Es war wohl nicht der letzte Suizidversuch am
Reichstag
Berühmte Gebäude ziehen immer und überall
Selbstmörder an
Berlin (9.11.1999) - Der Reichstag als Berlins
meistfrequentierte Touristenattraktion ist offenbar auch ein Ort, den
Besucher nutzen, um spektakulär aufzufallen. Etwa für Selbstmordversuche.
Vergangenen Sonntag wollte sich ein Mann von der Brüstung der obersten
Plattform stürzen.
Beamte des Polizei- und Sicherungsdienstes des Bundestages konnten ihn im
letzten Moment davon abhalten. "Ich kann nicht ausschließen, dass der
Reichstag künftig öfter von solchen Vorfällen heimgesucht wird", sagt Willi
Stödter, Leiter des 300 Beamten umfassenden Sicherungsdienstes.
Das lehre die Erfahrung von vergleichbaren Touristenmagneten wie etwa dem
New Yorker Empire State Building, von wo aus sich schon viele zu Tode
stürzten, sagt Stödter. Wer Selbstmord verüben wolle, der mache das auch,
ist aus der Reichstags-Verwaltung zu hören, unabhängig von strengen oder
weniger strengen Sicherheitsvorkehrungen. "Der Reichstag ist ein Ort der
Öffentlichkeit und Transparenz". Das werde er auch bleiben. Mannshohe Mauern
etwa an den Rampen beim Aufstieg zur Kuppel werde es nicht geben.
Der Selbstmordversuch war der erste im Reichstag. Regelmäßig gehen dagegen
Bombendrohungen bei ihm ein. "Wenn brisante Themen im Parlament behandelt
werden, haben wir oft damit zu tun", sagt Willi Stödter.
Vor jeder Parlamentssitzung werden der Sitzungssaal und angrenzende Räume
durchsucht, auch mit Hunden. Gelegentlich selbst bei laufenden Sitzungen.
Oft war die Lage ernst, doch jedes Mal "konnten wir einen Anfangsverdacht
zerstreuen", sagt Strödter. Noch nie musste der Reichstag wegen einer
Bombendrohung geräumt werden.
Wesentlich öfter als Bombendrohungen gehen verdächtige Briefe oder Päckchen
ein. In aller Regel bringen Bundestagsabgeordnete die an sie gerichete, aber
ihnen verdächtig erscheinende Post in die Polizeidienststelle.
Sicherheitschef Stödter sagt, dass Sekretärinnen mittlerweile Angst haben,
Briefe oder Päckchen ohne Absender zu öffnen.
Seit die erste verdächtige Fracht im Reichstag auftauchte, arbeiten Stödter
und seine Beamten - die keine Uniform, aber eine Waffe tragen - mit dem
Bundeskriminalamt zusammen. Post ist dann verdächtig, sagt Stödter, wenn
Briefe etwa DIN A 5-Größe haben oder Verdämmungsmaterial wie Karton in sich
bergen. Auch wenn auf einem Brief oder Päckchen "persönlich" und "direkt" in
großen Buchstaben steht und unterstrichen ist, sagt Stödter, ist diese
Fracht sehr verdächtig.
Mehrfach haben Stödter und seine Beamten Attrappen gefunden. Es komme
allerdings schon mal vor, dass Beleidigendes in den Briefen an die
Abgeordneten steht.
Der Reichstag ist eines der bestgesicherten Gebäude in Deutschland. An den
Eingängen stehen Röntgengeräte und Schleusen, die die Taschen der Besucher
auf gefährliche Gegenstände untersuchen. Auch Handwerker und Lieferanten,
die täglich im Reichstag zu tun haben, werden registriert und überprüft.
Alle erhalten einen Ausweis, den sie bei Verlangen vorzeigen müssen. Bei
einschlägigen Vorstrafen etwa darf keiner im Reichstag arbeiten.
Die eigentliche Herausforderung für Stödter und sein Personal ist der
normale Alltag. Wenn der Besucher von auswärts nach Berlin fährt und etwa
eine Parlamentssitzung verfolgen möchte: "Für 99 Prozent aller Besucher
verbürge ich mich dafür, dass sie in guter Absicht zu uns kommen", sagt
Willi Stödter.
Doch das eine Prozent derjenigen ausfindig zu machen, die bewusst stören
wollen - "das ist unsere Aufgabe", sagt Stödter. Ihr gerecht zu werden, sind
er und seine Beamten auch psychologisch geschult: "Selbst wenn wochenlang
mal nichts Ungewöhnliches geschieht, darf man sich nicht einlullen lassen".
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