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Die Memoiren des Capt. E. Feith Erinnerungen an die Seefahrt der 1950er bis 90er Jahre - Band 5 in der Reihe Seemannsschicksale Zweiter Teil: Matrose vor dem Mast |
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seit 9.03.2003
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Band 5 aus der gelben Reihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski
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Vom Kümo-Moses bis zum Kapitän auf Großer Fahrt
2.Teil: Matrose vor dem Mast zum 1. Teil: vor dem Mast zum 3. Teil: Hinter dem Mast
Eine der letzten Amtshandlungen unseres 1.Offiziers auf
See war, mich zum Matrosen zu befördern, womit sich meine Heuer
automatisch erhöhte. Ich wurde jetzt trotz meiner 18 Jahre
in der Rangordnung als Vollgrad geführt. In Neapel stand
beim Einlaufen schon die neue Crew an der Kai. Nachdem wir
uns von unseren alten Kameraden mit Wehmut verabschiedet hatten,
besonders ich von meinem Kammerkollegen Helmuth und unserem
1.Offizier, wurde das Schiff offiziell in Erika
Schulte umbenannt. Der neue 1.Offizier hieß Wysotzki
und war ein schweigsamer, misstrauischer Mann. Er war Mitte
vierzig und schon zu lange als 1.Offizier gefahren, um noch
Chancen zu haben, Kapitän zu werden. Mein neuer
Kammerkollege war ein junger schmächtiger Jungmann mit adligem
Namen aus einer einflussreichen Hamburger Familie. Er hatte
das Abitur, war intelligent und hatte einige merkwürdige
Charakterzüge, die man so häufig bei einigen Adligen findet.
Was er bei der Seefahrt suchte, war mir ein Rätsel, aber
wahrscheinlich wollte er einmal Kapitän werden. Die neue
war zu meinem Bedauern eine schlechte Crew ohne jegliches
Kameradschaftsgefühl und Zusammenhalt. Wir hatten darunter
typische Kriecher, Zuträger und Trinker. Der neue
1.Offizier war ein dem bisherigen ganz entgegengesetzter Typ, und
man musste sich erst an seine Eigenheiten gewöhnen. Dazu
gehörte, dass er unnahbar war, niemandem traute und alles selbst
nachkontrollierte. Fand er etwas anderes vor, als ihm
berichtet worden war, konnte er äußerst unangenehm werden und
war mit einem Sack schnell zur Hand. Machte man
seine Arbeit korrekt und log ihn nicht an, konnte man auf ihn
zählen. Mit unserem Alten kam er gut aus. Ich war
seiner Wache zugeteilt und hatte niemals Schwierigkeiten mit ihm.
Nach einer gewissen Zeit erkannte man auch menschliche Züge in
seinem verschlossenen Charakter und konnte sich mit ihm auch mal
privat unterhalten. Ich vermutete, dass er bei sich zu
Hause ein total anderer Mensch war als bei uns an Bord.
Wir hielten uns den ganzen Herbst bis in den Beginn des
Winters im Mittelmeer auf, und die Reisen von Hafen zu Hafen
dauerten nicht länger als drei bis sechs Tage. Kurz nach
dem Auslaufen aus Piräus spielte sich auf See eine kleine
Tragödie ab. Mein neuer Kammerkollege, der Jungmann, war
vom 1.Offizier und dem Bootsmann als Tagelöhner eingeteilt
worden. Dies bedeutete für ihn, dass er keine Seewache zu
gehen brauchte und seine Arbeitszeit, wie an Land, nur von
morgens bis um 17 Uhr dauerte. Es blieb natürlich nicht
aus, dass zwei so hochgeistige Menschen, wie unser Conny und er
sich zusammenfanden und abends in der Kammer des 1.Kochs bei
einer Flasche Wein oder Brandy über Gott und die Welt
diskutierten. Kurz nach Mitternacht hörte der Alte, der
seine Runde machte, Hilferufe und heftiges Geklopfe an der
verschlossenen Tür des 1.Kochs. Er weckte den 1.Offizier
und den Bootsmann und als auf seinen Befehl niemand die Tür von
innen öffnete, ließ er mit Hilfe des wachhabenden Matrosen und
einiger weiterer herbeigeeilter Leute die Tür aufbrechen.
Es bot sich folgendes Bild: Unser schmächtiger Jungmann
stand betrunken und vor Angst zitternd mit freiem Oberkörper an
der Tür und Conny mit riesigem erigierten Glied in einigem
Abstand vor ihm. Auf dem Tisch standen einige geleerte
Wein- und Brandyflaschen. Der Jungmann lallte etwas wie:
Er wollte..., Conny wollte..., ich wollte nicht.
Dem Alten und den anderen war schon klar, was Conny gewollt
hatte. Der Alte wurde sehr laut und schrie den armen Conny,
der nur noch wie ein Häufchen Elend dastand, an: Ziehen
Sie sich an, Sie Schwein! Und schafft mir den Junggrad in
seine Kammer, der ist ja total besoffen. Dann wurde
auch ich geweckt und auf Befehl des Alten wurde der zitternde
Conny von uns vier Mann nach vorne ins Ladekontor, achter Kante
Back, geschafft und eingesperrt. Vorher mussten wir das
einzige Bullauge mit einem Marlspieker so fest zudrehen, dass er
nicht daraus entweichen konnte. Auch mussten wir alle
spitzen und scharfen Gegenstände und Tauwerk entfernen.
Als wir zurückkamen, hatte der Alte schon den 2.Koch
vorübergehend zum 1.Koch ernannt und für 10 Uhr des kommenden
Morgens eine genaue Untersuchung angesetzt. Den Jungmann
hatte man in seine Koje über der meinen verfrachtet, wo er
seinen Rausch ausschlief. Auch ich legte mich zur Ruhe,
denn um 4 Uhr morgens sollte meine Wache zusammen mit dem
1.Offizier beginnen. Als ich nach meiner Wache zum
Frühstück in die Messe ging, wurde das Ereignis der letzten
Nacht eifrig diskutiert. Am beeindruckendsten muss wohl
Connys enormes Glied auf die Zeugen gewirkt haben, denn man
sprach von Pony-Size und abgebrochenem
Soldatenarm, und sein Glied wurde von Bericht zu Bericht
immer größer und länger. Einer unserer alten an Bord
verbliebenen Schmierer aus der Maschine gab auch seinen Senf
dazu. Er behauptete, er habe in Piräus gesehen, wie Hedwig
ganz leichenblass aus Connys Kammer gewankt wäre und sich
mehrmals an den Wänden abstützen musste.
Der Jungmann, der vollgekotzt in seiner Koje gelegen
hatte, konnte sich beim Frühstück an nichts erinnern und musste
sich herbe Kommentare anhören. Es fielen Zitate, wie
ausgefranste Arschlöcher. Um 10 Uhr, an Conny
in seinem Verlies hatte niemand mehr gedacht, gab uns der Alte
den Schlüssel zu seinem Gefängnis mit dem Befehl,
den Delinquenten nach achtern zu bringen. Als wir die Tür
öffneten, fanden wir unseren Conny halbtot und mit
heraushängender Zunge nach Luft ringend auf dem Boden liegend
vor. Wegen des wasserdicht zugedrehten Bullauges und der
geschlossenen Lüftungsklappen war die Luft in Connys Gefängnis
nahezu aufgebraucht. Wir fanden ihn sozusagen im
allerletzten Moment. Sofort schafften wir ihn an Deck
und beatmeten ihn künstlich und nach ein paar Eimern Wasser war
Conny wieder unter den Lebenden. Nach diesem dramatischen
Vorfall wurde die Untersuchung, da der Delinquent nicht
vernehmungsfähig erschien, auf den späten Nachmittag
verschoben. Der Alte ließ vorne an der eisernen Tür zum
Ladekontor eine eiserne Kette anschweißen, die man an ein
eisernes Auge am Schott mit einem Vorhängeschloss anschließen
konnte, Dadurch war es möglich, die Tür um ca. 20 cm zu
öffnen und Conny hatte immer frische Luft.
Am Nachmittag um 16 Uhr, pünktlich zum Beginn meiner
Wache, begann die Untersuchung beim Alten im Salon. Da der
1.Offizier Zeuge war, wurde er während seiner Wache vom
3.Offizier abgelöst, damit er aussagen konnte. Conny gab
zu Protokoll, dass er, wie jeden Abend, mit dem Jungmann in
seiner Kammer zusammengesessen habe und sie, wie auch schon an
anderen Abenden, eine Flasche Wein getrunken hätten. Die
Unterhaltung wäre so interessant gewesen, dass sie beschlossen
hätten, eine zweite Flasche zu öffnen. Nach dieser
zweiten Flasche und einigen zusätzlichen Gläsern Cognac wäre
es dem Jungmann so warm geworden, dass er sich seines Hemdes
entledigt habe. Er selbst bekäme immer nach dem Genuss
einer größeren Menge Flüssigkeit eine Wasserlatte,
wobei sein Glied in solchen Situationen immer ungewollt erigiere.
Normalerweise würde er dann immer sofort zum Pinkeln gehen, aber
die interessante Diskussion hätte ihn davon abgehalten. Als
er dann aber doch endlich zur Toilette wollte, müsse ihm auf dem
Weg dorthin, bedingt durch ein schwaches Gummiband, seine Hose
heruntergerutscht und dadurch sein Glied sichtbar geworden sein.
Durch sein zugegeben enorm großes Glied müsse der betrunkene
Jungmann in Panik geraten sein und versucht haben, die Kammer zu
verlassen. Da er aus Prinzip auf See und im Hafen seine
Kammer immer hinter sich abschließe, müsse er auch diesmal in
alter Gewohnheit seine Tür verschlossen haben, obwohl er Besuch
hatte. Er beteuere, ein normal veranlagter Mann und
verheiratet zu sein und habe nie die Absicht gehabt, sich dem
Jungmann unsittlich zu nähern.
Wie mir der Matrose, der die Tür mit aufgebrochen hatte
und deshalb auch als Zeuge zugegen war, anschließend erzählte,
konnte Conny Homosexualität nicht eindeutig nachgewiesen werden,
da der Jungmann nicht fähig war, sich an die Vorgänge der
letzten Nacht zu erinnern. Blieb nur noch der Tatbestand
des Ausschenkens von Alkohol an einen Jugendlichen auf See.
Obwohl der Jungmann bereits 19 Jahre alt war, galt damals im
alten Seemannsgesetz die strenge Regelung, dass auf See nur an
Volljährige Alkohol verabreicht werden dürfe, und volljährig
wurde man erst mit 21 Jahren. Einem Junggrad gegenüber
hatte Conny eindeutig die Aufsichtspflicht der Vorgesetzten und
Vollgrade zum Schutz von Minderjährigen an Bord
missachtet. Demzufolge wurde Conny fristlos gekündigt und
der Alte stellte gleichzeitig einen Strafantrag, der dann später
an das Seeamt weitergeleitet wurde. Ich muss hier anmerken,
dass auch ich mit meinen 18 Jahren noch minderjährig war, aber
eben schon Vollgrad, und da wurde doch eben einiges toleriert.
Anschließend wurde Conny in sein Gefängnis zurückgeführt.
Er bekam dreimal täglich seine Mahlzeiten und wurde zweimal auf
die Toilette geführt. Die schlimmste Strafe war für ihn,
dass der Alte verbot, ihm, dem Kettenraucher, Zigaretten zu
geben. Auch jeglicher Lesestoff wurde ihm vorenthalten.
Wir sammelten heimlich an Bord Zigaretten und Lektüre, und ein
ganz Mutiger schlich sich nachts auf dem Bauch nach vorne und
schob das Paket durch den Türspalt. In Valencia, unserem
nächsten Anlaufhafen, war die Gefangenschaft für Conny zu Ende.
Ihm wurde ein Eisenbahnticket ausgehändigt, dessen Kosten ihm
natürlich von der ihm noch zustehenden Heuer abgezogen wurde,
und nach vielem Händeschütteln verließ er uns in Richtung
Hamburg. Ich sah ihn später noch einmal auf dem
Heuerstall und er erzählte mir, das Seeamt habe das
Strafverfahren nach einer Verwarnung gegen ihn eingestellt.
Trotz aller seiner Macken war er einer der besten Köche, die ich
bei der Seefahrt kennen gelernt habe, und wir alle an Bord
bedauerten seinen Abgang.
Der neue Koch, Sepp, kam aus Österreich. Er war
ein kräftiger junger Bursche und besaß all die schlechten
Eigenschaften, die ein guter Koch an Bord als Seele des Schiffes
nicht haben sollte. Er kochte saumäßig, soff wie ein Loch
und war das, was man sich unter einem typischen Schläger und
Raufbold vorstellt. Beschwerte sich einer von der Crew
über das Essen bei ihm, bekam er eins auf die
Schnauze. An Land gebärdete er sich primitiv und
ohne Hemmungen wie ein wildes Tier, und man ging ihm am besten
aus dem Wege. Der Einzige, der an ihm einen Narren
gefressen hatte, war unser Leitender Ingenieur. Ihn schien
die Primitivität und Brutalität dieses Burschen irgendwie zu
faszinieren oder zu belustigen. Er war auch der einzige,
der ihn mitnahm, wenn er mit seiner Maschinencrew an Land ging.
Wir machten einige Reisen von Marseille nach Algerien,
das damals noch zu Frankreich gehörte, aber für Europäer
bereits sehr gefährlich war. Die Aufständischen befanden
sich im erbitterten Kampf gegen die französische Kolonialmacht,
und die anfänglichen Scharmützel gingen in einen
Unabhängigkeitskrieg über, der auf beiden Seiten mit großer
Erbitterung und Brutalität geführt wurde. Wir hatten uns
in Italien kleine Abzeichen in den deutschen Nationalfarben
schwarz-rot-gold gekauft, die wir beim Landgang in Marokko oder
Algerien immer an unseren Revers trugen. Wenn die
Einheimischen unsere Abzeichen sahen, stießen wir stets auf
große Sympathie, da unsere Ex-Gegner, die Franzosen, jetzt ihre
Feinde waren, und so hatten wir nichts zu befürchten. In
den algerischen Häfen Bône und Philippeville, die wir öfter
anliefen, befanden sich Lazarette und Genesungsheime für
verwundete Fremdenlegionäre aus den Kampfgebieten in Indochina.
Viele der Legionäre, die wir dort trafen, waren ehemalige
Soldaten der deutschen Waffen-SS, die man 1945 in der
Gefangenschaft vor die Wahl gestellt hatte, in die Legion
einzutreten oder sie an die Russen auszuliefern. Diese
Indochinakämpfer waren wirklich alte Haudegen-Söldner, die seit
Kriegsende keine Bindung mehr zu ihrer alten deutschen Heimat
besaßen. Nachts hauten sie in den Lokalen ihren Sold auf
den Kopf und sangen die alten deutschen Kampflieder und
Nazihymnen, wie die Wacht am Rhein oder das
Horst-Wessel-Lied.
Es war ein gespenstischer Verein: Sie hatten seit
der Hitlerjugend nichts anderes als Kriegsspiel und
Heldentum und nie den Frieden erlebt und für sie
ging der Krieg immer weiter. Trafen wir in einer Kneipe auf
sie, dauerte es einige Zeit, bis wir mit ihnen warm wurden.
Für einige von ihnen waren wir die
Audenauer-Lümmel. Viele kamen aus Ostpreußen
und hatten seit 1945 nichts mehr von ihren Familien gehört.
Den Heiligen Abend 1954 verbrachten wir in Bône und feierten ihn
in den Kneipen zusammen mit den Legionären, wo sie ihr Heimweh
ertränkten. Es waren wirklich arme Kerle, die mit Orden
und Auszeichnungen, die die Legion zu vergeben hatte, reichlich
dekoriert und durch die Kriege in Europa, Asien und Nordafrika
völlig entwurzelt worden waren. Die einst Hitler ewige
Treue und Ehre geschworen hatten, büßten jetzt mit dem Verkauf
ihrer Ehre und Würde, ihrer Gesundheit und oft mit ihrem Leben.
Nach ihrer Dienstzeit konnten sie, wenn sie denn überlebt
hatten, eine neue Identität annehmen, Franzosen werden oder nach
Deutschland zurückkehren. Aber viele fürchteten sich vor
der Heimkehr in das Nachkriegsdeutschland, das ihnen fremd war.
In Bône trafen der Bootsmann und ich bei einem Spaziergang einen
jungen Burschen aus Wyk auf Föhr, dessen Vater der Bootsmann,
der ja von dieser Insel kam, kannte. Er hatte sich vor
einem Jahr aus Abenteuerlust zum Dienst bei der Fremdenlegion
verpflichtet und war zur Zeit Bursche bei einem Capitaine der
Legion.
Von Bône aus ging es nach Alexandria in Ägypten, wo
wir Kartoffeln für Belfast in Nordirland luden. Da die
Ladezeit nur kurz war, hatten wir keine Möglichkeit, an Land zu
gehen und befanden uns im neuen Jahr 1955 wieder auf See. Nur
die Tagelöhner feierten das neue Jahr mit einigen
Alkoholexzessen, wir übrigen Wachgänger mussten wegen der
Seewache nüchtern bleiben. In Belfast konnten wir unsere
Kartoffeln wegen des starken Frostes von bis zu minus 12° C
nicht löschen, weil sie sonst im Lagerschuppen erfroren wären.
Wir lagen dort fast zwölf Tage, bis es wärmer wurde und hatten
somit viel Zeit, an Land zu gehen. Da in Belfast
statistisch auf jeden Mann mehrere weibliche Wesen kamen, war es
für Junggesellen und Seeleute ein Paradies. Jeden Morgen
sah man einige ermattete Helden über die Gangway wanken, die vom
nächtlichen Landgang zurückgekommen und ihre überschüssige
Kraft losgeworden waren. Die ganz Mutigen hatten sich ihre
Bräute heimlich nachts an Bord geholt. Aber wehe, wenn sie
erwischt wurden. Dann hagelte es Eintragungen ins Logbuch,
und es gab empfindliche Strafen. Beim Auslaufen in Richtung
Mittelmeer litt fast die gesamte Besatzung an gebrochenen Herzen,
und einige hatte es besonders schwer getroffen. An der Kai
standen die Peggys, Evelyns, Maurens und Janes und winkten uns
traurig hinterher. Ein herzerweichender Anblick!
Auf See stellten wir fest, dass wir einen weiblichen
blinden Passagier an Bord hatten. Der Alte war großzügig
und ließ ihn nicht in Ketten legen. Eine kleine junge
weiße Katze hatte sich an Bord geschlichen und miaute
herzerweichend. In der Biskaya bekamen wir schlechtes
Wetter, und unsere kleine Dame wurde furchtbar seekrank. Wir
bauten ihr in der Messe ein Bett aus einem
Schuhkarton, den wir mit Putzwolle auspolsterten, und jede Wache
kümmerte sich rührend um sie. Am meisten vernarrt in sie
war unser brutaler Koch, der sie mit Leckerbissen verwöhnte und
stundenlang mit ihr spielte. Wir kreuzten einige Zeit im
Mittelmeer, wobei ich auch Istanbul zu sehen bekam. In der
damaligen Zeit, so kurz nach dem 2. Weltkrieg, hatten wir
Deutschen sehr wenig Freunde in Europa, darum überraschte uns
die Deutschfreundlichkeit der Türken sehr. Nur noch in
Irland und Spanien genossen wir gleiche Sympathien. Von
Istanbul ging es in Ballast nach Valencia, wo wir Apfelsinen nach
Hamburg laden sollten. In Valencia mussten wir an der Kai
acht Tage warten, da die Apfelsinen erst noch zu pflücken waren.
