Dissoziative Störungen nach ICD-10
F44 Dissoziative Störungen
[Konversionsstörungen]
Das allgemeine Kennzeichen der dissoziativen oder Konversionstörungen besteht in
teilweisem oder völligem Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die
Vergangenheit, des Identitätsbewußtseins, der Wahrnehmung unmittelbarer
Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen. Alle dissoziativen
Störungen neigen nach einigen Wochen oder Monaten zur Remission, besonders wenn
der Beginn mit einem traumatisierenden Lebensereignis verbunden ist. Eher
chronische Störungen, besonders Lähmungen und Gefühlsstörungen, entwickeln sich,
wenn der Beginn mit unlösbaren Problemen oder interpersonalen Schwierigkeiten
verbunden ist. Diese Störungen wurden früher als verschiedene Formen der
"Konversionsneurose oder Hysterie" klassifiziert. Sie werden als ursächlich
psychogen angesehen, in enger zeitlicher Verbindung mit traumatisierenden
Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten
Beziehungen. Die Symptome verkörpern häufig das Konzept der betroffenen Person,
wie sich eine körperliche Krankheit manifestieren müßte. Körperliche
Untersuchung und Befragungen geben keinen Hinweis auf eine bekannte somatische
oder neurologische Krankheit. Zusätzlich ist der Funktionsverlust offensichtlich
Ausdruck emotionaler Konflikte oder Bedürfnisse. Die Symptome können sich in
enger Beziehung zu psychischer Belastung entwickeln und erscheinen oft
plötzlich. Nur Störungen der körperlichen Funktionen, die normalerweise unter
willentlicher Kontrolle stehen, und Verlust der sinnlichen Wahrnehmung sind hier
eingeschlossen. Störungen mit Schmerz und anderen komplexen körperlichen
Empfindungen, die durch das vegetative Nervensystem vermittelt werden, sind
unter Somatisierungsstörungen (F45.0) zu klassifizieren. Die Möglichkeit eines
späteren Auftretens ernsthafter körperlicher oder psychiatrischer Störungen muß
immer mitbedacht werden.
Hysterie
Hysterische Psychose
Konversionhysterie
Konversionsreaktion
Exkl.: Simulation [bewußte Simulation]
-
- F44.0 Dissoziative Amnesie
- Das wichtigste Kennzeichen ist der Verlust der Erinnerung für meist
wichtige aktuelle Ereignisse, die nicht durch eine organische psychische
Störung bedingt ist und für den eine übliche Vergeßlichkeit oder Ermüdung
als Erklärung nicht ausreicht. Die Amnesie bezieht sich meist auf
traumatische Ereignisse wie Unfälle oder unerwartete Trauerfälle und ist in
der Regel unvollständig und selektiv. Eine vollständige und generalisierte
Amnesie ist selten, dann gewöhnlich Symptom einer Fugue (F44.1) und auch als
solche zu klassifizieren. Die Diagnose sollte nicht bei hirnorganischen
Störungen, Intoxikationen oder extremer Erschöpfung gestellt werden.
Exkl.: Alkohol- oder sonstige substanzbedingte amnestische
Störung
- Amnesie:
- anterograd
- retrograd
- o.n.A.
Nicht alkoholbedingtes organisches amnestisches Syndrom
Postiktale Amnesie bei Epilepsie
F44.1 Dissoziative Fugue
- Eine dissoziative Fugue ist eine zielgerichtete Ortsveränderung, die
über die gewöhnliche Alltagsmobilität hinausgeht. Darüber hinaus zeigt sie
alle Kennzeichen einer dissoziativen Amnesie (F44.0). Obwohl für die Zeit
der Fugue eine Amnesie besteht, kann das Verhalten des Patienten während
dieser Zeit auf unabhängige Beobachter vollständig normal wirken.
Exkl.: Postiktale Fugue bei Epilepsie
-
F44.2 Dissoziativer Stupor
- Dissoziativer Stupor wird aufgrund einer beträchtlichen Verringerung
oder des Fehlens von willkürlichen Bewegungen und normalen Reaktionen auf
äußere Reize wie Licht, Geräusche oder Berührung diagnostiziert. Dabei
lassen Befragung und Untersuchung keinen Anhalt für eine körperliche Ursache
erkennen. Zusätzliche Hinweise auf die psychogene Verursachung geben kurz
vorhergegangene belastende Ereignisse oder Probleme.
Exkl.: Organische katatone Störung
- Stupor:
- depressiv
- kataton
- manisch
- o.n.A.
F44.3 Trance- und Besessenheitszustände
- Bei diesen Störungen tritt ein zeitweiliger Verlust der persönlichen
Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung auf. Hier sind nur
Trancezustände zu klassifizieren, die unfreiwillig oder ungewollt sind, und
die außerhalb von religiösen oder kulturell akzeptierten Situationen
auftreten.
Exkl.: Zustandsbilder bei:
- - Intoxikation mit psychotropen Substanzen
- organischem Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
- organischer Persönlichkeitsstörung
- Schizophrenie
- vorübergehenden akuten psychotischen Störungen
F44.4 Dissoziative Bewegungsstörungen
- Die häufigsten Formen zeigen den vollständigen oder teilweisen Verlust
der Bewegungsfähigkeit eines oder mehrerer Körperglieder. Sie haben große
Ähnlichkeit mit fast jeder Form von Ataxie, Apraxie, Akinesie, Aphonie,
Dysarthrie, Dyskinesie, Anfällen oder Lähmungen.
Psychogen:
- Aphonie
- Dysphonie
F44.5 Dissoziative Krampfanfälle
- Dissoziative Krampfanfälle können epileptischen Anfällen bezüglich ihrer
Bewegungen sehr stark ähneln. Zungenbiß, Verletzungen beim Sturz oder
Urininkontinenz sind jedoch selten. Ein Bewußtseinsverlust fehlt oder es
findet sich statt dessen ein stupor- oder tranceähnlicher Zustand.
F44.6 Dissoziative Sensibilitäts- und
Empfindungsstörungen
- Die Grenzen anästhetischer Hautareale entsprechen oft eher den
Vorstellungen des Patienten über Körperfunktionen als medizinischen
Tatsachen. Es kann auch unterschiedliche Ausfälle der sensorischen
Modalitäten geben, die nicht Folge einer neurologischen Läsion sein können.
Sensorische Ausfälle können von Klagen über Parästhesien begleitet sein.
Vollständige Seh- oder Hörverluste bei dissoziativen Störungen sind selten.
Psychogene Schwerhörigkeit oder Taubheit
F44.7 Dissoziative Störungen
[Konversionsstörungen], gemischt
- Kombinationen der unter F44.0-F44.6 beschriebenen Störungen.
F44.8 Sonstige dissoziative Störungen
[Konversionsstörungen]
- Ganser-Syndrom
Multiple Persönlichkeit(sstörung)
Psychogen:
- Dämmerzustand
- Verwirrtheit
F44.9 Dissoziative Störung
[Konversionsstörung], nicht näher bezeichnet
Quelle:
http://icd.web.med.uni-muenchen.de/ALL/F40-F48.html