Kommunikation. In der Mediengesellschaft wird vor allem die vielfältige Realität zu einfältigen Bildern entwirklicht. Virtualität ist typischerweise daher eine der zentralen Metaphern unserer Zeit. In dem Maße, wie Kommunikation durch die Herstellung virtueller Realität überwiegend medienvermittelt erfolgt, triumphiert das Auge über das Ohr, siegt das Bild über das hörbare Wort, mit der Folge, dass die Urteilskraft des Bürgers einer Dauerbewährungsprobe ausgesetzt ist. So wie Realität zusehends simuliert wird, so ist die spaßhafte theatralische Inszenierung, sei es in Politik oder Sport, Kultur oder leichter Unterhaltung, das Gebot der Stunde. Die Mediengesellschaft lädt somit einerseits zu selbstinszenierter Maskerade ein, befreit andererseits aber auch von tradierten Rollenmustern, Körperbildern und Identitätszwängen. Die sich so verstehende Mediengesellschaft verstärkt also die ohnehin vorhandenen gesellschaftlichen Tendenzen zur Individualisierung und Erlebnisgier, verursacht jedoch auch spezifische Kommunikationsstörungen kollektiver und individueller Art - bis hin zur real existierenden digitalen Einsamkeit des Surfers auf den Datenautobahnen im Netz der Netze. „Einsamkeit", definitorisch verstanden als „quälendes Bewusstsein eines inneren Abstands zu anderen Menschen und die damit einhergehende Sehnsucht nach Verbundenheit in befriedigenden, sinngebenden Beziehungen" , ist eine ungebetene und schattenhafte Begleiterin des Menschen. Als Resultante der Verbindung von Mensch und Welt aufgefasst, wird Einsamkeit zu einer Wesenseinheit und damit zur anthropologischen Grundausstattung im Sinne von: Der Mensch ist von Natur aus einsam. Der spanische Philosoph Ortega y Gasset hat in diesem Zusammenhang von der radikalen Einsamkeit des Menschen gesprochen: "Ein jeder hat sein eigenes Leben zu leben, niemand kann ihn beim Geschäfte des Lebens vertreten,... niemand kann an seiner Stelle fühlen und wollen; und endlich: es ist ihm unmöglich, durch einen Mitmenschen die Gedanken denken zu lassen, die er denken muss, um sich in der Welt, will sagen, der Welt der Dinge und der Welt der Menschen, zu orientieren und die passende Verhaltensweise zu finden ... hierfür gibt es keinen Stellvertreter, Ersatzmann oder Substituten .... Und da dies für meine gesamten Entscheidungen, Willensakte, Empfindungen zutrifft, so können wir nicht umhin, schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen, dass das menschliche Leben ... eben seiner Unübertragbarkeit wegen wesentlich Einsamkeit, radikale Einsamkeit ist". Neben dieser radikalen Einsamkeit als anthropologischer Gegebenheit haben wir es gerade angesichts des rasanten gesellschaftlichen Transformations- und Globalisierungsprozesses in der Postmoderne mit ihrer Tendenz zur Individualisierung und Freisetzung des Individuums zusehends auch mit dem Phänomen struktureller Einsamkeit zu tun. Damit ist gemeint, dass in dem Maße, wie soziale Bindungen und Beziehungen in ihrer Häufigkeit und Intensität sich verflüchtigen, ja soziale Verkehrsformen überhaupt zurückgedrängt oder gar überflüssig werden und technische Wissens- und Informationsstrukturen an ihre Stelle treten, immer mehr Menschen den Anschluss an gesellschaftliche Funktionsbereiche und damit an sinnhaftes soziales Handeln verlieren. Der Mensch wird damit nicht nur ein Fremder unter Fremden, sondern - schlimmer noch - auch ein Fremder unter Fremdem. Entkoppelung