
Die Albanische Flagge
Wer wir sind - Michi und Martin aus Neusäß bei Augsburg, aktive Mitglieder der Plan Aktionsgruppe Augsburg. Wir haben 7 Katzen, keine eigenen Kinder, aber 5 Patenkinder in Indien, Bangladesh, Indonesien und Albanien. Nachdem wir seit 2002 über das Kinderhilfswerk Plan International auch ein Kind in Albanien unterstützen und zu unserer großen Freude mit Bukuroshe von Anfang an einen ganz tollen Briefkontakt haben, reifte der Wunsch heran, ihr Heimatland Albanien, den "weißen Fleck auf Europas Landkarte", zu bereisen und dabei Bukuroshe und ihrer Familie einen persönlichen Besuch abzustatten. Eigentlich ist Albanien ja gar nicht weit weg von uns, man kann das Land seit 4 Jahren wieder sicher bereisen, nur tut das kaum jemand. Mit diesem Reisebericht wollen wir andere Menschen informieren und ermutigen, die eine Reise nach Albanien ins Auge fassen.
Februar 2004 - Wir lesen im Programm der Volkshochschule Augsburg, dass - kaum zu glauben! - erstmalig ein Anfängerkurs Albanisch angeboten wird, und schreiben uns darin ein. Es ist in diesem "touristisch kaum erschlossenen" Land bestimmt von großem Vorteil, wenigstens ein paar Sprachbrocken zur Verfügung zu haben. Der Kurs von Dr. Jonida Xhyra (gesprochen Dschüra), einer Albanerin, die jetzt in München lebt, geht über zwei ganze Wochenenden und vermittelt einen ersten Einblick in die albanische Sprache. Die hat's grammatikalisch schon etwas in sich. Außer uns sind nur noch drei weitere deutsche Schülerinnen im Kurs. Wir fühlen uns ein bisschen verrückt und auch ein bisschen "besonders" mit unserem Vorhaben.
Unė jam, ti je, ai/ajo ėshtė, ne jemi, ju jeni, ata/ato janė. Une quhem, ti quhesh, ai/ajo quhet...
Unė quhem Martin. Unė vij nga Gjermania. Si quhesh ti?
April/Mai 2004 - Michi verliebt sich in die albanische Musik und kauft alle albanischen CDs und Kassetten, die in Deutschland zu haben sind. Es gibt welche im Internetversand, z.B. bei www.albmuzika.com. Unser Lieblingslied wird "Ja ku jam" von Ardit Gebrea. Ich lerne "Lulja ime" auf der Gitarre spielen.
Juni 2004 - Wir besuchen den Fortführungskurs Albanisch und sammeln Infos über Albanien. Im Internet finden wir mehrere Reiseberichte von deutschen Albanien-Pionieren, abschreckende und weniger abschreckende. Im Buchladen zeigt sich: es gibt keinen einzigen Reiseführer über Albanien. Aber wir finden bei amazon.com einen englischsprachigen Reiseführer, der noch dazu recht gut und aktuell ist, den Bradt Travel Guide Albania (EUR 17,29). Der macht uns wieder mehr Mut. Wir wollen mit dem eigenen Auto nach Albanien fahren und kaufen dafür günstig einen 16 Jahre alten Mercedes Benz 190. In Albanien, das hat man uns gesagt, fahren mehr Mercedes als in sonst einem Land. Also passen wir uns an. Und falls wir eine Panne haben sollten, sind wir mit dieser Marke dann wohl auch am besten dran.
Wir überlegen verschiedene Varianten für die Reiseroute und entscheiden uns dann dafür, nicht auf dem Landweg über Kroatien - Bosnien - Serbien/Montenegro/Kosovo zu fahren, sondern über Italien mit der Fähre. Es gibt folgende Fährverbindungen: Triest-Durrės, Ancona-Durrės, Bari-Durrës und Brindisi-Vlora. Wir wollen auf dem Hinweg die lange Fähre ab Triest nehmen (und so Autokilometer sparen) und auf dem Rückweg nach Brindisi übersetzen (die kürzeste Fähre) und auf dem Heimweg noch ein paar Tage in Süditalien verbringen.

