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Michael Haß: Elaine Pagels »Satans Ursprung«
I Das Markusevangelium und der jüdische Krieg Die römische Provinz Palästina (hebräisch: Judäa) gut drei Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu: Der lange angestaute Hass auf die römischen Besatzer entlädt sich in einem brutalen Aufstand. Während die Revolte vor allem auf dem Land wie ein Lauffeuer um sich greift, tritt ihr die Jerusalemer Priesterschaft, um die gewinnbringende Symbiose mit den fremden Machthabern fürchtend, entschieden entgegen. In einigen Provinzstädten gelingt es den Rebellen, die Truppen des Kaisers zu vertreiben. Die einzige Quelle für diese Vorkommnisse verdanken wir dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (römischer Name für Joseph ben Matthias), einstigem Statthalter in Galiläa und zunächst auf Druck seiner Landsleute am Krieg gegen Rom beteiligt. In Gefangenschaft „prophezeit" er dem römischen Oberbefehlshaber Vespasian baldige Kaiserwürden, was dieser anfänglich für einen Trick hält. Doch nach der Ermordung Neros und dem Aufstieg und Fall dreier Kaiser binnen Monaten erfüllt sich diese Vorhersage unerwarteterweise, und Josephus wird begnadigt. Fortan reist er als Dolmetscher und Vermittler in des Kaisers Diensten durch Palästina, von seinen Landsleuten als Verräter gehasst, von den Römern des Verrats verdächtigt, wenn sie auf Widerstandsnester stoßen. Auch an der Belagerung und Erstürmung Jerusalems 70 n.Chr. beteiligt sich der Historiograph, in deren Verlauf der Tempel niedergebrannt und das Allerheiligste samt Bundeslade, Siebenarmigem Leuchter (Menorah) und goldenen Trompeten von Vespasians Sohn Titus geplündert wird. Tausende von Bewohnern werden vergewaltigt und dahingemetzelt, wenn sie nicht schon zuvor am Hunger gestorben sind. Das ist aus dem Grund für die vorliegende Arbeit von Belang, weil das erste christliche Evangelium (Markus, einem Mitarbeiter des Petrus zugeschrieben) über Jesus von Nazareth vermutlich im letzten Kriegsjahr verfasst wurde. Die außerchristliche Quellenlage ist äußerst dürftig: Neben Josephus schreibt der römische Senator Tacitus (um 115) (1) über diesen galiläischen Zimmermannssohn, beide durchweg voller Verachtung. Doch sowohl Anhänger als auch Gegner des unter dem Statthalter Pontius Pilatus Gekreuzigten, des Aufruhrs gegen Rom Beschuldigten sehen die jesuanische Bewegung in einem Zusammenhang mit den kriegerischen Ereignissen um das Jahr 70. Die uns als Neues Testament bekannten Erzählungen werden von Sympathisanten Jesu niedergeschrieben, die den Krieg erlebt haben und in ihren Schilderungen entsprechend verarbeiten. Mit der verheerenden Tempelzerstörung und jüdischen Zerstreuung über die ganze antike Welt einher geht der Machtverlust der aristokratischen Priesterkaste (Sadduzäer), die vom Tempelopferdienst profitiert hatte. Auch an den Sympathisanten Jesu geht der Krieg nicht folgenlos
vorüber. Viele seiner Anhänger haben es abgelehnt, sich am Aufstand
gegen die Fremdherrschaft zu beteiligen, da sie die Ereignisse der späten
60er Jahre des ersten Jahrhunderts als Erschütterung der Welt mit
anschließendem Anbruch der Königsherrschaft Gottes interpretieren: Andere glauben, dass die Katastrophe Ausdruck göttlichen Zorns sei, da Sein eigenes Volk den Messias nicht angenommen hat. Vielmehr haben die jüdischen Führer, der Ältestenrat (Sanhedrin) sowie die Schriftgelehrten und Priester Jerusalems, diesen Jesus samt seinen Anhängern als verrückt und von Dämonen besessen diskriminiert. Hier beginnt die Tendenz aller vier Evangelien, die Römer von der Schuld am Tod Jesu zu ent- und die jüdischen Autoritäten zu belasten, was anhand historischer Zeugnisse über die hervorstechende Grausamkeit eines Pilatus als höchst unwahrscheinlich angesehen werden kann. Selbst der romfreundliche Josephus beschreibt ihn als einen Despoten, der sich widerrechtlich Mittel aus der Tempelkasse aneignet, aufsässige Volksansammlungen brutal auflösen lässt und sogar extra die in jüdischen Augen Götzendienst darstellenden Kaiserbildnisse auf den Standarten der Jerusalemer Garnison einführt. Die Motive für die markinische „Weichzeichnung" des Statthalters sind vielfältig: Gegenüber Außenstehenden gilt es, nach der jahrelangen Rebellion jeden römischen Argwohn gegen die als jüdische Sekte wahrgenommene Christengemeinschaft zu zerstreuen. In erster Linie aber versucht Markus eine Antwort darauf, warum der als Gottes gesalbter König geglaubte Jesus so elend am Kreuz enden konnte, des Aufruhrs gegen Rom angeklagt und von seinen Jüngern im Stich gelassen, von seinem Volk weitgehend verkannt. So stellt der Evangelist die Geschehnisse um den einstigen charismatischen Führer der Bewegung in den Kontext von Gut und Böse in der Welt, verstanden als Manifestation zusammenstoßender transzendenter Mächte. Ohne Satan ins Spiel zu bringen, erscheint die Geschichte sinnlos. Wie sollte sonst zu verstehen sein, dass Gefangennahme und Tod des verheißenen Messias nicht als endgültige Niederlage, sondern nur als erstes Gefecht in einem kosmischen Kriegsszenario aufzufassen sind, dessen Entscheidungsschlacht mit dem Kommen des „Menschensohnes" in den Wolken des Himmels (Mk 14, 62 – in Anlehnung an jüdisch-apokalyptische Literatur vor allem des Propheten Daniel) noch aussteht? Hier ermöglicht die Figur des Teufels, konkrete Feinde als Verkörperungen übernatürlicher Mächte auszumachen. Von seinem Askese-Aufenthalt in der Wüste an beginnt für Jesus laut Markusevangelium eine permanente satanische