BARTSCH, KINDERMÖRDER

Eine Selbstdarstellung

Texte aus den Briefen von Jürgen Bartsch an Paul Moor

zusammengestellt von Oliver Reese

 

Thomas Neys erste Regiearbeit war gleich ein großer Erfolg am Lüneburger Theater. H.-M. Koch schrieb am 12. Januar 1998 in der Landeszeitung folgende Kritik:

 

"Thomas Flockens brutal gutes Solo "Bartsch, Kindermörder" im Lüneburger T.NT

Ihr habt mich nicht gewollt



(Thomas Flocken als Jürgen Bartsch)

Scharfes Licht, wie es Angeklagte blendet, schneidet in unsere Augen. Wir, das Publikum also, stehen wir etwa unter Verdacht? Wir sitzen vor einem Käfig, den meterdick Beton umgibt, und langsam nimmt das Auge hinten am Ende der nackten Wände einen Tisch wahr, einen Stuhl und schemenhaft einen Menschen. Nun dimmt das Licht ab und wendet sich dem zu, der da im Anzug hockt. Das ist "Bartsch, Kindermörder", und gleich wird er uns seine Geschichte erzählen. Eine entsetzliche Geschichte, ausgebreitet in einem brutal guten Theatersolo, das Thomas Flocken im T.NT spielt, der Studiobühne des Theaters Lüneburg.

Vier Jungen hat Jürgen Bartsch in den 60er Jahren grauenhaft ermordet, getrieben von sexuellen, sadistischen Visionen, die der selbst noch junge Mann nicht beherrschen konnte. Nichts an den Taten ist zu entschuldigen, und doch bleibt die Frage: Wie kommt einer dahin, das zu tun? Kaum ein Fall ist öffentlich so aufgeschlüsselt worden wie der des Jürgen Bartsch, kaum ein Täter hat so aufgemacht und selbst Wege zum Verstehen der Bestie, die in ihm tobt, gesucht.

Aus Bartsch-Briefen stammt der Text zu dem Stück, das Oliver Reese für das Theater verfaßte. Jedes Wort ist authentisch. Es beginnt ganz harmlos, Heintje plärrt "Mama" vom Kofferplattenspieler, kleine Zauberkunststückchen führt Bartsch auf. Setzt er sich, preßt er die Knie zusammen, quetscht die Hände zwischen die Oberschenkel, der Kopf scheint sich in die Schultern zurückziehen zu wollen. Die Körpersprache verrät Verklemmung.

Zunächst selbstgefällig, unschuldsbelämmert, dann immer gehetzter erzählt der junge Mann in seinem Raubtierkäfig, der eine Zelle ist, von seinem grauenhaften Großwerden, das mit einem Jahr auf der Säuglingsstation begann. Von Adoptiveltern, die ihn nach Belieben schlagen, bespucken, abküssen, schließlich in Internate stecken, in denen er im Namen der Kirche geprügelt und von einem besonders sittenstrengen Pater mißbraucht wird. Schließlich eine Metzgerlehre - und die Explosionen des Triebs.

Thomas Flocken gelingt ein spannendes, schockierendes Portrait. Die Sprache stockt, wenn die Themen heikler werden, ein Stottern durchläuft den Körper, er zittert, schwitzt, entgleitet der Kontrolle, und dann schreit es aus ihm: "Ihr habt mich nicht gewollt." Der Tisch knallt auf den Boden, das Licht erlischt, nur eine Kerze flackert: Die neonhelle Zelle hat sich schlagartig in die Höhle verwandelt, die Hölle, in der Bartsch sein Heim des Grauens findet.

Flocken, aufs Komma genau in Szene gesetzt von Thomas Ney, moralisiert nicht. Das Stück zeigt einen Abgrund, aus dem Fragen schießen, die sich dem Betrachter stellen. In denen geht es um das Erkennen, um Lieblosigkeit, um Strafe, Sühne, Kälte und noch um die: Wie weit erfaßt uns die Faszination des Bösen selbst und sei es im Kino, wenn Dr. Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer" seine Augen auf uns richtet?"


BARTSCH, KINDERMÖRDER

Inszenierung: Thomas Ney

Bühnenbild: Barbara Bloch

Kostüm: Sabine Meinhardt

Zauberkunststücke: Pip

Jürgen Bartsch: Thomas Flocken

Rechte: Rowohlt Theater Verlag

Dauer: 80 Minuten


27.10.2003