Später kamen sie dann mit Lastwagen zum Schiff.
Damit begann für uns eine wilde Zeit. Gleich am
ersten Abend hatte der Leitende Ingenieur mit seiner
Maschinencrew und unserem wilden Koch in der Nähe unseres
Schiffes eine kleine Bodega entdeckt, die von einer Wirtin mit
ihrer 16jährigen Tochter geführt wurde. Am nächsten
Morgen schwärmte die ganze Maschinencrew von der Tochter, und am
schlimmsten hatte es unseren Koch erwischt. Ihn muss Amor
mit seinem Pfeil mitten ins Herz getroffen haben. Am Abend
stürmte das ganze Schiff in die Bodega, um Maria zu sehen und
ich muss zugeben, dass sie wirklich gut aussah. Sie war
klein, hatte glutvolle Augen, konnte den Männern ausgezeichnet
den Kopf verdrehen und war an allen Ecken wohlgerundet. Natürlich
wuchs auch unserer Begeisterung für sie und da Maria dort das
einzige Mädchen war, soffen wir wie die Löcher, um uns in
gockelhaftem Imponiergehabe noch stärker zu fühlen. Dazwischen
grölten wir, die deutsche Seele war erwacht, den
Schööönen Westerwald, und auch die Blauen
Dragoner ritten wieder. Die Maria-Bar,
wie wir sie tauften, und deren Wirtin mit dem animierenden
Töchterlein machte das beste Geschäft ihres Lebens. Am
schlimmsten gebärdete sich unser 1.Koch, der mit seinem
primitiven Verstand Instinkte wie ein Pavian entwickelte. Er
starrte immer nur Maria an und faselte die ganze Zeit von
Verlobung und Heirat und drohte jeden zusammenzuschlagen, der
seiner Maria zu nahe kam. Dass Maria keine
Puta war, und noch ihre Unschuld zu bewahren hatte,
begriff sein primitiver Verstand nicht, auch nicht, dass Heirat
in Spanien eine sehr ernste Angelegenheit war, die von den Eltern
der Braut und des Bräutigams in gegenseitigem Einverständnis
arrangiert werden musste, war ihm durchaus nicht einsichtig.
Wenn wir nach Barschluss alle zusammen an Bord wankten, lungerte
er noch immer an der Tür der Bodega herum und kam als letzter an
Bord.
Am nächsten Tag hatte sich unsere Anwesenheit in der
Maria-Bar herumgesprochen und es ließen sich einige
Veteranen der Blauen Division sehen, die an der Seite
der Deutschen im 2. Weltkrieg in Russland gekämpft hatten.
Der Wein floss anlässlich der Verbrüderung erneut in Strömen,
und auch die Blauen Dragoner ritten bald wieder.
Dazwischen wurden alte Rechnungen, die sich an Bord angesammelt
hatten, handgreiflich draußen vor der Tür unter den anfeuernden
Rufen der Übrigen beglichen. Am nächsten Morgen liefen
einige mit geteilter Sonnenbrille, wie ein blaues
Auge genannt wurde, oder einer dicken Lippe an Bord herum. Nach
einigen Tagen merkten wir, dass unser kleines Kätzchen
inzwischen zur Katzendame geworden war, denn sie war
trotz intensiver Suche nicht mehr aufzufinden. Unser 1.Koch
war kaum noch anzusprechen und befand sich offenbar bereits an
der Vorstufe eines Deliriums. In der Maria-Bar
mussten wir ihn mehrmals mit vereinten Kräften davon abhalten,
dass er auf jemanden losging, der seiner Maria nach
seiner Ansicht zu nahe gekommen war.
Irgendwann tauchten dann doch die Lastwagen mit den
Apfelsinen auf, und der Ladebetrieb konnte in Tag- und
Nachtschichten beginnen. Ich wurde zum Zählen der Kisten
eingeteilt und musste mich mit dem Tallybuch und einem Bleistift
an die Kai begeben und jede Kiste, die an Bord ging, auf der
Palette zählen. Ab und zu verglich ich mein Ergebnis mit
dem Tallymann an Land. Da jeder Mann der Deckscrew Tag und
Nacht beim Laden eingespannt war, konnten nur noch die Leute aus
der Maschine an Land gehen. Die Stauer wurden nach Akkord
bezahlt, und so wurden auch wir an Deck durch den Wechsel der
Ladebäume in immer neue Positionen sehr gefordert. Wie wir
nun auch erfuhren, sollte der Rest unserer Ladung in Burriana,
einem kleinen Hafen nördlich von Valencia an Bord genommen
werden. Kurz vor dem Auslaufen, wir wollten gerade die
Gangway an Bord holen, ließ sich unsere Katzendame
Molly in Begleitung eines riesigen zerzausten Katers
am Kai sehen. Der Kater nahm in sicherer Entfernung von der
Gangway Platz, während Molly einige Schritte zum
Schiff hinauflief, sich aber wieder umdrehte, als der Kater ihr
nicht in die Fremde folgen wollte und mit ihm endgültig an Land
verschwand. Der Naturtrieb war stärker und so
segelte sie achtern raus. Auch mancher Seemann
hatte schon sein Schiff verpasst, weil er sich im Banne Amors
nicht rechtzeitig von seiner Braut trennen konnte.
Wir liefen nach einer sehr kurzen Seereise am Sonntag
Abend in Burriana ein. Da erst am Montag Morgen geladen
werden sollte, hatten wir Gelegenheit, in die Stadt zu gehen, die
ca. drei Kilometer vom Hafen entfernt lag. Spanien wurde zu
der Zeit noch vom faschistischen General Franco diktatorisch
regiert und hatte eines der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen in
Europa. Wir Seeleute mit unserer damals schon harten DM
waren Könige an Land. Ein Glas Wein kostete umgerechnet
nur zehn Pfennige und eine Puta nahm für die Nacht
keine zehn DM. Als wir spät am Abend die Stadt zu Fuß
erreichten, fand dort gerade eine große Fiesta statt, an der wir
uns ausgiebig beteiligten. Überall wurde getanzt und
gesungen, es gab Schießbuden, Karussells, und der Wein floss
auch hier in Strömen. Wir zerstreuten uns kurz vor
Mitternacht, aber die meisten trafen sich, wie von einem Magnet
angezogen, in der Casa de la Puta, dem einzigen
Bordell des Ortes wieder. Hier wurde weitergezecht. Die
Mädchen dort waren alle arme Luder, die durch eine verlogene und
unmenschliche Moralvorstellung zu ihrem Gewerbe gezwungen worden
waren, woran die Kirche große Schuld trug. Ein spanisches
Mädchen hatte unberührt in die Ehe zu gehen. War sie
keine Jungfrau mehr oder noch schlimmer, erwartete sie ein
uneheliches Kind, wurde sie meistens von der Familie verstoßen.
Einen Ehemann zu finden, war für sie dann fast unmöglich.
Am schlimmsten traf es die Mädchen vom Lande oder aus
Kleinstädten, die nur eine spärliche Schulbildung und keinen
Beruf gelernt hatten. Gebrandmarkt, wie sie waren, hatten
sie kaum eine Alternative neben der Prostitution. Sie
konnten ihr uneheliches Kind an die Kirche abgeben und selbst ins
Kloster eintreten. Wenn sie ihr Kind behalten wollten,
blieb ihnen in der Regel nur die Prostitution. Nicht wenige
wählten als eine letzte Möglichkeit den Selbstmord. Die
meisten Seeleute, nur wenige Ausnahmen gab es, waren reell und
großzügig zu den Mädchen. Es gab natürlich auch
abgebrühte Putas. Die meisten waren jedoch sehr lieb und
erstaunlicherweise auch sehr religiös. Auf einem anderen
Schiff habe ich es erlebt, dass jemand in der Messe damit
prahlte, einem Mädchen als Liebeslohn falsches wertloses Geld
angedreht zu haben. Von diesem Moment an war er bei allen
Kollegen unten durch, und niemand wollte mit ihm noch etwas zu
tun haben. Er musterte daraufhin auch ganz schnell ab.
In Burriana jedenfalls kamen unsere Leute und auch die Mädchen
auf ihre Kosten, wobei auch viel Sympathie auf beiden Seiten eine
Rolle spielte. Die ganz Harten unter uns kamen am Morgen
jedenfalls weniger hart an Bord zurück, und einer war ganz
begeistert darüber, dass seine Auserwählte ihm sogar ein
schönes hölzernes Modellschiff geschenkt hatte.
Zu unserer aller Überraschung sollten wir noch einige
Kisten Apfelsinen in Castellon übernehmen, einem kleinen Hafen,
etwa eine Stunde von Burriane entfernt. Dort in Castellon
benötigten wir nur wenige Stunden zum Laden und beim Auslaufen
merkten wir, dass unser 1.Koch vom Landgang nicht zurückgekehrt
war. Die Befragung der Leute, die mit ihm an Land gegangen
waren, ergab, er habe sich in der kurzen Zeit tüchtig einen
angetrunken und dann herumgegrölt, er wolle jetzt zu
seiner Maria nach Valencia fahren. Der Alte gab
einige Signale mit dem Typhon und wartete noch eine halbe Stunde.
Als der Koch immer noch nicht aufgetaucht war, verließen wir
ohne ihn den Hafen. Nicht nur unsere Katzendame war also
Amors wegen achtern raus gesegelt. Vielleicht
liebte dieser primitive und ungezügelte Mensch wirklich
seine Maria. Ich sollte diese Maria allerdings
26 Jahre später als Kapitän wiedersehen. Die Bodega stand
noch an der gleichen Stelle. Aber was war aus unserer Maria
geworden? Sie hatte natürlich nicht unseren Koch
geheiratet und konnte sich auf meine Frage nur ganz vage an einen
verrückten loco aleman marinero erinnern. Maria
hatte sich seit damals sehr verändert, war verheiratet, hatte
drei Kinder und ein verblühtes hartes Gesicht mit wachen Augen.
Ihre Figur mit den wunderbar weichen Rundungen war eckig
geworden, und ihre samtweiche betörende Stimme klang jetzt hart
und schrill. Ich habe sie nur einmal lächeln gesehen.
Ihr Ehemann war klein, untersetzt und unscheinbar. Das war
also aus Maria geworden.
Nach einer siebentägigen Seereise mit sehr viel Nebel
erreichten wir am 17. Februar 1955 Hamburg, wo wir fast alle
abmusterten. Der 1.Offizier versuchte mich noch zwei Tage
vor Einlaufen zu überreden, doch noch an Bord zu bleiben, aber
ich war der Meinung, dass ich mir einen Urlaub verdient hatte und
blieb hart. Von unserer Heuer bekamen wir alle nicht viel
heraus, denn wir hatten ja unser Geld in den Häfen immer mit
lockerer Hand ausgegeben und nach der alten Devise gelebt:
Was nützt dem Seemann all sein Geld, wenn er damit ins
Wasser fällt? Die meisten fuhren zu ihren Familien
oder Eltern nach Hause, und es war eigentlich das erste Mal, dass
mir so richtig zum Bewusstsein kam, dass ich außer Gott
niemanden hatte, zu dem ich fahren konnte und zu Ihm wollte ich
noch nicht.
Mir blieb nur das Seemannsheim als ein Stück
Ersatzzuhause, und ein Gefühl tiefer Verlassenheit überkam
mich. In meinem damaligen Tagebuch steht der Satz: Es
ist schwer ohne Zuhause, ohne Eltern. Aber man ist
frei. Aber was für eine Freiheit oder Leben war das?
Ich war etwas über 18 Jahre alt, und mein ganzes Hab und Gut
bestand aus einem Seesack mit einigen Klamotten und dem wenigen
Geld, das mir ausgezahlt worden war. Nachdem man sich etwas
eingekleidet hatte, blieb von den paar Mark nicht mehr viel
übrig, und man musste zusehen, dass man wieder ein Schiff bekam.
Versackte man in den hafennahen Kaschemmen, wurde es ganz hart,
und der erste Gegenstand, der ins Pfandhaus wanderte, war die
Armbanduhr. Man löste sie, wenn man neu gefahren war,
wieder ein. Da ich niemanden hatte, den ich anpumpen konnte
oder der mir half, war meine Uhr manchmal die einzige Rettung.
Ich besitze diese Uhr noch immer und sie hat heute bei mir einen
Ehrenplatz. Das einzige Vergnügen, das ich mir an Land
leistete, waren die Kinobesuche auf der Reeperbahn. Die
Nachtvorstellungen kosteten damals 50 Pfennige und begannen um 23
Uhr, so dass ich selten vor 1 Uhr zum Schlafen kam. St.
Pauli war auch damals nicht ungefährlich, und ab und zu geschah
dort auch ein Mord. Nach einer Nachtvorstellung im
Star-Kino am 1. März 1955 erwartete uns draußen ein
großes Polizeiaufgebot, und wir mussten alle unsere Ausweise
vorzeigen. Ein kleiner Laden neben dem Kino, in dem
Kleinkram und Postkarten verkauft wurden, war ausgeraubt und die
Besitzerin, eine über 80 Jahre alte Frau, ermordet worden.
Der Täter, ein im Milieu bekannter Alkoholiker, wurde am
nächsten Tag gefasst. Seine Beute hatte nur etwas über
drei Mark betragen.
Matrose auf der
Henriette Schulte
Da mir der 1.Offizier ein gutes Dienstzeugnis
ausgestellt hatte, musterte ich nach 23 Tagen Landurlaub wieder
bei derselben Reederei als Matrose an. Das Schiff hieß
Henriette Schulte.
Es lag in Rotterdam und sollte in Ballast über den Atlantik in
die Staaten gehen. Nach einer sechsstündigen Bahnreise und
einer anschließenden Irrfahrt per Taxi durch den riesigen
Rotterdamer Hafen erreichte ich schließlich mein Schiff. Es
kam mir riesig vor und zählte damals zu den größten Frachtern
der deutschen Flotte. An Bord meldete ich mich beim
1.Offizier und war freudig überrascht, unseren alten
Ersten Krambs von der Erika Schulte ex MS
Ilse E. Gleue wiederzutreffen, so dass mein anfangs
banges Gefühl schwand. Die Henriette Schulte
war erst etwas über ein Jahr alt und stand unter dem Schatten
der ersten großen deutschen Schiffskatastrophe nach dem Krieg.
Vor ca. einem Jahr war das Schwesterschiff, die Melanie Schulte auf
ihrer ersten Reise nach den USA in einem schweren Orkan im
Nordatlantik untergegangen. Es hatte keine Überlebenden
gegeben. Wie sich später zeigte, lag die Ursache
wahrscheinlich an baulichen Mängeln.
Die Reederei hatte ihren Sitz in Emden, und so war es
kein Wunder, dass der Kapitän und der größte Teil der
Besatzung aus Ostfriesland kamen. Der Alte hieß Aden und
war ein langer schlanker Mann in den Vierzigern mit eingefallenen
hageren Gesichtszügen. Er war magenkrank und wurde von der
Crew Schlackerdarm genannt, weil er furchtbar mit dem
Proviant sparte. Er war sonst ganz in Ordnung, zumindest
vergaß er nicht, dass er auch einmal als Matrose vor dem
Mast gefahren war. Als Nichtostfriese mit
Ostfriesen zu fahren, ist nicht einfach, und es dauert sehr
lange, um mit ihnen warm zu werden. Die
Besatzungsmitglieder bei uns an Bord waren fast alle irgendwie
miteinander verwandt oder bekannt. Unser Moses war
beispielsweise weitläufig mit dem Kapitän verwandt, der
3.Ingenieur mit dem Funker und einem Matrosen. Der
Storekeeper und der Schmierer stammten aus dem selben Ort, und so
ging es weiter. Natürlich trank man morgens zum
Frühstück keinen Kaffee, sondern den sprichwörtlichen
Ostfriesentee. Am Nachmittag gab es keine Kaffeepause,
sondern Teatime. Tee wurde zu allen Tages- und
Nachtzeiten getrunken, und einige Ästheten schwärmten von ihrem
echten Tee zu Hause, der nur mit Regenwasser aus der
Regentonne zubereitet werden durfte und zu dem unbedingt
Klümbches und Sahne gehörten. Wir wenigen
Nichtostfriesen und Kaffeetrinker wurden als Fremde
angesehen. An Bord wurde auch Style gefahren,
dass heißt, der private Umgang von Offizieren mit den
Mannschaftsgraden wurde von Seiten der Reederei nicht gerne
gesehen. Diese Abgrenzung setzte sich achtern in unseren
Mannschaftsmessen fort. So hatten der Boots-, und
Zimmermann sowie der Kabelgatsmaat und der Storekeeper zusammen
eine kleine Messe für sich. Sie wurden auch von unserem
1.Moses bedient. In der Mannschaftsmesse saßen wir
Vollgrade von Deck und Maschine je an einem eigenen Tisch,
während die Junggrade ihren separaten hatten. Unser Tisch
wurde vom 2.Moses bedient, während die Maschinenvollgrade dazu
ihren jüngsten Reiniger hatten. Diese Rangordnung wurde
strikt eingehalten und wenn es am Tisch der Junggrade zu laut
zuging, wurden sie von uns zur Ordnung gerufen. Nur abends
nach der Arbeit trafen wir uns alle, außer den Offizieren, ohne
Rangunterschiede im Aufenthaltsraum.
Unser Bootsmann war ein bulliger, athletischer Typ mit
einer durch einen Bordunfall eingedrückten Nase. Er war
vom Schornstein gefallen und sah danach wie ein Preisboxer aus.
Wir nannten ihn, wie auf größeren Schiffen üblich,
Schmadding, während unser Schiffszimmermann, auch
wie üblich, Blau genannt wurde. Der Bootsmann
war ca. 39 Jahre alt und ein alter Fahrensmann. Er war ein
eisenharter Bursche und wurde von uns allen gefürchtet und
respektiert.. Während wir Vollgrade ihn mit seinem
Vornamen Otto anreden durften, mussten ihn die Junggrade mit
seiner Rangbezeichnung ansprechen. Er verstand sein
Handwerk und kannte das Schiff wie seine Hosentasche.
Unsere Reise ging von Rotterdam in Ballast über den
Nordatlantik nach Norfolk an der Ostküste der USA, wo wir Kohlen
für Emden laden sollten. Die Reise stand unter keinem
guten Stern. Auf der halben Route bekamen wir
Maschinenschaden und trieben zwei Tage in der aufgewühlten See,
bis der Schaden behoben war. Drei Tage später gerieten wir
in einen Nordweststurm mit Windstärken von 10 bis 11 und machten
die ganze Nacht nur noch 1,5 Knoten Fahrt die Stunde. Nach
dem Einlaufen in Norfolk ging es nach kurzer Ankerzeit zur
Ladekai, wo das Schiff mit einer riesigen Ladeeinrichtung mittels
mehrerer Förderbänder, die in die einzelnen Laderäume
führten, in ca. zwölf Stunden beladen wurde. Nach dem
Ablegen brach die Hauptmaschine wieder zusammen, und wir wurden
auf die Innenreede geschleppt, wo wir ankerten. Während
die Maschineningenieure mit ihrer Crew versuchten, den Schaden zu
reparieren, begann für unsere Deckscrew eine ruhige Zeit. Norfolk
war der größte amerikanische Kriegshafen an der Ostküste mit
einer riesigen Marinewerft und sonstigen Marineanlagen. Zur
gleichen Zeit mit uns lag dort die 6. US-Flotte vor Anker, bereit
zum Auslaufen in das Mittelmeer. Ich habe in meinem Leben
nie wieder so eine gewaltige Armada von Kriegsschiffen gesehen.