Unsere Reiseroute
Samstag, 17. Juli 2004 - Augsburg - Brenner - Lazise am Gardasee. Nachdem endlich alles gepackt ist, fahren wir die Nacht von Freitag auf Samstag durch und sind morgens in Lazise. Hier können wir einen Tag bleiben, denn die nächste Fähre von Triest nach Albanien geht erst am Sonntagabend. Wir finden ein Hotel mit freiem Zimmer (natürlich sehr teuer jetzt in der Hochsaison) und einem schönen Pool.
Sonntag, 18. Juli 2004 - Lazise - Triest. Wir haben noch keine Tickets für die Fähre, wissen aber die Verbindungszeiten aus dem Internet. Nach einiger Suche finden wir endlich den richtigen Hafen (und zwar ist das der "Porto Vecchio", beim Bahnhof). Das Ticket Office nach Albanien hat zu. Alles einsam hier, nur eine Familie hockt wartend herum, offenbar Albaner. Zwei Stunden später öffnet das Büro und wir kaufen unsere Tickets für die Überfahrt nach Durrës (EUR 377.- für 2 Personen, PKW und Innenkabine mit Dusche, einfach). Nicht ganz billig, aber es macht die Anreise verglichen mit der Autofahrt sehr bequem, und wir sparen ja dafür auch eine Hotelübernachtung und den Sprit. Die Fahrt dauert von Sonntag 21:00 Uhr bis Montag 19:00 Uhr. Die Fähre heißt "Grecia" und ist fast leer. Maximal 20 Passagiere auf einem Schiff, das 1000 aufnehmen könnte. Wie kann sich für die Fährgesellschaft eine so lange Fahrt mit so wenigen Passagieren lohnen?
Montag, 19. Juli 2004 - Triest - Durrës. Wir fahren den ganzen Tag immer in Sichtweite der kroatischen Küste. Wir kommen ins Gespräch mit zwei netten kroatischen Jungs, die auf der Fähre arbeiten. Als sie erfahren, dass wir zum Urlaub machen nach Albanien fahren, sehen sie uns ein bisschen an, als ob wir vom Mond wären. Seit vier Jahren, sagt der eine, arbeitet er nun auf dieser Fähre und pendelt täglich zwischen Italien und Albanien. Und so einen Fall wie uns hat er in den vier Jahren noch nie (!) gesehen. Wir sollen nur gut aufpassen in Albanien, raten sie uns, auch vor den Behörden. Sie selbst fahren die Strecke zwar jeden Tag, waren aber selbst noch nie in Albanien. Wir sind ziemlich nervös, als wir endlich in Durrës anlegen und nach der Passkontrolle (EUR 10.- Einreisegebühr pro Person) vorsichtig an Land fahren. Es ist am Hafen Papierkram zu erledigen wegen unseres Autos. Anhand der grünen Versicherungskarte, dem Transportpapier von der Fähre und dem Fahrzeugschein wird irgendein Formular zur KFZ-Versicherung ausgefüllt, aber die Männer dort am Hafen sind uns dabei behilflich und wir verständigen uns mit ihnen irgendwie mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Albanisch, Italienisch und Englisch. Am Ende dürfen wir das Hafengelände verlassen und sind dabei ohne Schmiergeldzahlungen ausgekommen.
Der erste Eindruck: das, was man über die miserablen Straßen in Albanien hört, stimmt wirklich. So schlechte Fahrbahnen haben wir nicht mal in Indien erlebt. Man kann wegen der mörderischen Unebenheiten und Schlaglöcher oft nur im Schritttempo (slalom-)fahren und muss dabei höllisch aufpassen. Wir fahren die Straße zum Plazhi (Strand) von Durrës entlang, dort gibt es viele Hotels, darunter das beste Hotel von Durrës, das Hotel Adriatik, 5 Sterne. Ob wir uns das leisten können? Wir finden es nach 2-3 km und fragen an der Rezeption nach. Sie nehmen EUR 100.- für ein Doppelzimmer mit Frühstück. Für die erste Nacht in Albanien gönnen wir uns den Luxus. Am gesamten Durrës Plazhi ist unglaublich viel los. Wir hatten gedacht, in Albanien gibt es keinen Tourismus - stimmt nicht! Es gibt jede Menge Touristen, aber praktisch nur albanischsprachige, aus Albanien, dem Kosovo und aus Mazedonien, die hier Urlaub an der albanischen Adria machen. Hier ist keine triste Leere, sondern ein Rummel, überall Menschen, Verkaufsstände, Läden, Restaurants und laute Musik. Zu einem guten Teil sogar Livemusik, und die Musiker und Sänger(-Innen) sind sogar alle ziemlich gut.
Wir wechseln das erste Geld bei einem der vielen Geldwechsler, die auf der Straße mit einem dicken Notenbündel in der Hand wedeln. Für 50.- Euro bekomme ich 6150 Lek; 1000 Lek sind also etwa 8 Euro. Musikkassetten gibt es für 200 Lek (EUR 1,60). Auch hier auf dem Bazar kommen wir irgendwie mit unserem wenigen Albanisch durch. Die Leute machen alle einen sehr netten Eindruck, herzlich und gesellig. Wir essen in einem Strandrestaurant (Qebap, das ist sowas wie Czevapcici, und Pizza, sehr lecker) mit Livemusik und fühlen uns richtig wohl. Alle Nervosität ist wie weggeblasen. Wir unterhalten uns mit zwei jungen Kellnern aus Mazedonien, der eine spricht Englisch und will viel über Deutschland erfahren, der andere spricht ein fantastisches Deutsch, das er sich vor 4 Jahren, während er für nur 6 Monate in Hannover lebte, selbst beigebracht hat. Der erste Abend in Albanien ist viel besser als wir gedacht hätten!
Wir rufen wie im Besuchsinfoblatt gewünscht das Plan-Büro in Tirana an, um unsere Ankunft in Albanien mitzuteilen.