im Sinne von Kontaktverlust, sei es von sozialen Bezugsgruppen, Institutionen oder gar einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen, ist soziologisch gesehen das entscheidende Merkmal struktureller Einsamkeit, so dass es dem Einzelnen objektiv immer schwerer wird, Kontaktchancen herzustellen und zu verwirklichen und somit seinem Dasein einen individuellen und sozialen Sinn zu geben. Welche sozialen Gruppen sind nun struktureller Einsamkeit unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen besonders ausgesetzt? Das sind zunächst all jene, die von sozialer Benachteiligung und Unterprivilegierung betroffen sind. Mit Blick auf die jüngst veröffentlichte Pisa-Studie heißt das vor allem junge Menschen, deren Anteil sich auf ungefähr 23 bis 25 Prozent bei den 15-jährigen Schülern beläuft, denen es als Folge unterhaltsamer Spaß- statt kompetenter Unterrichtspädagogik an Lese- und Rechenkompetenz und damit an wichtigen Schlüsselqualifikationen für Lebenstüchtigkeit fehlt. Solche Jugendlichen dürften - abgesehen von dem in diesem Alter häufig auftretenden Störfaktor „Liebeskummer" als Zustand extremer Einsamkeit und Lernbehinderung - kaum zukunfts- und anschlussfähig sein im Hinblick auf die schnell sich verändernden Herausforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft und laufen somit Gefahr, in soziale Isolation und Vereinsamung zu geraten. Struktureller Einsamkeit sind - mit Blick auf den Armutsbericht der Bundesregierung - in unserer Zeit auch alleinerziehende Frauen und kinderreiche Familien sowie Menschen, die längere Zeit nicht mehr in Lohn und Brot stehen, ausgesetzt. Armut als Ausdruck randständiger Lebenslage und starker sozialer Ungleichheit in einer reichen Gesellschaft beschneidet den davon Betroffenen massiv ihre sozialen Kontaktchancen und damit den Aktionsradius positiver Lebensgestaltung. Je nach Definition gibt es zwischen 4 und 12 Millionen Arme in Deutschland. Weil der soziale Handlungs- und Gestaltungsspielraum der unterhalb der Armutsschwelle Lebenden aus finanziellen Gründen so begrenzt ist, ist für diese Menschen soziale Isolierung und Entfremdung unvermeidbar, verbunden subjektiv oft mit einem Gefühl des Ausgeschlossenseins und des apathischen Rückzugs auf sich selbst, wie dies für die Vereinsamung charakteristisch ist. Kaum anders geht es einer anderen großen sozialen Gruppe, den mindestens 4,3 Millionen Arbeitslosen, die als Folge von Globalisierungs- und Modernisierungsprozessen freigesetzt werden und damit der Verankerung in ihrer jeweiligen Arbeitswelt verlustig gehen. Die um sich greifende Redeweise von den „glücklichen Arbeitslosen" geht völlig an deren Lebensrealität und Verelendungsrisiko vorbei. Wer ohne Arbeit ist, fühlt sich angesichts des Milieuverlusts und der damit ausgelösten beruflichen Gratifikationskrisen der persönlichen Identität beraubt und muss außerdem oft schmerzhaft erfahren, was es heißt - neben den unvermeidbaren finanziellen Einschränkungen, dem Verlust an psychosozialen Werten sowie einem erhöhten Erkrankungsrisiko - auch noch das Los struktureller Einsamkeit ertragen zu müssen. Eine weitere große soziale Gruppe, die struktureller Einsamkeit ausgesetzt ist und zukünftig immer größer werden wird, ist die der alten Menschen. Die demographische Entwicklung deutet unaufhaltsam darauf hin, dass es in Deutschland immer mehr ältere Menschen geben wird - und damit