Dort lag auch der größte Flugzeugträger der Welt, die U.S.S.
Forrestal mit über 60.000 Tonnen Verdrängung, der
seine erste Reise machen sollte.
Wir vertrieben uns die Zeit vor Anker nach Feierabend
und am Sonntag mit Boxkämpfen. Dazu hatten wir auf dem
Achterdeck einen richtigen Boxring mit Seilen und Gong aufgebaut.
Ausgerüstet mit Boxhandschuhen von 12 Unzen, musste jeder von
der Mannschaft, ohne Rangunterschied, einmal für drei Runden á
drei Minuten antreten. Die Gegner wurden vom Bootsmann und
dem 3.Offizier bestimmt, damit keine Gewichtsungleichheit
herrschte. Bekam man einen Junggrad als Gegner zugeteilt,
der sich mal über einen geärgert hatte, musste man sich seiner
Haut wehren. Nach achttägigen Bemühungen, die Maschine
mit Bordmitteln wieder flott zu bekommen, gaben die Ingenieure
auf, und wir wurden zur provisorischen Reparatur in die
Marinewerft geschleppt. Die Hauptreparatur sollte nach
Rückkehr in Deutschland erfolgen, wo alle Reserveteile vorrätig
waren. Während der Werftzeit hatte ich Gelegenheit, an
Land zu gehen. Da ich erst 18 Jahre alt war, bekam ich in
keiner Bar ein Bier oder sonstiges alkoholisches Getränk
ausgeschenkt und musste mich mit Coca Cola zufrieden geben.
In allen Bars und Lokalen fand man US-Sailors, die dort vor dem
Auslaufen ins Mittelmeer noch tüchtig einen draufmachten. Wir
armen Deutschen konnten da nicht mithalten. Nach drei Tagen
war unsere Hauptmaschine soweit repariert, dass wir die Heimreise
antreten konnten. Da ich als Tagelöhner eingeteilt war,
verbrachte ich fast jeden Abend im Mannschaftsaufenthaltsraum.
Dort wurde unter der Leitung des 1.Stewards, der die Kantinenware
verwaltete, an allen Tischen Black Jack (17 + 4)
gespielt. Da man um Bier spielte, konnte man ganz schön
verlieren. Der Einzige, der gewann, war der 1.Steward, der
an jeder Flasche verdiente. Einige verspielten ihre ganze
Heuer und da nicht jeder ein guter Verlierer war, artete das
Ganze in eine Massenschlägerei aus. Dabei wurde ein
Beteiligter verletzt, und unser Alter machte daraufhin dem
Treiben ein Ende. Das Seemannsgesetz verbot ohnehin
jegliches Glücksspiel an Bord.
Auf Höhe der Azoren kamen wir in einen Orkan. Das
erlebte ich in dieser Gegend ja nicht zum erstenmal. Dabei
zeigte sich auch, wie gefährdet unser Schiff wegen konstruktiver
Unzulänglichkeiten war und dass diese baulichen Mängel wohl
auch zum Untergang des Schwesterschiffes geführt hatten. Der
Sturm wehte mit Stärke 12 und die See erreichte teilweise eine
Höhe von zehn Metern. Obwohl der Alte beigedreht hatte,
stürzten einige Brecher über das Schiff und rissen unsere
Backbordgangway über Bord. Der Bootsmann bekam den Befehl,
mit einigen Leuten in den beiden Mittschiffsgängen backbord- und
steuerbordseits die Fenster mit Stahlblenden zu sichern. Die
hatten die Größe der Fenster und mussten mit Muttern außen
aufgeschraubt werden. Dadurch wurde verhindert, dass die
See die Securit-Glasscheiben einschlagen konnte und Wasser in das
Schiff drang. Diese Aufgabe war sehr gefährlich und nicht
umsonst wurden diese Mittschiffsgänge bei uns
Todesgänge genannt. Bei schwerer See konnte
das Wasser mit Urgewalt wie durch ein Rohr hereinstürzen. Es
bestand dann die Gefahr, entweder außenbords gespült oder nach
achtern gerissen und gegen das Lukensüll oder die Poller auf dem
Achterdeck geknallt werden. Man konnte sich dabei die
Knochen oder das Genick brechen.
Zu viert machten wir uns, mit starken Tauen angeseilt, an die gefährliche Aufgabe. Ich werde nie das Gefühl vergessen, als das Wasser, wie bei einem Dammbruch gegen und über uns stürzte und wir uns verzweifelt irgendwo festklammerten, um nicht weggespült zu werden. Bei dieser Arbeit wurde unser Matrose Adolf hinter mir durch den Gang nach achtern gegen die Festmacherpoller geschleudert und schwer verletzt. Ich selber wurde gegen die Verschanzung gespült und
mein rechtes Bein dabei stark geprellt. Der Orkan dauerte drei Tage, und wir alle mussten mehrmals an Deck, um abgerissene Windhutzen oder die Lukenpersenninge zu sichern. Nach dem Sturm stellten wir fest, dass ein Rettungsboot und ein David beschädigt waren und dass an der Vorkante Brücke ein 2 cm tiefer Riss über die ganze Breite des Schiffes entstanden war. Wahrscheinlich war unser Schwesterschiff an dieser Stelle auseinandergebrochen. Offiziell wurde die wahre Ursache niemals geklärt.Nach dem Löschen in Emden ging das Schiff für fast
zwei Monate nach Hamburg in die Howald-Werft zur Reparatur.
In der Werft musterten einige Besatzungsmitglieder ab und wurden
durch neue ersetzt. Unter den Neuankömmlingen befand sich
auch der Halbbruder unseres Schmaddings, der bei uns
als Matrose fahren wollte. Werner hieß er, war Mitte
dreißig, klein, drahtig und sehr kräftig. Er war vorher
als Bootsmann gefahren und nicht auf den Mund gefallen. Ich
lernte seine Familie an Bord kennen und besuchte ihn später auch
zu Hause. Seine Frau hieß mit Vornamen Anni, seine
älteste Tochter Elke und die jüngste Frauke. Die älteste
war 17 und die jüngste 6 Jahre alt. Mit der ältesten ging
ich einige male ins Kino, und wir schrieben uns auch einige sehr
harmlose Briefe. Während der Werftzeit ging ich mit ihm
und seiner Familie auch auf den Hamburger Dom, wobei
ich mit der jüngeren viel Karussell und Achterbahn fahren
musste. Es war das erste und einzige mal, dass ich mich
einer Familie näher anschloss.
Während der Werftzeit lernte ich auch Nürnberg kennen.
Otto, unser Bootsmann, wollte dort das Grab seiner Mutter
besuchen, welches er seit dem Kriegsende nicht mehr gesehen hatte
und gleichzeitig seinen verschollenen Bruder suchen. Ich
fuhr mit ihm und bekam so also Nürnberg zu sehen. Die
Stadt war während des Krieges furchtbar zerstört worden und
kaum wiederzuerkennen. Wir wohnten im Hotel
Marienbad, welches man als ziemlich gut bezeichnen
konnte. Während Otto das Grab seiner Mutter besuchte und
bei den Behörden nach seinem Bruder forschte, schaute ich mir
die Stadt an. Die alliierten Bomber hatten gründliche
Arbeit geleistet und die Stadt der Reichsparteitage
als Symbol der Nationalsozialisten fast total zerstört. Die
einzige einigermaßen erhalten gebliebene Sehenswürdigkeit war
die alte Burg. Die Nachforschungen nach Ottos Bruder
blieben erfolglos, und auch unsere privaten Befragungen in den
übriggebliebenen Häusern erbrachten nichts, und so fuhren wir
zurück nach Hamburg.
Nach über sieben Wochen Werftzeit ging unser Schiff
wieder in See und zwar erneut zum Laden von Kohle nach Norfolk.
Der Atlantik zeigte sich um diese Jahreszeit gnädig, und nach
einer glatten Hin- und Rückreise erreichten wir mit unseren
Kohlen Bremen. Dort musterte ich sofort nach dem Einlaufen
ab, fuhr nach Hamburg-Altona und nahm mir ein Bett im mir
inzwischen altbekannten Seemannsheim in der Großen Elbstraße.
Diesmal wohnte ich in einem Zweibettzimmer, und ich fühlte mich
dort fast wie zu Hause.
Matrose auf der
Nordmeer
Auf zwei Schiffen hatte ich eine relativ kurze
Fahrzeit. Trotzdem möchte ich sie ausführlicher
erwähnen. Ich lernte Ralf auf dem Heuerstall
kennen. Er war 24 Jahre alt, untersetzt, klein und kräftig,
hatte rotes Haar, war sommersprossig und mit seiner Baskenmütze
hätte man ihn durchaus für einen Bretonen oder Iren halten
können. Er fuhr schon fünf Jahre als Matrose und war ein
typischer Hein Seemann jener Zeit. Wir beide
sollten noch am gleichen Tag als Matrosen auf dem M/S
Nordmeer der C. Mackprang jr. Nordstern Reederei
anmustern. Sie galt unter Seeleuten als eine der besten und
gesuchtesten Reedereien der deutschen Flotte, zahlte Haustarif,
also mehr als sonst üblich, stellte Bettzeug für die Mannschaft
und hatte einen überdurchschnittlich hohen Verpflegungssatz.
Kein Wunder, dass wir dachten, das große Los gezogen zu haben.
Aber bekanntlich hat jedes Ding zwei Seiten, und auch Gutes muss
nicht frei von Wermutstropfen sein, denn auf diesem Schiff
begegnete ich dem meiner Meinung nach arrogantesten und
schlechtesten Kapitän, unter dem ich je gefahren bin.
Die Nordmeer war der gleiche Schiffstyp wie die Henriette Schulte, nur noch etwas größer. Sie löschte ihre Getreideladung an den Rethe-Getreidesilos und sollte am nächsten Tag schon wieder in Richtung Norfolk auslaufen. Die Rethe-Getreidesilos lagen am Arsch der Welt, und man kam nur mit dem Fährdampfer, der stündlich vom Baumwall abfuhr, dorthin. Bepackt mit unseren Seesäcken, mussten wir noch einen langen Weg vom Rethe-Anleger bis zum Schiff zurücklegen.. Nachdem wir noch über einige Bahngleise und Waggons geklettert waren, erreichten wir schließlich die Gangway, wo wir noch unseren Vorgängern begegneten, die gerade das Schiff verlassen wollten. Sie hatten schon tüchtig einen getrunken und schimpften furchtbar auf den Bootsmann und den Alten. Beide wären linke Schweine und der Bootsmann habe überhaupt keine Ahnung von seinem Job. Mit gemischten Gefühlen, Ralf wollte schon umkehren, meldeten wir uns beim 1.Offizier, einem hageren Marine-Typen mit schnarrender Stimme und zackigen Bewegungen. Nach seiner Standardfrage, wo wir zuletzt gefahren hätten, schickte er uns zum Bootsmann, dem uns angekündigten linken Schweinehund. Der war ein mittelgroßer, schlanker, dunkelhaariger, ruhiger Mann in den Vierzigern, der uns unserer Kammern zeigte. Er war, wie sich später zeigte, ruhig, besonnen und fair. Ich habe ihn zwar schreien, aber niemals fluchen oder unanständig reden gehört, wie es sonst an Bord üblich war. Er war verheiratet, hatte Kinder und war grundsolide. Bei der Arbeit war er eisenhart, aber wenn man seinen Dienst korrekt tat, konnte man auf ihn bauen.
Die Kammern waren sauber, geräumig, hatten zwei Kojen
übereinander und ein Waschbecken mit fließend Warm- und
Kaltwasser. Außerdem bekamen wir eine Garnitur Bettzeug,
Handtücher und Seife, ein Luxus, von dem man damals auf vielen
Schiffen nur träumen konnte. Der Zimmermann war ein
riesiger blonder und athletisch gebauter Bursche in den
Zwanzigern. Er hatte das Aussehen eines
Jungsiegfrieds, war immer heiter und nie schlechter
Laune. Außerdem war er ein echter Draufgänger und der
Nachttraum unserer weiblichen Passagiere. Die übrige
Deckscrew bestand aus altgedienten Reedereifahrern, mit denen man
gut auskommen konnte. Wir schleppten den ganzen Tag vor dem
Auslaufen Proviant und Ausrüstung für die Reise, sowie Koffer
und Reisegepäck der Passagiere. Einige von denen machten
eine Rundreise, die meisten aber wollten in den USA aussteigen.
Wir stellten fest, dass die Mehrzahl der Passagiere weiblich war
und der 1.Steward erzählte uns, dass auch einige
US-Armeekrankenschwestern dabei seien, die in Deutschland
stationiert waren. Sie würden die Rückreise nach den USA
als Urlaubsreise mit unserem Schiff machen.
Ich wurde der Wache des 2.Offiziers zugeteilt, die
allgemein Hundewache genannt wird, weil sie von
Mitternacht bis 4 Uhr morgens dauert und dann wieder um 12 Uhr
mittags beginnt. Aber meistens wird man schon um 8 Uhr
geweckt, so dass man nicht viel zum Schlafen kommt. Der
2.Offizier war ein fülliger weißhaariger Mann, Ende der
Sechzig, den alle nur Opa nannten und der hier an
Bord zusätzlich etwas Geld zu seiner Rente hinzuverdiente.
Er war überaus genau, ja pedantisch, sprach sehr wenig und hatte
bis zu seiner Pensionierung lange Jahre als Kapitän bei einer
großen deutschen Reederei gefahren. Da niemand mit ihm
Wache gehen wollte, wurde ich ihm als jüngster Matrose
zugeteilt. Der 3.Offizier, dem ich vorne auf der Back bei
An- und Ablegemanövern zugeteilt war, war ein großer,
gutaussehender ruhiger Mann Ende der Zwanzig. Er besaß das
große Kapitänspatent A6 und war sehr ausgeglichen und korrekt.
Durch einen Unfall hatte er einige Finger an der linken Hand
verloren. Den Alten hatten wir noch nicht zu Gesicht
bekommen.
Am nächsten Vormittag liefen wir bei herrlichem
Sonnenschein aus, und ich hatte unseren Kapitän immer noch nicht
gesehen. Nachdem vorne und achtern wegtreten
befohlen worden war, löste ich pünktlich zu meiner Wache um 12
Uhr, den Gefechtsrudergänger ab. Wir befanden
uns querab von Blankenese und da sah ich zum ersten Mal unseren
Alten. Er stand in voller Montur in der
Steuerbord-Brückennock inmitten der Passagiere wie ein Fürst
mit seinem Gefolge und zeigte ihnen sein Haus. Wahrscheinlich
winkte ihm seine Familie in diesem Moment zu, denn alle in der
Nock fingen zu winken an. Der Lautsprecher auf dem Peildeck
wurde zur Landseite gerichtet, und mit einem schmetternden Marsch
passierten wir Blankenese. Der Alte kam mit seinem Gefolge
ins Ruderhaus, so dass unser Lotse und Opa, dessen
Gesicht versteinerte, kaum noch Platz hatten. Nun hatte ich
Gelegenheit, unseren Herrn und Meister aus der Nähe zu
betrachten. Unser Alter war Mitte vierzig, mittelgroß mit
einem Ansatz von Schmerbauch. Er hatte ein blasses,
breitflächiges Gesicht und schütteres graues Haar. Der
Volksmund sagt manchmal: Dem sieht man die Fiesheit schon
am Gesicht an. Hier traf diese Weisheit treffend zu.
Er trug eine weiße Uniformjacke mit den vier
Zebrastreifen auf den Schulterstücken, eine schwarze
Hose und halblange lederne schwarze U-Bootstiefel. Auf der
Brücke ging es hoch her. Ferngläser wurden geschwenkt,
Fotoapparate gezückt und Fragen gestellt. Irgendein
Passagier kam auch zu mir an die Steuersäule, wo ich nach den
Anweisungen des Lotsen steuerte und stellte mir irgendwelche
Fragen, die ich ihm beantwortete. Der Fragesteller hielt
sich eine Zeitlang bei mir auf, bis wir die
Schiffsbegrüßungsstelle Schulau passierten, die jedes ein- und
auslaufende Schiff mit Musik und Flaggengruß begrüßt. Da
stürzte auch diese Person, wie die anderen, zur Brückennock.
Während die Fotoapparate draußen klickten und die
Ferngläser das Schauspiel beobachteten, kam der Alte zu mir und
schnauzte mich an: Ich sei hier zum Steuern und nicht zur
Unterhaltung mit den Passagieren, wenn das noch mal passiere,
würde er mich von der Brücke jagen. Nun hatte ich unseren
Kapitän endlich kennen gelernt! Bis zum Englischen Kanal
gingen wir mit drei Mann pro Wache routinemäßig unsere
Seewache. Mal stand ich auf der Back, mal am Ruder oder in
der Brückennock. Der Alte tauchte in unregelmäßigen
Abständen auf der Brücke auf und verschwand dann wieder nach
kurzer Zeit. Nur bei der Passage der Straße von Dover
blieb er etwas länger. Kam er auf die Brücke, grüßte er
niemanden, uns und den 3.Offizier schon gar nicht. Dem
2.Offizier nickte er kurz zu und nur der 1.Offizier und der
Leitende Ingenieur konnten mit einem Gruß rechnen. Ich
kann mich auch nicht erinnern, dass er jemals einen Gruß von uns
erwiderte. Meistens schaute er einen nur kurz misstrauisch
an und ging dann weiter.
Wie der Bootsmann uns schon vor Auslaufen in Hamburg
erklärt hatte, wurde an Bord Hapag-Style gefahren.
Das hieß: Auf dem Revier stand der Zimmermann die ganze Zeit
vorne am Ankerspill, und die Seewachen waren bis zum Ausgang
Englischer Kanal immer mit drei Mann besetzt: Ein Mann
stand am Ruder, einer in der Brückennock und einer auf der Back.
Alle Stunde musste auf der Brücke mit der Glocke geglast, also
die Zeit akustisch bekannt gegeben werden. Eine Stunde
wurde mit einem Doppelschlag angezeigt und wenn die Wache nach
vier Stunden zu Ende ging, mussten vier Doppelschläge gegeben
werden. Sollte die nächste Wache, z.B. um 3.30 Uhr,
geweckt werden, gab man mit der Glocke drei Doppelschläge und
einen einzelnen Schlag hinterher. Das wiederholte sich jede
Seewache und da die meisten Seeleute bei der Arbeit an Deck keine
Uhr bei sich trugen, war dies die einzige Zeitangabe, und man
wusste so immer, wie spät es war und wann die nächste Wache
geweckt werden musste.
Dieses Reglement stammte noch aus der
Segelschifffahrtszeit und wurde damals auf allen größeren
Schiffen bis in die 60er Jahre praktiziert. Gleichzeitig
musste der Ausguck auf der Back bis zum Englischen Kanal jedes
Schiff, das er sah, mit einem Glockensignal anzeigen. Wurde
ein Schiff an Steuerbord sichtbar, gab er einen Glockenschlag, an
Backbord zwei und voraus drei Glockenschläge. Die meisten
Kapitäne unterbanden diese Sitte, denn im Englischen Kanal
konnte man bei guter Sicht Hunderte von Schiffen sehen, und die
Bimmelei nahm dann kein Ende. Außerdem hatten die modernen
Schiffe eine Lautsprecherverbindung von der Back zur Brücke.
