Selbstmordrate im Osten höher als im Westen

Die Betreuung und Beratung von Selbstmordgefährdeten steckt vielerorts noch in den Kinderschuhen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Fast 18 von 100 000 Einwohnern begingen im Freistaat Sachsen im vergangenen Jahr Selbstmord. Zum Vergleich: Im Saarland sind es nach vorläufigen Schätzungen rund halb so viele. Mit 605 Männern und 180 Frauen, die sich 2001 in Sachsen das Leben nahmen, setzt sich nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Kamenz der seit Jahren beobachtete Rückgang fort.

Mit sozialpsychiatrischen Diensten in allen Landkreisen, kreisfreien Städten und dünn besiedelten Regionen soll nach Auskunft des Sozialministeriums der nach wie vor hohen Selbstmordquote entgegengewirkt werden. „Die Notfalltelefone sind rund um die Uhr besetzt“, meinte Sprecherin Susanne Meves. Nach den Erfahrungen von Jörg Müller, Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Caritas in Erfurt werden Selbstmordgedanken häufig am Rande von Beratungen erwähnt. In Thüringen nahmen sich im vergangenen Jahr insgesamt 390 Menschen das Leben. Wie die Statistiker errechneten, sind dies 1,5 Prozent aller Sterbefälle. Wie auch in den übrigen Bundesländern erfolgten die meisten Selbstmorde durch Erhängen, Strangulieren oder Ersticken. In Berlin nimmt sich der Krisendienst der verzweifelten und suizidgefährdeten Bürger an. Rund 36 000 Menschen nehmen den Dienst in der Bundeshauptstadt jährlich in Anspruch.

„Selbstmord ist ein Phänomen der anonymen Großstädte“, sagte Krisendienst-Psychologin Ulrike Haase. Selbstmord sei unabhängig von Alter oder Bildungsschicht, nur die Gründe ähnelten sich: Trennungsschmerz, familiäre Konflikte, Einsamkeit, Krankheit oder Sucht. Insgesamt verzeichnet Berlin einen leichten Abwärtstrend bei den Selbstmordzahlen von 633 (im Jahr 1996) auf 472 (2000).

Nach Angaben von Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, neigen Männer beim Selbstmord zu härteren Methoden. Frauen wollten eher ein Warnsignal geben. Mit knapp 77 Prozent haben Männer in Brandenburg den höchsten Anteil unter den Selbstmördern. Im vergangenen Jahr nahmen sich dort 300 Männer und 82 Frauen das Leben. Nach Informationen des Sozialministeriums wird das Thema zu nehmend enttabuisiert, allerdings werde nicht gerne über die Motivation junger Selbstmörder gesprochen, um Nachahmer zu vermeiden.

Besonders Jugendliche in der Pubertät spielen nach Meinung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, Werner Felber, oft mit Selbstmordgedanken. „Fast jeder denkt mindestens einmal im Leben an Selbstmord“, sagte Felber. Sachsen-Anhalt setzt deshalb auf so genannte Jugendtelefone. „Dort können Kinder und Jugendliche anrufen und ihren Kummer loswerden. Das reicht von Schulproblemen über den ersten Liebeskummer bis zu Selbstmordgedanken“, sagte Holger Paech vom Sozialministerium in Magdeburg. Im vergangenen Jahr nahmen sich in Sachsen-Anhalt insgesamt 435 Menschen das Leben, davon waren 12 unter 20 Jahre alt.

In Mecklenburg-Vorpommern wurden im Jahr 2000 insgesamt 205 Selbstmorde registriert. Damit kommen auf 100 000 Einwohner etwa 11,6 Suizide. Zahlen für 2001 liegen noch nicht vor.

Prof. Rudolf Wegener, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Rostock, geht von einer Dunkelziffer von bis zu 25 Prozent aus. Darunter fielen unter anderem Fälle von Medikamentenüberdosierung und tödliche Autounfälle, bei denen sich nicht sagen lasse, ob der Fahrer absichtlich z. B. gegen einen Baum gefahren sei.

„Tödliche Alkoholvergiftungen können ebenfalls suizidal sein“, sagt der Rechtsmediziner. „Es ist schwer zu definieren, aber Alkoholsucht kann ja auch eine Art Selbstmord in Raten sein und eine Überdosis Alkohol ein „echter“ Selbstmord, der aber nicht unbedingt in die Statistik eingeht.“

 

Selbstmord und Selbstmordgefährdung:
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