Verschiedene Arbeiten aus meiner Schulzeit
 

MAX FRISCH


Schweizer Schriftsteller; Dr. phil. h.c.
geb. 15. Mai 1911 in Zürich
gest. 4. April 1991 in Zürich

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich als Sohn eines Architekten geboren. Nach dem Kantonalen Realgymnasium in Zürich studierte er 1930-33 Germanistik an der Universität Zürich. Aus finanziellen Gründen brach er dieses Studium nach dem Tode seines Vaters 1933 ab. Später, von 1936-41, studierte er Architektur an der ETH Zürich. Geschrieben hatte Frisch schon als Schüler, ein erster Roman, „Jürg Reinhart“, war 1934 entstanden. 1937 verbrannte er, entschlossen mit eigener Literatur aufzuhören, alle bis dahin entstandenen Manuskripte.
Ab 1931 als freier Journalist tätig, verfaßte Frisch vor allem für die „Neue Züricher Zeitung“ Berichte über Reisen durch Deutschland, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, die Türkei, Griechenland und Italien. 1942 eröffnete der diplomierte Architekt Frisch ein Büro in Zürich und gewann im selben Jahr den ersten Preis in einem städtischen Wettbewerb um eine große Freibadanlage „Letzigraben“ in Zürich. Das Schreiben hatte der Architekt Frisch nicht aufgegeben und als Autor in den 50er Jahren bereits soviel Beachtung gefunden, daß er 1955 sein Architektenbüro auflösen und als freier Schriftsteller leben konnte.
Seinen Durchbruch schaffte er mit der Veröffentlichung des Romans „Stiller“ im Jahre 1954. Sein Prosawerk — Romane, Tagebücher und Erzählungen — war auch für ein junges Publikum attraktiv, „Stiller“, „Homo faber“ und „Mein Name sei Gantenbein“ fanden nicht nur beim Publikum, sondern ebenso in der Forschung nachhaltig Resonanz. Die Theaterstücke „Biedermann und die Brandstifter“ und „Andorra“ zählten zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramen dieses Jahrhunderts. In den 60er Jahren, als Frischs Ruhm überwältigend war, fehlte nur noch Amerika; aber in den USA, wo sein Freund und Konkurrent Dürrenmatt Erfolg hatte, fiel Frisch durch.
„Ein brüderliches Genie“ nannte Joachim Kaiser den großen Schweizer Schriftsteller, der die Sorgen und Ängste aller wachen Zeitgenossen mitempfand, und als Autor in die Gültigkeit kleiner und großer Meisterwerke umzusetzen wußte. „Umkreist und entfaltet war in seinen Dramen und Romanen stets die Identitäts- Problematik, das seiner selbst nicht mächtige Ich, das im Verhältnis zum Gegebenen — der Heimat, dem „anderen Geschlecht“ — Befremdung wahrnahm, Distanz gewann und sich in aufregenden Fragen und bohrenden Antworten bekundete.“ „Ich schreibe, um zu bestehen“, lautete ein Bekenntnis dieser unbestechlichen Autorenpersönlichkeit, die auf eine Erklärung für die immensen Erfolge angesprochen, darauf verwies, daß die meisten Sachen, die er gemacht habe, mit einer eigenen Betroffenheit verbunden waren — wie in „Montauk“ zum Beispiel, der sehr eng am eigenen Leben und am Zeugnis der Epoche geführten Erzählung. Sie war als Abschluß geplant, als ein „Vermächtnis“, wie Frisch sagte, in einer Gemütsverfassung der Versöhnlichkeit und Angstfreiheit geschrieben. Er schuf dennoch eine späte Prosa wie „Der Mensch erscheint am Holozän“, Bericht aus der schwindenden Welt eines Vereinsamten und Sterbenden, von der Sprache wie vom Aufbau her, so François Bondy, „sein kühnstes Werk und nicht eine Koda.“
Das neue Theater deutscher Sprache war ohne Frisch und Dürrenmatt nicht zu denken. Deutsche Emigranten wie Kurt Hirschfeld und Kurt Horwitz hatten den jungen Schweizer Autoren einst Förderungen, Ermutigung und einen Raum gegeben. So war es Hirschfeld — später Direktor des Züricher Schauspielhauses — der den Erzähler Frisch aufforderte, es mit der Bühne zu versuchen. Und das Züricher Schauspielhaus der Emigrationszeit und der ersten Nachkriegsjahre hat ihm, so bekundete Frisch, die Schweiz heimatlicher gemacht. Oft hob der Dramatiker Frisch diese Bereicherung und die Dankesschuld gegenüber den Verfremdeten und im Land des Asyls Bedrängten hervor — bei der Feier für den verstorbenen Hirschfeld ebenso wie bei der Entgegennahme des Büchnerpreises 1958. Theater schien ihm später kein produktiver Weg mehr, sondern Sackgasse. „Triptychon“ (1979 als Hörspiel von Walter Adler inszeniert), das zunächst nicht freigegebene Bühnenwerk, war die vorletzte Premiere eines Frisch - Theaterstückes; die letzte Uraufführung fand im Oktober 1989 in Zürich statt: Seine Streitschrift „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“ hatte Frisch unter dem Titel „Jonas und sein Veteran für die Bühne umgearbeitet.
In die Politik hatte sich Frisch nach 1945 oft eingemischt, von Selbstzweifeln war sein Engagement dabei nicht frei. Die fragende und kritische Haltung, die seine Literatur kennzeichnete, war auch der Gestus seiner Reden, Kommentare und Wortmeldungen. Gewißheiten verkündete er keine. Das Verhältnis zwischen ihm, der – so Joachim Kaiser – „dem Systemzwang ferner als andere Dichter unserer Zeit“ stand, und einem großen Teil der Schweiz war nicht zuletzt deshalb ein eigentümliches geblieben. Dieses Verhältnis war nicht selten von besonderer Empfindlichkeit und Verletztheit beider Seiten gekennzeichnet. Daß sich das Urteil des Unangepaßten verschärft hatte, machte u.a. der Vergleich über die Bücher der Dienstzeit „Blätter aus dem Brotsack“ (70) und „Dienstbüchlein“ (74) offenbar. Ermutiger, Vorläufer und Freund den einen, blieb der Kritiker der „real existierenden Demokratie“ den anderen immer ein „unsicherer Kantonist“. Seine Veröffentlichung „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver,“ 1989 vor den Festlichkeiten zum 50. Jahrestag der Mobilmachung und der Volksbefragung über die Abschaffung der Armee erschienen, war ihnen noch einmal Beleg dafür. An den 700-Jahrfeierlichkeiten seines Landes 1991 nahm Frisch nicht teil und verwies zur Begründung seiner Verweigerung auf die Tatsache, daß er 43 Jahre lang vom Schweizer Staatsschutz observiert worden sei.
Die letzten Jahre lebte Frisch, der an einem schmerzhaften Krebsleiden erkrankt war, zurückgezogen in Berzona im Tessin. Er nahm 1989/90 noch zustimmend an der Verfilmung seines Romans „Homo faber“ durch Volker Schlöndorff teil (Kinostart 1991) und wertete als eine seiner letzten Arbeiten voller Zorn seine Staatsschutzakten aus. Im Winter 1990, nach dem Abschied von Berzona, hatten Frischs Kräfte nachgelassen. Der Tumor, an dem er erkrankt war, nahm rasch an Bedrohlichkeit zu, immer weniger klare Momente waren ihm zuletzt vergönnt. Was seine nahen Freunde und Angehörigen seit langem schmerzlich erwarteten, wußte auch Frisch nur zu genau: daß er seinen 80. Geburtstag am 15. Mai 1991 nicht mehr erleben würde.
Frischs Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Georg- Büchner-Preis 1958, dem Literaturpreis der Stadt Jerusalem, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Heine-Preis 1989. Ebenso wurden ihm mehrere Ehrendoktortitel verliehen. 1980 wurde die Max-Frisch-Stiftung in Zürich ins Leben gerufen.
Am 4. April 1991 starb Frisch „ruhig in seiner Wohnung“ in Zürich, wie sein Sohn Peter mitteilte. Bis in die letzten Stunden seines Lebens sei er oft sehr heiter gewesen, ließ sein enger Freund, Michel Seigner, wissen. „Jetzt müend d ' Lüt sälber für sich luege“ war nach Seigner die letzte Frisch-Äußerung.
Aus der 1959 geschiedenen Ehe mit Gertrud von Meyenburg hatte Frisch 3 Kinder. 1969-79 war er mit Marianne Oehlers verheiratet. Seine letzte Lebensgefährtin hatte er in Karin Pilliod gefunden.