Wie uns der Bootsmann erzählte, liebte unser Alter diese
Bimmelei, und sie machte Eindruck auf die Passagiere. Noch
zwei Tage nach dem Verlassen des Kanals wurde nachts Ausguck auf
der Back gegangen. Danach konnte sich der dritte Mann zum
Flötentörn achtern aufhalten, das hieß, er konnte
achtern in der Messe in Bereitschaft sitzen, musste aber sofort
zu ihm eilen, wenn der Wachhabende Offizier mit der Trillerpfeife
von der Brücke pfiff. Wie uns der Bootsmann weiter
unterrichtete, liebte es der Alte, nachts selbst unerwartet zu
pfeifen und wehe, man überhörte das Signal. Nachts auf
Ausguck wurde uns zu einer bestimmten Zeit erlaubt, achtern für
15 Minuten eine Kaffeepause einzulegen. Wenn in dieser Zeit
geflötet wurde, musste man allerdings sofort auf der Brücke
erscheinen. Diese Pausenzeit pflegte der Alte gerne zum
Flöten zu nutzen. Kochte man sich gerade seine Tasse Kaffe
und unterhielt sich dabei, flötete er sehr gedämpft, so dass
man wirklich nichts hören konnte. Kam keine Reaktion,
schickte er die Brückenwache und machten einen dann auf der
Brücke fertig, aber im wahrsten Sinne des Wortes!
Ralf hatte es gleich auf der ersten Wache erwischt, mich
eine Nacht später. Immer wenn er flötete, lag gar nichts
an. So extrem, wie bei uns, wurde es nur noch auf
Passagierschiffen und einigen Renommierlinern
gehandhabt. Schon aus ökonomischen Gründen verzichteten
die meisten Reedereien auf solche Mätzchen und setzten ihre
Arbeitskräfte sinnvoller ein. Der reguläre Kapitän
unseres Schiffes hatte wegen eines Krankheitsfalles den Kapitän
auf einem anderen Schiff der Reederei ablösen müssen, so dass
sein jetziger Vertreter einige Zeit an Bord blieb. Der
Schwiegersohn des regulären Kapitäns, ein blonder kräftiger
Bursche von 25 Jahren, fuhr bei uns als Matrose und wollte nach
dieser Reise in Hamburg sein großes Steuermannspatent A5 machen.
Nachdem wir den Englischen Kanal passiert hatten,
kümmerte sich unser Fürst nur noch um die Passagiere und wir
bekamen ihn eine Weile nicht zu sehen. Er speiste zusammen
mit dem 1.Offizier, dem Leitenden Ingenieur und den Passagieren
in einem eigenen Salon mit einer kleinen Bar und eigenem
Bedienungspersonal. Dazu gehörte auch ein eigener
Messejunge. Es ging bei unserem Fürsten und
seinem Gefolge hoch her. Der Champagner floss in Strömen,
und die Musik und das Gekreische war weit bis nach Mitternacht zu
hören. Das ging fast jede Nacht so, und einige der
weiblichen Passagiere wurden bei so vielen Männern an Bord
ziemlich angetörnt. Eine etwa 30 Jahre alte Dame hatte
sich unseren 16jährigen Messejungen ausgesucht, der mittschiffs
seine Kammer hatte, und nahm ihn jede Nacht so tüchtig dran,
dass er sich am nächsten Morgen kaum auf den Beinen halten
konnte.
Die übrigen Offiziere, Ingenieure und
Ingenieurassistenten hatten ihre eigene Messe mit einem eigenen
Messesteward. Bootsmann, Schiffszimmermann und Storekeeper,
quasi den Unteroffizieren, stand ebenfalls eine eigene Messe zu,
und sie wurden von einem Moses bedient. Sie alle wohnten
mittschiffs, während wir, das gemeine Volk, achtern
in und unter der Poop unsere Räumlichkeiten hatten, genau wie
auf der Henriette Schulte. Den Offizieren und
Passagieren war der private Umgang mit uns untersagt, uns war er
sogar strikt verboten. Zuwiderhandlung wurde mit Entlassung
geahndet. Der Mensch fing für unseren Fürsten erst beim
Offizier an.
Im Atlantik wurde die Selbststeueranlage eingeschaltet,
und wir gingen bei guter Sicht nachts nur noch mit zwei Mann
Ausguck, wobei einer Flötentörn hatte. Beim
nächtlichen Ausguck auf der Brücke lernte ich auch
Opa genauer kennen. Obgleich er hier nur als
2.Offizier fuhr, war er immer noch Kapitän und missbilligte das
Treiben unseres Fürsten und der übrigen Offiziere über alle
Maßen. Er war sehr konservativ und akzeptierte nur den
3.Offizier, der sich an diesen nächtlichen Orgien nicht
beteiligte. Jedenfalls kam ich mit Opa gut
zurecht und hatte niemals Schwierigkeiten mit ihm. Böse
wurde er immer nur, wenn ich den 1.Offizier um 3.30 Uhr weckte
und der nach den rauschenden Ballnächten nach
mehrmaligem Klopfen nicht hochkam. Dann lief er wie eine
wütende Bulldogge herum und schimpfte, zumal auch der 1.Offizier
nicht immer alleine schlief.
Sonnabends wurde auch im achteren Tagesraum tüchtig
gefeiert, und die Tagelöhner, die ja auf See bis
Montag nicht arbeiten mussten, machten meist bis Sonntag durch.
Bei einer dieser Sauforgien stürzte unser völlig betrunkener
Zimmermann bei schwerer See mit seinem Gesicht gegen die Heizung.
Außer einer Gesichtsverletzung, die genäht werden musste, zog
er sich noch eine leichte Gehirnerschütterung zu. Er wurde
von uns gleich mittschiffs ins Hospital gebracht, und eine der
jungen Passagierinnen, eine US-Militärkrankenschwester, war
bereit, sich um ihn zu kümmern. Sie nähte seine
Platzwunde und versorgte ihn drei Tage rührend. Wieder
hergestellt, revanchierte sich unser Zimmermann bei ihr jede
Nacht bis zum Einlaufen in Norfolk. Dort verließ uns dann
ein großer Teil der Passagiere. Die verbleibenden
Rundreisefahrgäste waren alle bereits ältere Herrschaften.
Nach einer ca. zwölfstündigen Ladezeit verließen wir
mit ca. 12.000 Tonnen Kohle Norfolk in Richtung Weserhafen
Nordenham. Hatten wir auf der Hinreise unseren Alten wenig
zu Gesicht und damit zu spüren bekommen, offenbarte er uns jetzt
täglich seine perversen Macken. Eine davon war, dass er
hinter den Gardinen seiner Fenster vorkante Brücke den ganzen
Tag die Leute beim Arbeiten an Deck mit einem Fernglas
beobachtete. Diesmal hatte er es auf einen Leichtmatrosen
abgesehen, einen ruhigen und fleißigen Burschen, der schon
länger an Bord war. Weil er dem Alten zu langsam
arbeitete, wurde ihm gekündigt. Damals langte als
Kündigungsgrund: Ende der Reise. Der Nächste,
den er auf Sicht hatte, war ich. Der Bootsmann ließ mich
das Geländer des Winchendecks Vorkante Brücke malen, ca. 20
Meter vom Fenster des Alten entfernt. Zum Malen hatte mir
der Bootsmann einen Flachpinsel, einen sogenannten
Kuttenlecker gegeben, mit dem ich alle Rundungen und
Kanten des Geländers gut streichen konnte. An meinem
Arbeitstempo hatte der Alte nichts auszusetzen, aber der Pinsel
war ihm zu klein und ich bekam eine Verwarnung. Der
Bootsmann, mit dem ich gut auskam, ließ mich danach nur noch auf
dem Achterschiff malen. Beim Einlaufen in Nordenham konnte
noch ein Matrose seine Sachen packen. Ein weiterer ging
freiwillig. Ralf bekam eine Verwarnung, weil er als Ausguck
im Englischen Kanal bei zig Schiffen eines nicht gemeldet hatte.
Den zweiten Crash mit unserem Fürsten hatte
ich, als ich die Rettungsboote reinigte und dabei eine Melodie
vor mich hin pfiff. Er schrie mich mit rotem Kopf an,
sofort das Pfeifen zu unterlassen. Wenn hier an Bord jemand
pfeifen würde, so sei er das und kein anderer. Hatte ich
bisher nie irgendeinen Hass gegen ihn, wurde er mir von diesem
Moment an absolut zuwider. Auf der Rückreise war ich der
Wache des 3.Offiziers zugeteilt, die von 8 bis 12 Uhr und 20 bis
24 Uhr ging. Wie bereits erwähnt, war der 3.Offizier ein
ruhiger und besonnener Mensch, den wir alle mochten. Auch
der Wachtörn mit ihm war angenehm. Kurz vor der Einfahrt
in den Englischen Kanal wurde routinemäßig das Handruder und
der Ausguck besetzt. Zufälligerweise war es mein
Rudertörn, als der Alte die Brücke betrat. Wie üblich
grüßte er niemanden und im Vorbeigehen schnarrte er den
3.Offizier mit den Wort Anstellen! an. Der war
verblüfft und wusste nicht, was er anstellen sollte. Er
folgte dem Alten in die Brückennock und fragte: Herr
Kapitän, was soll ich anstellen? Der Alte drehte
sich bei dieser Frage unwillig um und schnauzte: Na das
Radar, was denken Sie denn? In dieser kurzen Szene
offenbarte der Alte seine unerträgliche Arroganz und seinen
Größenwahn.
Wir liefen am Sonntag Morgen in Nordenham ein. Da
erst am Montag früh Löschbeginn war und das Schiff dort bis
Dienstag Mittag liegen sollte, bekam die halbe Besatzung Urlaub
bis zum Auslaufen. Der Bootsmann hatte Ralf und mich
während der Löschzeit zur Tageswache eingeteilt, so dass wir
abends an Land gehen konnten. Wir hatten unsere Guthaben
ausgezahlt bekommen. Bei mir waren es 170 DM. So
beschlossen wir, einen draufzumachen. Die Stadt selbst
liegt etwas vom Hafen entfernt, und deshalb bestellten wir uns
abends ein Taxi. Wir erklärten dem Taxifahrer, dass wir
etwas erleben wollten, er wusste, was wir meinten, fuhr uns zu
einer richtigen Nahkampfdiele. Das Lokal hatte
kurz nach dem Kriege eine traurige Berühmtheit erlangt. Eine
der Damen hatte einem englischen Besatzungssoldaten sein
bestes Stück abgebissen. Der arme Kerl war
verblutet. Die Sache wurde vor einem deutschen Gericht
verhandelt. Der Richter, wahrscheinlich ein Patriot, baute
der Dame eine goldene Brücke und stellte
die Suggestivfrage: Sie haben das doch unbeabsichtigt in
höchster Ekstase getan? Nein!,
antwortete sie, ich habe ihn vorher ein paar Mal gewarnt,
dass ich ihm den Schwanz abbeißen würde, wenn ich wieder mein
Geld nicht bekommen sollte. Da konnte ihr der Richter
auch nicht mehr helfen, und sie verschwand wegen Mordes für
lange Zeit hinter Zuchthausmauern. Alte Nordenhamer kennen
die Geschichte sicherlich noch genauer. Der Laden war
jedenfalls brechend voll, als wir dort ankamen, und die meistern
Gäste waren Seeleute wie wir. Nach einigen Gläsern Bier
und geselliger Unterhaltung ließen wir uns kurz vor Mitternacht
wieder an Bord zurückfahren.
Am nächsten Tag gegen Mittag kamen auch schon zwei neue
Matrosen und ein Leichtmatrose als Ersatz für die Gekündigten
an Bord. Jeder von ihnen war eine Marke für sich und mit
allen Wassern gewaschen. Sie kamen aus Hamburg, und es
waren Stalleute, also über den
Heuerstall vermittelt, wie Ralf und ich. Die
beiden Matrosen waren schon Ende Zwanzig und alte Fahrensleute.
Der eine hieß Hans, war mittelgroß, schlank, kräftig und
gewitzt. Der andere ließ sich Jonny nennen, war von
gleicher Größe, fett und wog mindestens 100 kg. Er war
ein echter St. Paulianer vom Kietz, der
seine Herkunft aus dem Milieu nicht verleugnen
konnte. Er war versoffen, brutal und ein typischer
Bauernfänger, der die Schwächen der anderen bedenkenlos
ausnutzte. Seine Sprache kam aus dem Nuttenmilieu, und ich
sollte mit ihm noch viel Ärger bekommen. Der Leichtmatrose
war etwa 26 Jahre alt und schon etwas zu lange in diesem Rang.
Er war ein echter Barmbecker Jung, untersetzt, mit
der Figur eines Preisringers. Wie es sich später
herausstellte, war mit ihm, wenn er einen getrunken hatte und man
ihm dumm kam, nicht gut Kirschen essen. Der Bootsmann war
nicht gerade begeistert von unserer neuen Truppe.
Dienstag gegen Mittag war die Ladung gelöscht. Das
Schiff sollte für wenige Stunden in die Howald-Werft nach
Hamburg gehen, wo wir etliche Getreidestützen und auch
Passagiere übernehmen sollten. Kurz vor dem Ablegen kam,
für uns alle überraschend, die Reederin mit Gefolge an Bord.
Sie wollte das kurze Stück bis Hamburg mitfahren. Die
Brücke war natürlich wieder dicht bevölkert, und es herrschte
ein großes Gedränge. Wieder klickten die Fotoapparate,
und Ferngläser nahmen alles ins Visier, was sich bewegte. Unser
Alter hüpfte wie ein kleines schwanzwedelndes Hündchen um die
ältere schlanke und grauhaarige Reeder-Dame herum und
überschlug sich vor Freundlichkeiten. Zufälligerweise war
ich als Gefechtsrudergänger eingeteilt und konnte so
das ganze Spektakel hautnah beobachten. Diese Dame hätte
unseren Fürsten einmal unter normalen Umständen auf See erleben
sollen, wenn er sich wie ein kleiner Nero gebärdete. Nachdem
wir in Hamburg die Getreidestützen und Passagiere übernommen
hatten, ging es wieder elbabwärts in Richtung Feuerschiff Elbe
1. Unsere Reise sollte diesmal nach Montreal in Kanada
gehen, um dort Getreide zu laden.
Gleich zwei Tage nach dem Auslaufen fing mein Ärger mit
Jonny an. Ich machte diese Reise als
Tagelöhner und weigerte mich bei der üblichen
Sauferei im Aufenthaltsraum, eine zweite Runde Bier auszugeben.
Damit war ich bei unserem Jonny unten durch. Wo immer er
Gelegenheit fand, ob beim Frühstück oder bei der Arbeit, legte
er sich mit mir an. Ich hätte mich natürlich beim
Bootsmann oder 1.Offizier über ihn beschweren können, aber dann
hätte ich auch gleich abmustern können, zumal er größer und
stärker war als ich und ich daher gegen ihn bei einer
körperlichen Auseinandersetzung keine Chancen gehabt hätte.
Wir waren jeden Tag von 6 Uhr früh bis spät in die Nacht damit
beschäftigt, Getreidestützen für ein Getreideschott mit
unserem Ladegeschirr aufzustellen. Da wir diese Arbeit nur
bei gutem Wetter verrichten konnten, wurde ohne Pause bis zur
Erschöpfung gearbeitet. Die schweren, sechs Meter langen
eisernen Stützen mussten in der Mitte der einzelnen Laderäume
längsschiff in Abständen von fünf Metern aufgestellt werden.
Zwischen diese Stützen wurden von unten nach oben schwere
Planken hochgezogen.
Der Zweck war, alle Laderäume mit einer Wand
abzuteilen, denn war das Schiff bis an die Decke der Laderäume
voll Getreide, so sackte diese Ladung nach einiger Zeit einige
Meter in sich zusammen und konnte bei schwerer See, wobei sich
das Schiff bis zu 30 Grad nach jeder Seite legen konnte, durch
seitliche Verlagerung wegrutschen. Die von uns gezogene
Wand in der Mitte des Schiffes sollte die extreme Verlagerung der
Getreideladung und damit das Kentern des Schiffes verhindern.
Über jeder Luke wurde ein Trichterkasten, ein sogenannter
Feeder aus Holz errichtet, der mit Getreide gefüllt,
während der Reise dazu diente, die durch das Absacken
entstandenen Hohlräume wieder aufzufüllen. Diese Arbeiten
auf See waren nicht ungefährlich. Die Stahlstützen wogen
je eine halbe Tonne und wenn man beim Einsetzten bei den
Schlingerbewegungen von einer stürzenden Stütze erfasst wurde
oder der Strop riss, hatte man ausgesorgt. Auch mussten wir
beim Einsetzen der bis zu fünf Meter langen Planken teilweise in
großer Höhe arbeiten. Besonders nachts bei schlechtem
Licht konnte man leicht abstürzen. Für die ganze Arbeit
brauchte man bei gutem Wetter bis zur Fertigstellung etwa acht
Tage. Bei schlechtem Wetter konnte man das Ganze vergessen,
da die Arbeit dann unmöglich wurde. Für die Reederei
wurde das dann eine teure Angelegenheit und kostete im Ladehafen
acht Tage Wartezeit mit entsprechend hohen Liegegebühren.
Irgendwann beim Arbeiten, ich drehte gerade mit einem 40
cm langen Marlspieker, einem langen, konisch spitzzulaufender
Stahlstab, den man zum Drahtspleißen benutzt, einige
Spannschrauben der Getreidestützen fest, legte sich Jonny wieder
mit mir an. Diesmal hatte ich von seinen andauernden
Provokationen genug. Ich wurde so wütend, dass ich
vergaß, dass er doppelt so viel wog wie ich und ein geübter
Schläger war und schrie ihn an, er solle seine dumme Schnauze
halten, sonst bekomme er eine drauf. Erst war er
verblüfft, dann stürzte er sich mit einem Wutschrei auf mich
und verpasste mir einen Schlag auf meine linke Kopfseite, dass
mir Hören und Sehen verging. In meiner Angst und
Verzweiflung wollte ich gerade mit all meiner Kraft mit dem
Marlspieker zustoßen. Wer immer meinen Arm zur Seite
stieß, hatte Jonny das Leben und mich vor dem Gefängnis
gerettet. Als man uns auseinandergerissen hatte, war Jonny
mit seiner linken Jackenseite am Getreideschott festgenagelt.
Der Zimmermann brauchte seine ganze Kraft dazu, um den
Marlspieker aus den Planken herauszuziehen. Diese Sprache
verstand Jonny und wir wurden anschließend sogar fast Freunde.
Der einzige wirkliche Freund, den ich an Bord hatte, war Ralf.
