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Der 14. Dalai Lama
und die Tibeter im Exil
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Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama (1999) |
Neue Probleme im Exil stossen zu den ungelösten alten |
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(u.a. Goldner und V. Trimondi) |
Seiten der Homepage |
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Zur Person |
Tenzin Gyatso wurde 1935 in Taktser geboren, einem kleinen tibetischen Dorf im chinesisch geprägten Nordosten des tibetischen Hochlandes. Fünfjährig wurde er als 14. Dalai Lama inthronisiert. 1950, wenige Wochen nachdem kommunistische Truppen der neu gegründeten Volksrepublik China den Osten Tibets unter ihre Kontrolle gebracht hatten, wurde er zum Oberhaupt von Tibet ausgerufen. Verhindern konnte der damals 15jährige den chinesischen Einmarsch in Lhasa freilich nicht. Seiner vorbeugenden Flucht ins grenznahe Chumbi-Tal folgte nach Abschluß des sogenannten 17-Punkte-Abkommens die Rückkehr. Nach wachsenden Unruhen in Tibets Osten und dem Aufstand von 1959 floh er, gefolgt von Zigtausenden, ins indische Exil. Dort hat er sich seither mit der Exilregierung im nordindischen Himalaya-Städtchen Dharamsala eingerichtet und versucht durch eine Demokratisierung der Exilgemeinde, durch Lehre und persönliches Vorbild für die Sache Tibets einzutreten. Wie diese Sache Tibets auszusehen hat wird indes mehr durch die Exilregierung und den von ihr gelenkten Informationsfluß bestimmt, als durch den in seiner Haltung stark von Gandhis Idee des gewaltfreien Widerstandes überzeugten Dalai Lama. Für seine Haltung erhielt er 1989 den Friedennobelpreis zugesprochen. Er sieht sich mehr als einfacher Mönch, denn als Gottkönig, für den er allgemein angesehen wird. |
Das Lachen auf seinen Lippen, ein scheinbar verschmitztes Lächeln,
ist immer das erste was einem auffällt, wenn er sich an ein Gegenüber
wendet. Und selbst bei der Neujahrsansprache 1997, vier Tage nachdem ein
gräßlicher Dreifachmord in seiner unmittelbaren Umgebung geschehen
war, versucht der Dalai Lama durch eine entspannte Miene seinen Landsleuten
die Unruhe der vergangenen Tage zu nehmen, als er sich an die wartende
Menge wendet. Zu Tausenden pilgern seine gläubigen Untertanen zu diesem
Anlaß in den Hof seiner Residenz, warten gespannt stundenlang auf
sein Erscheinen, wollen seinen Segen empfangen. Tröstend klingen Worte
immer aus seinem Munde, wirken sie doch heiter und gelassen. Eigentlich,
meint er, sollte man an einem solchen kalten Morgen lieber zu Hause im
Bett bleiben und einen Becher Chang, tibetisches Gerstenbier, trinken.
Er steht den einfachen Menschen nahe genug, um zu wissen, was die Härten
und Freuden des Alltags sind. Und dennoch folgen besten Wünschen zum
Neuen Jahr fröhlich ausgesprochene Ermahnungen, den Feiertag nicht
zu exzessiv mit Glücksspiel und Trinkerei zu verbringen, und sein
anschließend einsetzendes herzhaftes Lachen wiederum drückt
aus, daß er selbst für diese Laster noch Verständnis zeigt.
Die persönliche, menschliche Ausstrahlung des 14. Dalai Lama Tenzin
Gyatso zieht jeden sofort in seinen Bann. Wer mit Blick auf die oft verknöcher-ten
Hierarchen anderer Weltreligionen bei der Begegnung mit dem obersten Repräsentanten
des tibetischen Buddhismus einen steifen und gänzlich ern-sten Mönch
erwartet, wird schnell eines besseren belehrt. Kaum ein anderer kann wie
er durch seine überaus anziehende und mit gütigem Witz verbundene
Menschlichkeit ihm eigentlich völlig Fremden Nähe und Verbundenheit
vermit-teln. Und gleichzeitig strahlt er die unvergleichliche geistige
und moralische Autorität aus, für die sein Amt, vor allem aber
seine Rolle als einer der bedeu-tendsten Lehrer des tibetischen Buddhismus
steht.
Der Medienrummel, der entsteht, wann immer der Dalai Lama irgendwo
auftaucht, sowie die zahllosen Interviews, um die bei ihm nachgesucht wird,
vermitteln schnell, daß wir es mit einem der bedeutendsten Zeitgenossen
im ausgehenden 20. Jahrhundert zu tun haben. Es gibt kaum einen zweiten,
der sich so vieler Vorworte zu Büchern rühmen kann, wie er. Solche
Aktivitäten gehen weit über die eines Staatsmannes oder Religionsführers
hinaus. Der Dalai Lama ist vor allem eine Symbolfigur. Doch Symbol für
was? Für das besetzte Tibet, für den tibetischen Freiheitskampf,
den er mit Mitteln der von Gandhi propagierten Gewaltlosigkeit gewinnen
möchte. Somit steht er auch für den Frieden, den er über
die Welt gebreitet sehen möchte. Dies hat ihm 1989 den Nobelpreis
eingebracht.