Letzte Adresse: CH- Berzona/Valle Onsernone/Tessin
 
 

Quellen: Munzinger-Archiv/Internat. Biograph. Archiv



 

Thema der Recherche:

Willi Bleicher – sein Wirken als Widerstandskämpfer


Dieses Referat wurde für den Geschichtswettbewerb "Denk-Mal, ein Mensch im Widerstand" des Hauses der Geschichte Baden Württembergs angefertigt.

Willi Bleicher wurde am 27. 10. 1907 in Bad Canstatt bei Stuttgart geboren. Er stammte aus einer einfachen Arbeiterfamilie. Sein Vater, Paul Bleicher, hatte als Schlosser bei Daimler eine 8 - köpfige Familie zu ernähren. Da sein Vater wenig Lohn erhielt, wurde die Versorgung der Familie zum Problem; äußerst sparsame Mahlzeiten, ja sogar Hunger waren keine Seltenheit. Obwohl die Familie in bescheidenen Verhältnissen lebte, genoß er trotz der strengen Erziehung seines Elternhauses eine wohl behütete Kindheit.
1914, kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges, begann für Bleicher erst recht „der Ernst des Lebens“ – er wurde eingeschult. Seine Schullaufbahn wurde von ihm als „Horror“ empfunden, teils weil er von seinen Lehrern oft zu Unrecht geprügelt wurde, teils weil er des Lernens überdrüssig war. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, daß er einmal das Klassenziel nicht erreichte. Trotzdem hatte er schon früh unter seinen Freunden als Anführer einer Jugendbande das Sagen, so teilte er z. B. beim Fußballspielen die Mannschaften ein.
Der junge Bleicher lernte schon früh die Angst vor der Arbeitslosigkeit kennen, die Furcht selbst von hochqualifizierten Facharbeitern vor dem „blauen Brief“, das Zittern der Mütter vor jedem Freitag. 1920 erlebte Willi Bleicher zum erstenmal bewußt, was Streik und Aussperrung für Arbeiter bedeuten können. Auch der Vater der verschuldeten Familie war damals betroffen.
1923 beginnt Willi Bleicher eine Schlosserlehre bei Daimler. Dort tritt er in den Metallarbeiterbund ein und wird bereits 1926 zum Jugendleiter ernannt. Im KJVD und auch in der KPD organisiert er sich in politischen Arbeiterbewegungen. 1929, nach seinem Ausschluß aus der KPD wegen innerparteilicher Demokratie trat er der KPO (Kommunistische Partei- Opposition) bei und unterstützte die Politik der Revolutionären Gewerkschafts Opposition (RGO).
Von 1929 bis 1933 gehörte er zu den Millionen Arbeitslosen der Weimarer Republik.
Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers mußte der Kommunist Willi Bleicher zunächst in die Schweiz, später nach Frankreich emigrieren. Aber er wagte sich, obwohl er sich der Gefahr des Terrorregimes der NSDAP bewußt war, immer wieder in den Machtbereich der Nationalsozialisten zurück. Dies wurde ihm letztlich 1934 zum Verhängnis; er wurde von der Gestapo wegen „Gefährdung der Staatssicherheit“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zunächst in das Gefängnis Stuttgart / Bad Canstatt in Untersuchungshaft gebracht.
In den siebziger Jahren äußerte sich Bleicher über seine knapp zweijährige Untersuchungshaft folgendermaßen: „Ich war irgendwie mal froh, daß ich eine Bleibe hatte. Ich hatte die Emigration noch hautnah in Erinnerung, wo mich jeder lieber gehen als kommen sah. Wo ich mir jeden Tag die Frage stellte, ob ich den wieder hinter mich bringe, in einem Bett oder einem Dach. Hier hatte ich eine Zelle, die war warm, ich hatte Literatur und konnte viel lesen.“
Nach seiner Verurteilung zu 2 Jahren und 6 Monaten Haft wird Willi Bleicher nach Ulm verlegt. Hier erfährt er im Gegensatz zur Stuttgarter Haft eine brutale, unmenschliche Behandlung. Doch sein Leidensweg beginnt 1938 erst richtig für ihn, als er in das KZ Buchenwald eingeliefert wird.
Gleich zu Beginn lernt er dort die Schikanen und Mißhandlungen der SS - Wärter kennen. Im Lager wird er zusammen mit anderen politischen Häftlingen in Block 37 eingeteilt.
Dort lernt er Robert Siewert kennen, der Reichsleiter der KPO in Berlin war. Dieser wird im Laufe ihrer Haft zu seinem besten und wichtigsten Freund. Teilen und Solidarität wurde unter den Häftlingen groß geschrieben; Kleidungsstücke und Nahrungsmittel wurden gegenseitig ausgetauscht. Dies war bei der strengen Aufsicht – im Lager herrschte ein größerer Drill als in preußischen Kasernen – nur durch guten Gemeinschaftssinn möglich. Ferner wurde schmuggeln von einigen korrupten Wärtern gebilligt.
Willi Bleicher selbst mußte schwer arbeiten. Mehrere Monate hob er Gräben für Straßenbau und Wasserleitungen aus. Anschließend verrichtete er Dachdeckerarbeiten.