Das Hotel Adriatik in Durrës Plazhi
Dienstag, 20. Juli 2004 - Durrës Plazhi. Das Frühstück im "Adriatik" ist edel, wenn auch die Auswahl etwas gering. Die Albaner frühstücken für deutsche Verhältnisse eher bescheiden. Wir fahren nach Durrës hinein und besichtigen die Stadt. Es ist jedoch schon vormittags sengend heiß, so dass wir uns auf die wichtigste Sehenswürdigkeit beschränken, das Amphitheater mit alten Mosaiken; sichtbarer Beweis dafür, dass Durrës schon vor 3000 Jahren eine wichtige Stadt war, erst hellenisch, dann römisch. Anschließend sind wir froh, zum Hotel zurückzukehren und uns im Pool abzukühlen. Der große, schöne Pool ist das Beste an unserem neugebauten Hotel, vor allem bei dieser Hitze, es muss 35 bis 40°C haben. Die Aspirintabletten im Auto sind schon explodiert und der Kassettenrecorder versagt auch den Dienst.
Man kann am Strand von Durrës auch im Meer schwimmen (es ist ein feiner Sandstrand und es geht ganz flach rein), aber das Wasser ist verglichen mit der glasklaren Adria in Kroatien hier ziemlich trübe. Das macht wohl der Sand und vielleicht auch die Nähe zum Hafen. Im Pool schwimmt es sich sauberer und schöner. In einem Anfall von "was soll der Geiz" beschließen wir, noch eine zweite Nacht im "Adriatik" zu bleiben. Abends gibt es ein klassisches Konzert vor dem Eingang unseres Hotels mit einem berühmten Tenor, auch das albanische Fernsehen ist dabei. Uns ist die Veranstaltung zu vornehm, wir hören lieber vom Fenster aus zu und gehen dann bei kosovarischer Livemusik zum Essen. Am Abend ist die Luft sehr angenehm temperiert, es riecht es überall nach den vielen Maiskolbengrillern und einheimische Jungen verdienen sich ein Geld mit dem Verkauf von Zigaretten.
Auf jeden Fall widerlegt ein Blick auf Durrës Plazhi sofort die (auch von Albanern viel geäußerte) Behauptung, dass es in diesem Land angeblich nicht vorangehen soll. Hier wird überall gebaut, lauter neue Apartementblocks, dazwischen Hotels, Shops und Restaurants, und alles sprudelt vor Leben. Toll und ganz ungewohnt für uns ist auch, dass uns niemand hier auf den ersten Blick als Ausländer erkennt, denn wir unterscheiden uns äußerlich in Nichts von den Leuten hier. Sehr angenehm, denn somit wird man nicht so unangenehm belästigt, wie es die Verkäufer in anderen Ländern mit ausländischen Touristen tun.

Straßenbazar in Durrës Plazhi
Mittwoch, 21. Juli 2004 - Durrës - Tirana. Die Fahrt von Durrës nach Tirana ist viel besser als befürchtet, denn diese wichtige Straße ist neu gebaut und sogar autobahnähnlich, bestimmt die beste Straße von ganz Albanien. Aber sowie wir nach Tirana hereinkommen, fangen wieder die furchtbaren Schlaglöcher an und es geht nur noch im Schritttempo vorwärts. Wir suchen das Büro von Plan International und einige Leute sind uns bei der Suche nach der angegebenen Adresse (Rruga Mihal Duri, einer kleinen Parallelstraße südlich der Rruga Durrësit, etwa 800m vor dem Skanderbeg-Platz) behilflich. Endlich sind wir da und Ylbër, der hiesige Patenschaftsmanager und unser Gastgeber und Ansprechpartner wartet schon auf der Straße auf uns. Wir können unser Auto im schattigen und sicheren Privathof von Plan parken. Das kleine Haus, in dem Plan seine Büros hat, ist sehr hübsch. Ylbër ist sehr nett und spricht wie alle Plan-Mitarbeiter gut Englisch. Er stellt uns seine Kollegen und Kolleginnen am Arbeitsplatz vor und zeigt uns, wie sie hier arbeiten. Wir sehen die Projektmanagerin, die Abteilung für Gesundheitsprojekte und Einkommensverbesserungsprojekte (z.B. Viehzucht, Apfelbäume) und den Grant-Manager (etwa 75% der zur Verfügung stehenden Gelder kommen aus Patenschaftsbeiträgen und 25% aus Grants, also Sonderspenden). Wir sehen auch die Finanzbuchhaltung und die Patenschaftsabteilung, von der sämtliche Paten-Kind-Korrespondenz im Computer verwaltet, übersetzt und als Fotokopie archiviert wird.