Auch später, als wir abmusterten und auf verschiedenen Schiffen
fuhren, wollte es der Zufall, dass wir fast immer zur gleichen
Zeit abmusterten und uns auf dem Heuerstall
wiedertrafen. Das ging einige Jahre so, bis wir uns dann
irgendwann doch aus den Augen verloren. Ralf verkörperte
den damaligen Typ des Matrosen, wie man ihn öfter kennen lernen
konnte, an Bord ein lieber Kamerad und guter Seemann,
grundehrlich und ohne Falsch. Ich habe nie erlebt, dass er
sich bei einem Vorgesetzten angebiedert hat. Er besaß die
Portion Stolz und Selbstachtung, die völlige Unabhängigkeit
demonstrierte. Passte ihm an Bord etwas nicht, ging er
einfach, wenn er sich im Recht fühlte. Er trank gerne mal
einen, wenn es angebracht war, war auch gelegentlich hitzköpfig,
wenn er gereizt wurde und konnte dann auch mal zulangen. An
Land war er großzügig zu den Damen und zu Freundinnen, in die
er sich fast immer unsterblich verliebte, meistens in die
falschen, denn wenn sein Geld dahinschmolz, versiegte auch in der
Regel ihre Liebe.
Unseren Fürsten hatten wir tagelang nicht zu Gesicht
bekommen, da er wieder vollauf mit seinen Passagieren
beschäftigt war. Eines Tages, als wir kurz nach
Mitternacht todmüde und verdreckt aus den Laderäumen kamen,
spielten einige Offiziere und weibliche Passagiere Verstecken an
Deck, wobei es ziemlich neckisch zuging. Das wurde Opa auf
der Brücke nun doch zuviel und er scheuchte sie mit seiner
gewaltigen Kommandostimme von Deck. Eine Stunde vor der
Lotsenübernahme im St.Lawrence-Strom ließ sich unser Fürst mit
seinem Gefolge wieder auf der Brücke sehen. Er befahl mit
einer herrischen Geste unserem 2.Offizier, an unserem Hauptmast
die Lotsenflagge G setzen zu lassen. Der gab
den Befehl an mich, den 2.Ausguck, weiter. Während ich
langsam die Lotsenflagge hochzog und die Fotoapparate und
Ferngläser der Passagiere mir folgten, passierte mir ein
Missgeschick. Kurz bevor die Flagge den Block der Raa
erreichte, löste sich der untere Knoten und die Flagge flatterte
wild umher. Unser Fürst tobte wie ein Irrsinniger und
schrie unverständliche Kommandos in sein Megaphon. Ich
musste den 30 m hohen Mast erklimmen und mich an der dünnen Raa
festklammern, um die Flagge zu klarieren und anschließend wieder
an Deck zu bringen. Wäre die Raa unter meinem Gewicht
gebrochen, wäre von mir nur noch ein Fettfleck an Deck
übriggeblieben. Jedenfalls habe ich den fotofreudigen und
filmenden Passagieren ein unvergessliches Bild von einem Matrosen
im Mast beschert und das hat wohl unseren Fürsten wieder
besänftigt.
Das zweite Malheur passierte mir ohne meine Schuld
nachts kurz vor dem Lotsenwechsel in Quebec, als ich die Lampe
für die Lotsentreppe einschalten sollte. Ich konnte den
Schalter drehen wie ich wollte, sie brannte nicht. Natürlich
tobte unser Alter wieder wie ein wildgewordener Eber los, und ich
machte mich auf die Suche nach unserem Elektriker. Ich
konnte ihn zuerst nirgends auftreiben und wollte schon aufgeben,
als ich aus einer Kammer laute Musik und Gejohle hörte. Unser
Elektriker befand sich in der Kammer eines Ing.-Assis, wo in
fröhlicher Runde irgendein weit voraus liegender Geburtstag
gefeiert wurde. Der Elektriker, der schon tüchtig einen
gebechert hatte, stürzte zum Sicherungskasten im Gang, zu dem er
den Schlüssel hatte und als ich an Deck schaute, brannte die
Lampe. Gerade als ich die Brücke erreicht hatte und die
Lampe klar melden wollte, hörte ich den Elektriker, der vor mir
heraufgerast war, wie er zum Alten sagte, dass mit der Lampe
alles in Ordnung gewesen sei, nur ich sei zu blöde gewesen, sie
richtig einzuschalten. Nun, das konnte ich mir nicht
gefallen lassen. Ich erklärte, dass der Elektriker
überhaupt nicht an Deck gewesen sei, sondern nur die Sicherung
eingeschaltet habe. Übrigens sei er besoffen und ein ganz
verlogener linker Vogel, wenn er so etwas behaupte. Der
Alte wurde ziemlich böse und erklärte mir, wer hier besoffen
sei, bestimme einzig und alleine er, und ich solle mich zur
Lotsentreppe scheren.
In Montreal bekam ich Post vom Bundesgrenzschutz, mit
der mir mitgeteilt wurde, dass meine Bewerbung angenommen worden
sei und ich mich in ca. drei Wochen zur Verfügung halten solle.
Da wir in Montreal drei Tage liegen sollten, bekamen Ralf und ich
einen freien Tag aufgedrückt, der auf den Urlaub angerechnet
wurde. Wir schauten uns den ganzen Tag lang die Stadt an.
Ich kaufte mir eine Winterjacke, und wir beiden waren froh, das
Schiff für einen Tag vergessen zu können. Kurz vor
Auslaufen wurde ein Bootsmanöver abgehalten, an dem auch die
Passagiere teilnehmen mussten. Beim Anlegen der
Schwimmwesten hatten einige jüngere Damen Schwierigkeiten mit
ihrem sperrigen Busen, so dass wir ihnen Hilfestellung geben
mussten. Da alles richtig sitzen sollte, ließen wir uns
genügend Zeit bei unseren Unterweisungen. Wir drehten mit
unserem Rettungsboot einige Runden im Hafen und nachdem wir das
Boot wieder an Bord gehievt hatten, verließen wir mit ca. 12.000
Tonnen Weizen Montreal.
Wieder auf See und Heimfahrt, begann unser Alter erneut
mit seinen perversen Spielchen und hatte es diesmal auf unseren
Barmbeker Leichtmatrosen abgesehen. Aber er war an die
falsche Adresse geraten. Normalerweise war ich als
Tagelöhner eingeteilt, wurde aber im Revier und bei schlechter
Sicht als dritter Mann der Wache des 3.Offiziers zugeteilt.
Zu der regulären Wache gehörte einer der Matrosen und unser
Barmbeker. Nach dem Verlassen des St.Lawrence-Stroms
bekamen wir auf der Höhe von Neufundland dicken Nebel und
Schneetreiben. Wie üblich stand ein Mann auf der Back,
diesmal der reguläre Matrose, während der Barmbeker in der
Brückennock Ausguck ging. Ich stand zu diesem Zeitpunkt am
Ruder. Draußen war es lausekalt, und unser Barmbeker hatte
sich wohl bei seiner 15minütigen Kaffeepause mit einem recht
steifen Grog aufgewärmt, denn er stand ganz gemütlich in der
Brückennock und steckte sich eine Zigarette an.
Der Alte, verärgert über den Nebel, schoss sofort wie
eine Rakete in die Nock und brüllte den Barmbeker an, er solle
sofort die Zigarette ausmachen, sonst könne er etwas erleben.
Mit unserem Barmbeker war, wenn er einen getrunken hatte und man
ihm dann in die Quere kam, wie bereits erwähnt, nicht gut
Kirschen essen. Gott sei Dank, sprach er nicht zu laut,
aber laut genug, dass ich hören konnte, was er dem Alten an den
Kopf warf: Was willst du vollgefressenes, eingebildetes,
dummes Schwein? Sieh zu, dass du Leine ziehst oder ich hau
dir eins in die Fresse, dass du dich anschließend nicht
wiedererkennst! Der Alte schoss, wie von einer
Tarantel gestochen, auf die Brücke und schrie den 3.Offizier,
der auf der anderen Seite der Brücke stand und mich an:
Habt ihr das gehört, was er gesagt hat? Er hat mich
bedroht. Ich hatte natürlich nichts gehört und auch
der 3.Offizier beteuerte, nichts gehört zu haben. Ich bin
mir bis heute nicht ganz sicher, ob er es doch gehört hat.
Der Alte konnte nichts machen, aber er befahl, dass unser
Barmbeker bis Europa, wenn es das Wetter zuließ, vorne auf der
Back, Ausguck zu gehen habe. Natürlich wurde ihm auch mit
der Begründung Ende der Reise gekündigt. Vier
Tage nach Neufundland gerieten wir in einen Südweststurm mit
Windstärken 10 bis 11, und unser Bootsmann wurde an Deck von
einem Brecher erfasst und gegen die achteren Poller geschleudert.
Er erlitt schwere Prellungen und musste einige Tage im Hospital
liegen. Am selben Tag wurde auch Ralf vorne im Kabelgatt
mit seinem Kopf gegen das Schott geschleudert und erlitt eine
Gehirnerschütterung und eine Platzwunde an der Stirn. Auch
er kam ins Hospital.
Vier Tage vor Bremen kündigte ich auf Grund meines
Briefes vom BGS beim 1.Offizier. Er lachte und meinte, wenn
er gewusst hätte, dass ich zum Bundesseegrenzschutz gehen wolle,
hätte er mich auf seine Wache genommen, um mir einige Tipps zu
geben, denn er wäre während des letzten Weltkrieges aktiver
Marineoffizier gewesen. Die ganze Reise über war er an
Bord eigentlich nie richtig in Erscheinung getreten, und ich
hatte ihn auf See nur beim Wecken gesehen. Drei Tage vor
Einlaufen in Bremen versuchte Opa noch, mich zum Verbleiben an
Bord zu überreden. Aber mein Entschluss stand fest. Auch
Ralf hatte wegen seiner Kopfverletzung krankheitshalber
gekündigt. In Bremen musterten Ralf und ich sowie einige
Abschusskandidaten, darunter unser Barmbeker, ab, und wir fuhren
alle zusammen mit der Bahn nach Hamburg. Während der Fahrt
wurde fröhlich gezecht und ich kann mich nicht erinnern, dass
sich der Fahrkartenkontrolleur einmal bei uns sehen ließ. Ich
hatte 590 Mark an Bord ausgezahlt bekommen, eine Geldsumme, die
ich zuvor nie besessen hatte.
Während ich mir wieder ein Zimmer in meinem alten
Seemannsheim in der Großen Elbstraße nahm, quartierte sich Ralf
in einem Hotel auf der Reeperbahn ein. Abends trafen wir
uns im Old Shatterhand, einer wüsten
Seemannskaschemme auf der Reeperbahn, wieder und machten tüchtig
einen drauf. Ralf verliebte sich in eine junge
Amateurnutte, die sich Sheila nannte. Sie war
ein dunkelhaariges Wesen mit einem exotischen Aussehen und dem
Charakter einer streunenden Katze. Spät nach Mitternacht
wollte ich ihn aus der Kneipe lotsen, aber Sheila klammerte sich
wie eine Klette an ihn, und Ralf war nur noch Wachs in ihren
Händen und blieb. Als ich ihn zwei Tage später in seinem
Hotel besuchte, hatte sich Sheila bei ihm eingenistet, und sie
lebten schon in eheähnlichen Verhältnissen. Auch von
Verlobung war bereits die Rede. Ralf hatte sie inzwischen
neu eingekleidet und wenn ihr ordinäres Mundwerk sie nicht
verraten hätte, hätte man sie fast für eine Dame halten
können. Ich fuhr nach Köln, um meinen Onkel zu besuchen
und verlor Ralf für einige Tage aus den Augen. Als ich
nach fünf Tagen wieder in Hamburg zurück war und ihn aufsuchte,
fand ich ihn am Bett einer grün und blau geschlagenen Sheila
sitzend vor. Was war geschehen? Nun, auch Rolf hatte
einen Tag wegfahren müssen und während dieser Zeit hatte sich
Sheila nach ihrer Darstellung tüchtig einen zur Brust genommen.
In ihrem Brausebrand hätte sie dann einem am Tisch schlafenden
Seemann die Inhalte aller Aschenbecher des Lokal in den offenen
Hemdkragen geleert. Beim letzten Ascher sei ihr Opfer, nach
ihrer Beschreibung ein abgebrochener Riese,
aufgewacht und habe die arme Sheila furchtbar verdroschen. Jetzt
lag sie wimmernd im Bett, und Ralf tröstete sie und kümmerte
sich rührend um die Ärmste. Wie Ralf mir freudestrahlend
erzählte, waren sie inzwischen auch - mit echten Ringen -
verlobt. Das einzige, was ich machen konnte, war, ihnen
nachträglich viel Glück zu wünschen.
Meinen 19. Geburtstag feierte ich alleine bei
Flint, einer Kaschemme nahe dem Seemannsheim am
Fischereihafen. Dort verkehrten nur Seeleute, auch solche
von der Fischerei, die wir damals nur
Fischdampferlöwen nannten. Wenn die an Land
einen drauf machten und das Geld um sich warfen, ging manchmal
eine ganze Kneipe zu Bruch, besonders, wenn man sie
übervorteilen wollte. Aber Emil, der wie sein Lokal Flint
hieß, kam mit ihnen gut zurecht, und ich habe nie gehört, dass
er mit ihnen Ärger hatte. Spät um Mitternacht wollte ich
noch in einem Kellerlokal direkt neben dem Seemannsheim den
letzten Drink nehmen. Auch diese Kneipe war ein beliebter
Treffpunkt der Fischdampferlöwen und wurde von einer
etwa 40jährigen stabilen Frau mit einer 16jährigen Tochter
geführt. Als ich das Lokal betrat, wurden sie und ihre
Tochter gerade von zwei kräftigen Fischdampferlöwen
auf dem Tisch gebumst. Da sonst keine anderen Gäste
anwesend waren, mit denen ich mich hätte unterhalten können,
ging ich gleich wieder zurück und ins Seemannsheim auf mein
Zimmer - gerade 19 Jahre alt geworden. Ralf sah ich nur
noch sporadisch, wenn ich mal ins Old Shatterhand
ging. Er war noch immer mit seiner Sheila zusammen, und es
wurde immer spät, wenn ich sie verließ.
Eines Morgens, ich lag noch im Bett, stand ein sehr
geknickter Ralf vor meiner Tür. Seine Sheila hatte sich,
als er noch schlief, heimlich aus dem Staub gemacht, nicht ohne
vorher sein restliches Geld und seine Armbanduhr als Andenken
mitzunehmen. Der arme Kerl war ganz außer sich, aber immer
noch verliebt. Wenn sie wieder bei ihm aufgetaucht wäre,
hätte er ihr wahrscheinlich sofort verziehen. Ich lieh ihm
soviel Geld, dass er sich einige Tage über Wasser halten konnte
und machte mich mit ihm auf die Suche nach dem verdufteten
Vögelchen. Wir fahndeten mehrere Tage, aber
Sheila blieb wie vom Erdboden verschwunden. Keiner wusste,
wo sie abgeblieben war. Nach einigen Tagen musterte Ralf
mit sehr gebrochenem Herzen wieder als Matrose auf einem neuen
Schiff an. Ich sah ihn zwei Jahre später, als er mit
gebrochenem Schenkel im Krankenhaus lag und ich gerade auf der
Navigationsschule mein nautisches Offizierspatent A5II machte.
Dann begegnete ich ihm erst nach 40 Jahren wieder, aber es war
nicht mehr der alte Ralf, er war nicht nur vierzig Jahre älter
und inzwischen Rentner, sondern war auch zum Alkoholiker und
Zyniker geworden.
Matrose auf der Hasselburg
Vom Bundesgrenzschutz erhielt ich die Nachricht, dass
die Einstellungen für den Seegrenzschutz zur Zeit abgeschlossen
seien, ich jedoch sofort beim Grenzschutz an Land anfangen
könne. Ich erbat mir einige Monate Bedenkzeit und musterte
noch am selben Tag auf dem DS Hasselburg als Matrose
an. Das Schiff hatte eine Kapazität von 2.830 TDW. Es
lag in Hamburg und sollte mit Stückgut über Antwerpen, Algier,
Tripolis, Patras und Istanbul nach Konstanza an der rumänischen
Schwarzmeerküste gehen. Dort hatte das Schiff eine Ladung
Mais für Bremen zu übernehmen. Nach deren Löschung
sollte die Hasselburg an eine portugiesische Reederei
verkauft werden. Das Schiff hatte eine Dampfmaschine und
war 1950 nach den Bestimmungen der alliierten Siegermächte
gebaut worden. Diese waren zunächst sehr restriktiv, und
so durften die Schiffe nur Kohlenfeuerung für ihre Dampfmaschine
haben und nicht schneller als 10,5 Knoten laufen. Auch die
maximale Länge, Breite und die nautische Ausrüstung waren
vorgeschrieben und die Tragfähigkeit auf 3.000 Tonnen begrenzt.
Im Laufe der Jahre wurden die Bestimmungen gelockert und später
ganz aufgehoben, so dass die Schiffe Oelfeuerung bekamen und ca.
12 Knoten liefen. Trotz allem waren diese Nachkriegsbauten
hässliche Schiffe, die von weitem wie große Bügeleisen
aussahen. Die Hasselburg gehörte der Reederei
Harald Schuldt, die mit ihrer Flotte hauptsächlich die Levante
bediente. Sie besaß fast ausschließlich nur neue schnelle
Schiffe und unterhielt auch einen regelmäßigen Liniendienst von
Hamburg zum Mittelmeer. Der Sitz der Reederei war in
Hamburg. Kein Wunder also, dass sie unseren
Langsamläufer loswerden wollte.
Kapitän und Offiziere gehörten zum Stammpersonal der
Reederei. Die übrige Besatzung war neu gemustert worden,
denn so kurz vor Weihnachten, es war der 11. Dezember 1955,
wollte keiner an Bord bleiben und kaum jemand neu einsteigen, und
so hatte man alle Leute genommen, die man bekommen konnte. Die
meisten waren abgebrannt oder bekamen unter normalen
Umständen kein Schiff mehr. Einige, wie ich, hatten auch
niemanden, bei dem sie Weihnachten hätten verbringen können.
Unsere Unterkünfte befanden sich achtern am Heck unter der Poop.
Auch wenn wir Zweimannskammern hatten, so waren es doch winzige
Löcher, in denen man sich zu zweit kaum bewegen konnte. Im
Sommer muss es darin furchtbar gewesen sein.
Der Bootsmann hieß mit Vornamen Heinrich, war ca. 60
Jahre alt und ein sehr merkwürdiger Typ. Er stammte aus
Ostpreußen, war der geborene Antreiber und hatte die
Angewohnheit, nach dem Rauchen die Zigarettenkippen zu kauen.
Mein Kammerkollege war ein Leichtmatrose aus Bremen. Er war
ein Jahr jünger als ich und sehr aggressiv und streitsüchtig.
Da er der einzige Junggrad an Deck war, teilte er sich die
Backschaft mit einem Reiniger aus der Maschine. Die anderen
vier Matrosen waren alle langbefahrene ältere Burschen, denen
man nichts mehr vormachen konnte. Sie hatten schon alle
Höhen und Tiefen der Seefahrt kennen gelernt. Einige waren
bereits während des Krieges auf See gewesen, und der Bootsmann
sollte keinen leichten Stand bei ihnen haben. Ich war mit
19 Jahren der jüngste Vollgrad, aber da ich schon auf zwei
Schiffen als Matrose gefahren hatte, wurde ich von den anderen
akzeptiert. Auch die Heizer, Öler und der
Donkeyman, die mit uns achtern wohnten, waren alle
bereits etwas älter und hatten einen Menge Wasser gesehen.