Am 50. Geburtstag Adolf Hitlers wurden, als großzügige Geste des Führers angelegt, 2300 Häftlinge aus dem KZ entlassen. Unter diesen befand sich auch der bisherige Verwalter der Effektenkammer. Da sich Bleicher während seiner ganzen Lagerzeit stets als ordentlicher und gehorsamer Häftling erwiesen hatte, durfte er dessen Amt übernehmen. Da er diese Position innehielt, konnte er bedürftige Mithäftlinge mit der Kleidung verstorbener Häftlinge versorgen und fand deshalb immer mehr Anerkennung und Sympathien.
Auch in diesen schweren Jahren bewies er großes Durchhaltevermögen; er organisierte immer wieder Häftlingsrevolten, so zum Beispiel im April 1945, und er engagierte sich in der Arbeiterbewegung. Er bewies ebenso große Menschlichkeit; des öfteren unterstützte er Häftlinge, die bereits am Zusammenbrechen waren, und so rettete er diese vor dem sicheren Tod.
Sein ganzes Leben lang hindurch konnte er die Greueltaten und sinnlosen Ermordungen Gefangener nicht vergessen und verarbeiten. Auch sein Privatleben wurde durch das Naziregime zerstört, nach 11 Jahren Freundschaft teilte ihm seine Freundin Helene Beck in ihrem letzten Brief an ihn im KZ im Jahre 1940 ihre Trennung von ihm mit. Damit wurden auch seine Pläne, eine Familie zu gründen, jäh durchkreuzt.
Zweifellos seine größte Tat war die Rettung des knapp 3 - jährigen Knaben Stefan Jerzy Zweig aus Polen. Bleicher fiel der blonde Junge sofort auf, und er wußte sogleich, daß dieser das Lager nicht überleben würde, denn die SS wollte nur Arbeitssklaven und keine „nutzlosen Esser“. Spontan entschied sich Bleicher, den Knaben zu verstecken, obwohl er sich bewußt war, daß er somit sein Leben aufs Spiel setzte.
Jerzy Zweig stammte aus wohlhabenden Verhältnissen. Sein Vater arbeitete als Rechtsanwalt. Zusammen mit seinem Sohn, getrennt von der restlichen Familie, wurde er nach Buchenwald eingeliefert. Dort wurden die beiden ebenfalls getrennt, und Willi Bleicher kümmerte sich um „Juschu“, wie er von den Häftlingen liebevoll genannt wurde. Bleicher behandelte „Juschu“, als wäre er sein eigener Sohn. Obwohl Bleicher schon an die rauhe Umgangsform gewohnt war, spielte er zärtlich und mit viel Hingabe mit dem Kleinen.
Allerdings waren die ersten Tage besonders schwierig, da das Kind schwer unter der Trennung von seinem Vater litt. Mithäftlinge warfen Bleicher Disziplinlosigkeit und Abenteurertum vor, denn er habe ohne Rücksicht auf Verluste vollendete Tatsachen geschaffen und nicht an die möglichen Folgen gedacht. Trotzdem wird „Juschu“ später von allen Häftlingen geliebt. Im Herbst 1944 soll „Juschu“ mit anderen Kindern zusammen nach Auschwitz gebracht werden. Er kann aber dem Schicksal entrinnen, da er in die Krankenstation wegen einer Thyphusinfektion aufgenommen wird. Vermutlich gelang es Bleicher, den zuständigen Arzt zu bestechen, so daß der Zug ohne Jerzy Zweig nach Auschwitz abfuhr.
Nach der Zerschlagung der Nazi - Diktatur und der Befreiung durch die Amerikaner verlieren sich beide aus den Augen.
Bleicher widmet sich dem Neuaufbau einer demokratischen einheitlichen Gewerkschaftsbewegung. Er distanziert sich vom Kommunismus, denn dieser sei „die falsche Linke“. Er selbst bezeichnet sich nun als Sozialist.
Zweig studiert nach dem Krieg in Frankreich und wird später Kameramann beim ORF.
Die Rettung des Jerzy Zweigs wurde von dem DDR - Schriftsteller Bruno Apitz in seinem Buch „Nackt unter den Wölfen“ dokumentiert, das später sogar verfilmt wurde.
Den Gewerkschaften schloß sich Bleicher gleich nach dem Krieg wieder an. Nach kurzem Zerwürfnis mit den Metallern war Willi Bleicher seit 1958 Bezirksleiter der IG Metall für den Tarifbezirk Nordbaden und Nordwürttemberg. Als solcher bestimmte er weitgehend den Stil der Auseinandersetzungen in der Metallindustrie des Gebietes, aber auch darüber hinaus. Er vertrat rund 400.000 organisierte Metallarbeiter und galt als starker Interessenvertreter.
Altershalber trat Willi Bleicher im Oktober 1972 in den wohlverdienten Ruhestand. Mit ihm verschwand eine der markantesten Gestalten des DGB von der Bühne der aktiven Gewerkschaftspolitik.
Auch als Pensionär hat er sich noch gelegentlich zu Wort gemeldet. So warnte er zum Beispiel 1978 vor der in seinen Augen falschen Meinung, der Faschismus sei endgültig tot. Er rief zu Wachsamkeit auf und warf der Justiz vor, zuweilen wieder auf dem rechten Auge blind zu sein.
Im gleichen Jahr wurde er von der Internationalen Liga für Menschenrechte mit der Carl - von - Ossietzky - Medaille ausgezeichnet.
Für seine vorbildlichen Leistungen durfte er auch auf dem „Berg des Gedenkens“ in Jerusalem ein Bäumchen pflanzen – eine Ehre, die nur wenigen Deutschen zuteil wurde. Heute ist daraus ein großer Baum geworden.
Im Alter von 73 Jahren starb Willi Bleicher Ende Juni 1981 nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Wohnort in Stuttgart.