Versuchung, aus der er jedoch als Sieger hervorgegangen sei. Wie bei den anderen Evangelisten auch findet der Kampf zwischen Gut und Böse (Gott und Satan) seinen Höhepunkt mit der Hinrichtung Jesu. Es geht dem Verfasser nicht darum, eine exakte historische Biografie abzufassen, sondern zu zeigen, was diese Ereignisse zukunftsbezogen, also eschatologisch, bedeuten, nämlich den Sieg über die Kräfte des Bösen, die mit der Ermordung Jesu bereits die Oberhand zu gewinnen schienen. Um zu zeigen, inwiefern sich die Mächte der Finsternis einzelner Menschen bedienen, verweist der Evangelist auf das Vorhandensein von Dämonen. Diese werden kaum mit den Römern, dafür um so mehr mit Judas Ischariot und der Mehrheit der Juden identifiziert, deren „Unglauben" die Evangelisten schmerzhaft verarbeiten, während diese sich zugleich mit der angefeindeten Minderheit der jesusgläubigen Juden solidarisieren. Der Satan dient in den Evangelien dazu, die Schuld von „den Völkern" (hebräisch: ha goyim) auf Angehörige des eigenen Volkes zu verschieben, was bei einer Parteinahme für die jüdische Mehrheit und gegen die römischen Unterdrücker unnötig gewesen wäre. Jesus sieht sich selbst im Kampf gegen den Satan, der das „Haus Israel" in Besitz genommen hat, welches er zu reinigen und zur Umkehr (Buße) aufzufordern gekommen ist (Mk 3, 23-27). Markus schildert die Szene „Jesu mutiges Bekenntnis vor dem Hohen Rat" in konfrontativem Gegensatz zur darauf folgenden dreifachen Verleugnung durch Petrus, um seinen vom Krieg geplagten Zeitgenossen in eindringlicher Weise klarzumachen, dass sie die Wahl haben: Entweder erkennen sie die göttliche Natur des Geistes, der sich durch Jesus offenbart und stellen sich somit auf die Seite Gottes, oder aber sie gesellen sich zu den durch Satans Wirken blind gewordenen Gegnern (Ältesten, Schriftgelehrten, Tempelpriestern). Ein neutrales Sichheraushalten ist unmöglich. Im Bewusstsein, als Anhänger eines verurteilten Aufrührers Verdacht zu erwecken, wenn nicht gar Repressalien heraufzubeschwören, zeichnet Markus den judäischen Statthalter Pilatus durchweg verständnisvoll. Er „findet keine Schuld an ihm" und beugt sich erst dem Druck der aufgehetzten Volksmenge, die Jesu Hinrichtung verlangt. Und auch dann befiehlt er nicht direkt dessen Kreuzigung, sondern delegiert die Verantwortung weiter an den Sanhedrin, was historisch als unwahrscheinlich gelten muss, da Kreuzigung einzig eine römische Strafe darstellt, die vom jüdischen Religionsgericht gar nicht verhängt werden durfte. Wesentlich realistischer wird Pilatus durch Philo, prominentes jüdisches Mitglied der Gemeinde von Alexandria, in dessen Sendschreiben an Kaiser Caligula, porträtiert, in dem er „seine Bestechlichkeit, seine Gewalttätigkeit, seine Räubereien, Mißhandlungen, Beleidigungen, fortgesetzte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren sowie seine unaufhörliche und unerträgliche Grausamkeit" (2) herausstreicht. II Die Sozialgeschichte des Satans: Von der hebräischen Bibel zu den Evangelien Wie die meisten Völker, so unterscheidet auch die israelitische Weltanschauung gänzlich undifferenziert in Gut (jüdisch) und Böse (nichtjüdisch), womit ihre sie umgebenden Nachbarvölker enthumanisiert werden. Z.B. beschreibt 1.Mose 19, 37-38 die Moabiter und Ammoniter als Abkömmlinge von Lots Töchtern, zurückgehend auf inzestuöse Zeugung. Jesaja und andere Propheten des 6.Jhd. v.Chr. zitieren gar die Ungeheuer der kanaanitischen Mythologie (Drache, Rahab, Leviatan etc.) herbei, um äußere Feinde zu charakterisieren. Einige Autoren dieser Zeit gehen noch weiter und setzen einige ihrer israelitischen Mitmenschen, die durch Anbetung fremder Götter und andere Praktiken von der Thora (fünf Bücher Mose) abweichen, mit dem Satan, einem der Engel Gottes von hoher Intelligenz und hohem Rang, gleich. Somit betrachten sie ihre Intimfeinde nicht als Bestien, sondern als übermenschliche Wesen, deren angenommene Überlegenheit und Zugehörigkeit zum eigenen Geschlecht sie zu einer größeren Gefahr als ihre äußeren Feinde werden lassen. In der hebräischen Bibel wie im gegenwärtigen Judentum tritt der Satan niemals derart bösartig wie im westlichen Christentum auf, als Chef eines „Reiches des Bösen", welcher mitsamt einer Vielzahl an Dämonen Krieg gegen Gott und die Menschheit führt. Im 4.Mosebuch sowie bei Hiob erscheint er hingegen als gehorsamer Diener Gottes: als Bote oder Engel. Der hebräische Begriff satan steht ursprünglich für die Rolle des Gegenspielers, jedoch nicht als Name einer speziellen Wesenheit. Die Autoren des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts meinen vielmehr einen der Engel Gottes, den dieser in bestimmten Situationen zur Erde schickt, um die Menschen in ihrem Treiben zu behindern, vor größerem Schaden zu bewahren. Die Wurzel s’tn bedeutet „einer, der sich widersetzt, der etwas vereitelt oder als Gegner in Erscheinung tritt." Das daraus abgeleitete griechische Wort diabolos (später mit Teufel übersetzt) meint damit „eine[n], der jemandem etwas in den Weg wirft." Mit seinem Auftauchen erklären sich die Menschen überraschende Hindernisse und Schicksalsschläge. Berühmtestes Beispiel für einen hart vom Schicksal in Gestalt Satans geprüften Mann dürfte Hiob sein. Auch wenn hier seine oppositionelle Rolle klar hervortritt, so wird dennoch klar, dass der Satan noch immer ergebener Diener Gottes und Mitglied an dessen königlichem Hof bleibt: „Hast du [Satan, M.H.] achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse." (Hiob 1, 8). Auch der plötzliche Tod