1.
Im Zentrum der Auffassung, es sei nichts Wahnhaftes an religiösen
Überzeugungen oder "Aberglauben", steht ein
Naturalistischer Fehlschluß: weil Menschen schon immer
dahingehende Bedürfnisse hatten, ist es als akzeptabel und
legitim zu betrachten. Zwischen deskriptiven und deontischen Aussagen
besteht jedoch ein logischer Bruch, weshalb sie nicht aus einander
ableitbar sind.
2.
Das Definitionschaos um die Begriffe Glauben und Wissen ermöglicht
es Psychotherapeuten, willkürliche Unterscheidungen zum Schutz
von Religion und "Aberglauben" vorzunehmen. Folgendes zur
Klärung:
Wir können
nur glauben, was wir auch wissen, d.h. Glauben setzt Wissen voraus,
nicht umgekehrt. So bedeutet "ich glaube, daß y"
nichts anderes als "ich weiß y und halte y für wahr".
Beispiel: die Aussage "ich glaube, daß Quader kugelförmig
sind" bezieht sich auf die Behauptung "Quader sind
kugelförmig" (die ich natürlich wissen muß,
bevor ich glauben kann, daß sie wahr ist). Sofort wird auch
offenkundig, daß weder Glauben noch Wissen etwas mit Wahrheit
zu tun haben. Jeder Aussage können wir eine Negation
gegenüberstellen, und darum wissen wir ebensoviel Wahres wie
Falsches. Gleichzeitig ist es möglich, Beliebiges für wahr
zu halten, ohne Rücksicht auf dessen tatsächlichen
Wahrheitswert. Beispiele:
"Der
Planet Uranus löst Naturkatastrophen auf der Erde aus."
- Die Physik wäre grob unvollständig oder komplett falsch,
wenn Kräfte mit derartigen Wirkungen bis heute unentdeckt
geblieben wären. Wer solches impliziert, muß Generationen
von Physikern für Schwachköpfe halten. Jedenfalls verlangt
es nach nobelpreisverdächtigen Erklärungen.
"Gott
ist allgut und allwissend."
- Es gibt nicht nur begriffliches, sondern auch sensomotorisches und
Wahrnehmungswissen. Gott müßte also z.B. wissen, wie es
ist, Menschen zu foltern und zu töten. Ein Wesen, das solches
Erfahrungswissen besitzt, würden wir allerdings kaum als
"allgut" bezeichnen können. Außerdem sind
"unendliche Eigenschaften" nicht erkennbar. Entsprechend
willkürlich und sinnlos sind alle Aussagen darüber.
"Belladonna
D100 ist ein wirksames Medikament."
- Physik, Chemie und Biologie wären grob unvollständig oder
komplett falsch, wenn die Grundannahmen der Homöopathie
zuträfen. Wer solches impliziert, s.o..
"Mein
Gummibaum spricht mit mir."
- Kommentar überflüssig.
"Juden
sind keine Menschen."
- Kommentar überflüssig.
Psychotherapeuten
begründen ihre Unterscheidung zwischen dem sogenannten w- und
dem sogenannten m-Glauben mit dem Hinweis, letzterer decke Bereiche
ab, die sich jeglichem Wissenserwerb verschlössen (z.B. Moral
oder Religion). Das deutet auf Unkenntnis oder ein tiefes
Mißverständnis der Wissenschaft hin, deren
Zuständigkeitsbereich nichts weniger als die gesamte
reale Welt ist, einschließlich
der Kultur und ihrer menschlichen Träger. Moral und Religion
sind
kulturelle Erzeugnisse des Menschen, weshalb Aussagen über
sie ebenso be- oder widerlegbar sind wie jene, die von
Ethikern und Religiösen getroffen werden. Die Unterscheidung
zwischen w- und m-Glauben ist also irrelevant in Hinsicht darauf, ob
ein Wahn vorliegt oder nicht.
3.
Die Behauptung, gewisse - insbesondere religiöse - Fragen seien
unentscheidbar und müßten dem Belieben des Einzelnen
anheimgestellt bleiben, beruht auf dem Irrtum, empirische
Unprüfbarkeit sei gleichbedeutend mit Unentscheidbarkeit.
Abgesehen davon, daß praktisch alle spezifisch religiösen
Annahmen durch die empirischen Datenbestände ganzer
Wissenschaftszweige widerlegt sind, gibt es immer auch die
Möglichkeit der begrifflich-logischen Analyse. Beispiel: "Gott
ist der Schöpfer des Universums". Diese Aussage ist
empirisch unprüfbar, weil wir über eines ihrer
Referenzobjekte keinerlei Kenntnisse besitzen. Eine begriffliche
Prüfung ergibt jedoch Folgendes: insofern, als das Universum per
definitionem jenes System
ist, das alle (!) übrigen Dinge als Teile enthält, könnte
Gott es nur geschaffen haben, wenn er existiert hätte, bevor er
existiert. Das aber wäre die krasseste Form der Unwahrheit,
nämlich ein Selbstwiderspruch. Mit etlichen religiösen
Behauptungen läßt sich so oder ähnlich verfahren.
Wiederum wird deutlich, daß es keinen plausiblen Grund gibt,
auf eine Wahn-Diagnose zu verzichten, wenn längst widerlegte
religiöse Aussagen unerschütterlich für wahr gehalten
werden. Es stellt sich sogar die provokante Frage, ob sich
Psychotherapeuten nicht ihrerseits wahnhaft verhalten, wenn sie etwas
nicht als das erkennen wollen, als was sie es selbst charakterisiert
haben, nur weil es gesellschaftlich fest verankert ist und zu viele
Personen - darunter möglicherweise auch sie selbst - betrifft.
Parallelbeispiel: Nikotinsucht ist eine durch den Mißbrauch
nikotinhaltiger Tabakprodukte zustande gekommene zwanghafte
psychophysische Abhängigkeit, die zu gesundheitlichen Schäden
führen kann. Würde man das o.g. Argumentationsmuster der
Psychotherapeuten hier anwenden, gäbe
es gar keine Nikotinsucht.
4.
Ein weiterer Versuch, religiösen Überzeugungen die
Wahnhaftigkeit abzusprechen, wird in Form der Behauptung unternommen,
religiöse Aussagen könnten niemals falsch sein, weil mit
ihnen keinerlei Wahrheitsanspruch verbunden wäre.
Erfreulicherweise sind sowohl Wahrheit als auch Unwahrheit Attribute
von Aussagen
und deshalb vollkommen unabhängig vom Wahrheits"anspruch"
derer, die sie vortragen. Darüberhinaus ist es eine schwerlich
bestreitbare Tatsache, daß die weitaus meisten Religiösen
von der realen, d.h. bewußtseinsunabhängigen Existenz
"übernatürlicher" Entitäten ausgehen (das
müssen sie auch, wenn die Religion irgendeinen praktischen Wert
für ihr Leben haben soll). Dabei schrecken sie bisweilen nicht
einmal vor absoluten
Wahrheitsansprüchen zurück! Offensichtlich wird eine
Leugnung des kognitiven Gehalts religiöser Aussagen dem
Selbstverständnis Religiöser nicht gerecht.