Büro von Plan International in Tirana
Im Büro nebenan zeigen sie uns, wie sie mittels Fragebögen und einer speziellen Software namens "Child Link" die Familienprofile (family profiles) und die jährlichen Fortschrittsberichte (annual progress reports) in einem weltweit einheitlichen Format generieren. Plan Albanien arbeitet derzeit in 81 Dörfern und betreut in diesen über 5100 Patenkinder. Überraschenderweise haben ein Großteil der Kinder einen Paten oder eine Patin aus Deutschland, obwohl Deutschland ja nur eines der 14 Fördererländer ist. Anscheinend liegt das Land Albanien und seine Menschen besonders den Deutschen am Herzen!? Von den 5000 Paten kommen derzeit im Schnitt etwa ein Dutzend pro Jahr zu einem Besuch bei ihrem Patenkind. Ylbër bringt uns anschließend zu dem guten und preiswerten Hotel "Meg Klaus" ganz in der Nähe, wo wir für EUR 35.- ein schönes blaues Zimmer bekommen. Er ist wirklich ganz außerordentlich hilfsbereit.
Am späten Nachmittag gehen wir durch Tirana und sehen den Skanderbeg-Platz mit der Moschee von 1790 und dem Uhrturm daneben und die Pyramide (das ehemalige Enver-Hoxha-Mausoleum, jetzt Kulturzentrum mit einer Bar mit dem leicht makaberen Namen "Mumja").

Tirana - Skanderbeg-Platz bei Nacht
Donnerstag, 22. Juli 2004 - Tirana - Elbasan - Librazd - Bukuroshes Dorf und zurück. Unser großer Tag, auf den wir seit Wochen warten, denn endlich werden wir unser Patenkind Bukuroshe sehen! Bukuroshe ist fast 16 Jahre alt und hat noch drei jüngere Geschwister. Wir fahren mit einem schönen roten Jeep mit Plan-Logo darauf, mit dabei sind Ylbër, seine Kollegin Rosetta und der Fahrer. Die Fahrt geht erst über die malerischen Krraba-Berge und dann am Fluss Shkumbin entlang. Ylbër zeigt uns eine Fußgänger-Hängebrücke, die als eines der ersten Plan-Projekte von den ansässigen Dörflern mit der finanziellen und organisatorischen Hilfe von Plan gebaut wurde. Bei Elbasan machen wir Frühstückspause und lernen ein leckeres albanisches Gericht, eine Art Milchreis kennen (es heißt Pilaf oder so ähnlich).

Das stillgelegte Stahlwerk von Elbasan
Die Strecke dauert insgesamt 3 Stunden und wird immer holpriger, je weiter wir von Tirana wegkommen. Endlich sind wir im Dorf von Bukuroshe, aber bevor wir zu ihrer Familie fahren, zeigen sie uns die Schule und die Gesundheitsstation. Die Schule (8 Jahrgangsstufen, 250 Kinder, 12 Lehrer) ist im letzten Jahr mit der Hilfe von Plan aufgebessert worden und hat jetzt in allen sauber geweißelten Klassenzimmern neue Schulbänke und Stühle. Im Moment sind die Sommerferien, neue Schultoiletten werden gerade von einem Freiwilligenteam aus dem Dorf gebaut und nur der Kindergarten hat Betrieb. Am Schulhaus begrüßt uns überschwenglich der sympathische Schuldirektor, zeigt uns alles ganz genau und dankt uns vielmals mit rührenden Worten für unsere Hilfe, dank derer dieses kleine Wunder hier möglich wurde. Es ist uns direkt peinlich, denn wir kamen ja nicht hierher, um uns als die großen Wohltäter aufzuspielen, und unser Scherflein war ja nur ein kleiner Beitrag. Wir schenken der Kindergartenleiterin ein paar mitgebrachte Malblocks und Stifte. Danach zeigen sie uns noch die Gesundheitsstation, die vor 2 Jahren mit der Hilfe von Plan komplett neu erbaut wurde. Sie ist schlicht, aber ein Segen, denn zuvor mussten die Dorfbewohner stundenlang bis zum nächsten Arzt laufen.