von Hiobs Kindern, der Verlust seiner Tierherden, ja seines gesamten Besitzes, vom Satan per himmlischem „Deal" mit Gott ausgehandelt, kann den ehrfürchtigen Juden nicht von seiner Gottesverehrung abbringen. Selbst der von Juden und Christen verehrte König David lässt sich um 1000 v.Chr. dem Chronisten zufolge vom Satan verführen, gegen heftigen Widerstand des Volkes und der Heeresbefehlshaber eine Volkszählung zum Zweck der Besteuerung durchzuführen: „Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe." (1.Chronik 21, 1) Auch der Prophet Sacharja schildert den Satan als Zwietracht säendes Wesen innerhalb Israels. So werden die vom Perserkönig Cyrus aus dem Babylonischen Exil in ihre Heimat entlassenen Juden (539 v.Chr.) von den daheim Gebliebenen als teuflische Agenten des Königs diffamiert, obwohl sie sich mit dem Wiederaufbau der Jerusalemer Verteidigungswälle sowie der Neuerrichtung des Tempels ganz dem Jahwe-Kult zu verschreiben versprechen. Vier Jahrhunderte später: Die Truppen des Judas Makkabäus vertreiben den Syrerkönig Antiochus IV. Epiphanes, der Beschneidung und Thorabefolgung verboten sowie den Tempel Zeus gewidmet und damit entweiht hatte. In der Folge erlangt die einflussreiche Hasmon-Familie die Kontrolle über das Hohepriestertum. Jedoch zeichnen sich nachfolgende Generationen dieses Clans durch eher lockeren Umgang mit den strengen Gebräuchen ihrer Vorfahren aus, was auf Widerstand in extrem religiösen Zirkeln wie den Essenern stößt. Diese sich gänzlich vom jüdischen Alltagsleben abschottende Asketengemeinschaft, später durch die Schriftrollenfunde in der Wüstensiedlung Qumran am Toten Meer weltweit berühmt, schreibt sich die erbitterte Feindschaft gegenüber dem ihrer Meinung nach verweltlichten Tempelkult auf ihre Fahnen. Für Separatisten wie die Essener zählt nur, „‘wer von uns [Juden] wirklich auf seiten Gottes steht‘" und „‘wer den Völkern nachläuft‘" (3), sprich hellenistischen Einflüssen und kommerziellen Verlockungen erlegen ist. Die religiösen Dissidenten bedienen sich verstärkt der Figur des Satans als Mittel der Charakterisierung ihrer innerjüdischen Gegner. Langsam wandelt sich der einstmals bloß lästige Engel und Diener Gottes zu dessen erbittertem Rivalen und Feind. Eine fatale Rolle, die durch die vier Evangelien des entstehenden Christentums im ersten Jahrhundert noch massiv zementiert werden sollte. Im Buch der Wächter (Teil einer größeren Sammlung, dem Ersten Buch Henoch) aus makkabäischer Zeit (ca. 160 v.Chr.) beschreibt ein anonymer Autor den Fall der das göttliche Universum beaufsichtigenden „Wachengel". In der ersten Version zwingt deren Anführer Semyaza 200 weitere Engel zur Vereinigung mit Menschenfrauen (siehe 1.Mose 6, 2) zwecks Verletzung der göttlichen Ordnung. Verwoben damit Version zwei vom Erzengel Azazel, der die Menschen in die Geheimnisse der Metallurgie einweiht, und es ihnen somit ermöglicht, Waffen zu schmieden und sich mit goldenem und silbernem Schmuck zu behängen. Auf diese Weise werden viele Erdbewohner mit Gewaltsamkeit, Habgier und Wollust verdorben. Die Moral von der Geschicht‘: Wenn selbst Erzengel fallen können, wieviel gefährdeter sind dann erst die Menschen, auch die Angehörigen des erwählten Gottesvolks. Zur ethnischen Identität des Judeseins gesellt sich die moralische: Die Zugehörigkeit zum Volk Israel genügt nicht, wenn man gleichzeitig sündig lebt und somit der Verdammnis anheimfallen wird. Durch die Vermeidung historischer Konkretisierung lässt sich diese Geschichte auf jede analoge Situation beziehen, in der Menschen ihre eigenen Lebensumstände widergespiegelt sehen, was zugleich für die gesamte Apokalyptik (Buch Daniel, Johannes-Offenbarung etc.) gilt und deren seltsame Faszination zu erklären vermag. Eine Faszination, die für einige Juden von der nach absoluter ritueller Reinheit und radikaler Abgrenzung gegenüber allen Assimilationspraktiken ihrer Landsleute strebenden Essenersekte ausgeht. Diese interpretieren die Geschichte Israels in Begriffen des kosmischen Kriegs. Als Beweise dafür gelten ihnen die Besetzung Palästinas durch Fremde und die sich damit abfindende überwiegende Mehrheit ihrer Volksgenossen. Gemäß den biblischen Regeln für den heiligen Krieg enthalten sie sich jedem Geschlechtsverkehr, übertragen ihr Eigentum ihren Führern und widmen sich ganz dem Studium der heiligen Schriften. In dieser streng dualistisch geprägten Männerwelt werden aber auch selbst Schriften verfasst, deren Name (Krieg der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis, auch bekannt als Kriegsrolle ) Programm ist: Die Mächte des Bösen haben die Herrschaft über die Welt und über das Volk Gottes errungen. In dieses ist Mastema, der Fürst der Finsternis, eingedrungen und hat die meisten Juden zu seinen Bundesgenossen gemacht. Nur sie selbst, die „Söhne des Lichts", sind der „rechtschaffene Rest" Israels, umzingelt von der jüdischen Mehrheit der „Söhne der Finsternis", einer Gemeinschaft von Verrätern und Leuten, die „vom Wege abgehen". III Matthäus‘ Kampagne gegen die Pharisäer: Den Teufel an die Wand malen Um das Jahr 100 wird der christliche Glaube bereits von vielen nichtjüdischen Mitgliedern getragen, die sich allein als das wahre Israel verstehen. Wie George Nickelsburg konstatiert: „Eine junge, noch im Entstehen begriffene Gruppierung, deren Zusammensetzung sich rasch und radikal verändert hatte, versicherte, authentischer zu sein als die Gruppierung, aus der sie entsprungen war, wobei diese Attitüde der Überlegenheit und Exklusivität zum Teil wiederum