| Wo
die Zeit still steht
von Wolfgang Siebert |
![]() |
Zu meinen eigentümlichsten Erlebnissen gehört die Woche, die ich vor 18 Jahren auf Spitzbergen verbracht habe. Hier einige Tagebuchauszüge:
3.7.1982: Es
ist nun 17.30 Uhr. Da es nicht mehr dunkel wird und der Himmel meist wolkenverhangen
ist, werden Tage und Uhrzeiten zu rein formalen Daten. .. Ich liege im
Schlafsack (der aus zwei übereinandergezogenen Steppdeckenschlafsäcken
besteht) auf einem aus meinen übrigen Kleidern bereiteten Lager und
kann mich nicht entschließen aufzustehen. Mit Unterbrechungen habe
ich seit 7.30 geschlafen....
Die Ankunft hier
auf Spitzbergen war unbeschreiblich schön... Der erste Eindruck von
oben: Die strahlend hell erleuchtete Wolkendecke, die meine unguten Gedanken
an den strömenden Regen beim Abflug in Tromsö nicht gerade zerstreut,
reißt langsam auf und ich werde geblendet: Da unten muss noch Wasser
sein:... ein Fjord! - Als das Flugzeug die Richtung ändert, liegen
in unglaublicher Schönheit und Klarheit schneebedeckte Berge unter
mir! ...
Bei der Ankunft muss noch auf dem Flughafen ein Formular ausgefüllt werden: Es sind Fragen zu beantworten nach der geplanten Route, dem Leiter und dem Arzt der Expedition, den im Notfall zu benachrichtigenden Angehörigen, der Ausrüstung und den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen. - Da ich eine Ein-Mann-Expedition bin, lasse ich die meisten Fragen offen. Am meisten Beachtung findet die Tatsache, dass ich kein Gewehr dabei habe (wegen der Eisbären):"No gun?" - Man lässt mich jedoch passieren, insbesondere wohl deshalb, weil ich in der näheren Umgebung zu bleiben gedenke (Adventdalen, Sassendalen)...
4.7. Habe
soeben Grünkernsuppe mit Speck gegessen. Man muss schnell essen, sonst
wird alles sofort wieder kalt. Wieder liege ich dick vermummt im Schlafsack.
Aber beginnen wir von vorn:
Lange hat es gestern
gedauert, bis das Zelt abgebaut war: Um ca. 23 Uhr gehe ich
weiter. Der Himmel
ist bewölkt. Nun gilt es, den Fluss zu durchqueren, der sich hier
in unzählige einzelne Wasserläufe aufgeteilt hat. Hüftstiefel
wären genau das Richtige Obwohl meine Gummistiefel kaum bis
ans Knie reichen, komme ich bis zur Mitte des Tales trockenen Fußes.
Dann aber läuft kaltes Schmelzwasser in die Stiefel ... Die Flussarme
werden breiter und tiefer. Der geröllhaltige Boden ist bei dem schlammigen
Schmelzwasser nirgends zu sehen. Man kann zwar abschätzen, wo das
Wasser am tiefsten ist, nicht aber wissen, wie tief, bzw. flach es wirklich
ist. Längst muß ich darauf achten, in dem reißenden Wasser
nicht zu stürzen; es reicht mir bereits bis an die Oberschenkel. Ein
Zurück gibt es inmitten der unzähligen Wasserläufe, zwischen
denen man sich verlaufen kann, allerdings auch nicht mehr...
Sobald ich einen
davon überquert habe, setze ich mich hin und strecke die Beine in
die Luft: Das Wasser läuft nur so aus den Stiefeln. Immerhin sind
sie wohl dicht. Die ganze Aktion, die ja mit schwerem Rucksack stattfindet,
zehrt stark an meinen Kräften...
Schließlich
ist die Überquerung gelungen und ich muß weiter, damit meine
Füße
wieder warm werden.
Außerdem benötige ich einen windgeschützten Lagerplatz.