Die Bedeutung des Dalai Lamas als religiöser Führer hat seit
seinem Gang ins Exil auch für die weitere Ausbreitung des Buddhismus
im Westen gesorgt. Hierbei ist er jedoch einer unter vielen, sind doch
zahlreiche andere bedeu-tende Lehrer des tibetischen Buddhismus mit ihm
ins Exil gegangen. Sein Hauptaugenmerk richtet sich jedoch darauf, die
Gemeinsamkeiten mit anderen religiösen Systemen herauszustreichen,
auch den überaus farbenprächtigen, von einem üppigen Ritual
und einer verwirrenden Götterwelt aufgeblähten Lamaismus auf
das Wesentliche zurückzuführen. „Der primäre Zweck aller
Gebete und religiösen Rezitationen sollte die Kontrolle und Disziplinierung
des Bewußtseins sein." verkündet er daher, und erläutert,
daß der Buddhismus - anders als die meisten Weltreligionen - nicht
auf der Idee eines Gottes gründet, sondern den Menschen und seine
Vervollkommnung zum Thema hat.
Ob die Botschaft immer so ankommt, wie er das gerne möchte, ist
fraglich. Sieht ihn die westliche Welt doch als geistiges und weltliches
Oberhaupt eines tibetischen Gottesstaates, dessen Form und Ausdehnung,
aber auch politische und gesellschaftliche Ausgestaltung bereits seit langem
durch westliche Pro-jektionen und Wahrnehmungen verzerrt wurde. So wie
Tibet zum Mythos geworden ist, ist der Dalai Lama gleichsam die weltliche
Manifestation dieses Mythos im Westen geworden. Und seine eigenes Volk?
Während er für die wenigen, die dessen politischer und intellektueller
Elite angehören, als poli-tische Leitfigur ihren Zwecken zu dienen
hat - und diesen Zwecken kommt der westliche Tibet-Mythos sehr entgegen
-, ist er für die Mehrheit seiner Land-sleute ein menschliches Symbol
für die Hoffnung auf Erlösung aus dem irdischen Kreislauf des
Lebens und Sterbens.
In der Anschauung von Buddhisten wie den Tibetern besteht das Leben
in erster Linie aus Leiden, dem zu entfliehen nur möglich ist, indem
man den ewigen, durch die Summe der vollführten Taten und Gedanken
aufrechterhal-tenen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt überwindet.
Der Buddha hatte den Weg hierzu vor zwei Jahrtausenden gewiesen, und es
ist ein Weg, der ein überaus hohes Maß an Disziplin erfordert,
den allenfalls Mönche zu gehen imstande sind. Der spätere Buddhismus
hat Mitleid mit den Schwächen der Menschen gezeigt und ihnen Bodhisattvas
als Erlösungshelfer zur Seite gestellt. Während ein Buddha, ein
„zur Erleuchtung Gelangter", bei seiner Erlösung erlischt und ins
Nirvana eingeht - eine vom menschlichen Geist nicht faßbare und daher
auch nicht zu beschreibende Daseinsform, die frei ist von Polaritäten
und Widersprüchen - verzichtet der Bodhisattva auf seine persönli-che
Erlösung, um allen anderen Lebewesen auf ihrem Weg dahin beizustehen.
Weisheit und Mitgefühl sind die höchsten Tugenden, die ihn auszeichnen,
und sein Wirken kann in verschiedensten Formen und Gestalten geschehen.
Eine dieser Gestalten ist der Dalai Lama, der von den tibetischen Buddhisten
als Manifestation des durch seine besondere Mildtätigkeit ausgewiesenen
Bodhi-sattvas Avalokiteshvara (Chenresi) angesehen wird.
Tenzin Gyatso sieht sich in erster Linie als einen Menschen und erst
dann als einen tibetischen Mönch. Seine Rolle als irdische Verkörperung
der mitleid-vollen Gottheit des Mitgefühls hat er sich nicht ausgesucht.
Als vierjähriger wurde er von einer Abordnung hoher tibetischer Lamas,
wie die gelehrten Mönche Tibets genannt werden, im nordosttibetischen
Taktser im schon seit Jahrhunderten stark chinesisch geprägten Nebental
eines Zuflusses des Gel-ben Flusses als Wiedergeburt seines Vorgängers,
des 13. Dalai Lamas Tubten Gyatso, entdeckt.
So ist Tenzin Gyatso als 14. Dalai Lama zu einer Zeit „Gottkönig"
geworden, als dieses Gottkönigtum dem Untergang geweiht war. Er freilich
sieht die Bezeichnung Dalai Lama nur als ein Amt an, das er innehat. In
seiner Zeit in Tibet nach dem chinesischen Einmarsch brachte ihm das gar
die Funktion eines „Stellvertretenden Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses
der Poli-tischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes" ein. Im
Exil ist er nun formell Oberhaupt der Regierung, doch wird seine politische
Macht für gewöhnlich überschätzt. Nicht allein, weil
in den Jahrzehnten nach der Flucht dem tibetischen Volk die Demokratisierung
sozusagen verordnet wurde. Nein, auch weil er teilweise Standpunkte vertreten
muß, die die Exilregierung für die einzig richtigen und möglichen
hält, um die tibetische Sache vorwärtszubrin-gen, und sie auch
vertritt, um ein Auseinanderbrechen des Konsens in der Exilgemeinde zu
verhindern - selbst wenn dabei manche seiner buddhistischen Anschauungen
zwangsläufig korrumpiert werden.