auf Vorstellungen und Attitüden zurückging, die schon der Ursprungsgruppierung zu eigen gewesen waren." (4) Infolge des verlorenen Kriegs gegen die Römer (68 – 70 n.Chr.) beginnt sich ein neues innerjüdisches Machtverhältnis auszubalancieren. Die aufgrund der Tempelzerstörung vollständig ihrer Funktion beraubten Hohenpriester und sadduzäischen Schriftgelehrten weichen einer wachsenden Gruppe von Lehrern, den Pharisäern (hebr. „die Abgesonderten"), meist einfache Kaufleute, Bauern oder Handwerker. Der Evangelist Matthäus muss um das Jahr 80 in erster Linie mit diesen Rabbis konkurrieren, die sich in der gesamten jüdischen Welt als neue Autoritäten der Thorainterpretation zu verstehen beginnen. Die fünf Mosebücher wollen sie als Ersatz für den nicht mehr existenten Tempel zum Zentrum jüdischen Lebens machen, die über den ganzen Mittelmeerraum versprengten Gemeinden in Einheit nach diesen Vorschriften leiten. Der Verfasser des ersten Evangeliums im Neuen Testament ist bemüht, Jesus in Begriffen der Pharisäergefolgschaft darzustellen, als Lehrer der wahren, universalistischen Ethik („Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!") ebenso wie als den Messias Gottes, der nicht „auch nur ein Jota" des Gesetzes aufzugeben bereit ist. Der matthäische Jesus predigt eine Thoraauffassung, der ebenso Nichtjuden gerecht werden können, ermutigt also die Juden zur Aufgabe ihrer traditionellen ethnischen Identifikation mit Israel. Dieser als Lästerung empfundenen radikalen Position vermöchten die wenigsten Juden beizupflichten. Aus Enttäuschung über ihre Halsstarrigkeit heraus greift Jesus bei Matthäus die Pharisäer immer wieder als kleinliche Heuchler an, denen es um die buchstabengetreue Erfüllung der Gesetzestexte, nicht aber um göttliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ginge. Der Autor dieses Evangeliums versteht es geschickt, traditionelle Rollen in ihr Gegenteil zu verkehren: Der jüdische König Herodes tritt wie sonst üblich der Pharao als Bösewicht auf, der gleich nach der Geburt Jesu mit ganz Jerusalem über die Ankunft des neuen Herrschers erschrickt und ihn zu töten trachtet, indem er sämtliche Knaben bis zwei Jahren umbringen lässt. Ägypten, gemeinhin Synonym für Unterdrückung und Sklaverei, wird zum rettenden Zufluchtsort für das Jesuskind samt Familie, in welches der Engel Josef im Traum zu fliehen befiehlt. Die schroffe Opposition zum eigenen Volk nimmt bei Matthäus immer konkretere Gestalt an, unter anderem im Anschluss an die Bergpredigt, als Jesus einen römischen Offizier heilt und ihn staunend ob seines Glaubens lobt, den er „in ganz Israel bei keinem gefunden" habe. Um gleich darauf zu wettern: „Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen, aber die Kinder des Reichs werden hinaus gestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. (Mt 8, 11-12) Das Verhältnis zwischen Jesus und den Pharisäern erscheint als ungleicher Kampf einer verleumdeten Minderheit, den Judenchristen, gegen die weithin als Autorität geachtete Mehrheit der Gesetzeslehrer. Matthäus bedient sich der Quelle Q (einer Sammlung von Jesussprüchen, aus der sowohl Markus als auch Matthäus schöpfen), um zu zeigen, wie der Teufel dreimal während Jesu Wüstenaufenthalt erscheint, um ihn zu versuchen, analog zu den späteren Versuchen seiner pharisäischen Gegenspieler. Satan nimmt hier die Rolle eines gewieften Schriftgelehrten ein, der mehrmals in cleverer Weise biblische Texte heranzieht („Bist du nicht Gottes Sohn..."), um die göttliche Autorität Jesu in Frage zu stellen. Gegen den Vorwurf mangelnder Befolgung der Sabbat- und Speisevorschriften verteidigt Matthäus Jesus, indem er darlegt, dass dieser nicht weniger, sondern mehr Rechtschaffenheit ausgeübt habe. So verbietet die jesuanische Thoraauslegung der Bergpredigt nicht nur Mord, sondern auch Zorn und Beleidigung („Und wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester sagt: ‚Geh zum Teufel!‘, gehört ins Feuer der Hölle" => aus Mt 5, 22: Gute Nachricht Bibel, Stuttgart 1997). Das mosaische Verbot des Ehebruchs steigert Jesus zum Verbot der Begierde. Der Nazarener sieht sich von Seiten der Pharisäer beschuldigt, er „treib[e] die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten" (Mt 12, 24). Unmittelbar nach einer seiner Heilungen am Sabbat beschließen sie gar, ihn umzubringen (Mt 12, 14). Der als übernatürlich geschilderte Konflikt spitzt sich in einer fatalen Polarisierung zu, in deren Verlauf Matthäus seinem Jesus die Worte in den Mund legt: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." (Mt 12, 30). Im Gleichnis vom Unkraut setzt er seine Gegner mit der Nachkommenschaft Satans gleich: „Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. Der Feind, der es sät, ist der Teufel." (Mt 13, 38 f.) In Mt 23 erreicht die Eskalation ihren Höhepunkt: Siebenmal werden die Pharisäer als Scheinheilige und Heuchler tituliert, die den Menschen den Zugang zur künftigen Welt Gottes versperren. Göttlicher Zorn „verfolgt dieses Geschlecht" (Mt 23, 36), „damit über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Secharja [...], den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar." (Mt 23, 35). Auch wenn es bei den antiken Philosophengruppierungen oft heftige gegenseitige Angriffe gegeben hat, so erfolgt eine Verleumdung abweichlerischer Meinungen als dämonische Besessenheit wohl nur bei den Christen und Essenern, die ihre Glaubensstreitigkeiten auf die Ebene eines kosmischen Krieges heben. Von liberalen Rabbinern zu Zeiten Jesu wie Hillel und Shammai