Mediziner begehen häufiger Selbstmord als Angehörige anderer Berufe -
und sie gehen mit tödlicher Perfektion vor.

DER SPIEGEL 14/2002 - 30. März 2002
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,189415,00.html
 

Ärzte

Narkose ins Jenseits

Mediziner begehen häufiger Selbstmord als Angehörige anderer Berufe -
und sie gehen mit tödlicher Perfektion vor.

Auch bei seiner letzten Operation wollte der erfahrene Chirurg nicht
auf sein gewohntes Handwerkszeug verzichten. Er betäubte sich beide
Leisten mit einem lokal wirksamen Narkosemittel. Dann präparierte er
mit dem Skalpell beide Oberschenkelarterien frei.

Mit einem schnellen Schnitt durchtrennte er schließlich die linke
Arterie - Minuten später war sein Körper nur noch eine leblose Hülle.
Von seinem blutreichen Ende bekam der Lebensmüde nichts mehr mit:
Rechtzeitig hatte er sich einen äthergetränkten Wattebausch vor die
Nase gehalten.

Ausgerechnet die Mediziner, die eigentlich Leben retten sollen,
bringen sich doppelt so häufig um wie Angehörige anderer
Berufsgruppen; bei Ärztinnen liegt die Selbstmordrate sogar vierfach
über dem Durchschnitt.

Pro Jahr verzweifeln 100 bis 200 deutsche Mediziner am Leben. Die
Tendenz zum Freitod ist in den vergangenen Jahren deutlich
gestiegen. "Mindestens einmal im Monat", berichtet Bernhard Mäulen,
Psychiater und Psychotherapeut in Villingen-Schwenningen, der selbst
mehr als hundert Ärzte in seiner Praxis betreut, "kommen Kollegen mit
Selbstmordgedanken zu mir. Früher ist mir das nur selten passiert."

Eingeweihte rechnen mit einer hohen Dunkelziffer: Aus Rücksicht auf
die Angehörigen der Kollegen scheuen sich viele Ärzte, die wahre
Todesursache auf dem Totenschein zu vermerken. Zudem lassen sich die
von den lebensmüden Heilern verwendeten Arzneistoffe mit
toxikologischen Routinemethoden häufig gar nicht erkennen. Die
tatsächliche Zahl der Mediziner-Selbstmorde, so schätzen Experten,
könnte deshalb bis zu zehnmal höher liegen.

Die ärztliche Fachpresse reagiert auf die steigenden Fallzahlen
verstört: "Warum bringen sich so viele Ärzte um?", fragte unlängst
die "Münchener Medizinische Wochenschrift" ratlos.

Bislang schien der Freitod vor allem ein Problem von Psychiatern zu
sein. Doch neuere Untersuchungen zeigen, dass auch Chirurgen und
Anästhesisten, Internisten, Praktiker, Gynäkologen und sogar
Augenärzte als besonders selbstmordgefährdet gelten müssen.

Viele der Suizidenten legen in der Klinik oder in der Praxis Hand an
sich. Mit professionellem Wissen mixen sie Medikamentencocktails, die
garantiert tödlich wirken - an die notwendigen Substanzen gelangen
sie ohnehin so leicht wie niemand sonst.

Jeder dritte lebensmüde Mediziner wählt nach einer Untersuchung von
Bonner Rechtmedizinern Infusionen oder Injektionen als Todesmethode.
Jeder vierte schluckt Tabletten in ausreichender Menge. Aber auch die
klassischen Selbstmordtechniken wie Erhängen oder Erschießen werden
gewählt - nur von Brücken oder Hochhäusern stürzen sich Ärzte
offenbar nie.

Dem gelernten Handwerk bleiben die meisten auch bis zum bitteren Ende
treu. Anästhesisten befördern sich mit intravenösen Narkosen ins
Jenseits. Andere benutzen Verweilkanülen und Infusionsbestecke, um
die tödlichen Mittel schmerzlos in den Organismus rauschen zu lassen.
Ein lebensmüder Anästhesist beispielsweise spritzte sich ein Curare-
ähnliches Muskelrelaxans und verfolgte dann bei klarem Bewusstsein,
wie seine Atemtätigkeit allmählich erschlaffte.

"Es ist erschütternd", kommentierte das Fachblatt "Medical Tribune"
die Neigung zur tödlichen Perfektion, "wie hoch spezialisierte
Kollegen ihre Fähigkeiten fast kaltblütig nutzen, um ihrem Leben ein
Ende zu setzen."