Das persönliche Anliegen dieses Dalai Lama ist seine Botschaft,
daß nur Gewalt-losigkeit zum Frieden führt und auch mit den
Chinesen Frieden geschlossen werden muß - notfalls unter Aufgabe
der tibetischen Unabhängigkeit, aber unter Garantie der größtmöglichen
Autonomie des ganzen Tibet. Schon dieses Zugeständnis aber verschafft
ihm harsche Kritik radikaler Tibeter, wenngleich er dafür Anerkennung
und Verständnis bei den meisten Gläubigen und dem Rest der Welt
fand.
Die Rückwärtsgewandtheit bei der Betrachtung Tibets, der
stete Blick auf die Geschichte, mit der Tibets Unabhängigkeit belegt
werden soll, auf die in der kommunistischen Zeit erfolgten Zerstörungen
und Verfolgungen, ist weniger durch ihn selbst so gestaltet, als
vielmehr durch seine Rolle als Integrationsfigur und Hoffnungsträger.
Schon seine Perspektiven für die Welt - Gewaltlosigkeit und Frieden
- belegen eher seinen Blick für die Zukunft. Gleichwohl führen
sie dazu, daß auch die tibetische Geschichte, die seiner Vorgänger
durch diese Perspektiven verzerrt und umgedeutet wird, denn schließlich
sind es seine persönlichen Anschauungen, die sich durch den Kontakt
mit dem Westen, vor allem aber das indische Exil und die Beschäftigung
mit den Vorstellungen Mahatma Gandhis, entwickelt haben. Die Vorstellungen
seiner Vorgänger sahen da, trotz des gleichen Glaubens, oft anders
aus.
Was aber machte die Dalai Lamas letztlich so beliebt? War es die religiöse
Autorität des III., der von den von ihm bekehrten Mongolen zum ersten
Mal den Titel „Dalai Lama" erhielt? oder die weltliche Macht des V. und
XIII.? Waren es die Liebesgedichte des VI., der trotz seines Lebenswandels
zu den bei den Tibetern beliebtesten gehört? Nein, der Grund für
das hohe Maß seiner Vere-hrung lag und liegt zunächst in seiner
Rolle als Manifestation des Bodhisattvas Avalokiteshvara. Und erst zunächst
kommt seine Funktion als Integrationsfigur, auch wenn diese seit dem Gang
ins Exil deutlich wichtiger geworden ist. Vor allem aber die Tibeter zu
Hause, in Tibet selbst, erhoffen sich seine Rückkehr, ist es doch
ihr sehnlichster Wunsch, Seine Heiligkeit noch einmal in ihrem Leben zu
sehen. Ein zwischen seinen Vertretern und jenen der chinesischen Regierung
abgesprochener Besuch war 1985 bereits geplant, wurde aber letztlich nach
Protesten seiner exilierten Landsleute, vor allem auch in der Schweiz,
abgeblasen. Der einstige „Gottkönig" ist alles andere als sein eigener
Herr.
Die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung unter den Exiltibetern
hat den vom Dalai Lama mühsam aufrechterhaltenen Konsens schon längst
in Frage gestellt. Und selbst dies wird dann gleichsam dem Dalai Lama angelastet
- oder von den „blindgläubigen" unter seinen Anhängern vehement
geleugnet. Es ist jedoch kein Wunder, daß die Spannungen innerhalb
einer Gesellschaft zunehmen, die sich in erster Linie als Hüterin
der Tradition und somit in erster Linie konservativ zeigt, bei gleichzeitiger
Aufnahme moderner Konzepte (Demokratie) und dem Umstand, ständig dieser
westlich geprägten Welt ausgesetzt zu sein. Auch wenn von einem geistigen
wie politischen Oberhaupt wünschenswert wäre, Lösungen hierfür
zu finden, so ist selbst der Dalai Lama überfordert, wenn es darum
geht, all dies ohne Reibungsverluste und ohne schmerzliche Entscheidungen
zusammenzuführen. Und da ihm dies nicht gelingt, eigentlich gar nicht
gelingen kann, ist er nach Jahrzehnten der rück-haltlosen Bejubelung
für einige inzwischen zu einem neuen Feindbild geworden. Ein Feindbild,
das die politische Führung in China bereits seit längerem pflegt.
Dieses Dilemma hat wohl niemand, zuallerletzt er selbst, geahnt, als
er 1938 als Reinkarnation des 13. Dalai Lamas entdeckt wurde. Umstände
um dessen Leichnam und Visionen eines hohen Lamas am Orakelsee hatten dazu
geführt; und mittels seit alter Zeit angewandter Prüfmethoden
wurde seine legitime Nachfolge ermittelt. Für den damals etwa dreijährigen
Lhamo, dessen besondere Freude es - nach seinen eigenen Worten - war, „sich
in ein Hühnernest zu setzen und mit den Hühnern zu gackern",
bedeutete dies das Ende seiner Kindheit. Zwar hatte er noch eine Weile
seinen älteren Bruder Lobsang Samten als Spielgefährten, doch
für lange Zeit war das in den kalten Mauern des Potala-Palastes gefangene
lamaistische Oberhaupt als kleiner Junge ziemlich unglücklich. Vielleicht
war dies der Grund, weshalb der Filmemacher Scorsese in seinem wenig geglückten
Tibet-Film im Dalai Lama keinen an-deren als den leidenden Gottes- und
Menschensohn wiederentdeckte. Die geschichtlichen Ereignisse um die kommunistische
Machtübernahme, der drohende chinesische Einmarsch und schließlich
die Besetzung peitschten den heranwachsenden Dalai Lama schließlich
von einer Verantwortung, von einer kaum zu bewältigenden Herausforderung
zur anderen: Inthronisation, Einsetzung als weltliches Oberhaupt, Übernahme
politischer Funktionen im sozialistischen Staat der Volksrepublik China
und schließlich den Gang ins Exil. Immer getrieben von den Ereignissen,
mit Aufgaben betraut, die er nicht selbst suchte, die andere von ihm erwarteten,
wurde er zum Herr des tibetischen Schicksals erkoren, ohne Herr über
sein eigenes sein zu können.
