Chaos und Ordnung

Ihr seht vor Euch eine grauweiße Papierfläche, die mehr oder weniger regelmäßig mit kleinen schwarzen Flecken übersät ist: Wer lesen kann ordnet diese "Buchstaben" mit Sinnen und Geist zu Sinngruppen und erfährt die Bedeutung dessen, was einem Kind noch ein bedeutungsloses Chaos ist.

Auf den ersten Blick mag man glauben, der Sinn eines Textes sei in der Ord-nung der Buchstaben, Worte und Sätze vollständig ("objektiv") gespeichert. Das ist meines Erachtens aber falsch: Ein Text erschließt sich mir in eben der Weise, in der ich es gewohnt bin zu denken: Die innere Welt, die aus dem Grau des Papiers sich in mir entfaltet, ist bestimmt durch meine persönlichen Erfahrungen, mein Vorwissen und, das ist das entscheidendste, durch die Struktur (das WIE, die Form) unseres Denkens überhaupt. Man könnte nun lange darüber streiten, was am Inhalt eines Textes noch Objekt an sich ist: ein großer Anteil ist jedenfalls subjektiv im individuellen Sinne, das meiste sicherlich intersubjektiv konsensfähig (also von allen etwa gleich verstanden), aber eben doch im Subjekt entstanden: unser Lesenkönnen ordnet Buchstaben und versteht Worte, Sätze, bringt Ordnung in ein Chaos und läßt in uns gedankliche Welten entstehen...

Dieses Beispiel möchte ich auf alles Sein und Nichtsein überhaupt übertragen:

Indem wir leben, vermitteln wir auf vielerlei Art und Weise zwischen Sein und Nichts, zwischen Chaos und Ordnung:

1. Zunächst die materialistisch-realistische Betrachtungsweise, unser "äußeres" Leben gewissermaßen:

Aus dem kosmischen Einerlei von Materie und Energie, einem strukturlosen Nichts, haben sich Wirbel gebildet: Aus einem dieser Staubwirbel sind unser Planetensystem, später Leben und schließlich (menschliches) Bewußtsein entstanden.

- Unser vielfältiges Sein ist geworden durch zunehmende Strukturierung, durch Ordnung gegen Chaos.

Alles Dasein ist Sein gegen Nichts. Dieser Prozeß ist immer andauernd: Er findet sich im Überlebenskampf der Kreatur ebenso, wie in unserer Religion gegen das Bewußt-Sein, sterben zu müssen.

Leicht zu beobachten findet dieser Kampf auf gesellschaftlicher und politischer Ebene statt und zeigt dort sich häufig in fast unglaublichen Gegensätzen:

Der Destruktion und dem zunehmender Zerfall auf dem Balkan stehen zum Beispiel Bemühungen gegenüber, durch entsprechende weltweite Ordnungen dem Chaos entgegenzuwirken. Diese Ordnungen streben Strukturen an, die in ihrer Verwirklichung als Sein der unterschiedlichsten Art und Weise wiederzufinden sind: Materiell sind das z.B. Blauhelm- oder Natotruppen, ideell z.B. die Menschenrechte. Weiter finden wir z.B. die UNO, den Den Haager Gerichtshof u.s.w.

2. Damit sind wir eigentlich schon bei einer anderen, mir wichtigeren Betrachtungsweise, die nicht die Materie als das alleinige Sein in den Mittelpunkt stellt:

Die Welt begegnet uns immer nur auf die Weise unseres Denkens. Was wir von der Welt erkennen, trägt unweigerlich die Struktur, die Art und Weise unseres Erkenntnisvermögens in sich. Nur auf die Art und Weise wie unsere Sinne funktionieren (und wegen mir alle "wissenschaftlichen" Meßmethoden., die uns ja auch nie anders als über unsere Sinne erreichen,), können wir die Welt erfahren. Nie anders als auf die ganz spezifische Art und Weise unseres menschlichen Denkens (bei allen individuellen Unterschieden) können wir die Welt denken. Wie sie "an sich" aussieht, wissen wir nicht, können wir prinzipiell nicht wissen. In diesem Sinne ist die Welt ein subjektives Erzeugnis, das wesentlich durch die Struktur unserer Sinne und unseres Denkens geprägt ist. Insofern sind Wahrnehmen, Denken und Handeln jeweils schöpferische Akte, die strukturloses Mannigfaltiges, formloses Gegebenes, strukturieren und in Beziehungen setzen. In diesem Sinne ist insbesondere jeder Gegenstand, den wir wahrnehmen und erkennen, unser subjektives Produkt: Zwar denken wir uns das Papier, das wir augenblicklich in der Hand halten, nicht bloß aus, aber WIE es uns (im Prinzip) erscheint, sagt uns eher wie wir denken und wahrnehmen, als dass es uns sagt, was ein Heft "an sich" ist, was schließlich dieses (unser) Sein an sich ist.

Die Abbildung mag als - unvollkommenes - Beispiel dienen: "an sich" ist das Papier dort lediglich an den verschiedenen Stellen geschwärzt - und zwar völlig zusammenhanglos: WIR strukturieren diese Flächen und setzen sie zueinander in Beziehung, so daß wir eine junge Frau erkennen. - Oder erkennst Du die Alte? - Natürlich ist dieses Bild so gemacht, daß man es auf zweierlei Weise sehen kann: was für das Ding an sich steht, das bedruckte Papier, ist uns zugänglich. Die tatsächliche Unzugänglichkeit der Dinge, der Welt, an sich macht ein vollkommeneres Beispiel unmöglich...