Der Kapitän hieß Andresen und war ein schlanker
grauhaariger Mann von ca. 58 Jahren mit einem hageren Gesicht und
Spitzbart. Er war schon während des Krieges für die
Reederei gefahren und musste bei irgend einem Vorgesetzten in
Ungnade gefallen sein, denn sonst hätte man ihn nicht so kurz
vor Weihnachten auf das langsamste und älteste Schiff gesteckt.
Er sollte sich als einer der menschlichsten Kapitäne entpuppen,
die ich kennen gelernt habe. Der 1.Offizier hieß
Blackwood, war schon Anfang fünfzig und fuhr bereits lange bei
der Reederei. Auch er muss seine Abkommandierung auf die
Hasselburg als eine Strafversetzung empfunden haben.
Er war ein kleiner ruhiger Mann, der sich später, wenn er im
Hafen einen kleinen getrunken hatte, bitter über die
Ungerechtigkeiten des Lebens beschwerte. Der 2.Offizier war
Anfang dreißig und kam aus der Fischerei. Er war ein
großer kräftiger Mann mit einem rauen Gemüt, wie man es bei
der Fischerei haben muss, wenn man sich durchsetzen will. Er
besaß das große Fischereisteuermannspatent und wollte nach
dieser Reise sein Handelsschiffpatent machen. Ich traf ihn
später einmal auf der Straße wieder, als er dabei war, sich auf
das Kapitänspatent A6 vorzubereiten.
Da wir alle neu an Bord waren und das Schiff nicht
kannten, gestaltete sich das Auslaufen nach Mitternacht ziemlich
schwierig. Keiner wusste so recht auf dem Schiff Bescheid,
und es dauerte beispielsweise sehr lange, bis wir bei der
Übernahme des Hafenlotsen den Lichtschalter für die
Lotsentreppe gefunden hatten. Es war außerdem hundekalt
und regnete in Strömen und da wir alle kein richtiges Winter-
und Regenzeug hatten, froren wir erbärmlich. Nach dem
Ablegen mussten wir mit allen Mann die Ladung an Deck und in den
Laderäumen laschen und festzurren. Da ich der Wache des
1.Offiziers zugeteilt war, begann um 4 Uhr morgens meine
Seewache, die ich mit Steuern und Ausguck verbrachte. Nach
der Wache ging es um 8 Uhr gleich mit dem Laschen weiter. Spät
abends erst wurden wir fertig. Müde und durchnässt, wie
wir waren, ließen wir uns in die Kojen fallen.
In Antwerpen, unserem letzten Ladehafen, lagen wir zwei
Tage. Da am ersten Tag nachts nicht gearbeitet wurde,
hatten wir, ausgenommen der Bootsmann und die Nachtwachen,
Gelegenheit, gemeinsam an Land zu gehen. Wir besuchten das
Oberbayern, ein bekanntes Bierlokal mit bayrischer
Blaskapelle und schrägen Damen. Das Lokal war immer
brechend voll und wurde hauptsächlich von Seeleuten, besonders
deutschen, bevorzugt, da man von hier aus einige
liebesbedürftige Damen abschleppen konnte. Nach einigen
Maß Bier, es wurde in bayrischen Maßkrügen ausgeschenkt,
stellte ich fest, dass meine Kollegen durchweg vernünftige Leute
waren. Einige von ihnen waren sogar verheiratet, und nur
widrige Umstände und soziale Not hatte sie gezwungen, noch vor
Weihnachten an Bord zu gehen. Die einzige Ausnahme bildete
unser Leichtmatrose, der noch unerfahren, großspurig und maßlos
von sich selbst überzeugt war. Aber das sollte sich
später ändern. Kurz vor Mitternacht, das Lokal wurde erst
morgens geschlossen, bestellten wir uns einige Taxis und fuhren,
ohne Damenbegleitung, wieder an Bord zurück.
Am Auslauftag war das Schiff bis zur maximalen
Kapazität beladen. Wir verließen Antwerpen mit einer
riesigen Decksladung, die wir unterwegs noch laschen mussten.
Darunter waren auch acht große Wohnwagen für die US-Air Force
in Libyen, die quer zum Schiff auf den geschlossenen Luken
gestaut waren. Sie waren so lang, dass sie an beiden Seiten
über das Schiff hinausragten. Die Wohnwagen waren alle
komplett mit Klimaanlage und Möbeln ausgerüstet. Wenn man
vorne die Back erreichen wollte, musste man darunter
hindurchkriechen. Außerdem war das ganze Deck und die
übrigen Luken mit großen Maschinenteilen, Lastwagen und
Fässern dichtgestaut. Wie bereits nach dem Auslaufen aus
Hamburg, waren wir einen ganzen Tag lang nur mit dem Laschen
beschäftigt und es wurde wieder nicht eher Schluss gemacht, bis
alles festgezurrt war.
Auf meinem Rudertörn auf der Schelde nach See hin hatte
ich Gelegenheit, unseren Alten kennen zu lernen. Es war das
erste Mal, dass sich ein Kapitän mit mir ungezwungen und ohne
Allüren wie ein normaler Mensch unterhielt. Wir kamen auch
auf Reval, meinen Geburtsort und auf meine Flucht vor den Russen
von Gotenhafen aus zu sprechen. Er erzählte mir, dass er
schon lange bei der Reederei fahre und dass er auch Reval sehr
gut kenne. Bei Kriegsende habe er Tausende deutscher
Flüchtlinge aus Ostpreußen, Gotenhafen, Danzig und Pillau mit
seinem Schiff vor den Russen nach Westen in Sicherheit gebracht.
Er war noch tief bewegt von dem Elend der Menschen an Bord, die
größtenteils nur noch das besessen hätten, was sie selber
tragen konnten. Auch meine Tante und ich waren mit so einem
Schiff vor den anstürmenden Russen aus Gotenhafen geflohen.
Die Szenen werde ich nie vergessen, als Tiefflieger mit ihren
Bordkanonen in die Flüchtlingsströme in Gotenhafen
hineinschossen und eine Frau, die mit ihren Kindern neben uns
stand, getroffen wurde. Auch sah ich, wie Frauen und
Kinder, die auf ein rettendes Schiff stürmen wollten, in Panik
von den nachdrängenden Menschenmassen zwischen Kai und Schiff
ins Wasser gestoßen wurden und ertranken. Auch der Alte
hatte solche entsetzlichen Szenen viele Male erlebt.
In der Biskaya gerieten wir in einen Südweststurm mit
Windstärken 11 bis 12. Dabei hatten sich einige große
Stücke der Decksladung und fast alle Fässer losgerissen. Wir
standen über 12 Stunden, von Brechern überschüttet, im eisigen
Wasser, immer in der Gefahr, über Bord gerissen zu werden, bis
wir alles wieder festgezurrt hatten. Einige von uns hatten
sich verletzt und es gab keinen, der nicht etwas abbekommen
hatte. Unser Alter hatte das Schiff beigedreht und stand
die ganze Zeit auf der Brücke. Das bedeutete, er versuchte
mit langsamer Fahrt, den Bug des Schiffes in die See zu halten,
um den Wellen eine möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten.
Drückte ein Wellenberg das Schiff wieder quer zur See, war die
Hölle los und die Brecher schlugen von der Seite über das ganze
Schiff und drückten es über 30 Grad zur Seite. Dabei
rissen viele Lashings los. Nachdem wir alles wieder neu
gelascht hatten, holte uns der Alte, so nass wie wir waren, zu
sich in den Salon und schenkte jedem ein Wasserglas Cognac ein,
eine Geste, die man früher auf Segelschiffen
Besanschoten nannte und nach einem schweren Sturm
eine Anerkennung für die Besatzung war. Ich habe diese
Geste nur noch bei einem weiteren Kapitän, auf den ich später
noch kommen werde, erlebt. Er war ein genau so menschlicher
und charakterlich guter Kapitän wie unser jetziger.
Mit der Einteilung zur Wache des 1.Offiziers hatte ich
es gut getroffen. Er war ein ruhiger Vorgesetzter, der
niemandem etwas Böses tat und nur seine Ruhe haben wollte.
Wir machten auf seiner Wache tüchtig Überstunden, was sich am
Ende des Monats günstig auf unsere Heuerabrechnung auswirkte.
Da alle wussten, dass das Schiff nach der Reise verkauft werden
sollte, riss sich niemand ein Bein aus. Nur der Bootsmann
wühlte an Deck wie ein Irrer und versuchte ständig uns
anzutreiben. Er stand immer hinter einem und passte wie ein
Schießhund auf, dass ja keiner die Kaffeepause überzog. Manchmal
benahm er sich wie ein Besessener und wir dachten, bei ihm sei
eine Schraube locker. Er sprach ostpreußischen
Dialekt und sein beliebtester Slogan lautete: Männers, wir
müssten dies..., Männers, wir müssten das... Er
saß meistens alleine und unterhielt sich mit niemandem. Er
wohnte in der Nähe von Bremen und erwähnte einmal nebenbei,
dass er eine 17jährige Tochter hätte. Wenn man ihm ans
Leder wollte, konnte er ziemlich gefährlich werden, aber davon
später. Da wir keinen 3.Offizier an Bord hatten, gingen
der 1. und 2.Offizier zwei Wachen zu je sechs Stunden und teilten
sich die Heuer des 3.Offiziers. Der Alte ging keine Wache.
Am Vormittag des Weihnachtsheiligenabends übten wir
unter Anleitung des Alten Weihnachtslieder und da unsere Kehlen
vom vielen Singen trocken geworden waren, wurden sie
anschließend tüchtig mit steifem Grog geölt. Am Abend
hatten wir alle den richtigen Ton gefunden und saßen mit
Ausnahme der Seewachen im Salon des Alten beisammen und sangen
gemeinsam unsere einstudierten Lieder. Ein kleiner Weihnachtsbaum
mit bunten Kerzen war entzündet worden, und jeder musste eine
Geschichte aus seinem Leben erzählen.
Zwischendurch lösten wir die Wachen umschichtig ab, so dass jeder an der Weihnachtsfeier teilhaben konnte. Dazu gab es für jeden einen bunten Weihnachtsteller und steifen Grog. Der Koch hatte eine große kalte Platte gemacht, und der Steward sorgte für den Grog. Der Funker verlas das Standardweihnachtstelegramm der Reederei, und unser Alter hielt eine kleine Ansprache. Es war die schönste und harmonischste Weihnacht auf See, die ich erlebt habe.
Am nächsten Morgen liefen wir in Algier ein, wo am
ersten Weihnachtsfeiertag gearbeitet wurde. Da wir für
Algier nur wenig Ladung hatten, liefen wir noch am selben
Tag wieder aus. In der Nacht brieste es ständig weiter
auf, und am Morgen befanden wir uns im Zentrum eines dieser
gewaltigen Stürme, die immer wieder ohne Vorwarnung entlang der
nordafrikanischen Küste toben können. Man kennt sie unter
den Namen Schirokko, Scirocco oder
Simoon. Der Sturm blies aus Süd mit Stärke 10
bis 12, und der Alte musste wieder beidrehen. Aber die bis
zu acht Meter hohen Wellenberge stürzten über das Deck, und ein
US-Wohnwagen nach dem anderen wurde von der See zertrümmert.
Wir versuchten angeseilt den ganzen Tag über, zu retten, was
noch zu retten war, aber es wurde für uns zuletzt so
gefährlich, dass der Alte die Bergungsversuche einstellen ließ.
Zwei Tage tobte der Sturm über uns hinweg, und der Alte zog sich
grollend in seine Kammer zurück. Bei jedem neuen
Schlechtwetterbericht, den ihm der Funker durch den Türspalt
reichen wollte, warf er mit einem Glas nach diesem. Nach
zwei Tagen flaute es plötzlich ab und wir konnten nur noch die
Trümmer der Wohnwagen und die verstreute Einrichtung einsammeln.
In Tripolis löschten wir unsere gesamte Deckslast und
liefen noch am selben Tag in Richtung Patras in Griechenland aus.
Die ganze Überfahrt herrschte gutes Wetter. Am Neujahrstag
1956 kamen wir in Patras an und feierten das neue Jahr mit einem
großen Trinkgelage. Da wir nur Wein tranken, hatten wir am
nächsten Tag alle einen furchtbar schweren Kopf. Von
Patras ging es nach Piräus, wo ich Hedwig wiedersah, die uns mit
einem kurzen Besuch beehrte. Wie immer, fand sie auch
diesmal einige Kunden, die ihren Reizen nach langer
Enthaltsamkeit nicht widerstehen konnten. Mit meinem
Zimmerkollegen, unserem Leichtmatrosen, kam ich überhaupt nicht
gut aus, und nur die Furcht vor den übrigen Matrosen hielt ihn
davon ab, auf mich loszugehen, denn der Angriff eines Junggrades
auf einen Vollgrad konnte an Bord nicht geduldet werden. Ein
Junggrad hatte den Anordnungen des Bootsmanns oder eines Matrosen
zu gehorchen, sonst brach die ganze Bordhierarchie zusammen.
Verstieß doch mal ein Junggrad gegen diese Regel, bekam er
meistens eine vereinigte Tracht Prügel von den Matrosen, und
damit hatte sich die Sache. So etwas wirkte sehr
abschreckend, und bei zehn oder mehr Zeugen war eine Beschwerde
für ihn aussichtslos.
Von Piräus ging es über Istanbul, wo wir nur einige
Stunden lagen, nach Konstanza ins Schwarze Meer. Nach dem
Löschen sollten wir in Rumänien eine volle Ladung Mais für
Bremen laden. Damit fingen unsere Schwierigkeiten an.
Wir hatten eine halbe Luke mit Salzheringen in Holzfässern, die
für Konstanza bestimmt waren, gelöscht, als wir feststellten,
dass davon ein großer Teil beim Sturm im Mittelmeer
leckgeschlagen und die Lake ausgelaufen war. Der Laderaum
stank furchtbar und musste, da wir ja Mais laden sollten,
gewaschen werden. Nun herrschte aber während der ganzen
Liegezeit in Konstanza eine Frostperiode, die ein Waschen
unmöglich machte. Auch mussten wir ein Getreideschott
setzen, was sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Rumänien
gehörte zum kommunistischen Ostblock, in dem man die Häfen nur
mit einem Passierschein und zu begrenzten Zeiten verlassen
konnte. Bis zu einer bestimmten Uhrzeit musste jeder wieder
an Bord zurück sein. Ein Nachtleben gab es nicht,
zumindest nicht für Seeleute. Nur im Hafen, 50 Meter von
unserem Liegeplatz entfernt, gab es eine staatlich organisierte
große Bar mit Orchester, Unterhaltungsdamen und einigen
Sängerinnen. Für harte Devisen konnte man dort gepflegt
Wein trinken, sich unterhalten und tanzen. Diese Bar war
erlesen eingerichtet und nicht billig. Kellner bedienten an
den Tischen, und ein gutes Programm sorgte dafür, dass die
devisenbringenden Gäste bis 4 Uhr morgens bei Laune gehalten
wurden. Die Bar hatte einen rumänischen Namen, wurde von
den Seeleuten aber nur Batanga-Bar genannt, weil die
Besatzung eines gleichnamigen deutschen Schiffes den Laden ein
Jahr zuvor in Trümmer gehauen haben soll.
Obgleich das Lokal für meine Begriffe für Seeleute
recht teuer war, ging ein Teil unserer Besatzung jeden Abend
dorthin, getreu dem alten bekannten Seemannsmotto: Was
nützt dem Seemann all sein Geld, wenn er damit ins Wasser
fällt. Besonders unser 2.Offizier war ganz
begeistert von dem Etablissement und speziell von
einer der Sängerinnen. Wir von der Deckscrew arbeiteten
jeden Tag bis weit nach Mitternacht an unserem Getreideschott und
waren danach viel zu müde, um uns noch umzuziehen und das
Tanzbein zu schwingen. Auch unser Alter und die übrigen
Offiziere hielten sich zurück, obwohl die Musik verlockend zu
uns herüberhallte. Irgendwann vor Mitternacht, wir waren
immer noch mit dem Bau unseres Getreideschotts beschäftigt,
hörten wir aus der Richtung der Bar lautes Geschrei und
klirrende Glasscherben. Einer unserer Leute kam zu uns
gelaufen und schrie, dass der 2.Offizier und einige von unserer
Crew in eine Schlägerei mit einer italienischen Besatzung
verwickelt seien und der Übermacht nicht mehr lange standhalten
könnten. Nun, das konnten wir nicht zulassen! Mit
Axt- und Schaufelstielen bewaffnet, stürmten wir mit wildem
Geschrei in die Batanga-Bar. Dort ging es hoch
her. Alles schlug wild um sich und unser 2.Offizier war in
arger Bedrängnis. Wer gegen wen kämpfte, war nicht mehr
auszumachen, aber unsere Streitmacht brachte die Entscheidung.
Nachdem Tische, Stühle und Beine des Pianos zu Bruch
gegangen waren und die Damen sich in Panik durch die Notausgänge
in Sicherheit gebracht hatten, war der Kampf zu Ende. Als
letztes Stück schlug noch ein Banause einen gläserner
Notenständer mit einer draufgemalten Palme zu Bruch. Wahrscheinlich
waren ihm die Musen zuwider. Die Bar war ein einziges
Trümmerfeld. Überall lagen Glasscherben herum und
stöhnten Verletzte, darunter auch unser 2.Offizier. Wir
stellten fest, dass über hundert Personen an der Schlägerei
beteiligt waren, die wahrscheinlich diese Gelegenheit wahrnahmen,
um ihre aufgestaute überschüssige Kraft loszuwerden. Als
wir das Schlachtfest mit unserem verletzten Zweiten verließen,
erwartete uns draußen ein großes Polizeiaufgebot und ein
Krankenwagen. Nachdem man die Verletzten, darunter auch
unseren 2.Offizier, ins Krankenhaus transportiert und unsere
Personalien aufgenommen und dazu den Schiffsnamen festgestellt
hatte, durften wir zu unseren Schiffen zurückkehren. Glücklicherweise
hatten wir alle unsere Schlagwerkzeuge auf dem Schlachtfeld
zurückgelassen, sonst hätte man uns kaum laufen lassen. An
der Gangway erwartete uns bereits ein sehr erboster Kapitän
zusammen mit dem 1.Offizier, dem Leitenden Ingenieur und dem
Bootsmann. Unser Alter meinte, die Sache würde den
2.Offizier und uns sehr teuer zu stehen kommen, aber er hoffe,
das sei uns der Spaß wert gewesen. Es zeigte sich jedoch,
dass seine Befürchtungen übertrieben gewesen waren. Am
nächsten Tag wurden wir zur Kasse gebeten. Jeder von uns
musste ca. 80 DM bezahlen, die ihm von der Heuer abgezogen
wurden. Für die Krankenhauskosten mussten die Verletzten
selbst aufkommen. Unser 2.Offizier überstand seine
Blessuren gut, denn er wurde noch am selben Tag entlassen, und
außer vielen blauen und grünen Flecken am ganzen Körper fehlte
ihm nichts. Der Alte hatte Recht: der Spaß war uns die 80
Mark tatsächlich wert. Am Abend ertönte aus der
Batanga-Bar wieder Musik, und einer unserer Heizer,
der sich wieder in die Höhle des Löwen getraut hatte, erzählte
uns am nächsten Morgen, die Bar habe wieder im alten Glanz
gestrahlt. Auch ein neuer gläserner Notenständer mit
Palme habe wieder den Raum geschmückt. Wahrscheinlich
hatten die Betreiber aus Erfahrung immer eine Reserveeinrichtung
auf Lager. Was die Schlägerei ausgelöst hatte, war nicht
ganz klar, vermutlich war es die von unserem Zweiten angehimmelte
Sängerin.