Willi Bleicher sollte uns heute als Vorbild dienen. Er mahnt uns stets und macht uns Mut zugleich, sich gegen den wiederaufkommenden Faschismus aufzulehnen und Unrecht zu bekämpfen. Nur so kann man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und verhindern, daß sich die Geschichte wiederholt!
 

Quellen:

  • Hermann G. Abmayr: „Wir brauchen kein Denkmal“
  • authentische Zeitungsausschnitte, erhalten vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
  • Verschiedene Dokumente von der Landeszentrale für politische Bildung

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    Bookreport:

    Graham Green: "Our Man In Havana"


    About the Author:

    Graham Greene (1904 - 1991) and the principal topics of his novels:

    Graham Greene was born as the son of a schoolheadmaster in 1904 in Berkhamsted (Hertfordshire) in Great Britain. This role conveyed him the early experience of solitude and isolation as it was always difficult for him to join his class mates with his father being the headmaster. So it is no surprise that „the individual harassed by solitude“ became one of his permanent motifs in his literary work. In addition to that he was influenced by Marjorie Bowen´s novel „The Viper of Milan“. This novel taught him that „the world is ruled by the absolute wicked and that the absolute good would never reign.“
    After his graduation Greene studied modern history in Oxford. Already as student he started writing in order to escape from the horrors of human existence.
    In 1926 he converted to Catholicism as he hoped to find there replies to pain and misery. From 1926 to 1930 he worked as a subeditor on The Times. From 1941 to 1944 he worked for the Foreign Office and was on secret mission in Africa. On his journeys he was often on a flight from himself. Repeatedly he confessed: „I´m a stranger to myself.“
    In the beginning of his writercareer he had distinguished between „problem novels“ and „entertainment“ as entertainment was one of the best getaways from monotony and the routine of life. Later he ceased from this separation as also his novels, that tried to represent the real world, couldn´t exist without entertainment. He published more than 30 novels, 16 of them were filmed.
    Greene received many awards and earned much respect worldwide. He was appointed honorary doctor of the Universities of Cambridge, Edinburgh, Oxford and Moscow.
    Often he interfered in politics and he caused sensation when he left the American Academy of Arts and Science for protest against the American policy in Indochina. In 1977 he was fined for publishing a leaflet criticizing corruption at the Cote d’Azur.
    Although he had his mainresidence in Paris he principally dwelled in the Mediterranean town of Antibes until his death in 1991.
     

    Content of „Our Man In Havana“:

    The maincharacter of Graham Greene´s novel „Our Man In Havana“ is the British citizen James Wormold, a vacuum cleaner salesman, who runs a store in Havana in Cuba. The most important thing in his life is his daugther Milly, he brings up alone, as his wife left him years ago. Wormold has just one real friend in Havana: Dr. Hasselbacher, a German doctor who’s been living there for a long time and regularly meets Wormold for talking, playing or drinking whiskey at a bar together.
    Wormold’s income is pretty low. Electric vacuum cleaners aren’t sold very frequently because electric power isn’t guaranteed all the time in Havana and as only few people of the upper class can afford one.
    Now his daughter has celebrated her 17th birthday and thus reached „the expensive age“ as Wormold says. For her birthday present Milly desires a horse she could buy for a very low price from Captain Segura, a head police officer. Milly has already organized the stabling at the „Country Club“, a meeting point for the famous and influential people.
    Wormold has decided to take a credit to pay for the horse, when suddenly a stranger makes him a lucrative offer. The stranger turns out to be a man called Hawthrone, an agent of the British Secret Service, who wants to recruit Wormold as a subagent. Hawthrone explains that Wormold has been chosen as he is British and as he has access to the houses of many important people when he looks after their vacuum cleaners for service inspection.
    Under the excellent cover of his vacuum cleaner store he accepts the offer of a $300- plus a month and so Wormold becomes Agent 59200/5.
    Wormold does this only as he is short of money and as he wants to satisfy the wishes of his daughter.
    When he receives the first encoded messages that remind him to supply his headquarters with information, he realizes that for the first time in his life he has taken money and given nothing in return. This fact troubles him. Till now it seems to him that he’s been the recipient of a gift that enables his daughter to ride at the Country Club. So he thinks that it’s time that he gives them (the Secret Service) some names to trace and recruit an agent to keep them happy. He thinks: „All you need is a little imagination“ and thus he sends fake stories and pretends to recruit subagents.
    In order to deliver ramified information he chooses two influential persons he pretends to recruit. Their names he finds on the Country Club membershiplist. The one is the engineer Dr. Cifuentes who could provide technical information, the other one is Professor Luis Sanchez who could support him with economic information. So now Wormold regularly reports made-up stories to his contact man at the headquarters. He introduces more and more new fake subagents and really gains fun in making up these imaginary stories. One day he reports to his headquarters that his new agent Raul, a cuban pilot, has discovered military installations. In this report Wormold even encludes drawings of the new military weapons, but in reality these drawings show parts from the interior of a vacuum cleaner Wormold has just copied.
    In London Wormold’s chiefs are very satisfied with his work and in order to receive even more information they decide to send two more agents for Wormold’s support to Havana. Now the situation becomes really uncomfortable for Wormold. For several months he has drawn money and in return reported imaginary stories. Wormold gets really in trouble when his new agents Beatrice and the radio operator Rudy want to get acquainted with Wormold’s subagents he never personally got to know and of course never recruited. First he manages to defer a meeting with the subagents but after a while they urge him to get to know his recruited agents. A sad coincidence preserves Wormold from the uncoverage of his made-up stories. Before the required meeting with Raul can be arranged, the cuban pilot dies in a car accident. But the story becomes extremely serious as in reality someone shot at Dr. Cifunentes, the engineer, who’s also one of Wormold’s pretended subagents.
    Beatrice and Rudy who are trained and experienced agents are sure that this is no coincidence and they dread that they all might be killed by a foreign secret service. Somehow a foreign power must have received copies of Wormold’s fake reports; that means that on the way into the headquarters a double agent must have acted.
    By this way innocent people who casually have been selected by Wormold, who has pretended to recruit them, are exposed to danger for their life. And this is what really turns out to be. Wormold and his subagents in fact have to fear for their lives. At a convention of the „European Traders“ someone tries to poison Wormold; but Wormold happens to drop his glass of whiskey. The whiskey is licked by a dog and that dog immediately dies. The first victim on Wormold’s side is Dr. Hasselbacher who is killed by one of the foreign agents.
    Now Wormold feels guilty for Hasselbacher’s death and he confesses to Beatrice that he and his agents never have operated and that all reports have been made-up stories.
    But before he resigns he would try to kill the murderer of his friend Dr. Hasselbacher. He’s sure that he would never kill someone for his country, for capitalism or patriotism but in this case, in a family-feud he will kill Hasselbacher´s murderer as he later really does.
    In the end of the story Wormold is commanded to see the British Ambassador who tells him that he has caused lots of trouble in Havana and that under the prevailing circumstances he’ll do better if he leaves Cuba for good.
    Back in Britain he is requested to call on his headquarters where his chiefs have decided what should happen to him. Wormold dreads a severe verdict and even fears to be shot immediately. But he gets away with impunity and his superiors offer him a job on their training staff. He should do lecturing on how to run a station abroad. In addition to that he’s recommended for a decoration (that is always done when a man retires from a post abroad). In his case his chief can hardly suggest anything higher than an O.B.E. (Officer of the British Empire). There is also a happy end concerning his private life. In Havana he has fallen in love with his female agent Beatrice; now back in Britain they both intend to get married and to raise Milly together.
     

    Comment:

    Graham Greene’s novel „Our Man In Havana“ is a comical and satirical entertainment, but the context of the text is not always easily understood. The reader is confused by an incoherent, bewildering plot that is created as Greene doesn’t concentrate on the main action.
    There are some too long interludes that create suspense and delay the main action, but these sub-actions make the novel a bit confusing.
    But all in all Wormold´s fake stories and his acting are quite amusing.



     

    Sprachbarrieren


    Ein Teilgebiet der Soziolinguistik ist die Erforschung der existierenden Kommunikationshemmungen zwischen den verschiedenen Schichten einer Gesellschaft.
    Sprachbarrieren bilden sich aufgrund von Sprachdefiziten; diese werden jedoch erst deutlich und relevant, wenn verschiedene soziale Gruppen aufeinandertreffen.
    Erste Untersuchungen, die überwiegend empirischen Charakters sind, versuchen, die Ursachen für die Entstehung unterschiedlicher linguistischer Codes zu erklären.

    Die notwendig entstehenden Kommunikationsbarrieren sind überwiegend bestimmt durch die kulturellen und sozialen Zusammenhänge bzw. Milieus, in denen der Sprecher aufwächst. In den einzelnen Gesellschaftsschichten herrschen verschiedene Code-Grammatik-Systeme vor, die beim Aufeinandertreffen dieser Gruppen eine differenzierte Kommunikation nicht ohne weiteres ermöglichen. Die möglichen entstehenden Kommunikationsstörungen können sogar bis zum Abbruch des Gespräches führen.
     