Typisch für die Inszenierung des eigenen Endes ist der minutiös in
Szene gesetzte multiple Selbstmord: In einem Fall schluckte ein
lebensmüder Mediziner eine Überdosis des Schlafmittels Chloralhydrat,
spritzte sich Morphium, stellte sich mit einer Schlinge um den Hals
auf einen Stuhl - und schoss sich mit der Pistole ins Herz.

Auch die 1999 bei der Bundeswehr zu Tode gemobbte Fliegerärztin
Christine Bauer nahm einen Cocktail aus Alkohol und Tabletten zu sich
und spritzte sich anschließend noch eine hohe Dosis Insulin in die
Vene. Dennoch erlag sie erst zwei Jahre später ihrer
Verzweiflungstat - so lange überlebte sie im Koma.

Die Gründe für die zunehmende Selbstmordneigung unter den Medizinern
sind bisher kaum erforscht. Liegt es womöglich am härteren Kampf ums
Geld? Mäulen hält das für denkbar: "Wegen finanzieller Pleiten musste
sich früher keiner von uns umbringen, da ging es eher darum, wohin
mit der vielen Kohle." Heute äußern Mediziner, die sich kurz vor dem
Bankrott wähnen, immer häufiger Selbstmordabsichten.

Eine weitere Erklärung: Viele Ärzte vernachlässigen ihr Privatleben.
Sie verausgaben ihre Kräfte und ihr Engagement für Patienten und
Karriere; doch zu Hause führen sie eine emotional verarmte Beziehung.
Mäulen: "Aus klinischer Sicht habe ich selten so viele asexuelle Ehen
in einem Berufsstand gesehen wie bei den Ärzten."

Wenn es in der Beziehung nicht mehr weitergeht, verlieren viele
Mediziner den Boden unter den Füßen - wie im Mai 1995 im Fall des
international renommierten Münchner Augenchirurgen Jürgen-Hinrich G.,
der sich nach einer Auseinandersetzung mit seiner Frau mit dem
Revolver in den Mund schoss.

Bei anderen reicht schon die Dauererschöpfung im Job, um den
Lebensnerv zu ruinieren. Die durchschnittliche Arbeitszeit deutscher
Ärzte liegt bei 54 Stunden pro Woche. Jeder dritte Mediziner ist nach
einer repräsentativen Umfrage vom vergangenen Jahr mit seiner
Lebensqualität unzufrieden. Die große Mehrzahl würde den eigenen
Kindern dringend vom Heilberuf abraten.

Nicht wenige flüchten sich in die Sucht: Rund 20 000 deutsche
Mediziner sind nach Schätzungen von Experten suchtkrank. Mehr als die
Hälfte von ihnen ist laut Matthias Gottschaldt, Leitender Arzt an
einer Spezialklinik im Schwarzwald, alkoholabhängig. Fast jeder
dritte von ihnen braucht sogar gleichzeitig Alkohol und Medikamente,
um am Arbeitsplatz bestehen zu können - Alarmsignale, die eine
überdurchschnittliche Selbstmordneigung plausibel machen.

Vom Job überfordert fühlen sich vor allem junge Assistenzärzte an den
Krankenhäusern, die nach dem Studium brutal im Klinikalltag
aufwachen. Jeder zehnte fühlt sich laut einer aktuellen Studie durch
schwierige Patienten wie Krebskranke überfordert. Jeder dritte
Anästhesist reagiert hilflos bei der Behandlung chronischer
Schmerzpatienten. Und jeder fünfte Gynäkologe in der
Facharztausbildung kann mit depressiven Patientinnen nicht umgehen.
Kein Zufall also, dass es unter Jungmedizinern vor allem in der
schwierigen ersten Berufsphase zu Suiziden kommt.

Aber auch bei erfahreneren Kollegen geschieht es, dass sie an den
psychischen Belastungen im Klinikalltag zerbrechen. Den Berliner
Psychiater Peter N. etwa zermürbte die Arbeit als Chefarzt im
Maßregelvollzug: Er könne den Menschen in der U-Bahn nicht mehr in
die Augen sehen, schrieb er in seinen letzten Aufzeichnungen, wenn
von ihm therapierte Straftäter rückfällig werden und wieder ein
Verbrechen begehen.

Mit Kollegen sprach der als warmherzig geltende Mediziner fast nie
über seinen inneren Zwiespalt. Im Alter von 45 Jahren erhängte er
sich in seiner Kreuzberger Wohnung.

Noch am Tag vor seinem Freitod hatte er, nach außen hin fröhlich, an
einem Kindergeburtstag teilgenommen.

GÜNTHER STOCKINGER


-> Selbstmord
-> Selbstmord in Japan
-> Selbstmordattentate