Nun, irgendwann setzte Tauwetter ein, und wir konnten
die Laderäume waschen und irgendwann wurden wir auch mit dem Bau
unseres Getreideschotts fertig. Kurz darauf traf auch die
Ladung ein, und einige Tage später war unser Schiff voll mit
Mais beladen und wieder auf der Rückreise nach Bremen. Auf
See wollte einer der Heizer, ein großer kräftiger junger
Bursche dem Bootsmann eine Abreibung verpassen. Er lauerte
ihm vorne unter der Back im Kabelgatt, wo keine Zeugen zugegen
waren, auf und war sich seiner Sache sehr sicher. Anschließend
kam er bleich und mit schlotternden Knien zurück. Wie er
uns erzählte, hatte er den Bootsmann an ein Schott gedrückt und
wollte gerade zuschlagen, als dieser, so schnell konnte der
Heizer gar nicht gucken, sein großes Klappmesser gezückt hatte.
Er habe ihm die Klinge gegen den Bauch gedrückt, ihn mit
ausdruckslosem Gesicht und eiskalten Augen angeblickt und gesagt,
wenn er sich weiter bewege, könne er sich mal seine Eingeweide
beschauen. Der Heizer war voll davon überzeugt, dass der
Bootsmann seine Drohung wahrgemacht hätte. Heinrich war
uns schon immer unheimlich gewesen, danach um so mehr.
Wir hatten die ganze Rückreise über gutes Wetter, auch
in der Biskaya und machten an einem Sonntagmorgen am Getreidesilo
in Bremen fest. Da erst am nächsten Morgen gearbeitet
wurde, gingen einige von uns abends an die Küste auf
den Wallring, wo sich das Rotlichtviertel befindet. Früh
am Morgen, ich lag noch in meiner Koje, kam mein Leichtmatrose
mit einem Feger in die Kammer. Er hatte ihn im
Golden City, einer der damals berüchtigten
Kaschemmen, aufgegabelt und kam gleich zur Sache. Kaum
waren sie über mir in der Koje, ging es bereits während des
Bumsens mit dem Gefeilsche um das Honorar los. Da
hatte er sich wirklich ein hartes Kaliber ausgesucht. Zuerst
beschwerte sie sich über seinen langen Schwanz, das
würde extra kosten und ohne Kohlen vorweg würde überhaupt
nichts laufen. Da dieses Gezeter eine ganze Weile dauerte,
wurde ich sehr böse und verbat mir lautstark die Ruhestörung.
Beim Aufstehen zum Arbeitsbeginn hatte ich dann Gelegenheit, mir
diesen Feger genauer anzusehen. Sie war ca. 24
Jahre alt, blond, hatte ein hartes, aber nicht unattraktives
Gesicht und war von der ganz abgebrühten Sorte. Wenn sie
den Mund aufmachte, konnte selbst ein Hafenarbeiter rot werden.
Sie erklärte unserem Leichtmatrosen, dass sie auch schon im Puff
gearbeitet hätte und dass sie Kohle von ihm sehen wolle, sonst
könne er was erleben.
Nachdem wir das Schiff an Deck zum Löschen klar gemacht
hatten und anschließend zum Frühstück in der Messe saßen,
ging das Geschrei in meiner Kammer erst so richtig los. Unser
Leichtmatrose kam ganz kleinlaut in die Messe und erzählte uns,
dass sein Feger sein Seefahrtbuch
beschlagnahmt habe und es nur gegen zusätzliche
Kohle herausgeben wolle. Er habe ihr ja schon Geld gegeben,
aber sie wolle mehr. Nun gingen wir alle zusammen in unsere
gemeinsame Kammer und erlebten dort den leibhaftigen Terror.
Sie saß immer noch mit entblößtem Oberkörper und prallen
Brüsten in der Koje und legte so richtig los: Der Leichtmatrose
habe ihr an Land mehr Geld versprochen und wegen seines
übergroßen Gliedes täte ihr alles weh. Der Leichtmatrose
beschwerte und verteidigte sich hingegen, sie habe immer
eine Falle gebaut (zwei gefaltete Hände vor der
Vagina). Als er versuchte, sein Seefahrtbuch mit Gewalt aus
ihrer Tasche zurückzuholen, sprang sie ihn, nackt wie sie war,
wie eine Tigerin an und kreischte dabei wie eine Furie. Dem
war er nicht gewachsen. Sie hatte ihn so in der Mangel,
dass wir es mit vereinten Kräften kaum schafften, sie von ihm zu
trennen. Aber damit nicht genug. Nackt, wie sie war,
wollte sie mit ihrer Handtasche übers Deck mittschiffs zum Alten
stürmen, um dort ihr Geld einzuklagen, was wir natürlich
verhinderten. Als sie so mit ihrem nackten gutgebauten
Körper und zornsprühenden Augen vor uns stand, imponierte sie
uns trotz all ihrer Verworfenheit doch sehr. Auch in
unserem Beruf mussten wir uns hart durchschlagen, und uns wurde
nichts geschenkt.
Da gegen Mittag die Ehefrau und Tochter unseres
Donkeymans zu Besuch an Bord kommen wollten, gaben
wir unserem Leichtmatrosen eine Stunde Zeit, seine Angelegenheit
in Ordnung zu bringen und seinen Feger von Bord zu
schicken. Genau nach Ablauf dieser Frist verließ die
Dame das Schiff erhobenen Hauptes. Gegen Mittag
kamen Frau und Tochter des Donkeymans an Bord. Die
Tochter war ein junges unverdorbenes Mädchen, das in der Messe
bei der Backschaft mithalf. Sie war, wie man damals sagte,
ein Backfisch und wir mochten sie auf Anhieb. Wenn
wir in der Messe bei unseren derben Redensarten manchmal
vergaßen, dass sie anwesend war und sie errötete, wurde uns der
Gegensatz zwischen der Dame, die erst am Vormittag
das Schiff verlassen hatte, und diesem unverdorbenen Mädchen so
richtig bewusst. Nach dem Löschen verholten wir das Schiff
zu einer Wartekai. Es sollte noch am selben Tag der neuen
Reederei übergeben werden. Wir hatten schon alle unsere
Sachen gepackt und auch bereits unsere Abschlagszahlung erhalten.
Der Rest sollte in Hamburg ausgezahlt oder überwiesen werden.
Gegen Abend traf die neue portugiesische Besatzung ein, und unser
Alter und ein Reedereivertreter übergaben das Schiff dem neuen
Kapitän.
Wir verabschiedeten uns von den aus Bremen und Umgebung
stammenden Kollegen, dem Bootsmann, dem Donkeyman und unserem
Leichtmatrosen. Letzterer war ziemlich kleinlaut geworden
und froh, Abstand von uns zu gewinnen. Wir etwa 21
Hamburger stiegen in den von unserer Reederei gemieteten Bus und
fuhren in Richtung Hamburg. Da wir aus den Restbeständen
der Kantinenware vorher bereits alle tüchtig einen zur Brust
genommen hatte, waren wir bester Stimmung. Unterwegs ließ
der Alte zur Abendbrotzeit an einer Raststätte auf der Autobahn
halten. Nach einer guten Unterlage bestellte er uns einige
Runden Bier und Korn. Nachdem auch wir noch weitere Runden
geschmissen hatten, wurden wir alle noch fröhlicher. Das
Lokal war mit Fernfahrern voll besetzt und als wir anfingen, den
Hamburger Veermaster und Rolling Home zu
singen, fand die Verbrüderung mit den Kapitänen der Landstraße
statt. Spät am Abend, kurz vor Mitternacht, erreichten wir
mit unserem Bus den Hamburger Hauptbahnhof, unsere Endstation.
Wir verabschiedeten uns von unseren Offizieren und unserem Alten,
der uns allen ein so guter und menschlicher Vorgesetzter gewesen
war. Ich glaube nicht, dass ihn einer von uns je vergessen
hat.
Während der Alte und die Offiziere per Taxi zu ihren
Familien fuhren, gaben wir verbliebenen 16 Mann, bevor um
Mitternacht die Schalter schlossen, unser Gepäck zur
Aufbewahrung ab. Da das Reedereikontor erst um 9 Uhr die
Pforten öffnete, mussten wir bis dahin warten. Wir
beschlossen, zusammenzubleiben und die Gegend um den Hauptbahnhof
zu inspizieren. Das Nachtleben des Steindammviertels,
obwohl kleineren Ausmaßes, stand immer schon in Konkurrenz zur
Reeperbahn. Wie suchten etliche Kaschemmen heim, aber da
wir alle beieinander blieben, gingen uns die Zuhälter und
Schläger aus dem Wege. Gegen Tagesanbruch befanden wir uns
in einem Kellerlokal mit dem Namen 3000 Millimeter unter
dem Erdboden, wahrscheinlich in Anlehnung an den Roman
20.000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Das
Lokal war brechend voll und machte wahrscheinlich um diese Zeit
das beste Geschäft. Alles, was in der Unter- und Halbwelt
einen Namen hatte, war wahrscheinlich hier versammelt, jedenfalls
viele Nutten, Zuhälter und Ganoven. Einige hundert Jahre
Zuchthaus kamen da sicherlich zusammen. Irgendwann bekam
einer von uns mit einer Nutte Streit und als ihn einige Zuhälter
in die Mangel nehmen wollten, standen sie unserer geballten
Phalanx gegenüber. Sechzehn mit Stühlen und Barhockern
bewaffnete und zu allem entschlossene Seeleute waren selbst für
sie zuviel. Der Wirt, der sein Lokal schon in Trümmern
sah, warf sich dazwischen. Nach einigen Runden Freibier und
Korn waren wir besänftigt und feierten mit der Unterwelt
Versöhnung.
Mit schwerer Schlagseite, wankend und grölend, aber
heiterer Stimmung, begaben wir uns gegen 10 Uhr auf den Weg zur
Reederei. Die Leute auf der Straße machten zuvorkommend
Platz, und auch die Polizei wollte mit uns, nachdem wir unsere
Seefahrtbücher vorgezeigt hatten, nichts zu tun haben. Auf
der Reederei begegnete uns der Alte, der sich dort schon gleich
zurückgemeldet hatte, und wir stimmten sofort wieder das Lied
vom Hamburger Veermaster an. Der Alte war
gerührt, die Reedereileute erbost und bemüht, uns so schnell
wie möglich die Restheuer auszuzahlen, damit wir bald wieder
verschwinden konnten. Bei der Gepäckaufbewahrungsstelle am
Bahnhof sahen wir uns alle das letzte Mal, und dann entschwand
jeder in seine eigene Richtung. Ich quartierte mich diesmal
im Hamburger Seemannshaus in der Seewartenstraße direkt über
dem Heuerstall ein.
Ich hatte zuletzt ganz verschiedene Schiffe und zwei
extrem unterschiedliche Kapitäne kennen gelernt. So
unterschiedlich können Vorgesetzte sein: einer arrogant und
menschenverachtend, der andere menschlich und charakterlich
äußerst korrekt. Ich fahre seit über 46 Jahren zur See,
davon 25 Jahre als Kapitän. Niemals habe ich es
verstanden, dass Kapitäne und Offiziere, die selbst vor
dem Mast gefahren haben, sich zu solchen arroganten
Scheusalen entwickeln konnten. Damals wurde niemand
Schiffsoffizier oder Kapitän, der nicht selbst als Moses,
Jungmann, Leichtmatrose und Matrose gefahren hatte. Später,
als ich nach der Navigationsschule aus dem Mannschaftsstand
plötzlich als nautischer Offizier an Bord kam, sagte man mir,
dass ich nun meine Matrosenallüren ablegen müsse,
am besten, ich würde vergessen, überhaupt als Matrose gefahren
zu sein. Ich sei jetzt Offizier und müsse aus
disziplinarischen Gründen zur Crew an Bord den nötigen Abstand
wahren und jeden privaten Kontakt meiden. Ich sah und sehe
ein, dass an Bord ein gewisser Abstand zur Mannschaft bestehen
muss. Man kann nicht als Offizier mit der Mannschaft an
Bord oder an Land saufen und zusammen huren gehen und
anschließend erwarten, respektiert zu werden. Aber dass
ich selbst einmal als Matrose gefahren bin und auf dem Heuerstall
herumlungern musste, habe ich nie vergessen. Es war und ist
auch heute noch meine Meinung, dass dieser Abstand nicht in
grenzenlose Arroganz ausarten darf, wie ich es als
Mannschaftsgrad bei vielen Vorgesetzten erlebt habe. Solche
seelischen Krüppel konnten sich damals nur wegen einer
überalterten Seemannsordnung - vom 2. Juni 1902, ergänzt am 24.
Juli 1930 - an Bord halten. In einem Landbetrieb wäre
ihnen die Belegschaft fortgelaufen.
Nach der Hasselburg hielt ich mich einige
Wochen im Seemannshaus auf. Auf dem Heuerstall traf ich
einen Matrosen wieder, mit dem ich einmal zusammen an Bord war.
Auch er hatte gerade abgemustert und wohnte im selben Hause.
Wir gingen öfter zusammen in die im Hause befindliche bereits
erwähnte Kneipe und ließen uns von Schorsch
bedienen. In diesem Seemannshaus hatten sich einige
merkwürdige Gestalten einquartiert, die Säufergemeinschaften
bildeten. Auf meinem Stockwerk wohnten zwei ältere Heizer,
die jeden Tag voll waren. Sie waren mit einem dritten
Heizer in einer solchen Gemeinschaft, der zur Zeit
auf See war und ein halbes Jahr lang jeden Monat seine Heuer an
seine beiden Genossen schickte, die das Geld dann versoffen.
Nach dem halben Jahr wurde gewechselt. Einer der beiden an
Land verbliebenen Heizer ging an Bord und übernahm die Stelle
des Geldbeschaffers. So wechselte man sich umschichtig ab,
und es ging wahrscheinlich so lange weiter, bis sich einer der
drei tot gesoffen hatte - auch eine Art zu leben.
Eines Nachts wurde der alte Portier Ludwig in seiner
Loge von zwei maskierten Männern überfallen und angeschossen.
Die Täter, ein junger Bursche und ein 30jähriger Mann, wohnten
beide in unserem Seemannshaus. Sie wurden wenig später
gefasst. Ihre Beute hatte nicht einmal 50 Mark betragen.
Alle Bewohner des Seemannshauses waren über diese sinnlose Tat
empört und wäre es nach uns gegangen, wären die Täter nicht
mit Zuchthaus davongekommen. Ludwig war über 60 Jahre alt,
pensioniert und eine Seele von Mensch. Wenn ein Seemann
seine Miete nicht pünktlich bezahlen konnte, was normalerweise
zum Rausschmiss führte, unterdrückte er oft die Meldung an das
Büro, bis der Säumige das Geld aufbringen konnte. Nicht
selten legte er von seiner schmalen Rente die offene Summe für
den Schuldner aus. Es gab niemanden im Hause, der ihn nicht
mochte. Ludwig erholte sich nicht wieder von seiner
Schussverletzung und starb kurz darauf. Wir trauerten alle
um ihn, denn er war für uns Seeleute immer ein vertrauter Freund
gewesen.
Das Seemannsleben ist nicht ungefährlich, und es muss
nicht immer ein Sturm oder Orkan sein, der ein Schiff zum Sinken
bringen kann. Ich fuhr bereits eine Zeitlang als Matrose
auf dem M/S Nordwind der Reederei A.
J. Zachariassen in Hamburg. Wir hielten uns meistens im
Mittelmeer auf und bekamen eines Tages die Order, in Griechenland
Bleierz zu laden. Der Hafen, eigentlich nur eine kleine
Anlegestelle, befand sich in einer schmalen, verlassenen,
felsigen Bucht direkt am Bergwerk. Das Bleierz wurde mit
einer Art Seilbahn zu einem Kran transportiert und anschließend
ins Schiff geladen. Da sich das Bleierz in Pulverform
befand, wurde es zum sicheren Schiffstransport mit einer
vorgeschriebenen Wassermenge angereichert. Damit sollte die
Gefahr ausgeschlossen werden, dass das Erz bei den
Schlingerbewegungen des Schiffes auf eine Seite rutschen und es
dadurch zum Kentern bringen konnte. Durch sein hohes
spezifisches Eigengewicht zusammen mit der Feuchtigkeit sollte
das geladene Bleierz auch den stärksten Schlingerbewegungen
unbeweglich standhalten. Nach vier Stunden hatte das Schiff
die vorgeschriebene Lademarke erreicht. Durch das starke
Eigengewicht dieser Ladung waren die Laderäume nur etwa zu einem
Drittel gefüllt, was nach sehr wenig aussah, jedoch
gewichtsmäßig stimmte. Gleich nachdem wir seeklar waren,
mussten wir den Liegeplatz noch abends verlassen und in See
gehen, da schon ein neues Schiff erwartet wurde.
Gegen 5 Uhr am Morgen, fünf Stunden nach meiner Wache,
wurden wir durch die Alarmglocke aus dem Schlaf gerissen. Das
Schiff lag mit 40 Grad Schlagseite nach Steuerbord über, und
alle Bullaugen der unteren Kammern, wozu auch meine zählte,
befanden sich unter dem Wasserspiegel. Gott sei Dank waren
sie alle vorschriftsmäßig verschlossen. Wir stürzten
sofort auf das Bootsdeck zu den Rettungsbooten und legten unsere
Schwimmwesten an. Durch die gewaltige Schlagseite, hatten
wir Mühe, uns auf den Beinen zu halten. Der Wind blies mit
Stärke 5 bis 6 von der Backbordseite her und das gesamte
Steuerbordhauptdeck stand bis zur Lukenoberfläche unter Wasser.
Uns wurde die Gefahr, in der wir uns befanden. erst jetzt richtig
bewusst, denn jeden Augenblick konnte unser Schiff kentern.
In diesem Moment stellte ich auch mit Schrecken fest, dass ich
meine Brieftasche mit meinen persönlichen Papieren in meiner
Kammer vergessen hatte. Ich stürzte also noch einmal unter
Deck zu meiner Kammer, wobei ich mich im Gang an den Wänden
abstützen musste. Unterdessen hatte der Alte das Schiff
mit dem Bug in den Wind gedreht, um ein Überholen des Schiffes
durch die See zu verhindern. Als ich mit meiner Brieftasche
wieder an Deck erschien, erfuhr ich, dass der Funker bereits
SOS gegeben hatte und der Alte um Assistenz durch in
der Nähe befindliche Schiffe bat.