auch zunehmende Alterseinsamkeit. Die grüne Witwe, diese einst gängige Metapher für Einsamkeit zur Blütezeit des Wirtschaftswunders in den 60-er Jahren, wird nun durch die große Schar der Grau- und Weißhaarigen ersetzt. Das hat einerseits mit der steigenden Lebenserwartung - gegenwärtig beträgt diese bei Frauen 81 Jahre und bei Männern 75 Jahre - zu tun, und andererseits mit der niedrigen Geburtenrate in unserer Gesellschaft. Mit durchschnittlich 1,3 Kindern pro Familie ist Deutschland eines der kinderärmsten Länder der Welt. Beide Faktoren, steigende Lebenserwartung sowie niedrige Geburtenrate, bewirken zusammen, dass es auch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu einem neuerlichen Alterungsschub in der Bevölkerung kommen, und dass es bald etwa mehr Großeltern als Enkelkinder geben wird. Derzeit sind 21 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen über 60 Jahre alt; im Jahre 2030 wird dieser Anteil 35 Prozent betragen. Insbesondere die Zahl der Hochbetagten wird hierbei zunehmen: Während gegenwärtig die über 80-Jährigen 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden es im Jahre 2030 fast 4 Prozent sein. Damit nimmt zwangsläufig aber auch der Anteil der Menschen zu, die unter Alterseinsamkeit leiden werden. Unaufhaltsam ist mit dem Prozess des Alterns verbunden, dass die subjektiv erlebte Zeit im Alltag zunimmt, während der Aktionsradius im Lebensraum abnimmt, so dass für viele Menschen die Frage nach dem Lebenssinn und damit sogenannte Sinn-Einsamkeit schmerzlich wiederkehrt. Schon jetzt fühlen sich mehr und mehr Menschen - vor allem diejenigen jenseits des achten Lebensjahrzehnts, bedingt vor allem durch gesundheitliche Einschränkungen - recht einsam, trotz des Fernsehers als ihr flimmerndes Gegenüber. Die subjektiv empfundene Einsamkeit ist allerdings auch davon abhängig, ob und inwieweit die eigenen Kinder in der Nähe wohnen. Bei kinderlosen Erwachsenen ist das Einsamkeitsgefühl deutlich stärker ausgeprägt als bei denjenigen mit Kindern. 80-jährige Ledige verfügen nur noch über ein bis drei Personen in ihrem Bekanntenkreis, während verheiratete oder verwitwete 80-Jährige immerhin noch auf sieben bis neun Personen in ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis kommen. Da aber nur ein immer kleiner werdender Teil der Bevölkerung in Familienbeziehungen leben wird, ist künftig mit einer Zunahme der Alterseinsamkeit strukturbedingt zu rechnen. Das „Dinner for one" als tragischer Ausdruck des nicht existenten Du-Bezugs ist dann für viele alte Menschen nicht nur eine festliche Angelegenheit am Silvester Abend, sondern könnte zu einer traurigen Selbstbegegnung Tag für Tag werden. Bildungsschwache junge Menschen, wie die Pisa-Studie gezeigt hat, Arme und Arbeitslose sowie alte Menschen sind also beispielhaft soziale Gruppierungen, die in unserer Zeit, aber auch in Zukunft wegen mangelnder sozialer Kontakt- und Beziehungschancen und damit als Folge struktureller Einsamkeit auf sich selbst zurückgeworfen sind bzw. sein werden. Strukturelle Einsamkeit hat damit - wie andere schädliche Einflüsse auch, also etwa Rauchen, Alkohol, mangelnde Bewegung oder ungesunde Ernährung - die Bedeutung eines ernstzunehmenden Risikofaktors für die seelische, körperliche und geistige Gesundheit des Menschen, freilich mit dem Unterschied, dass strukturell bedingte Einsamkeit außerhalb der Verhaltenskontrolle des Einzelnen