Nur langsam dämmert mir, dass es hier schwer sein wird, einen Windschutz
zu finden: Der vom Schmelzwasser nasse Talboden zwingt mich, ein wenig
am Rand des Tales hinaufzusteigen. Doch hier hat der Sturm bereits alles
rund geschliffen; einen schützenden Hang suche ich vergebens...
5.7. Die
Hauptbeschäftigung der letzten Stunden: Befestigung des Lagers. Habe
am hinteren Ende meines Bodeneinbruchs, in dem auf Felsbrocken mein Zelt
steht,
gegen den Sturm eine Mauer aus großen Steinen errichtet...
Zwischendurch hat
mich ein norwegischer Student aus dem Rentiercamp besucht. Ich hatte ihn
schon von weitem kommen gesehen. Komisches Gefühl: die Privatsphäre,
die sich zuhause z.B. im vollbesetzten Stadtbus auf wenige Zentimeter zusammendrängen
lässt, ist hier mindestens ein Quadratkilometer groß. Jeder,
der am Horizont auftaucht, ihn überschreitet, ist ein 'Eindringling'
- und natürlich auch ein willkommener Gast. Ich biete ihm Kaffee an.
(Dies war übrigens der einzige Mensch, den ich bis zur Rückkehr
nach Longyearbyen zu Gesicht bekam.) ...
Der Campinggas-Kocher
funktioniert schlecht bei Wind und Kälte. Ich baue ihm einen Ofen
aus Steinen, so dass er mit dem Topf gut hinein passt. Wasser wird nun
relativ schnell heiß. Ins heiße Wasser kommen dann Mehl, Milchpulver
Rosinen
und Traubenzucker...- Hauptsache heiß. Schmeckt aber auch nicht soo
schlecht, wie es aussieht. (Das auf dem Foto ist übrigens Grünkrensuppe...)
6.7. Ich
war es leid gewesen, mein Essen immer nur im Liegen, im Zelt oder im
Hocken, zusammengekauert
zwischen ein paar Steinen zu mir zu nehmen. Bei diesem Wetter, wie es bei
uns im November oder Dezember oft herrscht, ein paar Grad über Null,
Schneeregen, wäre eine Hütte angenehm. Auf der Karte sind in
einer Entfernung von 3 bzw 5 Kilometern Hütten eingezeichnet...
Heute morgen, um
2.30 bin ich von meinem (erfolglosen) Erkundungsgang
zurückgekehrt:
Der Wind war immer heftiger geworden und hatte sich mehr und
mehr von einem Nieselregen zu einem Schneesturm gewandelt: Durch kleinere
Wasserläufe und von Schmelzwasser überflutete Wiesen hindurch
und über immer ausgedehntere Schneefelder hinweg erreiche ich - schon
(durch den eigentlich regendichten dicken Mantel hindurch) nass bis auf
die Knochen - endlich die erste Hütte. Sie ist verschlossen und ein
Schüssel lässt sich nicht finden. Ich MUSS umkehren. - Ein Tier
wäre bei diesem Wetter in seinem Unterschlupf geblieben. Noch ist
der Rhythmus Spitzbergens nicht der meine: nicht die Uhr, nicht mein 'Programm'
haben Lebensäußerung und Aktivität zu bestimmen, sondern
einzig und allein das Wetter und in zweiter Linie, die Notwendigkeit zu
essen, um genügend Körperwärme produzieren zu können.
-
Nach einer heißen
Mahlzeit und erfolgreichen Versuchen, mich mit Hilfe heißer Steine
im Schlafsack aufzuwärmen, bricht ganz plötzlich die Sonne hervor!
Ich befreie mich aus dem feuchten Zelt: Es bietet sich mir ein grandioser
Anblick! In kühler klarer Luft glänzen die schneebedeckten Berge
im hellen Sonnenlicht. Mit einem Schlag habe ich die Düsternis und
den Schneesturm vergessen. Voller Optimismus lege ich meine nassen Kleider
draußen aus und hänge sie, so gut es geht, zum Trocknen hin.