sind identische Aussagen wie diejenigen des Nazareners überliefert („Was du nicht willst, dass andere dir antun, das tue auch ihnen nicht an. Das ist die ganze Thora."). Doch selbst ein Liberaler wäre der moralischen Neuinterpretation unter Wegfall der rituellen Vorschriften (Speise- und Reinheitsgebote) à la Jesusbewegung entgegengetreten, liegt in ihnen doch in besonderem Maße die jüdische Identität als heiliges Volk Israel beschlossen, die viele Pharisäer sicher von den spalterischen Christen bedroht gesehen haben mögen. Einer der Kernpunkte der matthäischen Botschaft ist die Aufhebung des ethnischen Kriteriums für die Teilnahme am Reich Gottes. Zugehörigkeit zum Volk Israel ist nicht länger obligatorisch notwendig. Statt dessen zählen Großherzigkeit, Mitleid und Gerechtigkeit. Während seiner Schilderung Jesu Anklage vor Pilatus geht Matthäus ein ganzes Stück weiter als noch Markus es getan hatte. Historisch höchst unwahrscheinlich lässt er Pilatus seine Hände waschen, um zu signalisieren, dass er unschuldig am kommenden Blutvergießen sei. Darauf habe das ganze Volk samt seinen Führern die kollektive Verantwortung auf sich genommen und skandiert: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." (Mt 27, 25) Eine Passage, an der zahlreiche Exegeten gewichtige Mitschuld an Strömen jüdischen Blutes, vergossen durch Christen, festgemacht haben. Als Folge anhaltender Feindseligkeit und Unglaubens seitens der jüdischen Mehrheit sieht der Evangelist das vertane Erbe derer, die der frohen Botschaft ablehnend gegenüberstehen. Die einst zum auserwählten Volk gehörten, haben sich selbst ausgeschlossen. In dieser Logik wird das römische Massaker in Jerusalem 70 n.Chr. zum göttlichen Strafgericht über die Juden aufgrund ihrer Zurückweisung seines Sohnes. Unter den Nichtjuden ein empfänglicheres Publikum erwartend, schließt Matthäus seine Erzählung mit dem sog. Missionsbefehl „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker" (Mt 28, 19). IV Lukas und Johannes beanspruchen Israels Erbe: Die Spaltung vertieft sich Als mutmaßlich einziger nichtjüdischer Autor unter den Evangelisten spricht Lukas jene Konvertiten aus dem hellenistischen Raum an, die sich als wahre Erben Israels verstehen. Während bei Matthäus erst die Weigerung, Jesus als Messias anzunehmen, dazu beiträgt, Gottes Bund den „Heiden" anzutragen, so ist es nach Lukas schon immer göttlicher Plan gewesen, die Erlösung allen Menschen in Aussicht zu stellen. Im Unterschied zu Matthäus sind bei Lukas nicht alle Pharisäer Jesus gegenüber feindlich eingestellt. Einige zeigen Interesse an ihm und laden ihn zu Tisch, von anderen wird er sogar vor der bevorstehenden Gefahr des Mordkomplotts gewarnt. Die pharisäischen Verschwörer hingegen haben für Lukas die Rolle des Satans angenommen (Lk 22, 2). Besondere Priorität genießen für ihn die Notleidenden und gesellschaftlich Geächteten, also Kranke, Frauen, Samaritaner, Prostituierte und Zolleintreiber (letztere in Diensten der verhassten Römer stehend). Gerade diese Randgruppen gehören für den Evangelisten zu Gott. Der als spiritueller Krieg gedeutete Gegensatz zwischen Jesus und
seinen Anhängern sowie den jüdischen Führern nimmt immer schärfere
Formen an: Als die von ihm ausgesandten siebzig Jünger triumphierend von ihrer Verkündigung des göttlichen Königtums zurückkehren („Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen."), sieht Jesus seinen Sieg über das Böse in greifbarer Nähe: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes." (Lk 10, 18-19) Bevor der Satan vor dem verhängnisvollen Passahfest in Judas Ischariot fährt, prophezeit Jesus mit einem Gleichnis, dass er selbst als König wiederkommen werde, um seine Feinde vernichtet zu sehen. Nach der Rückkehr aus einem fernen Land, wo er ein Königtum empfangen hat, spricht Jesus in Gestalt des Herrschers über seine heimischen Feinde: „Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringet her und macht sie vor mir nieder." (Lk 19, 27) Unerbittlich wie gegen seine pharisäischen Kontrahenten zeigt er sich auch gegen den vom Satan zum Verrat angestifteten Judas: „Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist, doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird." (Lk 22, 22) Noch mehr Öl ins Feuer gießt der Verfasser des Johannesevangeliums, von dem viele Forscher annehmen, dass er und viele Glaubensbrüder seiner Zeit im Verlauf scharfer Auseinandersetzungen mit den jüdischen Führern aus den Synagogengemeinden ausgeschlossen worden waren. Einige Forscher sind der Ansicht, dass diese Krise von Rabbi Gamalial II. (80 – 115 n.Chr.) ausgelöst worden sei, welcher das birkat ha-minim („Segnung der Ketzer") in den Gottesdienst einführte, ein die als „Nazarener" bezeichneten Christen verfluchendes Gebet. Möglicherweise taucht diese Formel aber erst in späteren Zeiten auf. In jedem Fall müssen traumatische Erlebnisse für die Gruppe um Johannes dafür verantwortlich sein, sich abgespalten als von der Welt gehasste Minderheit des Volkes Gottes zu fühlen. Der Jesus des Johannes ereifert sich einer Gruppe ihm gegenüber gläubiger (!) Juden zu dem Ausbruch: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an." (Joh 8,44) Der johanneische Satan erscheint weniger figürlich denn als Inkarnation: So wie Jesus als göttlicher Logos die Mächte des Lichts verkörpert, so inkarniert sich der Teufel in Judas Ischariot sowie in den gegnerischen jüdischen Autoritäten und schließlich in denen, die Johannes als „die Juden" und zum Teil als Verbündete des Satans bezeichnet.
