Mein Herz so schwarz

Ein Gespräch mit Andrew Solomon, der die dunklen Welten der Depression erforscht hat

Im November wurde Andrew Solomon für sein Buch „Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 576 Seiten, 25,40 ) der National Book Award in der Kategorie Sachbuch verliehen. „Saturns Schatten“ gilt als eines der besten Bücher zum Thema. Solomon, der selbst unter der Krankheit leidet, hat seine eigenen Erlebnisse mit den neuesten Erkenntnissen aus Psychologie, Medizin, Soziologie und Geschichte verknüpft und so ein Gesamtbild des Phänomens geschaffen. Mit Andrew Solomon, der in New York lebt, sprach Andrian Kreye.

SZ: Mister Solomon, wie war es bei der Preisverleihung der National Book Awards?

Andrew Solomon: Unerträglich spannend. Alle Nominierten werden zu einem Dinner geladen. Das muß man erst einmal durchstehen. Dann wird auf jeden der Kandidaten eine Laudatio gehalten, und erst danach wird bekanntgegeben, wer gewonnen hat.

SZ: Jonathan Frantzen, der Preisträger in der Kategorie Literatur, behandelt in seinem Roman „The Corrections“ eigentlich ein ganz ähnliches Thema wie Sie. Warum sind Depressionen gerade jetzt ein Thema?

Solomon: Meiner Meinung liegt das daran, dass die Krankheit eher als solche erkannt wird. Es gibt mehr Informationen darüber als noch vor zehn Jahren. Außerdem hat die Pharmaindustrie auf diesem Gebiet enorme Fortschritte gemacht. Die Möglichkeiten einer Behandlung sind also viel besser geworden.

SZ: Aber gerade Psychopharmaka sind doch sehr vom Stigma behaftet.

Solomon: Das ist genauso wie mit den Erkenntnissen von Galilei. Damals wollte man nicht einsehen, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind. Heute mag man nicht wahrhaben, dass unser Gehirn manipulierbar ist. Dass es vielleicht eine Seele, eine Persönlichkeit, einen Charakter gibt, aber dass es sich doch um chemische Vorgänge handelt, die auch chemisch beeinflußbar sind.

SZ: Dann reicht es, eine Pille zu schlucken, und alles wird gut?

Solomon: Oh nein, keineswegs. Depression ist nur der Sammelbegriff für eine Vielzahl von Krankheitsformen. Da spielt die Chemie eine Rolle, aber auch die Prägung durch das soziale Umfeld, die Familie. Wir wissen bis heute nicht genau, was Depressionen eigentlich sind. Es bleibt eine unheilbare Krankheit. Was bei dem einen wirkt, mag für den anderen ganz falsch sein. Der eine braucht in erster Linie Gesprächstherapie, der andere Medikamente. Ich glaube, prinzipiell sind wir alle dazu prädestiniert, Depressionen zu bekommen, nur liegt die Reizschwelle bei jedem anders.

SZ: Depressionen scheinen vor allem in westlichen Kulturen eine Volkskrankheit zu sein. Können andere Kulturen besser damit umgehen?

Solomon: Keineswegs. Untersuchungen haben ergeben, dass es in allen Kulturen Depressionen gibt. Nur das Bewusstsein ist in wohlhabenden Ländern höher. Wenn man um sein Überleben kämpfen muß, nimmt man emotionale Tiefs eher hin, weil man eben glaubt, dass das zum allgemein schlechten Zustand gehört.

SZ: Dann werden Depressionen in medizinisch nicht so gut versorgten Kulturen gar nicht erkannt?

Solomon: Oh doch. Bei Naturvölkern gibt es Therapien gegen die Depression. Im Senegal habe ich beim Stamm der Lebou eine Zeremonie für Geisteskrankheiten mitgemacht. Da musste ich mich erst ausziehen, dann wurde ich auf dem Dorfplatz mit einem toten Ziegenbock unter Decken gelegt. Das ganze Dorf begann zu trommeln und zu singen, bestimmt hundert Leute tanzten um mich herum. Dann zogen sie plötzlich die Decken weg, ich musste aufstehen, irgend jemand riss mir den Lendenschurz vom Leib, ein anderer schlitzte die Ziege auf, und alle schmierten mich mit dem Blut ein.