In den Jahrzehnten des Exils hat sich das, wenn auch nur bedingt, geändert.
Noch immer ist er der oberste Repräsentant des lamaistischen Bud-dhismus,
doch mit seiner mit gütigem Witz und Selbstironie verbundene Menschlichkeit
demonstriert er, daß er selbst kein Gott, sondern ein schlichter
Mönch sein will. Jedoch wollen seine Anhänger, und nicht zuletzt
auch viele seiner westlichen, einen solchen in ihm sehen, so daß
der Exilort Dharamsala für westliche Pilger ein neuer „Vatikan" geworden
ist. Und zwar nicht allein für jene, die neue Wege der Religion suchen,
sondern auch für viele der „politischen Gläubigen" (unkritisch
der Exilregierung gegenübertretenden), die vorgeben selbstlos die
Sache von anderen vertreten zu wollen, aber mit der Pflege ihres eigenen
Mythos Tibet die Lösung des Tibet-Problems nicht wirklich vorwärtsbringen.
Manchmal hat man das Gefühl, auch der Dalai Lama weiß das, nicht
wenige andere auch, doch nach Jahrzehnten der Schwarzweiß-Malerei
sind die Gräben tief und unüberwindlich geworden. Und je mehr
man Gespräche fordert, desto unmöglicher scheinen sie zu sein.
Vielleicht ist es das, was den Dalai Lama schon einmal dazu gebracht hat,
laut darüber nachzudenken, ob es nach ihm noch einmal eine Reinkarnation
geben wird?
Als der PR-Mann für die tibetische Sache ist der Dalai Lama schließlich
für alle das, was sie von ihm erwarten, aber ob er das sein darf,
was er will, interessiert keinen: ein schlichter Mönch, der sich wünscht,
er hätte mehr Zeit für seine Klausuren. Während er selbst
versucht, seine überkommene Autorität abzubauen, die ihm letztlich
ja auch Feindschaft sowohl von Seiten der chinesischen Regierung (wozu
allerdings auch vieles an Inhalt und Wortwahl
in seiner zuweilen hetzerisch wirkenden zweiten Autobiographie beiträgt)
als auch von Seiten der Radikalen („Fundamentalisten") unter seinen Landsleuten
beschert. Die persönliche Entwicklung, der individuelle Wertewandel,
die jedem Menschen zugestanden werden - ihm sind sie letztlich verwehrt,
weil er nicht nur die buddhistische Idee, sondern vor allem ein wertkonservatives
Tibet vertreten muß. Das Spannungsfeld, in dem dieser Dalai Lama
steht, kann kaum größer sein, und wohl kaum jemand ist so wenig
Herr über sein „Königreich", weder zuhause noch im Exil, wie
er. Deshalb ist gut vorstellbar, daß er der größte Demokrat
unter allen Tibetern ist, denn der Verlust einer politischen Macht, die
er eigentlich gar nicht für sich in Anspruch nehmen will, wegen seiner
integrativen Führungsrolle aber muß, könnte für ihn
als Mensch eigentlich nur eine Chance bedeuten.
„Ich bin nicht der beste der Dalai Lamas, aber auch nicht der schlechteste",
hat er einmal gesagt, „und vielleicht ist es gut, der letzte zu sein. ...
Ich bin weit mehr um Tibet als um das Amt eines Dalai Lama besorgt. ...
Solange der Titel «Dalai Lama» Tibet hilft, wird es ihn auch
weiter geben. Sollte er aber überflüssig werden, hätte es
kaum einen Sinn, ihn beizubehalten."
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| Seit den im Februar 1997 in Dharamsala begangenen Morden an einem tibeti-schen Abt und zwei seiner Schülern ist der ursprünglich inner-(exil)-tibetische Konflikt um die Schutzgottheit Dorje Shugden in die tibetisch-buddhistische „Weltgemeinde" getragen worden und hat dort hohe Wellen geschlagen. Polemisch und teilweise im Stil der Sensationspresse wurde z.B. in TV-Reportage-Sendungen wie„Panorama" oder dem schweizerischen „10 vor 10" jeweils | ein die volle Last der Schuld tragender „Gegner" ausgemacht - sei es der Dalai Lama auf der einen oder die, wie viele meinen, sektiererische Lehrtradition der Dorje Shugden auf der anderen Seite. So einfach diese Auffassung ist, so sehr kommt sie auch der allgemein im Westen üblichen Behandlung von Themen der Tibet-Problematik entgegen, die wenig geneigt ist zu differenzieren und Hintergründe öffentlich zu beleuchten. |
Die genannten Morde werden Anhängern des Kultes [1] um die Schutzgottheit
Dorje Shugden zugeschrieben, ohne daß die Hintergründe eindeutig
geklärt sind. Die Täter sind flüchtig und haben sich aus
Indien abgesetzt - gemäß Meldungen der indischen Polizei und
entsprechend allgemeiner Vorstellungen nach China, da nach Ansicht schon
fast als „standardisiert" zu bezeichnender Tibet-Unterstützergruppen
ja allein dort das negative Andere, des den Tibetern urfeindlich gesinnten
Bösen zu vermuten ist. So einseitig verzerrend solche Vorstellungen
teilweise sind, muß natürlich andererseits festgestellt werden,
daß offizielle chinesische Äußerungen zum Konflikt um
Dorje Shugden genügend Zündstoff liefern - obwohl es Sachkundigen
vor allem zeigt, wie wenig auch die chinesischen Behörden imstande
oder vor allem gewillt sind, die tibetische Situation im Exil differenzierter
zu betrachten.
