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«Demographische und ethnographische Grundzüge des Hochlands von Tibet» . |
Karte
der ethnischen Gliederung des tibetischen Hochlandes
Entwurf: © Andreas
Gruschke
erschienen in: Geographische Rundschau, 49 (1997), Heft 5, S. 279-286
Copyright: © Westermann Verlagsgesellschaft, BraunschweigFür eine Abdruckgenehmigung wenden Sie sich bitte an die Westermann Verlagsgesellschaft in Braunschweig oder über dieses Kontaktformular an den Autor..
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| Demographische und ethnographische Grundzüge des Hochlandes von Tibet |
| von © Andreas Gruschke
erschienen in der Geographischen Rundschau, © Westermann Verlagsgesellschaft, Braunschweig |
| Im Westen werden mit Tibet in erster Linie Begriffe wie buddhistische Esoterik, politische Unterdrückung und gesellschaftliche Überfremdung verbunden. Tibet im 20. Jh. steht fast durchweg im Rampenlicht heftiger politischer Diskussionen. Die sogenannte Tibetfrage wird im Sinne einer Forderung nach Unabhängigkeit eines vermeintlich genau definierten Raumes diskutiert. Freilich ist diese räumliche Definition aufgrund zahlreicher Probleme keineswegs so exakt und eindeutig, wie sich das im Westen darstellt. Neben der mangelnden Auseinandersetzung mit der Historie ist es in aller Regel die Unkenntnis des ethnischen Gefüges, die eine ausgewogene Bewertung der Bevölkerungsstrukturen auf dem Dach der Welt verhindern. Das fast völlige Fehlen demographischer Daten über Tibet kommt einseitigen Interpretationen, die sich fast ausschließlich auf offiziöse exiltibetische oder chinesische Angaben stützen, entgegen. Aber gerade die demographische Struktur und ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung auf dem Dach der Welt spielen für die Beurteilung der politischen Situation Tibets - insbesondere des Problems der politischen (Des)Integration - sowie der Fragen der kulturellen Identität der Tibeter eine große Rolle. |
| Im Westen wird unter Tibet ein Land verstanden,
das sich in historischer Zeit, namentlich bis zum Einmarsch der kommunistischen
Truppen der Volksrepublik China, in großer ethnischer und soziopolitischer
Einheitlichkeit als buddhistischer Klosterstaat über den gesamten
Raum des höchstgelegenen, über 2 Mio. qkm großen Hochlandes
erstreckt habe. Nachdem die de-facto-Unabhängigkeit Zentraltibets
1913- 1950 durch den Einmarsch der chinesischen „Volksbefreiungsarmee"
(VBA) beendet worden war, begann eine politische Auseinandersetzung mit
den Vorgängen auf dem Dach der Welt auf der Grundlage schwärmerischer
Kulturutopien. Die zu Recht auftretende Trauer über die Leiden, die
die innerasiatischen Völkerschaften (!) im Zuge der kulturrevolutionären
Verfolgungen erlitten hatten, findet allerdings größtenteils
dadurch ihren Ausdruck, daß die Umwälzungen dort danach bemessen
werden, in welchem Umfang Originalität und Authentizität der
- in Europa im übrigen nur sehr einseitig betrachteten und damit kaum
verstandenen - tibetischen Kultur zerstört worden ist. Bei der Beurteilung
vermischen sich Einzelfakten mit Idealvorstellungen, und selbst sachliche
Auseinandersetzungen geographischer Arbeiten verknüpfen allgemein
anerkannte wissenschaftliche Anschauungen mit den überkommenen Klischees
eines Shangri-La-Mythos selbst in Standardwerken: "...überall wurde
dem Kult Ausdruck verliehen; dieser fand seinen Höhepunkt im Weltheiligtum
des Lamaismus, im Potala in Lhasa, dem einstigen Sitz des Dalai Lama."
(Schwarz 1989, S.402) Hier hat das im Westen weitestverbreitete Symbol
Tibets, der Palast des theokratischen Oberhauptes, das wirklich größte
Heiligtum des Lamaismus, den Jokhang-Tempel, von seinem Platz verdrängt.
Die Beschäftigung mit der Ethnographie
des Hochlandes, den historischen Wanderungsbewegungen nach und in Tibet
stellt sehr schnell die Vorstellung des ethnisch einheitlichen Landes in
Frage. Zusammen mit - noch rudimentären - demographischen Daten von
Tibet im 20.Jh. kann es die aktuelle Situation dort differenzierter erfassen
und somit neue Ansatzpunkte für ein Verständnis der Komplexität
der Tibetfrage bieten. Die komplexen Strukturen und Vorgänge sind
allerdings ohne umfassende historische Einblicke nicht endgültig zu
erfassen, für die aus Platzgründen nur auf wenige wesentliche
Werke verwiesen werden kann: Stein 1993 und Goldstein 1993. Die ethnographischen
und demographischen Grundzüge vermögen anzudeuten, wie vielschichtig
die Probleme sind, die für die bislang gescheiterte Lösung der
wichtigen Autonomiefrage Tibets - ganz zu schweigen von seiner Unabhängigkeit
- mit-, aber nicht hauptverantwortlich sind.
Die Kultur zur Bestimmung der Grenzen Tibets zugrundezulegen, bietet sich nicht an, denn mit tibetischer Kultur als der einheitlichen Lebensform Zentraltibets kann wegen der verschiedenen Ausprägungen selbst innerhalb Tibets doch nur jene lamaistisch geprägte Zivilisation gemeint sein, die sich bis nach Südsibirien (Burjätien) und damit weit über das tibetische Hochland hinaus verbreitet hat. Die sprachliche Eingrenzung ist gleichfalls
schwierig, denn Tibet ist keine Selbstbezeichnung, sondern ein aus dem
Mongolisch-Türkischen kommendes Wort. Bö-Yül (Bod-Yul) lautet
der tibetische Eigenname, was etymologisch betrachtet als „Land des Bön
(-Glaubens)" bzw. zu deuten wäre. Auch daraus lassen sich keinerlei
Schlüsse auf die Ausdehnung des heutigen Tibet ziehen, da es doch
seit Jahrhunderten eine ausgeprägt buddhistisch-lamaistische Kultur
besitzt und der Bön-Glaube nur noch ein kümmerliches Dasein fristet.
Außerdem war er keineswegs auf die Tibeter selbst beschränkt,
sondern auch Völker wie die Tu, Qiang, Monguor u.a. hingen ihm an,
ganz davon abgesehen, daß den Bön-Vorstellungen ähnliche
religiöse Inhalte sowohl den alten Chinesen und den aus der zentralen
Mongolei nach Turkestan eingewanderten Turkvölkern, als auch den Mongolen
und nordasiatischen Ethnien (Tungusen u.a.) eigen waren bzw. noch sind.
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| Weitere Kapitel dieses Aufsatzes sind: |
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