    Ausschlaggebende Gründe:

    Existenz verschiedener Sozialisationsformen und Sozialisationsbedingungen Hinzu kommen nach Oevermann die unabwendbaren Variablen:
    Beruf, Erziehung, Einkommen, Berufswechsel, Geschwisterzahl, Gewohnheiten, Freizeit und Lebensgestaltung, die schichtprägend wirken.
    Die sprachlichen Defizite sind auch aufgrund unterschiedlicher Leistungs-, Funktions- und Schönheitsansprüche signifikant.
    Jedoch ist die Kommunikationsleistung in einer großen, vielgliedrigen, arbeitsteiligen Gesellschaft zum Teil begrenzt.
    Bei gesellschaftspolitisch anders orientierten Gruppen, deren Jargon Bestandteil des allgemeinen, umgangssprachlichen Kommunikationsverhaltens ist, kann es, aufgrund der unterschiedlichen Äußerungsweisen zu Statuszuweisungen kommen.
    Dies ist die Erklärung für die in der Gesellschaft existierenden Unterschiede zwischen der Mittelschicht und Unterschicht.
    Sprachbarrieren zeigen sich z.B. als Differenzen in Vokabular, Syntax, Semantik d.h.: Inhalt und Wendung des Wortes und Wortwahl.
     

    Soziologische Untersuchungen, die die Entstehung von Sprachbarrieren erklären:

    Bernsteins Theorie der linguistischen Codes:

    Behauptung:
    1. Existenz von Unterschieden zwischen der Sprache der Mittelschicht und der Unterschicht.
    2. Bestehen zweier schichtspezifischer Sprachformen:

    Sprachform der Mittelschicht: formale Sprache = elaborierter Code

    Kennzeichen:
    1. genaue grammatische Ordnung und Syntax regulieren das Gesagte
    2. logische Modifikationen und Betonungen werden durch grammatisch komplexe Satzkonstruktionen, durch die Verwendung von Konjunktionen und Nebensätzen vermittelt.
    3. häufige Verwendung von Präpositionen
    4. Verwendung der unpersönlichen Fürwörter „es“ und „man“
    5. Qualitative Auswahl aus einer Reihe von Adjektiven und Adverbien

    Sprachform der Unterschicht: öffentliche Sprache = restringierter Code:

    Kennzeichen:
    1. kurze, grammatisch einfache und oft unvollständige Sätze von dürftiger syntaktischer Form (elliptische Satzform)
    2. einfacherer und sich wiederholender Gebrauch bestimmter Konjunktionen (so, dann, und)
    3. geringere Verwendung untergeordneter Sätze, durch die die Kategorien des übergeordneten Subjekts modifiziert werden
    4. starrer und begrenzter Gebrauch bestimmter Adjektive und Adverbien
    5. seltener Gebrauch von unpersönlichen Fürwörtern
    6. große Anzahl von Aussagen und Wendungen, welche das Bedürfnis zeigen, die vorausgehende Sprechsequenz zu verstärken („nicht wahr“, „da sehen Sie“)

    Auffallen der schichtspezifischen Sprachdefizite:

    Der elaborierte Code ist die Sprache der Schule. Für ein Kind aus der Mittelschicht, das bereits in seiner Erziehung auf eine formale Sprache hin ausgerichtet worden ist, bereitet dies keine Schwierigkeiten.
    Einem Kind aus der Unterschicht wird es schwerer fallen, dem Unterricht zu folgen. Das Kind wird in die Situation des mechanischen Lernens und Verstehens hineingezwungen.
    Folge:
    Zwischen der Erziehung im Elternhaus und Schule entsteht ein Bruch; das Kind kann die Motivation am Lernen verlieren.
     

    Nachfolgeuntersuchungen durch Denis Lawton:

    Lawtons Nachforschungen waren darauf angelegt, die theoretischen Ansätze entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.
    Seine Untersuchungen waren bezogen auf:
    4 Gruppen zu je 5 Jungen im Alter von 12 und 15 Jahren
    Das Sprachverhalten wurde überprüft durch Aufsätze und Satzergänzungstests:
    Auswertung:
    1. Länge des Aufsatzes:

    2. Die Schüler der Mittelschicht schrieben in 30 min bedeutend längere Aufsätze (bei den 15jährigen: 348 : 228 Wörter) Erklärung für unterschiedlichen Umfang: Für die Jungen aus der Unterschicht kommt das schriftliche Formulieren einem Übersetzen aus dem restringierten Code in den elaborierten Code gleich (Zeitaufwand).
    3. Nebensätze:

    4. Die Jungen aus der Unterschicht verfügen nur über eine geringe Variationsbreite bei der Konstruktion der Nebensätze
    5. Passive Verben:

    6. Die Jungen aus der Unterschicht beherrschen die Konstruktion von Verben im Passiv, einem Merkmal des unpersönlichen Stils, nicht so sicher, wie die Jungen der Mittelschicht. Verhältnis: Unterschicht: 35, Mittelschicht: 86
    7. Personalpronomen:

    8. Auch hier ist die Mittelschicht der Unterschicht eindeutig überlegen.
    9. Adjektive und Adverbien:

    10. Bei der quantitativen Aufzählung der verwendeten Adjektive und Adverbien zeigten sich nur geringe Unterschiede zwischen der Mittelschicht und Unterschicht. Bei den Jungen der Mittelschicht zeigte sich jedoch die Tendenz, verschiedenartige Adjektive und Adverbien abwechslungsreicher zu verwenden.

    Analyse des Inhalts:

    Thema des Aufsatzes: „Mein Leben in zehn Jahren“
    Lawton kommt bei der Interpretation zur der Ansicht, daß das Leben der Jungen aus der Unterschicht durch materielle und konkrete Dinge bestimmt ist. =>Diese materiellen Güter sind für die Jungen unmittelbar wichtig (Haus, Kleidung, Geld).
    Das Leben und die Gedanken der Jungen aus der Mittelschicht, deren materielle Lebens- situation gesichert ist, sind im Gegensatz dazu überwiegend von Ideen und von der geistigen Verarbeitung der Ereignisse bestimmt.