Tatsächlich dürfte es kaum je solch vehemente Konflikte um
eine scheinbar rein religiös-doktrinäre Angelegenheit gegeben
haben, über die zum einen so gut wie nichts bekannt ist und über
die zum anderen selbst die, die am liebsten alles unter eine Decke der
Verschwiegenheit gekehrt hätten, sich schließlich bis zum Äußersten
polemisch über das Thema auslassen. Ohne sich mit dem vermeintlichen
Gegner, in diesem Falle den Anhängern von Dorje Shugden, inhaltlich
auseinanderzusetzen, wird wenig bis gar kein Licht in die Angelegenheit
fallen. Doch gerade hierzu scheint kaum jemand bereit - wie beispielsweise
Anfang Februar im deutschen Freiburg eine Einladung zu einem „Ge-spräch
über buddhistische Gruppen" bei Shugden-Praktizierenden gezeigt hatte.
Obwohl kaum eine andere Stadt im deutschsprachigen Raum eine solche
Vielzahl von tibetisch-buddhistischen Gruppen aufweist, erschien nur eine
einzige Person zu diesem Gespräch. Man mag zu den Auseinandersetzungen
stehen, wie man will, doch ein solcher Umstand wirft ein überaus trauriges
Licht auf alle, die sich als Vertreter und Helfer Tibets im Sinne einer
Lehre des grenzenlosen Mitgefühls, der Friedfertigkeit und gewaltfreien
Konfliktlösung verstehen - wie sie der Buddhismus anstrebt und auch
von seinem jetzigen Vertreter dem 14. Dalai Lama propagiert wird. Letztlich
dürfte ja auch das heftige Polemisieren im Internet ohne persönliche
Auseinandersetzungen mit den Betroffenen - und darüber hinaus im Namen
anderer, die dazu nicht einmal gefragt wurden - nicht gerade im Sinne dieser
Lehre sein. Diesen Umstand anzuprangern soll weder der einen, noch der
anderen Seite Recht geben, sondern vor allem zeigen, in welche Sackgasse
die Tibet-Diskussion eigentlich schon lange geraten ist.
Um deren Ursachen auf den Grund zu kommen, muß letztlich sehr
viel weiter
ausge-holt werden, was das Problem um so diffiziler macht. Eine der
wesentlichen Grund-lagen dieser „Sprachlosigkeit" - oder besser: Unfähigkeit
zur Kommunikation - liegt pri-mär darin, daß sämtliche
Stellungnahmen über und zu Tibet in Schwarzweiß-Manier zwei
grundsätzlich einander diametral gegenüberstehenden Lagern zugeordnet
werden: entweder „Tibet-Freund" oder „China-Freund" - und damit Tibet-Gegner.
Ist diese Einteilung (letztlich in gut oder böse) einerseits zwar
all jenen gegenüber, die differen-zierend zu betrachten suchen, höchst
ungerecht und insgesamt auch als höchst frag-würdig anzusehen,
so ist eine solche Betrachtungsweise von Tibetern in der Diaspora ja durchaus
nachvollziehbar. Persönlich jedoch habe ich im Laufe der Jahre die
Erfahrung gemacht, daß dieser polaritätsliebende Standpunkt
(Polarität, die der Buddhismus ja gerade zu überwinden sucht!)
von Menschen aus dem Westen oft viel vehementer vertreten wird als von
den Tibetern selbst; und zwar um so heftiger und ausschließlicher,
je weniger sie sich mit dem alten Tibet selbst auseinandergesetzt haben.
Dies scheint bei vielen im Westen, die gegenüber den Dorje-Shugden-Anhängern
Stellung beziehen, ebenfalls der Fall zu sein. Oder - und auch hier wird
wiederum die zur Einteilung in „gut oder böse" neigende Schwarzweiß-Malerei
wirksam - wenn die Rolle des Dalai Lama beleuchtet wird, wie dies in der
deutschen Panorama-Sendung vom 20.11.1997 und der schweizerischen „10 vor
10" vom 5.-9.1.1998 geschah. Das Traurige in der ganzen Angelegenheit ist,
daß die Polarisierung sehr viel mehr von Europäern und Amerikanern
zu verantworten ist als von den Tibetern selbst - genau so wie dies im
allgemeinen Tibet-Bild, wie wir in Ansätzen noch sehen werden, ebenfalls
der Fall ist. Doch woher kommt diese Vehemenz der westlichen Einmischung?
Woher dieses Interesse?
Es ist sicher mehr als legitim, sich für eine gute Sache einzusetzen
und für die Rechte von Verfolgten und Vertriebenen zu kämpfen.
