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BENSHEIM
Die ganze Bandbreite musikalischer Stilrichtungen "Talisman" im Fürstenlager / Drei virtuose Einzelkönner / Begeistertes Publikum forderte mehrere Zugaben Auerbach. Die Freilichtaufführungen im Rahmen der Internationalen Sommerfestspiele auf Schloss Auerbach wurden dieses Jahr in den Auerbacher Staatspark Fürstenlager verlegt. Dort gab im romantischen Ambiente der Gesundbrunnen-Arena das neu gegründete Trio "Talisman" mit Vadim Koulitskij (Gitarre; Ex-Loyko), Oleksander Klimas (Geige) und Oleg Nehls (Akkordeon) sein Festspiel-Debüt. Dieses russische Roma-Ensemble aus Moskau entfaltete in seinen mitreißenden Vortragen die ganze Bandbreite musikalischer Stilrichtungen von Jazz-Rock bis Flamenco, vom English Waltz bis zum argentinischen Tango, von rasantem Swing bis zu voluminösem Popgesang, vom ungarischen Csardas bis zu orientalischen Stimmungsklängen. So war von Klassik bis zur Folklore eine große Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen in plastischer Bildhaftigkeit vertreten. Darbietungen zwischen unendlicher Schwermut und euphorischer Ausgelassenheit, besinnlicher Verträumtheit und frenetischen Aufschwüngen, Trauer und Begeisterung. Dass die drei virtuosen Einzelkönner dabei ihre Instrumente nach allen Regeln der Kunst traktierten, aus Körperdynamik und flexiblem Stimmmaterial das Letzte herausholten, versteht sich dabei fast von selbst. So etwa wenn Streich- und Zupfinstrumente sogar täuschend ähnliche Balalaikaklänge reproduzierten oder außermusikalische Geräusche (Westernlok) imitierten. Da kam ungezügeltes Zigeunertemperament in scharf akzentuierten Rhythmen zum Zug, sanft und streng, zart und dynamisch, innig und tempogeladen, sentimental und dramatisch, tragisch und lyrisch, mit engagiertem Elan und überschäumendem Pep, zackig aufgemotzt und ungeheuer energiegeladen. Besonders der virtuos aufspielende Teufelsgeiger setzte sich mit brillant aufjaulenden, explosiv ausgeführten Temposteigerungen exponiert in Szene, wenn er mit seiner Fiedel fröhlich zwitschernd die letzten Feinheiten des Flageoletts zur Geltung brachte oder seinen voluminösen Bass in voller Kraft erstrahlen ließ. Raffiniert verzögerten die gut aufeinander eingespielten Musiker effektvoll die Ritardandi, nutzte der Gitarrist auf dem Resonanzboden seines Instruments die Chance zu Endlos-Trommelwirbeln, wenn die Story vom Brautsucher zu Pferde spannungsreich sich bis zu atemberaubender Hast steigernd erzählt wird. Mit makelloser technischer Perfektion wurden berauschende Orgien zwischen zartfühlend-sentimentalen Seufzern von tief empfundener Intensität zelebriert: bewusst betont verhaltene Zurückhaltung, die dann plötzlich umso unkontrollierter wieder losbricht. Eine gezierte Show und röhrendes Jubelgelächter in einem romantischen Nostalgiesong, ehe eine Mixtur aus Klezmer und Dreivierteltakt mit spritzigem Witz erklang. Unendlich aufgeheizte und tieftraurige Melancholien im untröstlichen Liebesleid von Romeo und Julia, ins Grenzenlose dramatisiert. Explodierend gepfefferter Übermut voller ungebändigt überbordendem Temperament in melodisch schwelgendem Gefühlszauber von Stimmen und Instrumenten. Pointiert akzentuierter, sentimentaler Schmelz anheimelnder Zigeunerweisen auch in der traurigen Geschichte von einem ausgesetzten Hund, der draußen in der Welt Frust und Zärtlichkeit, Zurückweisung und Akzeptanz, Verlassenheit und Zuwendung erfährt und dies durch jämmerliches Jaulen und erbärmliches Wimmern oder durch freudigfrohlockendes Bellen quittiert: zu Herzen gehendes Klagegeheul über bittere Kümmernisse und erleichtert jubelnde Ausgelassenheit über Lob und Belohnung. Flamencoattacken und Kastagnettenge-trappel als raue akustische Geräuschkulisse beim Jagen in spanischen Gebirgen. Auffallend der melodische Reichtum auf reizender synkopischer Verschnörkelungen. Kunstvolle Verknüpfungen von keltischer und russischer Folklore mit internationalem Rock in den Träumen eines wiehernden Pferdes, vom Gitarristen lautlich und dynamisch deutlich vernehmbar und ekstatisch erregt in Szene gesetzt. Exzellent die humoristische Würze und die rhythmischen Aufpeitschungen in den Darbietungen, ausgelassen das imponierende Agieren der Vollblutmusiker, die ihre Melodielinien meisterhaft gekonnt jeweils an den Nebenmann weitergaben und in vollendeter Perfektion alle möglichen rhythmischen und melodischen Register zogen. Da waren Anklänge an Bizets "Carmen" ebenso zu hören wie eine saftig aufgemotzte "Kalinka" und andere russische Volkslieder oder eine reiche Palette von Vogelstimmenimitationen während des Flugs. Die Zuhörer waren's hochzufrieden an diesem lauen Sommerabend und klatschten begeistert mit, ja sie animierten die voll in Schwung geratenen Künstler noch zu mehreren Zugaben.Gerhard Pfaff
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