    Auswertung der Gruppendiskussion:

    1. Lawton erfährt die Bestätigung seiner Ergebnisse aus der Analyse der Aufsätze in Hinblick auf die Verwendung von Nebensätzen, Verben im Passiv, Personalpronomen, Adjektiven und Adverbien.
    2. Unterschiede inbezug auf die Fundierung der Argumentation:

    Inhaltsanalyse:

    Die Jungen aus der Unterschicht neigten dazu, ihre Argumentation auf Klischees, Anekdoten und konkreten Beispielen auszubauen.
    Die Jungen der Mittelschicht gebrauchten überwiegend abstrakte und hypothetische Beispiele, um ihre Argumentation zu stützen.

    Gesamtergebnis von Lawtons Untersuchungen:

    1. Schichtspezifische Unterschiede im Sprachverhalten sind in der schriftlichen Äußerung größer als in der mündlichen.
    2. Nach der Meinung Lawtons herrscht ein Zwiespalt zwischen der normalen sprachlichen Leistung und der möglichen Leistungsfähigkeit der Schüler der Unterschicht. Er behauptet, daß in der Unterschicht ein großes Potential intellektueller Leistung ruht, das nach bildungsökonomischen Erfordernissen zu nutzen wäre.

    Peter Martin Roeder:

    Roeder führte die ersten Studien für die Untersuchung eines schichtspezifischen Sprachverhaltens in Deutschland durch. Er beschränkte sich in seinen Forschungen auf schichtspezifische Unterschiede in der Schriftsprache von Kindern am Ende der Grundschulzeit.
    Unabhängig von sozialer Herkunft, Intelligenz, Beruf der Eltern, etc. wurden von ihm 523 Kinder des 4. Schuljahres für eine Untersuchung ausgewählt.
    Testinhalt:
    Den Kindern wurde ein kurzer Stummfilm vorgeführt, dessen Handlung die Kinder danach notieren sollten.
    Ergebnis:
    Roeder erkannte eine positive Korrelation zwischen Sozialstatus und Wortschatz. Zudem zeigte sich, daß die Kinder um so häufiger hypotaktische Satzgefüge (Kausalsätze, Lokalsätze, Attributivsätze) verwendeten, je höher der soziale Status der Eltern war. Roeder deutete diese Ergebnisse dahingehend, daß diese Kinder die größere Fähigkeit haben, in ihren Wahrnehmungsstrategien Beziehungen besser zu erfassen und darzustellen. Roeder stellte fest, daß die Differenzierung nach Schultyp wahrscheinlich zur Stabilisierung der spezifischen Sprachmerkmale der jeweiligen Sozialschichten beiträgt. Deshalb fordert er eine Veränderung der Institution Schule, um jedem Kind sein Recht auf eine optimale Entfaltung seiner Fähigkeiten zu gewähren und um der hohen Korrelation zwischen Status und Bildungschancen entgegenzuwirken.

    Ulrich Oevermann:

    Ziel der Untersuchung:
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sprache und sozialer Herkunft?
    Bei seinen Untersuchungen stützte sich Oevermann auf verschiedene Variablen:
    1. Unabhängige Variablen:

    2. Soziale Hintergrunddaten wie Beruf und Erziehung der Eltern, Einkommen, Berufswechsel, Geschwisterzahl, Lebensgewohnheiten, usw..
    3. Kontrollvariablen:

    4. Gemessene Intelligenz in Form einer „Maßzahl“ anhand von verbaler Intelligenz, nicht-verbaler Intelligenz sowie Sozialisationseffekt der Schule
    5. Abhängige Variablen:

    6. Die Indikatoren des Sprachverhaltens, die anhand von schriftlichen Aufsätzen ermittelt wurden
    Untersuchung von 109 Kindern zwischen 11 und 13 Jahren, die aus einem breiten Spektrum sozialer Schichten (Unterschicht bis obere Mittelschicht) stammten.
    Analyse der Intelligenztestwerte:
    Im Gegensatz zu repräsentativen Untersuchungen, die einen positiven Zusammenhang zwischen sozio-ökonomischem Status und Intelligenz bestätigten, ergab sich in dieser Untersuchung:
    „Je höher der sozio-ökonomische Status, desto geringer die Intelligenz“.
    Dies bedeutet, daß Schüler der Unterschicht ein erheblich höheres Intelligenzniveau aufweisen müssen als die der Mittelschicht, um die intelligenzunabhängigen Auslesebarrieren zu überwinden. Diese Schüler müssen intellektuell ihren Altersgenossen aus der Mittelschicht überlegen sein, wenn sie an denselben Ausbildungsprozessen teilnehmen wollen wie diese.
    Linguistische Analyse der schriftlichen Arbeiten:
    Oevermann ging von 5 theoretischen Kriterien aus, um das schichtspezifische Sprachverhalten zu untersuchen.
    1. Komplexität der syntaktischen und grammatischen Konstruktionen gegliedert in:
    2. Dfferenzierte Erfassung struktureller Zusammenhänge in der Objektwelt gegenüber isolierter, konkretisierter Bezeichnung und Aneinanderreihung von Sachverhalten
    3. Individuierter, hervorgehobener Sprachgebrauch durch explizite Bedeutungs- spezifizierung und Interpretation innerer Zustände
    4. Individuierter Sprachgebrauch durch Signalisierung subjektiver Intentionen
    5. Abstraktionsniveau
    Ergebnis:
    Es ergaben sich schichtspezifische Unterschiede inbezug auf die Anzahl der Wörter pro Satzeinheit.
    Die Kinder der Unterschicht hatten bedeutend weniger Satzgerüste zu komplexen Satzeinheiten verknüpft.
    Oevermann hat folgende prägnante Aussage über die Schüler der Unterschicht vorgelegt:
    Die syntaktische Organisation der Aufsätze der Kinder der Unterschicht ist weniger komplex, weil sie vornehmlich einfache Hauptsätze enthalten und in ihrem Satzgefüge wenig durch Subordination erster oder höherer Ordnung gegliedert sind. Im Vergleich zur Mittelschicht haben die Kinder der Unterschicht deutlich weniger Relativsätze verwendet; falls Nebensätze konstruiert wurden, so handelte es sich überwiegend konjunktional eingeleitete notwendige Ergänzungen des Hauptsatzes.
    Die bei den Kindern der Unterschicht vorherrschende Tendenz zu einer mehr statischen, bloß abbildenden, konkreten Beschreibung führt zu einer häufigen Verwendung von Substantiven, Adjektiven und Adverbien, die jedoch nur im begrenzten Maße zur Verfügung stehen. Allerdings kommt in den Aufsätzen ein relativ reichhaltiger und nicht zu oft wiederholter Wortschatz zum Vorschein.
    Bei der Unterschicht stehen soziozentrische Redefolgen bei der inhaltlichen Analyse im Vordergrund; d.h. es erfolgt eine Identifikation mit einer Bezugsgruppe, eigene Intentionen finden sich nur selten in ihrem sprachlichen Ausdruck in prägnanten Verben und Adjektiven.