Wer aber entscheidet, auf welche Art eine Sache gut ist? Sind es denn tatsächlich
die Exiltibeter (und der Rest der Tibeter?) selbst, oder sind sie inzwischen
nicht vielmehr damit konfrontiert, auf die Art und Weise zu reagieren,
wie sie zumindest seit einem Jahrhundert im Westen gesehen und interpretiert
werden? Jedem, der sich mehr als nur oberflächlich mit Tibet beschäftigt,
wird sehr schnell klar, daß selbst die Tibeter sich mit einem „Mythos
Tibet" auseinanderzusetzen haben, der in Generationen vom Westen (aber
nicht von ihm allein) erschaffen wurde. Wer würde hier nicht der Versuchung
erliegen, diesen Mythos noch zu stärken, wenn er ihm dienlich ist?
Also wiederum die Frage: welches Interesse verfolgen Menschen im Westen
bei diesem Mythos?
Wie in jüngster Zeit in viel zu wenig beachteten Symposien und
Aufsatzsammlungen aufgezeigt wurde, hat der „Mythos Tibet" mehr mit den
eigenen Projektionen des Westens zu tun als mit Tibet selbst. Dies hat
sich noch verstärkt in einer Zeit, in der sich westliche politisch-ökonomische
Konzepte zwar durchsetzen, deren weltanschauliche Grundlagen jedoch immer
mehr in Frage gestellt werden. Der Entwurf eines Gegenbildes, das gerade
aufgrund seiner scheinbaren Realität sozusagen in diesem Leben auf
dieser Welt angestrebt werden kann, vermag hier ein alternatives Lebensmodell
zu bieten: wie zum Beispiel ein grundsätzlich friedfertiges Tibet
mit einem gewaltfreien Volk, in dem Frauen einen den Männern gleichwertigen
Status einnehmen und dessen ökologisches Bewußtsein zu einem
inhärenten Aspekt seiner Kultur geworden sei. Ein Identitätsmodell,
daß letztlich alle westlichen Anhänger demokratischer Modelle,
der Friedens- und Umweltbewegung bis hin zu den FeministInnen ansprechen
wird. Und das daher auch die Tibeter der Moderne für sich übernommen
haben, zumindest die politische und intellektuelle Elite. So wird heutzutage
selbst das Tibetbild globalisiert.
Tibet steht im Westen vor allen Dingen für zwei Fragen: einerseits
die politische, der Besetzung durch China und der damit verbundenen Unterdrückung;
andererseits für seine Esoterik, seine Antworten auf religiös-existenzielle
Fragen durch den tibetischen Buddhismus. Es ist durchaus nachvollziehbar,
daß buddhistische Anhänger aus dem Westen eine solche religiöse
Weltanschauung primär nach ihren philosophischen In-halten beurteilen,
allenfalls noch danach, ob seine tibetischen Führer deren Ansprüchen
gerecht werden. Aus letzterem ergibt sich die Autorität der Gurus
gegenüber den Westlern, allerdings nicht für die Tibeter, die
ihren geistlichen Führern diese Autorität aus anderen, vielschichtigeren
Gründen zuerkennen. Tibeter trennen den Menschen, der ein Rimpoche
nun einmal auch ist, von seiner spirituellen Funktion, und können
daher seine menschlichen Schwächen und Fehler durchaus tolerieren,
ohne seine spirituelle Führung anzuzweifeln. Diese Haltung entspricht
sogar der buddhistischen Vorstellung, denn sie setzt die gute Absicht als
Maßstab über die absichtslose gute Tat. Die meisten Menschen
in westlichen Zivilisationen - Europa und Amerika - neigen jedoch dazu,
den spirituellen Lehrer nicht in tibetischer Manier nach seiner - nicht
meßbaren - „Wirkkraft" zu beurteilen, sondern mit Maßstäben,
die ihnen ein europäisch geformter, scheinbar „rationaler" Buddhismus
bietet - aber letztlich oft ihrem eigenen, nicht-buddhistischen Wertesytem
entspringen. Für viele westliche Anhänger ergibt sich so zwangsläufig
ein Hang zur Idealisierung der spirituellen Führer, die um so leichter
fällt, je mehr Ansprüche unserer modernen Gesellschaft (Umwelt-be-wußt-sein,
Emanzipation usw.) mit in die weltanschaulichen Konzepte hineinspielen.
Nun hat solches Gedankengut gerade im Zuge der Auseinandersetzung der
exiltibetischen Intelligentia mit westlichen (und indischen) Konzepten
Eingang in ihre eigenen Identitätsbilder gefunden. Die heutige „Ideologie"
des tibetischen Buddhismus rührt nicht zuletzt von der Auseinandersetzung
mit dem „buddhistischen Modernismus" her,[2] einer Neuinterpretation des
Buddhismus als eine im wesentlichen rationale Religion, die Vorstellungen
der Art, daß er eine natürliche Grundlage für die unterschiedlichsten
sozialen Reformen biete, an ihn knüpft. Entstanden aus der engen Verbindung
mit dem Antikolonialismus und Nationalismus, der sich vor allem in den
ehemaligen britischen Kolonien Südasiens entwickelt hatte, ist diese
Interpretation nicht originär tibetisch, sondern hat erst nach dem
Gang ins Exil auf die Tibeter, insbesondere die tibetische Geistlichkeit,
zu wirken begonnen.