liegt. Indes muss freilich auch gesehen werden, dass gerade die Postmoderne wegen ihrer Tendenz zu einer dynamisierten Lebenswelt und zu einem forcierten Individualismus auch die Möglichkeit bietet - zumindest für die zahlenmäßig kleine soziale Gruppe der Künstler und Schriftsteller, der Kulturschaffenden und Intellektuellen - , Einsamkeit als kreative Chance zu nutzen. Dies setzt allerdings den Rückzug von bedrängender oder lärmender sozialer Gemeinschaft voraus. Der französische Philosoph Michel de Montaigne hat bereits erkannt, dass „wir ein kleines Hinterstübchen für uns reservieren müssen, das uns ganz allein gehört, wo wir ganz frei sind, wo wir unsere wahre Ungebundenheit und unsere wichtigste Zuflucht und Einsamkeit finden". Für den letztjährigen Literaturnobelpreisträger, den chinesisch-französischen Exilschriftsteller Gao Xingjian, ist Literatur als Ausdruck des Individuums zwangsläufig mit der Bereitschaft verbunden, eremitische Abgeschiedenheit und Einsamkeit ertragen zu können. Tiefe Erfüllung seines Schaffens findet der Nobelpreisträger daher nicht in Geld und sozialer Anerkennung, sondern allein in der Freude am kreativen Denk- und Schreibprozess. Auch die Kunst mit ihrem unerschöpflichen Spielraum, den sie sich selbst immer neu erschafft, um eine Begegnung zwischen Mensch und Kunstwerk zu ermöglichen, verdankt sich einem Künstler, der virtuos zwischen Einsamkeit als kreativem Rückzug und Gemeinsamkeit als sozialem Resonanzraum zu spielen versteht. Schöpferische Aktivität ist Ausdruck und Offenbarung von Einfällen und Ideen, die etwas Neuartiges oder Wertvolles hervorbringt. Sie verläuft prozess- und oft auch periodenhaft und ist - will sie die Hürde der nackten Leinwand oder des leeren Blattes nehmen - auf Inspiration angewiesen. Schöpferische Aktivität ist aber nicht nur Arbeit am Werk, sondern stets auch am Menschen selbst, der sein Talent im kreativen Prozess kultiviert. Schöpferische Tätigkeit ist daher immer auch Selbstverwandlung, d. h. Verwandlung des Ich und auch Verwandlung durch das Ich. Der Maler Pablo Picasso hat die Grundvoraussetzung für dieses innere und äußere Wandlungsmoment bildhaft so zum Ausdruck gebracht: „Nichts kann ohne Einsamkeit geschehen. Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, die niemand ahnt. Es ist sehr schwer, heute allein zu sein. Weil es Uhren gibt! Haben Sie je einen Heiligen mit einer Uhr gesehen?" So wie die großen religiösen Führer, sei es Buddha, Jesus oder Mohammed, zu allen Zeiten erkannt haben, dass Einsamkeit in der Abgeschiedenheit der Wüste oder Höhle für die innere Erkenntnis, Sammlung und fundamentale Wandlung notwendig ist, so ist für den schöpferischen Menschen das Bedürfnis nach Einsamkeit und nach innerer Transformation ein kostbares Gut, damit der Hunger nach Phantasie und nach Offenheit für das Neue und Interessante unersättlich bleibt. Dies setzt freilich Muße oder Innerlichkeit voraus und auch eine innere Gestimmtheit, die der englische Psychoanalytiker Masud Khan als „Brachliegen" bezeichnet hat. Damit ist ein Übergangszustand innerer Erfahrung gemeint, der vorwiegend in der Stille sich äußert und ermöglicht, kreative Impulse und Strebungen - zunächst oft eher bildhafter als sprachlicher Art aus dem Seelenleben aufsteigen zu lassen. Diese Stimmung des Brachliegens hat zum Beispiel in der darstellenden Kunst der spanische Maler Joan Miro mit seinen in ihrer Ruhe so