Die Schule in Bukuroshes Dorf (der Mann im roten Hemd ist der Direktor)
Nun geht es endlich zum Haus von Bukuroshes Familie, der nette Schuldirektor und ein Gemeinde-Plan-Helfer begleiten uns dorthin. Das letzte Stück des Weges kommt man wirklich nur noch mit einem Jeep voran. Am Gartenzaun erwartet uns schon die ganze Familie. Wir begrüßen der Reihe nach mit Handschlag und Wangenküssen den Großvater, die Großmutter, die Eltern von Bukuroshe, ein Onkel und zum Schluss Bukusoshe selbst und ihre Geschwister. Drumrum stehen noch eine Menge neugieriger, aber schüchterner Kinder, die offenbar nicht zur Familie, sondern zur Nachbarschaft gehören. Michi und Bukuroshe fallen sich weinend in die Arme und können vor Freude über das erste echte Treffen kein Wort mehr sagen.

Vor dem Haus unseres Patenkindes
Wir werden ins Haus gebeten, eine einfache, aber hübsche und sehr saubere eingeschossige Hütte mit 4 Zimmern. Um das Haus herum liegt ein netter Garten mit vielen Blumen und Gemüse, dahinter kommt das Maisfeld der Familie, die von der Landwirtschaft lebt. Wir setzen uns auf die Couch und werden sogleich von allen erneut, nochmals begrüßt (das ist so eine eigenartige Sitte hier). Wir tauschen mit allen freundliche Worte und gute Wünsche aus (Rosetta übersetzt alles für uns) und bekommen Kekse, türkischen Kaffee, Raki für die Männer, Trinkjoghurt und Wassermelonenschnitze angeboten. Wir plaudern etwas und erzählen ein paar Witze, um die Spannung und Förmlichkeit abzubauen. Dann übergeben wir unsere mitgebrachten Geschenke, wir haben für jedes Familienmitglied etwas dabei. Anschließend tragen sie das Essen herein, und bald biegen sich die Tische unter der Last der Speisen. Es ist in den dörflichen Gegenden Albaniens (leider) eine unumstößliche Tradition, dass zu Ehren von Gästen ein derartiges Festmahl gegeben wird, das sich die Familie sonst in 5 Jahren nicht leisten könnte. Es gibt Riesenmengen Fleisch, dazu zehnerlei Beilagen, importiertes Bier und Softdrinks. Das Fleisch wird mit den Fingern gegessen und alle sind guter Laune. Alle paar Minuten wird während des Essens mit den Gläsern angestoßen und dabei "Gezuar!" gesagt.

Michi, Bukuroshe, Rosetta, Großvater, Großmutter, Mutter, Vater
Dann kommt der etwas grauslige Moment, als sie den gebratenen ganzen Kopf der Ziege auf einem Teller vor mich hinstellen und mir Ylbër zu verstehen gibt, dass ich davon probieren solle. Ylbër bricht den Kopf des toten Tieres auseinander, so dass das Innere sichtbar wird und zeigt mir, was man davon essen soll. Mir wird bei dem Anblick ganz anders. Ich nippe etwas an der schwabbeligen Masse, die wohl einmal das Hirn der Ziege gewesen ist. Zu meiner Erleichterung scheint diese eher symbolische Probiergeste den Gastgebern zu genügen.
Am Ende der Mahlzeit hat niemand mehr als die Hälfte seiner Tellerportion geschafft und es wird abgetragen. Jedoch gibt es gleich noch einen Nachtisch, Milchreis, dazu Obst und saftigen Kuchen. Alles sehr lecker, aber wie soll so viel ein Mensch schaffen? Das Essen hätte für fünfmal so viele Gäste gereicht. Der Schuldirektor stimmt ein albanisches Lied an und alle Männer fallen mit ein. Wir klatschen den Takt.

Großmutter, Vater, Michi, Bukuroshe, Martin, Mutter, Bruder, Großvater. Vorne Schwester und Bruder.
Nach dem Essen zeigen sie uns den Garten und ihre Tiere: eine Kuh, ein kleines Kälbchen, junge Häschen, einen jungen Hund und ein paar Hühner. Sie machen uns auch Geschenke, drei selbstgehäkelte Spitzen-Tischdeckchen und zwei Paar bunte selbstgestrickte Socken. Wir wollen es kaum annehmen - schließlich haben sie sich schon wegen unseres Besuchs für das Festmahl vermutlich verschuldet - aber eine Ablehnung des Geschenks verbieten die Gesetze die Höflichkeit. Dann haben sie noch eine besondere Idee und Ehre für uns: sie kleiden Michi für's Foto in eine traditionelle albanische Tracht ein.