Um ca. 4.15 lege ich mich zum Schlafen hin und erwache um 5.30 Uhr
bei wiederum völlig verändertem Wetter: Es ist wieder trüber
geworden aber viel heller. Vor allem der Wind kommt nicht mehr so heftig
aus dem Osten, sondern nur noch leicht aus westlicher Richtung. Nach kaum
mehr als einer Stunde (?) Schlaf fühle ich mich noch ziemlich zerschlagen.-
Eine Stunde? Es hat sich einiges verändert: Vor allem sind meine vor
kurzem noch triefnassen Klamotten so trocken, dass ich die meisten davon
wieder anziehen kann!
Ob es etwa schon
17.30 Uhr ist und ich 13 statt einer Stunde geschlafen habe?! Diese Frage
lässt sich auch nach Stunden noch nicht entscheiden, denn die Sonne
zeigt sich nicht und lässt sich auch hinter den Wolken nicht erahnen.
Neben der messbaren
Zeit kommt mir nun noch immer stärker auch die erlebte Zeit abhanden.
Ich sitze in den Schlafsack eingewickelt vor dem Zelt und trinke Kaffee,
rauche Zigarillos und genieße die eisige Stille rings umher. Es ist
eine Starre, denn trotz des Windes gibt es außer dem Zelt und ein
paar Grashalmen nichts, was sich bewegt...
7.7. 5.00
Uhr (oder 17.00 Uhr) Ich komme von einem längeren Ausflug zurück.
Es ist etwas wärmer geworden und der Kompass bestätigt es: die
Sonne - steht im Süden! Ich lege also vorläufig fest (denn ich
muß ja irgendwann wieder pünktlich am Flughafen sein): Es
ist jetzt Dienstag, der 7.7., 12.00 Uhr...
Der Ausflug war
sehr schön: Ich habe Versteinerungen gesucht (kenne mich da gar nicht
aus), zarteste Blumen mitten im Geröll entdeckt, neugierige Rentiere
an
mich herangelockt und wie ein Kind mit schwarzer Erde Staudämme gebaut,
einen kleinen Wasserlauf immer wieder umgeleitet und die Kraft des Wassers
beobachtet...
Jetzt bin ich müde.
Ich lege mich vors Zelt in den Schlafsack und genieße die Stille.
Von Zeit zu Zeit wache ich auf. Die Sonne ist um den halben Himmel herum
gewandert. Ich zwinge mich, den Kompass zu holen, um die Sonne einmal genau
anzupeilen und danach die Uhr zu stellen. Alle nötigen Angaben finde
ich auf der Karte: Ich befinde mich auf 16° östlicher Länge.
Ich komme auf: Mittwoch, den 8.7.1981, 2.00 Uhr. - In etwa 48 Stunden muss
ich schon wieder am Flughafen sein ...
(Dort stellte sich
dann heraus, dass ich mich bei der Zeitbestimmung nicht allzu sehr verrechnet
hatte: meine Uhr ging 15 Minuten vor .... )
In den letzten 24
Stunden habe ich mit Unterbrechungen ca. 19 Stunden geschlafen. Ich glaube,
so langsam erahne ich ein wenig den Rhythmus dieser GRENZE: Alle Zeiträume
werden länger und alles geht langsamer. Die wesentlichen Bewegungen
sind hier nicht die der Lebewesen, sondern es ist die Bewegung der Erosion
der Berge und - für mich nicht sichtbar - die Bewegung, das
langsame Fließen der Gletscher. Ein Tag dauert hier 182 unserer Tage
und eine Nacht ebenso lang. - Vielleicht ist alles um den Faktor 365 verlängert...
- Wenn man Geduld
hat, kann man hier leben - zumindest im Sommer. Es treibt einen ja dann
auch nicht die Dunkelheit, das begonnene "Tagwerk" zu beenden...
(Copyright: Wolfgang
Siebert)