V Satans Reich auf Erden: Die Christen gegen die Heiden Im Zeitraum der Abfassung der vier Evangelien, etwa 70 bis 100 n.Chr., wird aus der jüdischen Reformbewegung nach und nach eine nichtjüdische Gemeinschaft. Viele neue Gläubige müssen erleben, dass es eine Gefahr für Leib und Leben bedeutet, Christ zu werden. Aufgrund ihres „Atheismus" sehen sie sich zunehmend von römischen Offizieren und städtischen Massen angefeindet, da diese den Zorn der Götter über ihre ethnischen Zusammenschlüsse fürchten. Machten frühere Generationen an Christen den Satan noch unter ihren jüdischen Mitbürgern aus, so vermeinten die neuen Konvertiten ihn im Angesicht der römischen Verfolgung unter den Nichtjuden am Werke zu sehen. Diese Verfolgungssituation drückt sich bei zahlreichen Christen in dem Gefühl aus, sich in einen spirituellen Krieg verwickelt zu sehen. „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel." (Epheser 6, 12) Ins gleiche Horn bläst der Verfasser der Johannes-Apokalypse, der in düsteren ekstatischen Visionen und prophetischen Bildern von Tieren und Ungeheuern die Mächte Roms charakterisiert, indem er das Imperium mit „dem Teufel und dem Satan" (Offenbarung 20, 2) gleichsetzt. Was die meisten Juden am Christentum abgestoßen hatte, sollte auch bei vielen Heiden auf aggressive Ablehnung stoßen: das Durchschneiden der traditionellen Bindung zwischen Volk/Nation und Religion. Die Kluft zieht sich quer durch Familien und Freundschaften, da die Christen es strikt ablehnen, den paganen Bräuchen weiter zu huldigen, was wiederum den Unmut der orthodoxen Altgläubigen hervorruft. Am Beispiel des Konvertiten Justin (um 140 aus Kleinasien nach Rom gekommen) sei beispielhaft die Bewusstseinslage vieler Christen damaliger Zeit veranschaulicht: Aufs tiefste beeindruckt vom heiteren Mut, mit dem eine kleine Gruppe Jesusanhänger sich im Amphitheater unter frenetischem Jubel der Menge von wilden Tieren zerreißen lässt, macht er eine übernatürliche, ungeheure Kraftquelle aus, auf die diese Menschen gestoßen sein müssen, dass sie sich um ihres Glaubens willen derart zerfleischen lassen. Wie er später erfahren sollte, beziehen diese ihre Zuversicht aus der Überzeugung, ihr Todeskampf und Tod beschleunige den Sieg Gottes über die satanischen Mächte, welche für sie vom römischen Magistrat, aber auch von den Zuschauern der blutigen Gemetzel verkörpert werden. Für Justin sind es dieselben unsichtbar-diabolischen Energien, die die Heiden zum Christenhass treiben, die seinerzeit die von Homer beschriebene troische Helena, welche von Aphrodite befallen wurde, durch ehebrecherische Leidenschaft ihr Volk in den Krieg treiben ließen oder die Athener Volksmassen veranlassten, gegen Sokrates zu hetzen. Die pagane Umwelt, in der sich die Christen bewegen, ist zutiefst von der universellen Macht des Schicksals überzeugt. Viele Menschen suchen Magier auf, um bestimmte Dämonen anzurufen, die die Gesundheit ihrer Klienten wiederherstellen helfen, in der Liebe, auf der Arbeit oder bei Pferderennen Erfolg garantieren sollen. Fremdländische Kulte boomen, da sich die Menschen versprechen, durch Initiation in die Zeremonien ägyptischer Gottheiten wie Isis und Serapis die Fügungen des Schicksals zu beeinflussen. Im Unterschied zu den Heiden, die vielfach in den scheinbar verschiedenen Mächten des Universums ein und die selbe Energie sehen, verehren letztlich nur Juden und Christen einen einzigen Gott, der alle anderen als böse Dämonen brandmarkt. Und wiederum sind es ausschließlich die Christen, die die übernatürliche Welt in zwei einander feindliche Lager einteilen: das des einen wahren Gottes und das vom Teufel und seiner Dämonenschwärme. Der christliche Teufelsglaube, der den Satan als mit Gott ebenbürtig auf einer Stufe stehend hinstellt, provoziert immer wieder Attacken, so z.B. des religiösen Platonikers Celsus in dessen Traktat Wahres Wort, in welchem er den „gottlosen" Teufelsglauben als ein Abrücken vom Monotheismus geißelt: „Übrigens ist dies nun [...] ein ganz gottloser Ausspruch, dass der höchste Gott [...] seinen Widersacher hat und ohnmächtig ist." Laut Tatian, einem Schüler Justins, sind auch philosophisch Gebildete wie Kaiser Marc Aurel (der stets bemüht war, sein Schicksal mit Fassung zu tragen und Selbstmitleid, Trauer, Wut zu überwinden) vor den Anläufen der Dämonen nicht gefeit, da diese die Philosophie selbst zum Vehikel ihrer unterdrückerischen Tyrannei machen. Die Macht des Schicksals ist für Tatian gerade nicht göttlichen Wesens, sondern Ergebnis dämonischer Verschwörung, welche die Heiden auch zur Anbetung ihrer diversen Götter samt Statuenerrichtung getrieben hat. Erstaunlicher Weise kommt er zu der Erkenntnis, dass Krankheit, Unfall und Tod nicht übernatürlichen Ursprungs, sondern rein säkulare Folge der physischen Konstitution des Menschen sind. Obwohl ein jeder diesen Zufälligkeiten ausgesetzt sei, hätten sie doch keine tatsächliche Macht über Menschen, die Gott durch die Taufe angehören. Origenes (185 – 254), einer der Kirchenväter, äußert sich über die Märtyrer, dass „die Seelen derjenigen, welche um ihres christlichen Glaubens willen sterben und wegen ihrer Frömmigkeit ruhmvoll den Leib verlassen, die Macht der Dämonen br[ä]chen und ihren Angriff auf die Menschen lähmten [...]" (5) VI Der Feind im eigenen Lager: Die Dämonisierung der Ketzer Das zweite Jahrhundert bringt neue Konfliktpotentiale