Für mich ergibt sich hieraus eine Frage: Hat die Welt, das Sein, eine Struktur, eine Ordnung an sich oder nicht? - Wurde sie gewissermaßen nach einem Plan geschaffen (wegen mir auch: Gehorcht sie ewigen (Natur-)Gesetzen?), oder nicht? - Ich selbst habe nicht das Gefühl, daß Naturgesetze "entdeckt" werden. Auch Naturgesetze sind Ausdruck unserer Art und Weise zu denken. Modellvorstellungen (z.B. von einem Atom) sind Ausdruck dessen, was wir uns (noch eben so) vorstellen können. Was an sich hinter dieser Vorstellung steckt, bleibt uns verborgen. - Ist es mehr als ungeordnetes etwas, mehr als das Chaos?

- So begegneten wir uns immer nur selbst? - Ein grausiger Gedanke! Wir sollten ihn aber einmal eine Weile wach- und aushalten. Nur dann geht es nämlich tatsächlich etwas weiter.

Vorher noch ein paar Gedanken zum Thema "Zeit": Zeit ist kein "Ding" wie andere Dinge: Bei allem was es gibt, können wir uns vorstellen, daß es auch nicht sei: z.B. läßt sich leicht denken, daß es dieses Blatt Papier nicht gäbe, wir können uns einen Gegenstand, den wir gerade sehen, auch wegdenken, es läßt sich auch denken, daß es eine Welt ohne Liebe oder Gerechtigkeit gäbe. Allein zweierlei, nämlich Zeit (und Raum) lassen sich nicht wegdenken... - Versucht es einmal!

- Dies ist nur ein Hinweis darauf, daß die Zeit zu den Strukturen unseres Denkens gehört: die "Anschauungsform Zeit"  (vgl. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft ) muß unserem Denken notwendigerweise (und sei es in noch so primitiver Form) von Anfang an gegeben sein, denn sonst wäre auch überhaupt keine Erfahrung (Wahrnehmung) möglich: Es ließen sich nämlich keine zwei aufeinanderfolgende Zustände denken. Wenn Zeit also jede unserer Erfahrungen begleitet (z.B. das Warten auf einen Bus) selbst aber kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, ist es auch nicht sinnvoll, eine Zeit an sich anzunehmen. -

Aus diesem Grunde entpuppt sich z.B. auch die Frage nach dem Anfang der Welt nur in einer Hinsicht als sinnvoll, nämlich sofern die Welt bloßer Gegenstand einer (naturwissenschaftlichen) Betrachtung ist. Wie jeden möglichen Gegenstand der Erfahrung will unser Denken auch die ganze Welt, alles Sein, zeitlich machen. Hält man an dieser Betrachtungsweise fest, kommt man zwangsläufig auf äußerst ungenügende Antworten: "Urknall" und "Gott" . Obwohl mir da "Gott" noch besser gefällt (weil sie sich - "Du sollst dir kein Bildnis machen" - wieder verneint), ist auch diese Vorstellung sehr materiell-mechanistisch, denn Gott ist kein Gegenstand, kein bloßes Objekt am Anfang einer zeitlichen Reihe anderer Objekte - auch wenn er als deren Verursacher gedacht wird.

Das Sein beinhaltet also mehr als die Gesamtheit aller sinnlich (wegen mir auch naturwissenschaftlich) erfahrbaren Gegenstände ("Objekte"), es beinhaltet ganz wesentlich auch das Subjekt, das (schon allein von seiner Organisation des Erkenntnisvermögens her) dem gegebenen Mannigfaltigen (dem Chaos) Struktur gibt, wozu auch Raum und Zeit gehören.

Das Subjekt, also jeder von uns, kann sich nun auf zweierlei Weise erfahren:

1.) in der Reflexion über sich selbst als Objekt unter anderen Objekten, den gleichen Bedingungen unterworfen: Diese sind Zeit, Raum und Kausalität. All´ mein Handeln wird hier z.B. begründbar - insbesondere im Nachhinein.

2.) im unmittelbaren Handeln (wohl auch Glauben, Lieben, Trauern ...) als Subjekt. Hier findet das Gegenteil von Reflexion statt; hier sind wir uns selbst voraus. Hier ist der Ort an dem der Augenblick des Entschlusses stattfindet, durch den wir uns als wesentlich frei erfahren. Hier finden aber auch Angst, Zweifel und Hoffnung statt ; hier erfahre wir uns als unmittelbar gegeben - vielleicht auch "als von Gott geschenkt". Hier sind wir jedenfalls auf "Transzendenz" verwiesen... (vgl. Karl Jaspers) -

So erweist sich unser inneres subjektives Sein möglicherweise als die eigentliche Instanz, dem unterschiedslosen Nichts Sein überhaupt entgegenzusetzen:

- Als Erfahrende strukturieren wir - eher passiv - das unseren Sinnen chaotisch bloß Gegebene, zu einer aus einzelnen Gegenständen bestehenden, raumzeitlich und kausal zusammenhängenden Welt, und somit zu einem Sein der Objekte, der "objektiven Welt" .

- Als Handelnde strukturieren und ordnen wir in jedem Moment die Welt, das Sein und geben ihm einen Sinn - Dies auf zweierlei Weise:

Erstens leisten wir durch unser Handeln ("objektiv" betrachtet) einen "kleinen Beitrag" zu irgend etwas anderem, das wir unserer entsprechenden Handlung wegen offensichtlich für wichtig erachten.

Zweitens gestalten wir in einem tieferen ("subjektiven") Sinne ganz allein die Welt, wie sie sein soll. Hier, gefangen in unserer jeweiligen Subjektivität, im unmittelbaren Handeln, dem wir nicht ausweichen können (denn auch das Stillhalten ist eine Handlung), sind wir ganz verantwortlich für jede unserer Handlungen (vgl. Jean-Paul Sartre).

Wolfgang Siebert,  Garbsen, den 28.1.96
 


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