Solche hehren Ziele eines neuen, in seinen Zügen bereits veränderten
tibetischen Buddhismus will der 14. Dalai Lama vertreten und hat sich daher
von manchem Kult distanziert - ohne ihn jedoch den Gläubigen per se
zu verbieten.3 Denn eine solche Neuinterpretation als einem rationalen,
undogmatischen System bedingt, daß „abergläubisch" anmutende
Elemente volksreligiöser Praktiken als Verfälschungen und Verzerrungen
abgetan werden. Es ist alsdann kein weiter Weg mehr, daß andere bei
der hohen Geistlichkeit als unliebsam oder ketzerisch angesehene Kulte
ebenfalls in Verruf geraten. Und der Widerstand gegen die zornvolle Schutzgottheit
Dorje Shugden, so wäre zu vermuten, ist vielleicht deshalb so vehement,
weil der Kult hier als Symbol für solche Verfälschungen angesehen
wird. Dies vernünftig zu beurteilen, ist in Laienkreisen jedoch nicht
möglich, die sich daher kein Urteil darüber anmaßen sollten.
Außerdem sind es gerade diese Dinge, die den „Lama-Buddhismus" so
originär tibetisch machen, und darüber hinaus ist der Toleranzfaktor
innerhalb der tibetischen Gläubigen ein Vielfaches höher als
im Westen. Dennoch scheint der Umstand, daß sich der Dalai Lama von
der religiösen Praxis um Dorje Shugden distanziert hat, mindestens
bei Exiltibetern in Südindien auch zu gewalttätigen Ausschreitungen
gegen manche Dorje-Shugden-Anhän-ger geführt zu haben.
Von vielen Getreuen im Westen jedoch wird der ganz wesentliche Punkt
übersehen, daß mit neuen Werten auch Vorstellungen Eingang ins
tibetisch-buddhistische System gefunden haben, die von den historischen
politischen Traditionen Tibets grundverschieden sind. Vor allem auf der
alltäglich-praktischen Ebene, denn entgegen den hehren weltanschaulichen
Ansprüchen der Reli-gion war der Buddhismus in Tibet ja in hohem Maße
politisch, da er das politische Alltagsgeschäft bestimmte. Dieser
Umstand wird bei den Exiltibetern weniger deutlich, zumal der Dalai Lama
zwar eigentlich das geistige und weltliche Oberhaupt darstellt, aber mehr
als Integrationsfigur denn als Machthaber wirkt.
Dies hat jedoch unterschiedliche Auswirkungen: Westliche Anhänger
nehmen die politische Seite der tibetisch-buddhistischen Tradition nicht
wahr oder wollen nichts mit ihr zu tun haben; eine politische und intellektuelle
exiltibetische Elite hat sich ihr Eigenbild aufgrund der vom Westen beeinflußten
neu aufkommenden Nationalismen geschaffen und verleugnet in gewisser Weise
diese alte traditionelle Verflechtung und - vor allem - deren Auswirkungen;
während die große Mehrheit der einfachen Tibeter, der chancenlosen
und ums alltägliche Überleben kämpfenden Flüchtlinge,
nach wie vor traditionell denkt, sich dabei aber - durch den Einfluß
des von ihnen verehrten Oberhauptes - zu diesen Werten dennoch hingezogen
fühlt, vor allem wohl, weil sie ihnen bessere Lebensumstände
in Aussicht stellen. Hinzu kommt der Umstand, daß entsprechend die
übergroße Mehrheit der Tibeter in Tibet selbst eher traditionell
geprägt ist und die Gemeinsamkeit mit der einfachen Bevölkerungsschicht
im Exil größer ist, als deren Affinität mit ihrer politisch-geistigen
Führung (hier wie dort). Daß Täter im Exil verübter
Untaten daher anschließend nach Tibet (und in Propaganda-Lesart dann
plötzlich: nach China) flüchten, braucht damit nicht zu verwundern,
da ja die Mehrheit der traditionell denkenden Menschen im Exil sich von
den über 95 % in der Heimat verbliebenen Tibetern nicht großartig
unterscheidet. Und die geht davon aus, daß die Anhänger von
Dorje Shugden nicht grundsätzlich gut oder böse seien, sondern
lediglich die Tat, die (vielleicht) einige Wenige unter ihnen ausgeübt
haben. Die pauschale Verurteilung, die diesem traditionellen Kult im Westen
widerfährt, ist den meisten Tibetern eher fremd.
All dies impliziert vielschichtige Brüche innerhalb der Exilgemeinde,
die durch die im Westen gängigen Idealisierungen Tibets und seiner
Gesellschaft nicht gekittet werden, sondern die Spaltung lediglich überdecken.
Das verhindert zudem die bewußte Auseinandersetzung der tibetischen
Gesellschaft mit ihren eigenen Problemen, und die Entwicklung einer vernünftigen
Streitkultur - wie sie beispielsweise in Form von gelehrten Disputationen
in tibetischen Klöstern existiert - wird dem Großteil der Bevölkerung
vorenthalten. Hier scheint es, daß der gute Wille der exiltibetischen
Führung letztlich doch das Wohl ihrer Untertanen aus den Augen verloren
hat. Was Wunder, daß die Spannungen auch und gerade in der Exilgemeinde
weiter zugenommen haben. Daß sich diese schließlich in einem
Gewaltakt wie den Dharamsala-Morden im Februar 1997 entladen, ist trauriger
Höhepunkt der Entwicklung.
In diesem Rahmen kommen nun wieder die Anhänger des Dorje-Shugden-Kultes
ins Spiel. Innertibetisch gesehen handelt es sich auf der politischen Ebene
(die westliche Jünger durchaus zu Recht nicht oder wenig interessiert)
um eine Kultgemeinschaft, deren Führung eher fundamentalistisch gesonnen
ist und von denen sich ein Dalai Lama, der als Integrationsfigur wirken
möchte und soll, daher zwangsläufig distanzieren mußte.