mit sich. Überall in den Provinzstädten des Imperiums gelingt es christlichen Gruppierungen, Tausende neuer Anhänger zu gewinnen. Tritt der männliche Vorstand reicher Haushalte zum Christentum über, verlangt dieser oft auch von seinen Familienangehörigen und Sklaven, sich taufen zu lassen. Es kommt zu innerchristlichen Debatten über die Frage, ob Bekehrte weiterhin an ihren sozialen und familiären Beziehungen festhalten oder diese abbrechen sollen. Manches Mal finden mehrere Gruppierungen an einem Ort verschiedene Antworten auf diese Frage, was zu heftigen Richtungskämpfen führt, da jeder „das" Evangelium ein wenig anders versteht. Bereits um das Jahr 90 wird im sog. Clemensbrief von ernsten Zwistigkeiten berichtet, als eben jener Clemens (nach Petrus zweiter oder dritter Bischof von Rom) diejenigen Gemeindemitglieder von Korinth tadelt, die sich weigern, die Autorität ihrer lokalen Priester anzuerkennen und gegen die Differenzierung in bevollmächtigte Priester und einfache Laien antreten. Doch derartige Kontroversen beschränken sich keineswegs nur auf Korinth: Im ganzen Reich kommt es zu Auseinandersetzungen über ähnlich gelagerte Streitpunkte, was viele Kirchenführer, die sich mit der „apostolischen Sukzession" (Berufung auf die Amtsnachfolge der Apostel Jesu) identifizieren, dazu veranlasst, Clemens‘ Brief abzuschreiben und in eine größere Sammlung mit dem Titel Die Apostolischen Väter aufzunehmen, welche die wachsende Autorität der Geistlichkeit sowie die strikte Befolgung der Sittengesetze betont. Die meisten Christen folgen dem sich allmählich herauskristallisierenden Kanon der Heiligen Schriften ebenso wie dieser zweiten quasi-kanonischen kirchlichen Überlieferung. In einigen der zu den „Apostolischen Vätern" gezählten Schriften lässt sich die Tendenz zur Entschärfung der radikalsten sozialkritischen Jesussprüche feststellen: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt 6, 24); „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen" (Lk 18, 22). Besonders im Barnabasbrief und in der Didache sind detaillierte Warnungen vor sexuellen Verfehlungen enthalten, wie z.B. vor „Knabenschändung", „Hurerei" (vermutlich jede Form außerehelichen Sexualverkehrs), Ehebruch und Abtreibung. Dieser Moralkodex sollte die christliche Lehre in den kommenden Generationen, gar Jahrtausenden, beherrschen. Recht früh schon beginnen diverse Kirchenführer, den Kanonisierungsprozess der heiligen Schriften voranzutreiben, um die ihrer Meinung nach authentischsten Teile der Jesus-Überlieferung als allgemein verbindlich für jeden Christen festzuschreiben. Um 170 begründet Bischof Irenäus von Lyon seine Meinung, warum es lediglich vier Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas, Johannes) geben dürfe damit, dass es äquivalent dazu vier Winde, vier Gegenden des Universums und vier den Himmel tragende Pfeiler gebe. Die zahlreichen anderen Schriften wie das Thomasevangelium seien „Abgrund des Unsinns und der Blasphemie gegen Gott" (6), fordern sie doch dazu auf, direkten, von Klerus und Kirche unabhängigen Zugang zu Gott zu suchen. So symbolisiert das göttliche Königreich dem Thomasevangelium gemäß einen veränderten Bewusstseinszustand. Wer sich selbst kennenlernt, lernt zugleich Gott als Quelle des eigenen Seins kennen. Dagegen geht es den christlichen Führungspersönlichkeiten darum, die Autorität derjenigen Texte durchzusetzen, die die junge Glaubensgemeinschaft zu institutionalisieren versprechen. Eine kleine Minderheit die Autorität der Bischöfe und Priester in Frage stellender Christen zieht sich um 180 den Zorn des Irenäus zu, der in einer massiven Attacke („Gegen die Häresien") gegen abweichlerische, von ihm als Ketzer diffamierte Christen, die er als „geheime Agenten des Satans" sieht, vorgeht. Solche Leute, die von sich behaupteten, Christen zu sein und von allen dafür gehalten würden, verbreiten laut Irenäus „das bittere und bösartige Gift der Schlange [...], auf welche die Apostasie zurückgeht"(7). Als 1945 im oberägyptischen Nag Hammadi viele Schriften der verketzerten Christen entdeckt werden (z.B. das Thomasevangelium), stellt sich heraus, dass der Vorwurf des Irenäus und anderer, die missliebigen Querdenker führten einen ausschweifenden Lebenswandel, nicht zutrifft. So widmet sich etwa das Testimonium der Wahrheit der Frage nach der „echten" Evangeliumsbotschaft über Christus und seine Lehre: „Dies also ist das Zeugnis der Wahrheit, wenn der Mensch sich selbst erkennt sowie Gott, der über der Wahrheit ist: Dieser wird gerettet werden." (8) und: „Niemand kennt [...] den Gott der Wahrheit außer allein jenem Menschen, der alle Dinge der Welt hinter sich lassen wird." (9). Was also einen „wahren Christen" auszeichnet, sind u.a. der Verzicht auf sexuelle Aktivitäten und kommerzielle Geschäfte. Der Autor des „Testimoniums der Wahrheit" geht in seiner Radikalität so weit, dass er die Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 in ihr Gegenteil verkehrt, indem er behauptet, dass die Schlange in Wirklichkeit Christus sei, da sie Eva erzählt habe, dass der Genuss vom Baum im Zentrum des Paradieses keineswegs den sofortigen Tod herbeiführe, wie Gott gewarnt hatte, sondern das erste Menschenpaar teilhaftig an göttlicher Erkenntnis habe werden lassen. Dieser übernatürliche, als Gott verkleidete Herrscher, der daraufhin die Schlange verflucht, ist laut Testimonium neidisch auf seine