2002: Schon fünf Tote in zwei Monaten.
Immer mehr Jugendliche wollen sterben.
Selbstmord-City Bonn
Bonn - Es ist nasskalt. Der Himmel grau verhangen.
Es ist kurz vor 22 Uhr: Stefan S. (Name geändert) legt Geldbeutel und
Handy ordentlich neben die Gleise - dann wirft er sich vor einen
Regionalzug (EXPRESS berichtete). Selbstmord. Keiner versteht warum.
Stefan war gerade mal 19 Jahre alt.
Stefan S. - ein weiterer Toter in der Albtraum-Bilanz des
Bundesgrenzschutzes. Wie auch die zwei Schüler (13, 14) und die Frau (40),
die vor eine Bahn sprangen. Die 34-Jährige, die sich in ihrem Auto von
einem Zug zermalmen ließ. 21 Selbstmorde verzeichnete die Bilanz 2001 im
Bonner Raum. Jetzt gibt es auch die ersten Horrorzahlen aus 2002: zehn
Suizide in der Region Köln/Bonn - davon allein die Hälfte bei uns. Fünf
Tote in einem Jahr, das gerade erst begonnen hat.
Besonders erschreckend: Immer öfter sind es Jugendliche, die in ihrem
Leben keinen Sinn mehr sehen, für ihre Probleme keinen Ausweg. Wie auch
Peter S. (18). „Ich wusste, wie es in ihm drin aussah“, sagt Miriam B.
(alle Namen geändert) mit leiser Stimme. Sie und Peter waren enge
Freundes. „Er hat in allem nur das Schlimmste gesehen“, erzählt sie. Aber
er konnte ihr alles erzählen. Von seinen Problemen, Ängsten, Depressionen.
Miriam stand ihm immer zur Seite.
Doch einmal war sie hilflos - als Peter seine Selbstmordgedanken in die
Tat umsetzte. An einem Bahnübergang warf sich der 18-Jährige vor einen
Güterzug. Er war sofort tot. In seiner Wohnung fand Miriam einen kleinen
Altar. Kerzen, ein Foto von sich. „Er wollte, dass ich weiß, dass er sich
auf den Weg gemacht hat“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme.
Freitod - die Gründe sind oft unergründlich. Oder sie stecken so tief,
dass selbst die Familie oder Freunde nichts davon ahnen. Doch besonders
Jugendliche erleben häufig eine Lebenskrise. Aus der viele nur einen
Ausweg sehen: Suizid. Das zeigt sich in der trockenen Alters-Statistik der
Selbstmörder. „Um 20 gibt es einen Altersgipfel“, so Dr. Mira Bölefahr.
„Den nächsten erst wieder im fortgeschrittenen Alter.“
Fachleute schätzen die Zahl der Suizidversuche von Jugendlichen im Alter
zwischen zehn und 25 Jahren auf das 20-fache der tatsächlich ausgeführten
Selbstmorde. Psychiaterin Dr. Barbara Hawellek: „Die muss man sehr ernst
nehmen, da es eine große Wiederholungsgefahr gibt. Dabei wird die Schwelle
in Bezug auf die Härte der Methode niedriger.“ Familie, Freunde können oft
Suizid-Kandidaten nicht helfen. Denn, so Dr. Hawellek: „Sie sind in einem
Ausnahmezustand und haben eine extreme Denk- und Gefühlsarmut.“
Iris Klingelhöfer
Express Köln, 11.3.2002
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