Todespillen aus
dem Internet
Student bot Schlaftabletten zum Selbstmord an - Politiker warnt:
Netz wird Ideenbörse für Lebensmüde
Landshut - Bei Mausklick Selbstmord? Das Internet wird immer
mehr zur Börse für Lebensmüde. Sie tauschen sich in Foren aus, verabreden
sich zum gemeinsamen Freitod oder finden tödliche Tipps. Ein Student (25)
handelte im Netz sogar mit verbotenen Pillen.
Er nannte sich "Albert Einstein" und bot auf seiner Homepage für 820 Mark
ein Schlafmittel an, das in hoher Dosis tödlich wirkt. Jetzt ermittelt die
Staatsanwaltschaft Landshut gegen den Studenten aus Freising wegen
unerlaubten Handels mit Arzeimitteln. Ihm droht Haft bis zu drei Jahren.
Beihilfe zum Selbstmord ist dagegen straffrei. Noch ist unklar, ob es
durch den Handel tatsächlich zu Suiziden gekommen ist. Angeblich sollen aber
"mindestens zwei Fälle in einem Zusammenhang" zu dem Studenten stehen. In
den Wohnungen der beiden Selbstmörder wurde seine Adresse entdeckt. Die
Ermittler beschlagnahmten nicht nur den PC des Studenten, sondern auch
größere Mengen des verschreibungspflichtigen Schlafmittels.
Auf seiner inzwischen gelöschten Website gab er auch Anleitungen zum
Selbstmord. Dazu waren Bilder von angeblich toten ehemaligen Kunden zu
sehen. Kein Einzelfall. Das Netz ist ein Tummelplatz für Selbstmörder.
"Das Leben stinkt und kann so nicht weitergehen." Gegen Mitternacht jagt
ein lebensmüder Jugendlicher diese Botschaft über die Datenautobahn. Er
verewigt den Verzweiflungsschrei in einem der Internet-Chaträume für
Selbstmordkandidaten. Markus (16) kündigte den anoymen Leidensgefährten in
einem Suizidforum seinen Freitod an - und brachte sich um. In einigen Fällen
knackten Computerfreaks die Anonymität junger Leute, die per Internet
verlauten ließen, unverzüglich Schluss machen zu wollen. Die Polizei wurde
alarmiert und konnte einige Suizid-Kandidaten eben noch dem Leben erhalten.
Nicht nur junge Leute klicken sich massenhaft - meist unter Pseudonym - in
die Suizid-Foren ein. Ein 51 Jahre alter Düsseldorfer "einigte" sich dieser
Tage in einem Chat mit einem Österreicher (19) auf den gemeinsamen Freitod.
Sie trafen sich in Innsbruck, verfassten Abschiedsbriefe, kauften zwei
Schrotflinten und erschossen sich gleichzeitig.
Niemand weiß, wie viele unentschlossene Lebensmüde von der
Selbstmordpropaganda im Netz zum finalen Schritt getrieben werden, den sie
sonst vielleicht doch nicht tun würden. Lebt er noch, oder hat er sich
bereits entleibt - der junge Mann, der vor wenigen Nächten am Computer saß
und der virtuellen Gemeinde potenzieller Selbstmörder im Telegrammstil
kundtat: "ich habe keine lust mehr, ich sehe den sinn nicht mehr. wozu das
alles? ich bin erst 17 und schon am ende. das geht nicht mehr weiter. ich
gehe zu grunde. so oder so . . ."
"Die Selbstmord-Foren haben zunehmend großen Zulauf, sie bilden ein
Sammelbecken für Jugendliche, die mit sich und der Welt nicht mehr alleine
fertig werden", warnt der NRW-Landtagsabgeordnete Christian Lindner (22,
FDP). "Politik und Gesellschaft setzen den Selbstmordkampagnen nichts
entgegen."
Schlimmer noch: Statt rettender Hilfen bieten die Suizid-Foren knallharte
Rezepte, wie man sich umbringen kann. Zugleich übernimmt der Urheber eines
solchen Forums (wörtlich) "keinerlei Verantwortung für jede Art von Morden,
Selbstmorden, rätselhaften Stürzen von Hochhäusern und Unfällen, die sich
nach dem Besuch dieser Seiten ereignen". (dpa/rwü) |