Michi in albanischer Tracht
Bereits 2 1/2 Stunden nach unserer Ankunft ist es schon wieder Zeit zum Aufbruch, denn ein langer Heimweg nach Tirana steht uns noch bevor. Zu schnell verging die Zeit, zu wenig wurde gesagt. Aber wir werden mehr in unseren Briefen sagen können. Der Reihe nach (wieder beginnend mit dem ältesten Familienmitglied) verabschieden wir uns von allen, und das Abschiednehmen ist noch herzlicher und dauert noch länger als die Begrüßung. "Mögt ihr lange leben! Mögt ihr immer gesund sein!"

Abschiednehmen
In Librazhd lädt uns der Schuldirektor noch in ein Cafe ein, er ist ein wirklich besonders netter Mann: gemütlich, intelligent, lustig und sehr herzlich. Danach geht's über Elbasan und die Krraba-Berge wieder zurück nach Tirana. Wir sind alle sehr geschafft von dem langen Tag und der holperigen Fahrt, aber glücklich. Ich glaube, es war der schönste Tag des Jahres für Bukuroshe und für Michi. Wir bedanken uns viele Male bei Ylbër, Rosetta und dem Fahrer und vereinbaren ein gemeinsames Mittagessen für morgen.

Bei Librazhd
Freitag, 23. Juli 2004 - Tirana. Ylbër hat angeboten, noch einen halben Tag zu unserer Verfügung zu stehen und uns durch Tirana zu begleiten. Er geht mit uns ins National History Museum am Skanderbeg-Platz, wo wir alles über die Geschichte Albaniens erfahren. Danach gehen wir zusammen zum Einkaufen am Markt. Mittags führt uns Ylbër in ein sehr ruhiges und schönes Restaurant (ein Geheimtipp sozusagen), wo wir sehr gute albanische Küche bekommen. Zum Essen stößt auch Rosetta zu uns, was uns sehr freut. Dann verabschieden wir uns von den beiden. Nachmittags wegen der Hitze Siesta auf dem kühlen Hotelzimmer, danach gehen wir nochmal raus zum Skanderbeg-Platz ins Internetcafe im Opernhaus. Abends treffen wir uns nochmal mit Rosetta (Ylbër kann leider nicht) und gehen etwas Trinken und Eisessen. Rosetta war 2 Jahre in Amerika (Michigan) zum Studium und hat jetzt nach ihrer Rückkehr nach Albanien, statt eine Stelle als Schuldirektorin anzunehmen, einen langgehegten Traum verwirklicht und vor 2 Monaten die Stelle bei Plan angenommen, wo sie armen Kindern und ihren Familien in ländlichen Gegenden Albaniens helfen kann.

Martin, Rosetta, Michi, Ylbër unter einem alten Olivenbaum
Samstag, 24. Juli 2004 - Tirana - Durrës - Fieri - Apollonia - Vlora. Wir brechen sehr früh auf, holen unser Auto vom geschützten Parkplatz bei Plan ab und fahren über Durrës nach Fieri und von dort zur antiken Ruinenstadt Apollonia. Ein idyllischer Fleck wie Klein-Griechenland. Apollonia war in der Antike eine Hafenstadt; dann hat der anliegende Fluss unvermittelt sein Bett verschoben und seither liegt die Stadt einsam und ausgedörrt auf einer Hügelkuppe, 10 km vom Meer entfernt. Direkt daneben befindet sich ein malerisches kleines Kloster aus dem 12. Jahrhundert. In der Ruinenstadt gibt es einen Tempel, ein gut erhaltenes Odeon mit Sitzreihen und verschiedene andere Gebäudereste zu besichtigen, die 500 Lek Eintritt sind es wert. Vor allem, da man auf dem höchsten Punkt des Hügels wunderbar in einem Olivengarten sitzen kann und ein supernetter Typ dort leckeres Essen (griechischer Salat) preiswert und mit viel Liebe zubereitet serviert. Dazu gibt er uns sogar einen alten Archäologie-Bildband über Albanien zur Lektüre, in welchem Restaurant hat man das schon mal erlebt!?
So gestärkt fahren wir weiter nach Vlora; wir verfahren uns zweimal wegen der schlechten Beschilderung, aber zum Glück gibt es überall hilfbereite Leute, die wir mit wenigen Albanisch-Worten nach dem Weg fragen können. Vlora ist wie Durrës eine Hafenstadt, aber kleiner. Wenn hier auch ebenso viel Leute sind, so finden wir den Durrës-Plazhi doch irgendwie schöner. In Vlora ist weniger los: weniger Musik, weniger Shops, weniger Restaurants, weniger Markt. Es ist aber trotzdem (vermutlich wegen des Wochenendes) sehr voll, und die ersten zwei Hotels, die wir fragen, sind schon ausgebucht, aber der Inhaber des zweiten lotst uns zu einer kleinen Pension 200 m weiter, die vermutlich seinem Schwager oder so gehört. Hier ist ein Zimmer frei, mit Meerblick, leider ohne Klimaanlage, nur mit Ventilator. Wir nehmen es trotzdem, weil wir müde sind und nicht mehr weiter suchen wollen. Abends schmimmen wir im warmen Meer und später gehen wir nach Vlora rein, es ist abends wieder die beste Tageszeit, weil die Luft etwas abkühlt. Es gibt an der Hauptstraße von Vlora einige Kleidungsgeschäfte, einen Spielpark für Kinder mit Fahrgeschäften, Bars und Restaurants. Das Gehen ist hier lebensgefährlich, weil jeder zweite Gullideckel eingebrochen ist oder fehlt, so dass immer wieder tiefe Löcher im Gehsteig klaffen. Keines davon ist abgedeckt oder wenigstens markiert. Wer da hineintritt, bricht sich mindestens ein Bein, wenn nicht noch mehr. Wir essen sehr leckere Pizza und bekommen gratis zum Nachtisch einen Teller Wassermelonenschnitze. Nachts finden wir wegen der Hitze kaum Schlaf. Mit geöffneten Fenstern dringt laute Musik von draußen rein und dazu fliegen und krabbeln schwarze Käfer in unserem Zimmer. Hätten wir doch lieber ein richtiges Hotel genommen! Eine Klimaanlage ist hier im Sommer kein Luxus, sondern ein Muss.

