DG 4011 E –
Vortragsreihe Zentrum
Dr. Xaver Brenner/ Karin Hutflötz M.A./ Dr. Wolfgang
Thorwart/ Dr. Verena Weber/ Frank Beyersdörfer M.A./ Dr. Hermann Schlüter/ Dr.
Matthias Gaertner/ Dr. Florian Roth · Volkshochschule · Gasteig · 8 x fr 20.00
bis 21.30 Uhr · 20.9. bis 15.11.2002 · € 35.– bei Anmeldung · Restkarten € 5.–
je Abend nur am Veranstaltungsort
8.
November: Marx – „Die Philosophen haben die Welt nur
verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Dr. Matthias Gaertner
[Dieser Satz
ist die Letzte der elf „Thesen über Feuerbach“, die Marx im Zusammenhang von
„Die deutsche Ideologie“ 1845/46 verfasste. Marx folgt Feuerbach in dessen
„materialistischer“ Haltung - dem Ausgang des Denkens nicht von Grundannahmen,
sondern vom sinnlich Gegebenen -, wirft ihm jedoch vor, er würde das Denken als
starre außerweltliche Instanz bestehen lassen. Dagegen fordert er, dass Denken
sich nicht nur auf menschliche Lebenspraxis beziehen, sondern selbst als Teil
dieser aufgefasst – und praktiziert - werden müsse.]
DIE
DEUTSCHE IDEOLOGIE
A. Thesen über Feuerbach
ad Feuerbach
1.
Der
Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit
eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur
unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber
als sinnlich-menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher die
tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus –
der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt –
entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich
unterschiedene Objekte: aber er fasst die menschliche Tätigkeit selbst nicht
als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im Wesen des
Christentums nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während
die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefasst und
fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der
praktisch-kritischen Tätigkeit.
2.
Die Frage,
ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage
der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der
Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines
Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des
Denkens, - das von der Praxis isoliert ist -, ist eine rein scholastische
Frage.
3.
Die
materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung
vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst
erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen
der eine über ihn erhaben ist – sondieren.
Das
Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder
Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und
rationell verstanden werden.
4.
Feuerbach
geht von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdoppelung der Welt
in eine religiöse und eine weltliche, aus. Seine Arbeit besteht darin, die
religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber dass die weltliche
Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den
Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen
dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muss also in sich selbst
sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden.
Also nachdem z. B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie
entdeckt ist, muss nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet
werden.
5.
Feuerbach
mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, will die Anschauung; aber er
fasst die Sinnlichkeit nicht als praktische menschlich-sinnliche
Tätigkeit.
6.
Feuerbach
löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche
Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner
Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher
gezwungen:
1. Von dem
geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu
fixieren und ein abstrakt-isoliert-menschliches Individuum
vorauszusetzen.
2. Das
Wesen kann daher nur als „Gattung“, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich
verbindende Allgemeinheit gefasst werden.
7.
Feuerbach
sieht daher nicht, dass das „religiöse Gemüt“ selbst ein gesellschaftliches
Produkt ist und dass das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer
bestimmten Gesellschaftsform angehört.
8.
Alles
gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche
die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der
menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.
9.
Das Höchste,
wozu der anschauende Materialismus kommt, d. h. der Materialismus, der die
Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der
einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft.
10.
Der
Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der
Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche
Menschheit.
11.
Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt
darauf an, sie zu verändern.