verspielten Monden, Sonnen und Kringeln mit höchster Sensibilität und farbenfroh zum Ausdruck gebracht. Brachliegen ist also ein Stimmungsmittel, dem Druck des gewöhnlichen Lebens zu entrinnen, und um sich damit auf dem Weg der inneren Erneuerung zur schöpferischen Einsamkeit aufmachen zu können. Freilich ist dieser Zugang auf vielfache Weise dem Einzelnen unter gegenwärtigen Bedingungen erschwert. So zeigt sich eine Schattenseite des Brachliegens und damit des blockierten Zugangs zu einer produktiv-schöpferischen Seite der Einsamkeit in der Art und Weise heutiger Freizeitgestaltung. Sofern die rasante Jagd nach Ablenkung in der Freizeit - sei es in Form des Körperkults in Sport und Fitness, sei es in Form des vagabundierenden Tourismus oder von Rausch- und Ekstaseerlebnissen - nur die Funktion hat, ein existenzielles Vakuum zu füllen, handelt es sich zumeist um die einfältige Selbstverwaltung maskierter, also verdeckter Einsamkeit. Die Fähigkeit, aus solchen Aktivitäten und Erlebnissen eine personalisierte Erfahrung von Dauer machen zu körnen, ist weitgehend verloren gegangen. Das hängt - als weitere Kehr- oder Schattenseite - auch damit zusammen, dass die vom Individualismus geprägte Mediengesellschaft die Freizeitlücke durch Ablenkungsüberflutung und Pseudokontakte permanent auffüllt. Mit unterhaltenden und interaktiven Kommunikationsangeboten, mit Party- und Sexlines wird die Hoffnung des Einzelnen auf vielversprechende Kontakte zwar geschürt und damit die Befreiung aus dem Gefängnis seiner Einsamkeit in Aussicht gestellt - tatsächlich erreicht der Medienkonsument bestenfalls aber nur eine kurzfristige Erleichterung seiner negativ erlebten Einsamkeit. Noch gravierender indes ist: Im Kontext der Mediengesellschaft gerät die Möglichkeit, Einsamkeit als positiv-schöpferische Kraft und Herausforderung für persönliche Entwicklung und Reife zu begreifen, zusehends völlig aus dem Blickfeld. Weil der Einzelne mehr will, als er sich aneignen kann, weil er mehr besitzt, als er zu lieben in der Lage ist, entfremdet er sich zwangsläufig weiten Bereichen des Lebens. Die hohe Kunst, sich im Umgang auf das zu beschränken, was man wirklich - und das heißt innerlich - sich auch zu eigen machen kann, ist unter postmodernen Bedingungen dem Einzelnen nahezu verloren gegangen. Wer - wie gerade in der virtuellen Welt der Postmoderne mit ihrer hohen Entwicklungsrasanz - zwangsläufig von Sachen und Dingen, von Information und Wissen abhängig ist, deren Funktionsweise einem zumeist verschlossen bleibt, kann sich schnell einsam fühlen, weil ihm dies alles fremd bleiben muss. Zurückgeworfen in allen Bezügen auf sich selbst, leidet der Einzelne im Grunde dann in seinem Einsamsein am anderen als etwas Fremdem. Ideengeschichtlich ist aus der einstmals ruhigen und besinnlichen Einsamkeit - literarisch in der Romantik zum Beispiel naturhaft-erhaben als Wald - oder Feld-, als Berg- oder Strom-, als Strand- oder Meereseinsamkeit gepriesen - eine nervös-gehetzte und getriebene geworden. Der Mensch in den Großstädten oder auf dem flachen Lande kennt damit auch die Wüste, die Einsamkeit heißt, also mutterseelenallein in der Wüste des Daseins zu sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund tendieren die Menschen dazu, vor der Einsamkeit zu flüchten, um die damit verbundenen negativen Gefühle zu vermeiden. Zuflucht wird daher in sozialen Kontakten und Netzwerken, in