    Zusammenfassend kann man feststellen, daß die Oevermannschen Untersuchungen im großen und ganzen die Theorien des linguistischen Codes von Bernstein bestätigen.

    Möglichkeiten zum Abbau von Sprachbarrieren und eine vernünftige Sprachpolitik:

    Anmerkungen zum sprachpolitischen Thema, zu Fragen sprachkompensatorischen und sprachemanzipatorischen Unterrichts.
    Es geht dabei um den Komplex „Überwindung oder Abbau von Sprachbarrieren“, um „soziale Chancenungleichheit“, die über spracherzieherische Maßnahmen ausgeglichen werden sollen.
    Der unglückliche Terminus „Sprachbarrieren“ trug allerdings nicht unerheblich dazu bei, darüber hinwegzutäuschen, daß Differenzen des Sprachverhaltens einen sekundären Aspekt sozialer Schranken oder Barrieren darstellen. Primär sind in jedem Fall die sozio-ökonomischen Verhältnisse, das Sozialisationsmilieu, in denen ein Kind aufwächst.

    Kompensatorische Spracherziehungsprogramme in der Schule versuchen, das Sprachverhalten von Unterschicht- oder Arbeiterkindern den in unseren Schulen erwarteten und geforderten Kodierungsmöglichkeiten anzugleichen.
    Von diesem Ansatz aus werden auch schon die Gefahren, die Mängel und die Fragwürdigkeiten kompensatorischer Versuche offenbar: Sie sind immanent von dem Vorurteil bestimmt, das Sprachverhalten der Unterschichtskinder sei defekt, defizitär oder depraviert und diese Mängel (und damit auch die sozialen Benachteiligungen) könnten durch formales Sprachtraining bereinigt werden.
    Aber der fehlgeleitete theoretische Ansatz verurteilt kompensatorische Spracherziehungsprogramme nicht nur zur Erfolglosigkeit, was den Abbau bestehender Chancenungleichheiten betrifft; sprachkompensatorische Programme sind darüber hinaus eher geeignet, bestehende soziale Differenzierungen zu verfestigen und entsprechende Vorurteilsstrukturen zu erhärten:
    zum Beispiel werden durch die, beim formalen Sprachunterricht unausbleiblich mit-vermittelten Inhalte den Kindern bestehende Wertordnungen und damit auch eine Minderbewertung der eigenen sozialen Verhältnisse mitgeliefert. Für das Kind kann sich hieraus eine unlösbare Konfliktsituation ergeben: Die ihm auf diese Weise kraft Autorität der Schule nahegelegten Wertmaßstäbe müssen es notwendig seiner eigenen natürlichen Umgebung, seinem Sozialisationsmilieu, also seiner Familie entfremden, in der es ja doch weiterhin existieren muß.

    Die kritische Einsicht in diese Mechanismen kompensatorischer Spracherziehung liegt emanzipatorischen Konzeptionen zugrunde; ihr auf der Basis engagierter Gesellschaftskritik konstatiertes Ziel ist die Überwindung bestehender sozialer Ungerechtigkeiten nicht etwa durch Anpassung an bestehende Verhältnisse, sondern durch deren gezielte Veränderung. Das formulierte Ziel emanzipierter Sprachschulung lautet folglich:
    „Sprachschulung muß die Fähigkeit zu genauer und verbal angemessener Darstellung gesellschaftlicher Situationen fördern, Sprachschulung muß als solidarisierendes Moment die Möglichkeit und Notwendigkeit der Änderung gesellschaftlicher Praxis aufzeigen.“

    Natürlich ist — vorausgesetzt, die emanzipatorischen Versuche haben den gewünschten Erfolg — allein die Fähigkeit des Schülers, die Gründe sozialer Differenzierung und Schranken oder etwa die Ursachen von Kommunikationsstörungen zu verbalisieren und damit durchschaubar zu machen, als wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Überwindung eben dieser Schranken zur Veränderung bestehender Verhältnisse zu werten.

    Allein die Fähigkeit einer ideologiekritischen Auseinandersetzung mit Formen des Sprachverhaltens kann letztlich die kommunikativen Leistungen fördern und Sprachbarrieren abbauen.

    Quellen:



    Created: 06.01.1997
    Last updated: 08.02.2000