Inzwischen erfuhren wir auch, was geschehen war. Die
gesamte Ladung war durch die Schlingerbewegungen und den
wahrscheinlich zu hohen Wassergehalt breiig geworden und auf die
Steuerbordseite gerutscht. Dort lag sie nun. Nachdem
sich die erste Panik gelegt hatte, befahl der Alte, mit allen
Mann in die Laderäume zu gehen und zu versuchen, die breiige
Ladung mit Schaufeln nach der Backbordseite zu trimmen. Das
war ein gefährliches und auch aussichtsloses Unternehmen, da
unser Schiff ja jeden Moment kentern konnte. Auch glaubten
wir nicht, dass wir mit unseren Schaufeln Tausende Tonnen auf von
einer auf die andere Seite bewegen könnten. Trotzdem
begaben wir uns angeseilt in die Laderäume und versuchten, bei
dem trüben Licht der Kabellampen die Ladung zu trimmen. Wir
hingen wie Artisten an den Seilen über der Ladung und
schaufelten den Bleischlamm auf die Backbordseite. Der
Bleibrei war so schwer, dass wir immer nur eine halbe Schaufel
voll schippen konnten. Außerdem mussten wir höllisch
aufpassen, nicht im Schlamm zu versinken, obwohl wir angeseilt
waren. So schaufelten wir Stunde um Stunde um unser Leben,
und gegen Mittag hatten wir vielleicht zehn Tonnen bewegt, als
der Alte das Unternehmen wegen Aussichtslosigkeit abbrach. Unterdessen
hatte sich uns das damals größte deutsche Handelsschiff, der
Tanker Esso Deutschland auf 1 ½ Seemeilen genähert,
um uns im Falle eines Untergangs aufzunehmen. Unser Alter
entschied sich, Kalamata als Nothafen anzulaufen. Es war
der einzige in der Nähe liegende, unserem Tiefgang entsprechende
Hafen, der uns blieb - sofern wir ihn denn heil erreichten.
Kalamata liegt auf der südlichen Seite der Insel Peloponnes und
zählte damals ca. 30.000 Einwohner.
Der Hafen war nicht besonders groß und wurde meistens
von Küstenschiffen angelaufen. Nachdem wir über Funk dort
einen für unseren Tiefgang entsprechenden Anlegeplatz gefunden
hatten und uns bei der Esso Deutschland für die
Assistenz bedankt hatten, liefen wir mit langsamer Fahrt bei 40
Grad Schlagseite in Kalamata ein. Trotz des frühen Morgens
war die Kai mit Hunderten Schaulustigen besetzt, die sich das
einmalige Schauspiel unserer Ankunft nicht entgehen lassen
wollten. Die ganze Zeit bis zum Einlaufen hatten wir uns
mit unseren Schwimmwesten auf dem Bootsdeck aufgehalten und nur
zum Anlegen begaben wir uns vorsichtig nach vorne und achtern auf
unsere Positionen. Es dauerte etwa eine Woche, bis die
verschiedenen Experten und die Versicherungen entschieden hatten,
die Ladung an die Kai zu löschen. Nach dem Abtrocknen und
dem Bau eines Schotts in den Laderäumen, ähnlich einem
Getreideschott, sollte die Ladung wieder an Bord genommen und zum
Bestimmungshafen Rotterdam gebracht werden.
Da unser Ladegeschirr für diese spezielle Ladung nicht
geeignet war, wurde ein Autokran mit einem Greifer gechartert.
Gleich am ersten Löschtag passierte ein Unglück. Als der
Autokran den ersten vollen Greifer aus dem vorderen Laderaum
hieven wollte, brach der Ausleger ab und der Räderuntersatz mit
dem Kranhaus wurde zwischen Kai und Schiff gezogen. Der
Kranführer konnte sich, Gott sei Dank, noch gerade mit einem
Sprung von seinem Sitz an die Kai retten. Danach passierte
einige Tage gar nichts, und wir hatten die undankbare Aufgabe,
den Kranausleger angeseilt und in Bootsmannsstühlen sitzend, vom
Greifer zu trennen. Da der Greifer im Bleischlamm versackt
war, konnten wir nur die Drahtseile zum Ausleger kappen und
diesen mit unserem Ladegeschirr an die Kai hieven. Unterdessen
hatte man zwei schwere Autokräne beschafft, die das zwischen
Schiff und Kai hängende Autokranwrack bargen und anschließend
endlich mit dem Löschen begannen. Aber auch sie konnten
ihre Greifer wegen der schweren Ladung nur bis zu einem Drittel
füllen, sonst wäre es ihnen genau so ergangen, wie dem
unglücklichen Vorgänger. Da das Löschen sehr langsam
vonstatten ging, hatten wir unterdessen eine schöne Zeit. Nach
acht Stunden Arbeitszeit konnten wir den Landgang nach den
aufregenden Tagen richtig genießen.
Kalamata war also ein typischer kleiner Coaster- und
Fischereihafen ohne Fremdenverkehr und Touristen. Die
letzten Deutschen hatte man Ende des Krieges gesehen und da sie
sich anscheinend anständig benommen hatten, wurden wir überall
freundlich behandelt. Etwa 20 Meter von unserem Schiff
entfernt befand sich eine kleine Taverne. Daneben stand ein
großer, Schatten spendender, Baum mit Tischen und Stühlen.
Dort tranken unsere Hafenarbeiter während der Mittagspause ihren
Wein und Ouzo. Auch wir verbrachten dort nach Feierabend
unsere Zeit. Da ein Glas Wein sehr billig war, saßen wir
manchmal bis Mitternacht in der Taverne, und der Wirt machte das
Geschäft seines Lebens. Unseren Alten sahen wir dort nie.
Er hieß mit Nachnamen Franz, war ca. 45 Jahre alt, mittelgroß,
sehnig und trat fast nie so recht in Erscheinung. Während
des Krieges, so wurde sich an Bord erzählt, soll er auf
Minenräumschiffen gefahren sein, und aus dieser Zeit stammte
wahrscheinlich auch eine seiner Marotten. Man sah ihn
nämlich nie ohne seine lange U-Boot-Lederhose. Einige von
uns wetteten, dass sie nachts vor seinem Bett stehen würde und
er morgens nur in sie hineinsteigen brauchte.
In Kalamata gab es auch einen Puff, der aus zwei
stabilen ca. 40jährigen Damen bestand, die über mangelnde
Arbeit nicht klagen konnten. Unser 1.Steward war ein
hagerer, drahtiger Mann, Anfang Fünfzig, über dessen Potenz
sich die Nutten in den vorher angelaufenen Häfen wahre
Wunderdinge erzählt hatten. Er verlobte sich
gleich nach einer Woche mit einer dieser
Liebesmaschinen. Am Morgen, wenn wir an Deck
zur Arbeit gingen, sahen wir ihn jeden Tag, wie er sich mit
letzter Kraft über die Gangway an Bord schleppte. Einmal
liefen sechs französische Schnellboote zu einem Flottenbesuch
ein, und die beiden Damen hatten Hochsaison. Ich habe
selbst gesehen, wie die jungen Burschen mit ihren schicken
Uniformen in Zweierreihe vor ihren Türen standen und auf
Abfertigung warteten. Es müssen an den beiden Tagen über
hundert gewesen sein. Unser Steward erzählte uns, dass
seine Verlobte nach Mitternacht nur noch apathisch
und total geschafft wie ein großer Frosch auf dem Rücken liegen
würde. Sie hatte ihm ein goldenes Armbändchen geschenkt,
und am Sonntag, wenn der Puff geschlossen war, sah man beide
händchenhaltend durch die Stadt spazieren gehen. Es ist
schon merkwürdig, wohin manchmal die Liebe fällt. Kalamata
war eine sehr sittenstrenge Stadt, und es war keinem von uns
gelungen, bei der einheimischen Damenwelt eine Eroberung zu
machen. Die Mädchen mussten jungfräulich in die Ehe
gehen. Über die Moral wachte die mächtige orthodoxe
Kirche. Da der Sexualtrieb bei einigen an Bord die
Sturmstärke 12 erreichte, bekamen die beiden einzigen dafür
zuständigen Damen auch von unserem Schiff regen Besuch, so dass
alles in der Familie blieb.
Irgendwann nimmt auch das langsamste Löschen und Laden
ein Ende und nachdem wir uns rechtzeitig mit genügend Wein- und
Ouzoflaschen eingedeckt hatten, verließen wir eines Tages
Kalamata mit Kurs auf Rotterdam. Viele unserer griechischen
Freunde und Bekannten, die wir in der langen Liegezeit kennen
gelernt hatten, standen beim Ablegen an der Kai und winkten uns
nach.
Da ich mich an der Seefahrtschule in Hamburg zum
A5-Lehrgang - Steuermann auf Großer Fahrt -
angemeldet hatte und auf Antwort wartete, wurden meine Fahrzeiten
immer kürzer. Mein Fahrtgebiet beschränkte sich dadurch
auf die Nord-, Ostsee- und Mittelmeerfahrt, um
erforderlichenfalls rechtzeitig abmustern zu können. In
der Zwischenzeit erfuhr ich, dass auf Druck der deutschen Reeder
wegen des damaligen Nautikermangels in der deutschen Schifffahrt
die Lehrgänge für A5 suspendiert worden waren, um ein neues
Patent A5II einzuführen. Dieses neue Patent sollte den
Mangel an zweiten und dritten Offizieren beheben und den Inhaber
berechtigen, als 2.Offizier zu fahren. Nach zweijähriger
Fahrzeit sollte er dann das letzte fehlende Semester für das
Patent A5 - 1.Steuermann auf Großer Fahrt nachholen
und gleich anschließend das Patent A6 - Kapitän auf
Großer Fahrt - machen können.
Eines meiner letzten Schiffe als Matrose war das
Motorschiff Heilbronn von der Reederei Polio &
Jatzek in Hamburg. Die Reederei betrieb auch eine kleine
Werft, die hauptsächlich Barkassen und Fährschiffe für die
Elbe baute. Ihr größter Abnehmer war die
Fährschiffreederei HADAG. Die Heilbronn war
das einzige Seeschiff dieser Reederei und bevor es zum
Frachtschiff umgebaut worden war, hatte es als Marineeisbrecher
gedient. Das Schiff hatte einen gewaltigen
Eisbrechersteven. Streng genommen war die Heilbronn ein
übergroßes Kümo und nach den damaligen Maßstäben nautisch
auf das Modernste ausgerüstet. Es verfügte über
Decca-Navigation, Radar und einen Kreiselkompass mit
Selbststeuerung.
Der Kapitän hieß Hansen und war ehemaliger
U-Bootkommandant. Für uns verkörperte er die Idealgestalt
eines Kapitäns. Er vermittelte uns das Gefühl, dazu zu
gehören und nicht nur ein deklassiertes Subjekt zu sein, über
welches man Kraft seiner Machtfülle nach Laune und Belieben
verfügen konnte. Unser Alter war Anfang vierzig und
strahlte Autorität, Ruhe und Besonnenheit aus. Viele
Kriegsveteranen, die auf U-Booten gedient hatten, bescheinigten
den meisten Ex-Kommandanten diese Eigenschaften. Unser
Alter grüßte jeden und nahm Anteil, wenn ein Besatzungsmitglied
verletzt oder krank war. Seine Schiffs- und
Menschenführung war vorbildlich. Wenn man uns später als
angehenden Offizieren auf der Navigationsschule in einem
gesonderten Fach Menschenführung zu vermitteln
suchte, musste ich immer an unseren Alten von der
Heilbronn denken. Ich gehe hier so ausführlich
auf dieses Thema ein, um zu unterstreichen, wie das Bordklima von
einer einzigen Person abhängen kann. Der Kapitän alleine
bestimmt an Bord durch seine Persönlichkeit und seinen Charakter
das Betriebsklima. Mögen alle anderen Offiziere gute oder
schlechte Führungsqualitäten oder Charaktereigenschaften haben,
die Maßstäbe in der Menschenführung an Bord setzt der
Kapitän.
Für das Zusammenleben und gemeinsame Arbeiten an
Bord auf engstem Raum, wo sich Dienst und Privatleben ständig
überschneiden, ist ein gutes Betriebsklima und
Vertrauensverhältnis zur Schiffsführung mit das Wichtigste.
Unser Alter war immer sorgfältig rasiert und auch bei schwerem
Wetter oder tagelangem Nebel war seine Kleidung immer akkurat in
Ordnung. In dieser Hinsicht konnte er den ehemaligen
Marineoffizier nicht verleugnen. Trotz der dienstlichen
Distanz, die er zu seinen Offizieren und zur Mannschaft hielt,
vergaß er uns gegenüber nie seine Fürsorgepflicht. Seine
Distanz artete nie in Arroganz oder Geringschätzung aus. Wenn
wir manchmal im Regen oder eisiger Kälte die Laderäume bis
spät in die Nacht wuschen und danach total durchnässt und
durchgefroren in unsere Logis wankten, holte er uns alle in
seinen Salon, und jeder bekam einen Schluck guten Cognac als
Anerkennung. Alleine diese Geste zeigte uns, dass wir
dazugehörten, und wir taten unser Bestes, um das
Schiff rechtzeitig wieder ladebereit zu machen. Im
Vergleich zum Alten auf der Nordmeer, den wir wegen
seiner menschenverachtenden Arroganz und charakterlichen
Unzugänglichkeit so abgrundtief verachtet und gehasst hatten,
war die Erfahrung mit diesem Kapitän abstechend erfreulich.
Die Heilbronn hatte außer dem Kapitän und
dem Leitenden Maschineningenieur nur zwei nautische Offiziere,
die sich auf See alle sechs Stunden ablösten. Der
1.Offizier hieß Schenk, war 45 Jahre alt und ein ruhiger,
ausgeglichener Mann, mit dem man sehr gut auskam. Er trank
mit dem Chief und uns nach Feierabend gern ein Glas Bier oder bei
Kälte einen Grog. Der 2.Offizier war ca. 30 Jahre alt und
ein echter Kümomann, aber von der angenehmen Sorte.
Einen 2. oder 3.Maschineningenieur fuhr das Schiff nicht. An
den Bootsmann kann ich mich noch besonders gut erinnern. Er
war klein, untersetzt, hatte dunkle Augen und trug einen
schwarzen Bart. Er war um Anfang 30 Jahre alt. Sein
Lieblingsthema waren Pferde. Er stammte aus Russland und
hatte auf deutscher Seite bei einer antisowjetischen
Kosakeneinheit gedient. Nach dem Krieg fand er in der
Seefahrt Brot und Bleibe und brachte es bis zum Bootsmann. Er
heiratete eine sehr stabile hellblonde Nordfriesin und hatte eine
reizende sechsjährige hellblonde Tochter, die echt friesisches
Platt sprach. Unser Bootsmann war ein ausgezeichneter
Seemann und wir alle respektierten ihn. Wenn wir mal nach
Feierabend zusammensaßen und das Gespräch kam auf Pferde, war
er nicht mehr zu halten und geriet ins Schwärmen. Er
liebte Pferde über alles, und so ähnlich wie ihn hatte ich mir
einen echten Kosaken immer vorgestellt. Er hatte keine
Verwandten mehr und besaß die deutsche Staatsbürgerschaft.
Wir bedienten mit unserem Schiff Häfen in der Nord- und
Ostsee zwischen Holland, Belgien, Schweden, Dänemark und
Deutschland. Meist bestand unsere Ladung aus Kohle, Kali
oder Getreide, und wir mussten fast nach jeder Reise unsere
Laderäume waschen. Da die Reisen nur kurz waren, wurden
wir alle sehr gefordert, verdienten aber durch die vielen
Überstunden recht gut, so dass sich keiner über den fehlenden
Landgang beschwerte. Dazu kam das Gefühl, zu einer
Gemeinschaft zu gehören, die alle Beschwernisse gemeinsam teilt.
Der Alte versuchte, unser eintöniges Leben an Bord dadurch zu
erleichtern, dass er vom Koch am Sonntag einen Kuchen backen oder
ein besonderes Essen zubereiten ließ. In Sachen Disziplin
verstand er keinen Spaß und ich kann mich nicht erinnern, dass
sich einer von uns etwas zuschulden kommen ließ. So
ähnlich stellte ich mir damals das Leben auf einem U-Boot vor,
wo Kapitän, Offiziere und Mannschaft eine Schicksalsgemeinschaft
bildeten und jeder einzelne, auch der niedrigste Dienstgrad,
seinen Beitrag zum Wohle des Bootes und der Besatzung zu leisten
hatte. Da das Schiff nach dem Mittelmeer gehen sollte und
ich ja durch meine Anmeldung zur Navigationsschule in der Nähe
bleiben musste, verließ ich in Hamburg schweren Herzens die
Heilbronn. Ich habe diesen bemerkenswerten
Kapitän nie vergessen, der gute Menschenführung praktizierte
und mir dadurch bis heute in guter Erinnerung geblieben ist. Einige
Jahre später, als ich als 2.Offizier fuhr, traf ich ihn in
Hamburg als Hafenlotse wieder.
Nach einer kurzen Zeit an Land gab ich ein kurzes
Gastspiel auf dem M/S Michael der
Holsten-Reederei. Das Schiff lag zur Überholung für zwei
Monate in der Deutschen Werft in Finkenwerder und
verdrängte ca. 9.000 Tonnen. Die Michael war
ein alter zum Motorschiff umgebauter Kohlensteamer mit
Dampfwinden an Deck und das einzige Schiff der Reederei. Wir
von der Mannschaft wohnten, wie damals üblich, achtern unter der
Poop am Heck, und unsere einzige Beschäftigung in der Werft war
Rostklopfen. Entrostet wurde mit speziellen
Rosthämmern und zwei elektrisch betriebenen Rostmaschinen.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Rost geklopft
bzw. entfernt wie auf der Michael. Das Schiff
muss danach mindestens 20 Tonnen leichter geworden sein und das
Deck entsprechend dünner.
Der Kapitän stammte aus dem Baltikum. Ich kann
mich nur vage an einen ca. 40jährigen kräftigen und
schweigsamen Mann erinnern. Wir bekamen ihn nur selten zu
Gesicht. Jegliche Erinnerung fehlt mir an die Offiziere.
Unser Bootsmann war von der harten Sorte: etwa Mitte
vierzig, kräftig, versoffen, brutal, verschlagen und äußerst
gefährlich. Er war der geborene Antreiber und verstand
seinen Job als Bootsmann. Wehe aber, jemand kam ihm zu nahe
oder forderte ihn gar heraus. So schnell konnte man gar
nicht gucken, da hatte er bereits zugeschlagen. Auch war er
sehr schnell mit dem Messer zur Hand, so dass sich keiner ein
zweites Mal traute, sich mit ihm anzulegen. Wir hatten
einige sehr raubeinige Schläger vom Kietz unter der
Mannschaft, die ihm ans Leder wollten und furchtbare Prügel
bezogen. Seine Frau, von der er angeblich geschieden war,
kam manchmal ziemlich angetrunken an Bord, und dann war wirklich
etwas los. Es setzte Prügel, und ihr Wehgeschrei konnte
man durch das ganze Achterschiff hören. Ich selbst kam gut
mit ihm aus. Am Wochenende bekamen wir einen Vorschuss auf
unsere Heuer, den die meisten Kollegen gleich in Finkenwerder auf
den Kopf hauten. Da die Nachtwache nicht begehrt war,
übernahm ich diese oft, so dass ich tagsüber an Land gehen
konnte. Das heißt jedoch nicht, dass ein guter
Nachtmann morgens immer ausgeschlafen hat.
Nach der Werftzeit gingen wir in Ballast durch den
Nord-Ostsee-Kanal in Richtung Visby in Gotland, wo wir Zement in
Säcken für Aden im Persischen Golf laden sollten. Da ich
inzwischen von der Seefahrtsschule in Hamburg den Antrittstermin
für meinen A5II-Lehrgang bekommen hatte, musterte ich nach der
Passage des Nord-Ostsee-Kanals in der Schleuse in Kiel-Holtenau
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