Spannungsaufladungen und Nervenkitzel gesucht, die dem peinigenden Gefühlsdruck und Schrecken der Einsamkeit abhelfen sollen. Aber alle Entwicklung, die sich in natürlichen und individuellen Rhythmen vollzieht, wird von einem tiefen, dunklen Unterton der Einsamkeit begleitet. Deshalb bleiben auch für den Menschen in der Postmoderne die Worte aktuell, die der Meister der reinen Poesie, Rainer Maria Rilke, an einen jungen Dichter geschrieben hat: „Sie dürfen sich nicht beirren lassen in Ihrer Einsamkeit, dadurch, dass etwas in Ihnen ist, das sich herauswünscht aus ihr ... Die Leute haben alles nach dem Leichten hin gelöst und nach des Leichten leichtester Seite; es ist aber klar, dass wir uns an das Schwere halten müssen; alles Lebendige hält sich daran, ... es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun." Versteht man Einsamkeit als Ursprung von Begegnung, dann muss der Mensch den Mut haben, den Weg der Einsamkeit zu Ende zu gehen. Daran scheitert der Einzelne zwar oft, sei es aus Selbstmitleid oder Selbstbetrug, sei es aus Egoismus oder Angst, und es kommt, weil der Mensch vor sich und seiner Tiefe flieht statt zu sich selbst zu kommen, im Extremfall zur Vereinsamung als schlechtem Gegensatz der Einsamkeit. Der vereinsamte Mensch ist der, der nicht loslassen kann, und deshalb alles verliert. Wer hingegen die innere Einsamkeit erreicht, ist der, der loslässt und darum alles findet, weil seine innerweltliche Existenzweise Entzweiung und Entfremdung durch Seelenruhe und Gemütsfrieden, durch Vertrauen, Liebe und schöpferische Freiheit überwindet. So wie alle polaren Grunderlebnisse des Lebens einen spannungsgeladenen Gegensatz in sich bergen, so macht nur tief durchlittene Einsamkeit reif und öffnet damit den Weg zurück zur Gemeinsamkeit. Einsam sein bedeutet daher immer auch als Ausdruck von Freiheit vor die Wahl gestellt zu sein, als Mensch unter bedrückender Einsamkeit zu leiden oder gar zu verbittern oder auf seiner Lebenshöhe wahrhaft reif und abgeklärt zu werden. Deshalb sollten wir die ungebetene Besucherin Einsamkeit als unsere Freundin begrüßen, weil auch sie uns lehren kann, was Kunst des Lebens heißt und was als paradoxe Erfahrung in Grenzsituationen erlebbar ist. Mit den Worten des dem fernöstlichen Fühlen, Atmen und Denken verpflichteten Tiefenpsychologen Karlfried Graf Dürckheim ausgedrückt heißt das: "Es gibt drei Grundnöte des menschlichen Seins: die Angst vor der Vernichtung, die Zweifel am Absurden und die abgründige Trauer der Verlassenheit. Der Tod, der Widersinn und die Einsamkeit sind und bleiben die Feinde des natürlichen Ichs. Aber der Tod ist unausweichlich, das Unbegreifliche durchzieht unser Leben, und niemandem bleibt irgendwann einmal das Erlebnis trostlosen Alleinseins erspart. Gerade in diesen Grenzsituationen ist der Mensch aufgerufen, eine paradoxe Leistung zu vollbringen, eine Leistung, die dem gewöhnlichen Ich unmöglich ist: Bewusst in die hier ihn bedrohende Vernichtung hinein und durch sie hindurchzugehen. In der Vernichtung, Dunkelheit und Grausamkeit dieser Welt, erfährt der Mensch dann eine Kraft, Klarheit und Liebe, die er, der sie im Widerspruch zu aller weltlichen Bedingtheit erfährt, überweltlich nennen darf. In solcher Erfahrung spiegelt sich die triadische Struktur des überweltlichen Seins, d. h. das Sein als schöpferische Fülle, sinn- und ordnungsgebendes Gesetz und zusammenhaltende Einheit". |