eigene Schöpfung, ja ignorant und rachsüchtig. Für Tertullian, einen weiteren Kirchenführer, stellen derart unkonforme Ansichten automatisch Häresie dar. Dem Ursprung des griechischen Wortes hairesis (=Wahl) folgend, schreibt er, ein Häretiker sei jemand, der sich „auch das ausgewählt hat, worin er verdammt wird" (10). Das Wählen stellt für ihn deshalb ein Übel dar, weil es die Gruppenidentität zerstöre. Zur Beseitigung des Ketzertums sei es erforderlich, dass die Kirchenväter den Leuten das Fragen verbieten. Ihre Inspiration zur alternativen Bibelauslegung verdanken die christlichen Dissidenten Tertullian zufolge dem Satan, der schließlich die Künste der „geistigen Kriegführung", u.a. auch die falsche Exegese, erfunden habe. Valentin, ein Zeitgenosse Justins, gerät mit seiner Aufforderung, über das wörtliche Schriftverständnis hinauszugehen, schnell ins Fadenkreuz der Ketzerjäger. Für ihn sind zwar Taufe und gemeinsames Bekenntnis unabdingbar, im Vordergrund aber steht für Valentin und die Gnostiker (gr. gnosis: Erkenntnis, Weisheit) die Selbsterkenntnis: „[...] trachte zu erkennen, woher es komme, daß man ohne zu wollen betrübt sei, sich freue, liebe, hasse, wache, schlafe, sich erzürne, Wohlwollen hege, und [...] wenn du dies genau untersucht hast, wirst du ihn [Gott, M.H.] in dir selbst finden." (11) Für Valentin und seine Gefolgschaft ist die moralische Ordnung, also die Gebote guter und Verbote böser Taten, welche die Bischöfe versuchen durchzusetzen, verbindlich. Aber sie unterscheiden zwei Arten von Christen: die Mehrheit der „ekklesiastischen" (oder „psychischen") Christen sowie die einer zweiten, geheimen Initiation teilhaftig gewordenen reifen, „spirituellen" Christen, nämlich sie selbst, die vom bloßen Glauben zur spirituellen Erkenntnis, der Gnosis, fortgeschritten sind. Die von den meisten als harmlose Gemeinschaft innerhalb der Kirche akzeptierten Gnostiker lehren ihre Anhänger, im biblischen Gott ein anthropomorphes Abbild der wahren göttlichen Quelle zu sehen, die allem Sein zugrunde liege und undarstellbar sei. Für Kirchenführer wie Irenäus stellt ein solch konspirativer Kreis im Innern der Kirche eine potentielle Spaltungsgefahr dar, die die zerbrechlichen Strukturen des moralischen und organisatorischen Konsens bedroht und damit schleunigst eliminiert werden muss. VII Eigene Bewertung Die Arbeit von Elaine Pagels bemüht sich akribisch um die Synopse zahlreicher Passagen der Evangelien unter dem Blickwinkel ihrer „satanischen" Aussagekraft. Dabei wird in bestechender Weise das dualistische Weltbild der frühen (Juden-) Christen deutlich, welches in der sich zuspitzenden Auseinandersetzung mit der nichtjesuanischen jüdischen Mehrheitsgesellschaft zur Dämonisierung dieser als Gegner in einem als kosmischem Kriegsszenario empfundenen Richtungskampf zwischen den göttlichen und dämonischen Mächten neigt. Parallelen zur Denkstruktur heutiger islamistischer Terroristen drängen sich förmlich auf, wenn man liest, mit welcher Gelassenheit christliche Märtyrer in die römischen Arenen stiegen, fest im Glauben, durch ihren grausamen Tod dem Sieg Gottes zum Durchbruch zu verhelfen. Gut herausgearbeitet werden auch die theologischen Grundlagen eines späteren Antisemitismus, welche in der Schuldverschiebung von den Römern auf die Juden in punkto Kreuzigung sowie den Hasstiraden gegen die Pharisäer bzw. Juden an sich durch die Verfasser vorwiegend des Matthäus- bzw. Johannesevangeliums ihren verheerenden Ausdruck finden. In den weiteren Kapiteln wird ersichtlich, nach welchen Kriterien der neutestamentliche Kanon zustande kam, nämlich nach knallharten institutionsstützenden Gesichtspunkten, die von einzelnen Kirchenvätern autoritär durchgesetzt wurden, lange bevor die Konstantinische Wende ein Ende der Verfolgungen und die christliche Staatsreligion brachte. Nach Innerlichkeit und Mystik strebende Strömungen wurden früh verketzert und die mutmaßliche Lehre Jesu vom Angenommensein der religiös Geächteten somit auf den Kopf gestellt. Von daher eignet sich die Lektüre nicht zuletzt zum Verständnis fundamentalistischer Schwarz/Weiß-Sichtweisen und anmaßenden klerikalen Machtkalküls. Anmerkungen: Die Kapitelüberschriften (bis auf Kap. VII) sind mit denjenigen in Elaine Pagels „Satans Ursprung" (New York/Toronto 1995) identisch. Zitierte Bibelstellen entsprechen der im Buch angewandten Übersetzung. Markus = Mk, Matthäus = Mt, Lukas = Lk, Johannes = Joh
(1) Tacitus: Annalen (Stuttgart, 1964) (2) Philo von Alexandrien: Sendschreiben an Caligula – Die Werke in deutscher Übersetzung (hg. Von Leopold Cohn, Isaak Heinemann, Maximilian Adler und Willy Theiler, Berlin 1964, Bd. VII, S. 249 f.) (3) zitiert nach Elaine Pagels: Satans Ursprung, S.82 (4) George Nickelsburg: Revealed Wisdom as a Criterion for Inclusion and Exclusion, S.73 (5) Origenes: Gegen Celsus (6) Irenäus von Lyon: Epideixis (Darlegung der apostolischen Verkündigung), Adversus Haereses (Gegen die Häresien), übers. Und eingeleitet von Norbert Brox (Freiburg/Breisgau, 1993) (7) Irenäus: Gegen die Häresien, Buch 1 (Vorrede) (8) Testimonium der Wahrheit, deutsche Übersetzung Klaus Koschorke (9) Ebd. (10) Tertullian: Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (11) Hippolytus: Die Widerlegung aller Häresien
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Michael Haß studiert Religionspädagogik und Deutsch im 7. Semester |