Sonnenuntergang am Strand von Vlora
Sonntag, 25. Juli 2004 - Vlora. In Vlora selbst gibt es nicht viel mehr zu besichtigen, aber in unserem Reiseführer ist ein kleines altes Kloster ein Stück nördlich von hier beschrieben, so fahren wir dorthin, um es zu besichtigen. Die Fahrt wird ein Horror: die Straße ist so schlecht, dass wir für die 10 km eine Stunde brauchen. Entlang des Wegs (wie überall in Albanien) sind besonders viele Bunker, und wir scherzen, dass sie die Straße absichtlich so schlecht gebaut haben, damit der Feind langsamer vorankommt. Zum Schluss haben wir uns auch noch verfahren (wieder keinerlei Beschilderung), aber endlich sind wir da.

Lagune bei Vlora
Das Kloster liegt sehr idyllisch auf einer kleinen bewaldeten Insel in einer Lagune und ist vom Festland zu Fuß über einen Holzsteg erreichbar. Es gibt keine Mönche mehr hier, nur einen Aufpasser und ein paar Jugendliche, die hier ein Zeltlager haben. Die kleine orthodoxe Kirche hat innen altes Schnitzwerk, aber alles in allem war sie nicht den beschwerlichen Weg wert.

Orthodoxe Klosterkirche nördlich von Vlora
Wir fahren wieder zurück nach Vlora und suchen uns ein neues Quartier, diesmal finden wir ein ganz passables Hotel "New York" ganz am Ende von Plazhi i Ri, dem "Neuen Strand" südlich der Stadt, wo der Sandstrand in eine felsige, kiesige Steilküste übergeht und ein Tunnel zum Abschnitt "Uje i Ftohte" (kaltes Wasser) überleitet. Hier ist sichtbar, wie bei Vlora das Adriatische Meer (Sand und trübes Wasser) ins Ionische Meer (Fels und klares Wasser im südlichen Albanien ab hier) übergeht. Am Hotel gibt es sogar eine Frau, die Deutsch spricht. Das Wetter trübt sich erstmals in diesem Urlaub ein, und es gibt ein Gewitter, das aber bald vorübergeht, wenngleich der Himmel für den Rest des Tages regengrau bleibt. Am späten Nachmittag können wir wieder im Meer baden. Leider ist das Ufer sehr schmal und eine ziemliche Müllhalde.

Klares Wasser am Kiesstrand von Vlora
Montag, 26. Juli 2004 - Vlora - Brindisi - Potenza. Abschied von Albanien, genau nach einer Woche. Es hat uns gut gefallen, besser als erwartet und viel besser, als es unsere Kollegen, Freunde und Eltern in Deutschland gedacht hätten. Wenn wir noch Zeit hätten, würden wir jetzt von hier weiter südlich fahren und die schönen Städte Berat, Gjirokaster oder Saranda anschauen. Wir schwimmen nach dem Frühstück ein letztes Mal im klaren Meer - heute am Montag ist hier auf einmal alles wie verwaist - und reisen dann ab. Unser Mercedes kriegt noch eine Wäsche (Lavazh), die er nach der (Tor)tour von gestern dringend nötig hat. Jetzt strahlt er wieder! Wir kaufen am Hafen Tickets für die Fähre nach Brindisi (EUR 138.- ohne Kabine). Die Zollpolizei kontrolliert unser Auto am Hafen mit Drogenhunden und der Formularkram ist wieder undurchdringlich, aber die Leute sind wieder hilfsbereit und wir verständigen uns in nun schon gewohnter Weise mit Händen, Füßen und Italienisch-Albanisch-Wortbrocken. Englisch spricht von den älteren Albanern kaum einer, nur die jungen können manchmal Englisch. Italienisch sprechen dagegen die meisten Albaner.