Es ist letztlich die innerhalb der in der Gelugpa-Schule um Dorje Shugden
versammelten Lama-Hierarchie (im alten Tibet, aber teilweise wohl auch
im Exil) herrschende Intoleranz gegenüber anderen tibetisch-buddhi-stischen
Schulrichtungen, die die Integrationsfigur des Dalai Lama zur Distanzierung
nötigte. Daß er persönlich dabei seine religiöse Autorität
in die Waagschale legte, ist durchaus üblich: Jeder tibetische Lehrer
bestimmt seinem Schüler den Weg, den er zu gehen habe, und welchen
Weg nicht. Der Schüler ist frei, dies zu akzeptieren, oder auch nicht
- in letzterem Fall verläßt er seinen Lehrer. Ein psychologisch
sicherlich sehr schwieriger, gleichwohl aber gangbarer Weg. Für seine
Parteigänger kommt eine entsprechende „Empfehlung" daher einem Verbot
gleich.
Von diesem Lehrer haben sich die Dorje-Shugden-Anhänger früh
schon abgekehrt - es ist damit ihr religiöser Wille und nicht ein
politisches Verbot, das von einer politischen Institution käme, der
der 14. Dalai Lama allenfalls noch repräsentativ, aber nicht tatsächlich
als Machthaber vorsteht. Hierin liegt das große Dilemma begründet,
mit dem er konfrontiert ist: daß nämlich Zensur, die in der
Exilgemeinde bekanntermaßen ausgeübt wird, und daß die
herrschende Intoleranz in manchen Fragen innerhalb der Exilregierung nun
ihm als der politischen Integrationsfigur angelastet werden. Wieder einmal
wird das Paradoxon wirksam, das häufig denjenigen widerfährt,
die es eigentlich „nur gut meinen" und dieses Ziel mit maßvollen,
aber auch wenig wirksamen Mitteln verfolgen; und sind sie wirksam, kommt
es zum Eklat. Da die alte tibetische Gesellschaft entweder idealisiert
(im Westen) oder verteufelt wird (von Seiten der chinesischen Führung),
werden alle in ihr auftauchenden Probleme auf ihren Repräsentanten
projiziert und damit dem Dalai Lama angelastet. Die Art des Umgangs mit
den daraus resultierenden Problemen scheint somit ebenfalls „globalisiert".
Auf diese Weise wird der Dalai Lama zum Sündenbock für (fast)
alle, die anders als er denken: für die chinesische Führung,
die eigene Fehler nicht wahrnehmen will, allemal; für gewaltbereite
Traditionalisten und natürlich für die von ihm abgelehnten Dorje-Shugden-Anhänger.
Den Parteigängern des Dalai Lama bleibt daher scheinbar nur die gleiche
Waffe der Vergeltung: Verteufelung und Ablehnung. Wenn jedoch die verschiedenen
Gemeinschaften nicht endlich lernen, auch über die massivsten Meinungsverschiedenheiten,
die größten Probleme offen zu reden, anstatt alles immer nur
auf die Haltung „Da stecken mal wieder die Chinesen dahinter!" zu reduzieren,
tut niemand der exiltibetischen Gesellschaft einen Gefallen. Nun wird der
Dalai Lama im Westen schon so lange bewundert, und doch hat kaum jemand
von seiner großartigsten Fähigkeit (die er auf Druck von Seiten
seiner Exilregierung nicht voll umsetzen kann) gelernt: zu integrieren,
statt zu polarisieren. Und jene in Europa und Amerika, die fassungslos
für wahrscheinlich vereinzelte, aber dennoch vorgefallene Gewalttaten
gegen eine Minderheit im tibetischen Exil die Augen öffnen und bereit
sind, das Problem zu thematisieren, gehen damit genau in der Form um, wie
es an der chinesischen Führung zu Recht immer kritisiert werden sollte:
Der Dalai Lama ist an allem Schuld. Das ist Globalisierung der unschönen
Art, die dem Ideal der Gewaltfreiheit der einen die wieder „modern" gewordene
Gewaltbereitschaft der anderen gegenüberstellt. So wird der Konflikt
in die tibetische Gesellschaft zurückprojiziert, eine Gesellschaft,
die von manchen idealisiert wird, während andere ihr Scheitern aufzeigen
wollen.
Was aber haben derartig polarisierende Wahrnehmungen wirklich mit den
Tibetern und dem Dalai Lama zu tun? Sie sind Menschen wie andere auch,
und die meisten unter ihnen möchten, so wie ich sie erlebt habe, weder
idealisiert noch verleumdet werden. Wir im Westen sollten lernen zu akzeptieren,
daß auch die tibetische Gesellschaft ihre Probleme hatte und noch
hat, aber wir sollten auch zulassen, daß die Tibeter bei deren Lösung
ihre eigenen Wege gehen. Manchmal scheint es, daß, wenn der tibetische
Raum chinesisch besetzt ist, es im Westen Tendenzen gibt, die Gedankenwelten
Tibets zu okkupieren...
Empfehlenswerte Literatur
für ein neues Tibet-Verständnis:
Barnett, Robert & Shirin
Akiner (ed.), „Resistance and Reform in Tibet", London 1994.
Dodin, Thierry und Heinz Räther
(Hrsg.), „Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien", DuMont
Verlag, Köln 1997.
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Ja. Geister in einem buddhistischen Sinn sind andere Wesen als Menschen und Tiere, die unser nacktes Auge sehen kann. Diese Geister sind eine Welt für sich. ...
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