SZ: Das klingt ja beängstigend. Ist so ein Ritual nicht eher kontraproduktiv?

Solomon: Im Gegenteil. Mit dem Tanz zeigt die Gemeinde dem Patienten, dass alle die Krankheit als negative Kraft von außen erkennen und nicht als persönliche Schwäche sehen. Wenn sie den Patienten dann mit dem Blut einschmieren, dann ist das ein körperlicher Kontakt, der therapeutisch sehr wertvoll ist.

SZ: In Europa werden Depressionen gerne mit dem Euphemismus der Melancholie umschrieben, und es heißt, dass sie die Kreativität beflügeln können.

Solomon: Richtige Depressionen beflügeln überhaupt nichts. Ich glaube auch nicht, dass es für die schriftstellerische Arbeit förderlich ist, wenn man nicht aus dem Bett kommt und sich nicht einmal die Schuhe zubinden kann. Schriftsteller leiden aber häufiger unter Depressionen, weil sie von Natur aus damit beschäftigt sind, sich andauernd über sich und die Welt Gedanken zu machen und alles in Frage zu stellen. Man kann seine Depressionen natürlich nutzen, aber eher nach dem Abklingen der Krankheit.

SZ: War denn die Arbeit an Ihrem Buch ein kathartisches Erlebnis?

Solomon: Nein. Es war keine erlösende Erfahrung. Es war sogar äußerst unangenehm, das alles noch einmal zu verarbeiten. Aber ich wollte ein Buch schreiben, von dem ich das Gefühl hatte, dass es dies so noch nicht gibt. Es gibt natürlich ganz hervorragende Werke zum Thema Depressionen. Zu den medizinischen und den psychologischen Aspekten. Es gibt literarische Verarbeitungen der Krankheit, Erfahrungsberichte. Aber es gab eben kein Buch, das all diese Formen und Erkenntnisse vereinte.

SZ: Das klingt nach Sendungsbewusstsein. Sind Sie jetzt als National-Book-Award-Preisträger in den Medien der inoffizielle Spezialist zum Thema?

Solomon: Ich wurde in Fernsehsendungen eingeladen und ich werde auch oft gefragt, ob ich Artikel zum Thema schreiben will. Allerdings möchte ich mich jetzt nicht auf Jahre hin festlegen. Wenn ich ein Buch abgeschlossen habe, glaube ich, alles zum Thema gesagt zu haben. Und dann suche ich nach einem neuen Thema. Als nächstes werde ich ein Buch über das Gedächtnis schreiben. Nachdem ich mich bei meiner Arbeit an „Noonday Demon“ ja viel mit dem menschlichen Gehirn beschäftigen musste, hilft mir das natürlich sehr.

SZ: Dann ist das Thema Depressionen abgeschlossen?

Solomon: Nein. Ich werde auch die weiteren Entwicklungen verfolgen. Ich will nur nicht als Experte enden. Im Moment verhandele ich mit mehreren Zeitschriften, weil ich nach Afghanistan will, um dort einen Artikel über die geistige Gesundheit zu recherchieren. Da leidet ein ganzes Land unter Trauma.

SZ: Das ist mit Sicherheit ein Thema, das von der Völkergemeinschaft vernachlässigt wird.

Solomon: Dabei ist es gerade in solchen Ländern wichtig, daran zu arbeiten. Das gehört genauso zu diesem Prinzip, einem Hungernden keinen Fisch zu geben, sondern ihm beizubringen, einen zu fangen, damit er sich ernähren kann. Wenn jemand Depressionen hat, schafft er es ja nicht einmal bis zum Boot.

SZ: Aber Ihnen geht es im Moment gut?

Solomon: Depressionen sind nicht heilbar. Aber man kann an den Punkt kommen, an dem man die Krankheit kontrollieren kann. Ja, ich habe sie inzwischen ganz gut im Griff. Aber ich weiß genau, dass sie jederzeit wiederkommen kann.


Quelle: Süddeutsche Zeitung 15.1.2002

 


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