Am Hafen von Vlora
Die Fähre legt statt wie geplant um 11:00 Uhr erst um 13:00 Uhr ab. Während der 6-stündigen Überfahrt zieht das Wetter wieder zu, es regnet und blitzt, aber die See wird nicht sonderlich unruhig. Wir erreichen den Hafen von Brindisi, wieder Passkontrolle, Fahrzeugkontrolle (wieder mit Drogenhunden), diesmal von italienischer Seite. Als Deutsche werden wir von der italienischen Polizei vor den Albanern, die an Bord sind, abgefertigt. Das Wetter ist hier noch düsterer und sieht nach Weltuntergang aus (gibt's sowas wirklich hier in Süditalien?). Wir fahren ohne Aufenthalt weiter in die Nacht rein und kommen bis Potenza, wo wir ein Hotel finden.

Abschied von Albanien
Dienstag, 27. Juli 2004 - Pozenza - Salerno - Pompeji - Neapel - Rom - Florenz - Bologna - Modena. Das grauslige Wetter hat sich über Nacht vollkommen gebessert und der Tag wird wieder heiß. Wir fahren über Salerno nach Pompeji und besichtigen die antike Stadt (EUR 10.- pro Person). Wir sind fasziniert - wir haben ja schon viele römische Ruinen gesehen, aber eine ganze Stadt in diesem Zustand - so toll kann man sich das Leben der Römer sonst nirgendwo auf der Welt vorstellen wie hier.

Pompeji
Als wir zu unserem Parkplatz zurückkommen, wartet jedoch eine üble Überraschung auf uns. Unser Auto ist aufgebrochen worden und alles was drin war gestohlen. Koffer, Kleidung, Uhren, Fotokamera, CDs, Geld, Papiere, Bücher, Schlafsäcke, Medikamente, Badesachen, sogar meine Brille. Am Schlimmsten ist jedoch der Verlust derjenigen Dinge, die nur für uns einen persönlichen Wert haben, darunter vier volle Filmrollen, die wir in Albanien fotografiert haben und die selbstgehäkelten Geschenke, die wir von Bukuroshes Familie bekommen haben. (Die Fotos in diesem Bericht stammen von den verbliebenen zwei Filmrollen und von Fotos, die Ylbër machte.) Wir gehen zur Polizei, geben alles zu Protokoll und brechen dann notgedrungen den Urlaub ab. Eigentlich hätten wir noch 5 Tage an der Amalfi-Küste verbringen wollen, die Lust darauf ist uns nun gründlich vergällt. Nichts wie raus aus diesem gottverdammten Süditalien. Wir fahren nonstop Autostrada und erreichen um 23:00 Uhr das Motel Emilia in Modena-Nord, das wir noch von unserer letzten Romreise kennen.
Mittwoch, 28. Juli 2004 - Modena - Lazise - Brenner - Augsburg. Wir machen auf Michis Wunsch doch noch einen kurzen Zwischenstopp wieder in Lazise, damit sie wenigstens einige der Sachen, die sie dort vor einer Woche entdeckt und gekauft hat, wieder kaufen kann. Ein trauriges, abruptes Ende eines schönen Urlaubs in Albanien: ausgeraubt im reichen Land Italien. Aber die guten Erinnerungen an Albanien werden wir nicht vergessen, wir planen schon im nächsten Frühjahr einen zweiten Besuch. Bis dahin können wir hoffentlich noch besser Albanisch, und der Frühling ist auf jeden Fall die bessere Reisezeit als der Sommer. Wir sind jetzt jedenfalls sowas wie Albanien-Fans. Unsere Erfahrung zeigt, das Land ist durchaus bereisbar, auch mit dem eigenen Auto. Das größte Hindernis ist eigentlich die Sprache: wenn man gar kein Albanisch und auch kein Italienisch spricht, wird's schwieriger (aber irgendwie geht es garantiert auch).

Als Plan-Paten war es für uns sehr interessant, zum ersten Mal zu sehen, wie Plan vor Ort arbeitet. Die Plan-Mitarbeiter in Albanien sind hoch qualifiziert, sehr motiviert und die Hilfe ist effizient und gut organisiert. Wir haben also einen sehr positiven Eindruck von Plan Albanien bekommen und sind nach dieser Erfahrung noch mehr von Plan International überzeugt. Wir hoffen, der Bericht über unseren Besuch wird noch mehr Menschen in Deutschland zur Unterstützung der Arbeit von Plan mit einer persönlichen Patenschaft animieren.